
Hoffnung schreibt Geschichten: Sofia
Während des WWF Jugend Schreibwettbewerbs zum Thema „Hoffnung“ haben wir viele Kurzgeschichten erhalten, die uns berühren, Mut machen und zum Nachdenken anregen. In der Interviewreihe "Hoffnung schreibt Geschichte" möchten wir euch die Autor:innen und ihre Geschichten vorstellen.
Heute geht es um Sofia und ihre Kurzgeschichte "Aus einem Hund einen Elefanten machen". Sie ist 22 Jahre alt und in ihrer Geschichte geht es um die Rettung eines Hundes und die Hoffnung, dass junge Menschen wieder mehr Verantwortung für Tiere und Natur übernehmen.

Interview mit Sofia
Magst du dich zum Einstieg einmal kurz vorstellen? Wer bist du, was begeistert dich und hast du ein Lieblingsbuch?
Ich heisse Sofia und bin 22 Jahre alt. Neben meinem Chemiestudium beschäftige ich mich sehr viel mit Literatur: Ich lese unglaublich gerne, schreibe Geschichten und gehe häufig ins Theater. Nebenbei spiele ich auch noch Geige. Den Kontrast zwischen Studium und meinen Hobbies verbinde ich gerne in den Geschichten, die ich schreibe. Seien es Erzählungen über das Blutspenden, den Klimawandel oder die schwindende Biodiversität: Faktische Korrektheit bis zu einem bestimmten Grad ist mir in meinen eigenen Geschichten wichtig. Darum schätze ich das auch in den Büchern, die ich lese. «Der Schwarm» von Frank Schätzing gehört deshalb zu meinen absoluten Lieblingsbüchern
Was bedeutet Hoffnung für dich persönlich und was gibt dir Hoffnung im Alltag?
Ich finde die Metapher «das Licht am Ende des Tunnels» eine sehr gute Definition für Hoffnung. Die Hoffnung führt nicht aktiv Handlungen aus, sie ist eher eine ständige Begleiterin durch schwere Zeiten. Man kann sich dazu entscheiden, mit gesenktem Kopf durch diesen Tunnel zu gehen, oder man kann sich dazu entscheiden, dem Licht zu folgen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Person, die nicht auf das Licht achtet, in diesem Tunnel stecken bleibt und aufgibt, ist viel grösser als die, der Person, die mit dem Licht im Blickfeld auf das Tunnelende zumarschiert. Im Alltag begegnet mir die Hoffnung in verschiedenen Formen: Mal erscheint sie als Gedanke an die Ferien während der Prüfungsphase, mal erscheint sie als Video in den sozialen Medien. Manchmal scheint das Licht am Ende des Tunnels schwächer und man muss sich konzentrieren den Hoffnungsschimmer im Auge zu behalten, aber es lohnt sich meiner Meinung nach immer, nach diesem Licht zu suchen.
Hattest du beim Schreiben eine konkrete Situation oder Person im Kopf, die dich inspiriert hat?
Ein paar Kolleg*innen und ich halfen einmal einer Frau bei der Suche nach ihrer Katze, die im Garten hinter der Bibliothek, in der wir lernten, feststeckte und den Ausgang nicht mehr gefunden hatte. Mir gefallen Situationen, in denen wildfremde Menschen durch ihre Gutmütigkeit oder ihren gesunden Menschenverstand miteinander verbunden sind. Genau in solchen Situationen sind Menschen zu Grossem fähig und ich finde, dass das eine wichtige Take Home Message von meiner Geschichte ist. Die Katze wurde nach langem Suchen übrigens gefunden. :)
Dein Titel spielt ja auf eine Redewendung an aber bei dir bekommt sie eine ganz neue Bedeutung! Wie bist du denn auf den Titel „Aus einem Hund einen Elefanten machen“ gekommen?
Die Redewendung «aus einer Mücke einen Elefanten machen» kann man hier sehr wörtlich nehmen. Es geht darum, dass man manchmal klein anfangen muss, um Grosses bewirken zu können. Darum ist mir schnell diese Redewendung eingefallen, da sie auf den enormen Grössenunterschied zwischen der Mücke zu dem Elefanten eingeht. Gleichzeitig zeigt die Redewendung aber auch, dass eine Transformation zwischen den zwei Grössenklassen durchaus möglich ist. Da der Hund in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt, bat es sich sehr an, die Mücke durch ihn zu ersetzen, damit die Redewendung nicht nur inhaltlich, sondern auch bildlich zur Geschichte passt. Zusätzlich ist auch die eigentliche Bedeutung der Redewendung passend. Sie beschreibt Jemanden, der aus einer Kleinigkeit eine riesige Sache macht und stempelt diese Person als melodramatisch ab. Genau das trifft auch auf bestimmte gesellschaftliche Reaktionen zu: In meinem Text sind der Klimawandel und das Artensterben ein zentrales Thema. Und speziell in der Debatte um die Klimapolitik wird die Jugend häufig als übertrieben empfunden – sie würde „aus der Mücke einen Elefanten“ machen und die Forderungen von jungen Aktivist*innen werden oft abgewunken. In der Geschichte sieht man dieses Phänomen in den älteren Personen, die der Protagonistin nicht helfen wollen, oder auch in dem Hundebesitzer, welcher keinerlei Einsicht zeigt, dass die Rettung des Hundes dringend nötig gewesen war. Die Redewendung kann man nun wörtlich aber auch im übertragenen Sinne interpretieren, was ich als Titel zu dieser Geschichte sehr passend finde.
Hast du selbst schon einmal erlebt, dass Wegschauen „bequemer“ gewesen wäre und du dich dennoch für das Handeln entschieden hast?
Ich konnte während meiner Primarschulzeit nie wegschauen, wenn jemand aus meiner Klasse gehänselt oder sogar gemobbt wurde. Da ich schon früh sehr gross war, wurde ich von den meisten meiner Mitschüler*innen respektiert und setzte diesen Respekt ein, um denjenigen zu helfen, die es brauchten. Das kostete zwar immer zusätzliche Energie und ich verbrachte einige Pausen damit, Streitereien zu schlichten, aber für das Wohl meiner Klasse war es mir das Wert. Die meisten Menschen inklusive einige Lehrpersonen haben in diesen Situationen immer weggeschaut, aber das konnte ich trotz allen Unbequemlichkeiten nie und entschied mich immer, zu handeln.
Was möchtest du den Menschen noch sagen, die deine Geschichte gleich lesen werden?
Ich hoffe, dass sich der oder die Leser*in, mit der Protagonistin identifizieren kann und sich von ihr inspirieren lässt. Ihre Ausgangslage, nämlich Überforderung und Hilflosigkeit, wenn wir Zeitung lesen oder Nachrichten schauen, kennen wir alle nur zu gut. Trotz ihrer anfänglichen Hoffnungslosigkeit handelt die Protagonistin und tut das, was sie für richtig hält. Sie lässt sich nicht entmutigen, sondern hält hartnäckig an ihren Überzeugungen fest. Nur durch ihr Handeln kommt es am Schluss der Erzählung zu einem Happy End und ich hoffe, dass diese Geschichte jeder und jedem Entmutigten ein Fünkchen Hoffnung schenkt.
Sofias Kurzgeschichte: Aus einem Hund einen Elefanten machen
Die Sonne knallt in mein Gesicht. Bei dreissig Grad auf einem riesigen geteerten Parkplatz zu stehen, ist nicht gerade angenehm. Aber die Einkäufe erledigen sich nun mal nicht von selbst. An beiden Schultern hängen schwere, übervolle Taschen, deshalb ist es kein Wunder, dass beim Autoschlüssel-Hervorkramen die Hälfte des Einkaufs auf dem Boden landet. Mit der brennenden Sonne im Nacken stopfe ich, so schnell ich kann, Lebensmittel, Schreibwaren und die von meinem Vater verlangte Zeitung in die Jutebeutel. Bei meinem Unglück zerfällt die Zeitung in ihre Rubriken und ich muss alle Seiten nochmals einzeln aufsammeln. Bei der Rubrik «Aktuelles» halte ich kurz inne. Ein grosses Bild von einer afrikanischen Elefantenherde schmückt die Doppelseite. Der Titel des Artikels lautet: «Klimawandel beschleunigt das Artensterben: Den grossen Tieren steht grosses Leid bevor». Trotz der warmen Temperaturen läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich würde diesen grauen Riesen so unglaublich gerne helfen, aber als einzelne Person komme ich mir so klein und machtlos vor.
Ich stopfe den Rest der Zeitung in meine Tasche und mache mich auf den Weg zu dem
Auto meiner Eltern.
Ein lautes Fiepen ertönt.
Komisch, ich habe noch gar nicht auf den Autoschlüssel gedrückt. Je näher ich meinem
Auto komme, desto lauter wird das Fiepen.
Ich stopfe meine Einkaufstaschen in den Kofferraum und lausche, doch das Fiepen hat aufgehört. Gerade als ich in das Auto steigen will, erblicke ich auf dem Beifahrersitz des nebenan geparkten Autos ein braunes Fellknäuel. Bei genaueren Hinsehen erkenne ich, dass ein schokoladenbrauner Pudel auf dem weissen Ledersitz des Autos liegt und bei meinem Anblick wieder panisch zu fiepen beginnt. Leise fluchend kämpfe ich mich wieder aus dem Fahrersitz und blicke durch das Fenster des benachbarten Autos. Bis auf den Hund ist das Auto leer. Und kein Fenster ist offen. Ich erinnere mich an den Schwall heisser Luft, der mir beim Verstauen der Einkaufstüten aus dem Kofferraum entgegengekommen ist und ich werde blass vor Wut. Der Pudel hat wieder aufgehört zu winseln und liegt nun erschöpft auf dem Sitz. Wie lange er wohl schon in dieser Blechbüchse eingesperrt ist? Dem armen Ding muss dringend geholfen werden, wie kann man sich als Besitzer denn nur so rücksichtslos verhalten? Hektisch blicke ich mich um, es muss doch jemanden geben, der weiss, wie man ein Auto aufbricht oder eine Scheibe einschlägt oder so.
Mit der brennenden Sonne im Nacken laufe ich wieder Richtung Einkaufsladen. In der
Verzweiflung spreche ich einen telefonierenden Mann im Anzug an, doch der wimmelt mich nur ungeduldig ab. Die ältere Frau mit dem Einwegkaffeebecher auch. Der Mann mit dem Roller auch. Ich will schon aufgeben, als ich ein Mädchen in meinem Alter erblicke. Völlig ausser Atem spreche ich sie an. Zwischen dem Keuchen und den Verhaspelungen scheint sie aber die Dringlichkeit der Situation zu erfassen und folgt mir zum fremden Auto. Sie erklärt mir, dass wir das Fenster des Autos manuell runterfahren können, ohne den Autoalarm auszulösen. Dazu müssen wir nur etwas zwischen das Fenster klemmen, um den Sensor zu überlisten. Dann können wir mit wenig Gewalt das Fenster runterschieben. Ich öffne den Kofferraum meines Autos und krame nach möglichen Gegenständen, die sich dafür eignen könnten. Das fremde Mädchen nimmt die Zeitung meines Vaters und beginnt das Titelblatt mit dem Elefanten in das Fenster einzufädeln. Gerade als ein Klicken ertönt und sich das Fenster etwas bewegen lässt, hallt quer über den Parkplatz ein wütender Schrei. Das Mädchen und ich werfen uns einen erschrockenen Blick zu. Beim Einkaufsladen beginnt ein älterer Mann loszulaufen. Ohne auch nur ein Wort zu wechseln, sind das Mädchen und ich uns einig, dass der Hund nicht wieder zu seinem egoistischen Herrchen zurückdarf. Während sie also das Fenster weiter runterschiebt, starte ich schon mein Auto. Kurz bevor der Besitzer sein
Auto erreicht, beugt sich meine Komplizin in den blechernen Sarg und hebt den hechelnden Pudel aus dem Sitz. Sie sprintet um mein Auto und wirft sich auf die hinteren Sitze, während ich bereits rückwärts aus dem Parkplatz fahre. Der brüllende Besitzer macht keine Anstalten, langsamer zu werden, also gebe ich Vollgas. Währenddessen kramt das Mädchen in meinen Jutebeuteln nach einer Wasserflasche für den Hund. Bevor ich um die Ecke biege und den riesigen Parkplatz verlasse, werfe ich einen Blick in den Rückspiegel. Der Mann ist stehen geblieben und rupft nun wütend die Zeitungsfetzen aus dem Fensterrahmen. Ich sehe gerade noch, wie ein Fetzen des Elefantenbilds auf den Boden schwebt. Dankbar werfe ich einen Blick auf die Rückbank und sehe, wie der kleine Pudel freudig aus der Flasche trinkt, die ihm das Mädchen hinhält.
Die ältere Generation hat vielleicht versagt und uns in diesen Schlamassel, den wir Alltag nennen, hineingeritten, aber wir Jungen sind noch nicht bereit, uns kampflos unserem Schicksal zu fügen. Heute war es ein Pudel, morgen vielleicht ein Schaf und irgendwann wird es der Elefant sein. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Und aktuell trinkt sie gerade aus einer Wasserflasche auf der Rückbank meines Autos.