Berichte

Gedankenspiele

  • Wahnsinn, dass es jetzt schon fast vier Jahre her ist, dass Pokémon Go erstmals veröffentlicht wurde. Schon nach kurzer Zeit fand ich mich selbst als stets sorgsame Sternenstaub-Sammlerin wieder, von der aus ich mich bis heute zu einer passionierten passiv-Pokémon-Playerin entwickelte. In all diesen Jahren durfte das Spiel als einzige Konstante, mit Ausnahme von WhatsApp, auf meinem Smartphone verweilen, um ab und zu auf weiteren Gehstrecken nebenherlaufen zu dürfen (was auch so ziemlich die einzige Bedingung ist, um sich PPPP nennen zu dürfen).

     

    Als ich mich also heute wieder mit Hund, Drache und 97 Pokébällen, 84 Superbällen und 2 Hyperbällen im Gepäck meine sechs Kilometer durch den Wald schleppte, traf ich auf das Gengar aller Gegner: ein wildes Raupy.

    Im epischsten Kampf, den je ein Mensch erblicken durfte; einem Duell, das jede Schlacht um Westeros wie einen Streit von Legofiguren aussehen ließ; warf ich nun mit perfektionierter Drehachse in größter Präzision und aller Muskelkraft, die ich in meinen zugegebenermaßen etwas schwachen Ärmchen aufbringen konnte, meinen bestpolierten Pokéball auf die Killer-Raupe und… verfehlte. Der Ball prallte von den Fühlern des Todes ab und war nie wieder gesehen.

    In diesem Moment begann ich, nachzudenken: der Ball war weg. So richtig weg. Hatte ich ihn aufgehoben? Nein, dann wäre er ja in meinem Inventar. Habe ich ihn in eine Mülltonne geworfen? Davon ist nichts auf der Karte zu sehen. Plötzlich fielen mir alle Karpador-Schuppen von den Augen und es wurde klar: die Welt von Pokémon Go ist eine Wegwerfgesellschaft. Jeder Ball, den mein Avatar je geworfen hat, liegt irgendwo im Wald herum. Und das sind ehrlich gesagt nicht gerade wenige.

    Manche werden jetzt sicher argumentieren wollen „Die Bälle sind bestimmt aus abbaubarem Plastik und zersetzen sich einfach nach einer Weile“. Aber wären sie dann auch wirklich als lebenslanges Zuhause für meinen besten Freund, komm retten wir die Welt, geeignet? Die Antwort ist ziemlich einfach: ja. Schließlich zersetzen sich selbst „biologisch abbaubare“ Plastiktüten erst nach mehreren Jahren. Vermutlich wie alle anderen in Mikroplastik. Selbst dann stünden die Chancen also nicht schlecht, wie ein Relaxo über meine Überreste des ersten Jahres zu stolpern.

    Und nicht nur das. Erst bei einem ängstlichen Blick ins Inventar wurden mir die tatsächlichen Ausmaße des Problems bewusst: Tränke, in mehrfarbigen Plastikflaschen aus gemischten Materialien. Werden die Flaschen aufgehoben und wieder befüllt? Nicht, dass ich wüsste. Wenn ich mehr Pokémon anlocken will, werfe ich einen Plastikbehälter mit ominösen Duftstoffen in die Luft, dann ist auch er unbrauchbar. Komplizierte elektronische Baupläne, in den Hauptspielen CDs, werden nach einmaliger Benutzung wertlos; Maschinen zum Ausbrüten von Eiern zerfallen nach dreimaliger Nutzung…

    Könnte man das nicht besser machen? Gerade bei letzterem gibt es doch Geräte, die „unendlich“ lange halten. Sind diese nicht viel praktischer? Könnte man die Trankflaschen nicht aus Glas produzieren und sie wiederbefüllen lassen? Oder die TMs den VMs anpassen, sodass sie mehrmals angewendet könnten, auch wenn sie dann wahrscheinlich teurer würden? Muss es wirklich ein Raumduft sein, der Taschenmonster in mehreren Kilometern Entfernung anlockt, oder reicht nicht auch eine duftende Zimmerpflanze oder ätherisches Öl?

     

    Ein ungeduldiges Stupsen meines Hundes holt mich aus den Gedankenspielen zurück in die Realität. Eine Realität, in der es eben keine Pokémon gibt, die nur mit Unmengen an Plastik zu versorgen sind. Während ich mich wenige Meter weiter bücke, um eine Apfelmus-Quetschtüte aufzuheben und sie in den Mülleimer zu werfen, denke ich mir lächelnd wie froh ich doch sein kann, dass ich eben nicht in der plastikverschmutzten Welt von Pokémon Go lebe…

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