Berichte

Containerweise Plastik

  • Zu Beginn dieses Berichts möchte ich mit euch eine Zeitreise machen und zwar ca. eineinhalb Jahre zurück zum 20. Januar 2019. Wir landen im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.  Es ist ein Sonntag, für mich und meine Mitbewohner –Bundesfreiwillige beim NLWKN- ist es trotzdem ein Arbeitstag. Es ist Abend, es ist kalt, auf dem Wattboden hat sich Eis gebildet, das uns an die Arktis denken lässt. So langsam geht die Sonne unter.

    Bild: Johanna Kaucher

    Doch die Idylle trügt. Wir machen Spülsaumkontrolle, das heißt wir suchen nach toten Vögeln, um sie zu dokumentieren. Doch wir finden etwas ganz anderes… containerweise Müll. Es beginnt mit Fahrradschutzblechen, nagelneu und teilweise noch in Plastik verpackt.

    Bild: Johanna Kaucher

    Wir beginnen sie aufzusammeln und haben die Arme bald so voll, dass wir sie kaum noch tragen können. Später gehen wir auf die Schillbank, einen Bereich, den nur Ranger und wir Freiwilligen betreten dürfen. Auch hier finden wir überall Müll: Kinderschuhe, Klappstühle, Sofakissen, Sitze von Schreibtischstühlen…

    Wo kam all das her?

    Vielleicht sagt euch der Name MSC Zoe noch etwas. Es ist der Name des Containerschiffs, das am 2. Januar 2019 während eines Sturms auf dem Weg nach Bremerhaven 342 Container verlor. Da habe ich mich gefragt: Kommt es eigentlich oft vor, dass Schiffe so viel ihrer Ladung einfach verlieren? Genau darum soll es in diesem Bericht gehen: Um Containerschiffe und vor allem um ihre Ladung. Und vielleicht ahnt ihr schon, was das alles mit dem Plastic Free July zu tun hat. :)

    Aber zuerst: Ein paar Fakten zu Containerschiffen

    mit leider sehr vielen, aber eben wichtigen und auch beeindruckenden Zahlen

    Bild: pixabay.com

    1) Unter Containerschifffahrt versteht man den Warentransport mit Schiffen, die für ISO-Container ausgelegt sind.

    2) Für diese Container gibt es internationale Standardmaße. Es gibt Container in zwei Größen: 20-Fuß-Container (ca. 6,06m lang) und 40-Fuß-Container (ca.12, 19m lang). Container werden meist in der Einheit Twenty-foot Equivalent (kurz TEU) gezählt. Für besonders schwere oder flüssige Ladung gibt es spezielle Container.

    3) 2016 wurden ca. 130 Millionen Container transportiert. In ihnen waren Güter im Wert von 4 Billionen US-Dollar enthalten.

    4) Je größer das Schiff, desto mehr Container kann es transportieren. Gleichzeitig wird aber nicht viel mehr Personal für größere Schiffe benötigt. Als zurzeit größtes Containerschiff der Welt gilt die „HMM Algeciras“: Das Schiff ist ca. 400m Lang und 61m breit und kann ungefähr 24.000 TEU laden. Containerschiffe wurden zwar mit der Zeit immer größer, seit ein paar Jahren ändert sich aber an den äußeren Maßen nicht mehr viel und auch politisch sieht es so aus, als würde dem Immer-größer bald ein Ende gesetzt. In Hamburg wollen SPD und Grüne sich mit anderen Häfen für eine Größenbegrenzung der Schiffe einsetzen.

    5) Ein Grund dafür, dass so viele Waren per Schiff transportiert werden, sind die geringen Transportkosten. Für einen 40-Fuß-Container mit 10.000 Jeans, der von Asien nach Europa transportiert wird, betragen sie ca. 3000 Euro, d.h. 30ct. pro Jeans. Generell machen die Transportkosten per Schiff nur 2-3% aus bezogen auf das transportierte Produkt. Und jetzt überlegt euch mal, wie niedrig da die Kosten sind, wenn statt Jeans zum Beispiel Plastikblumen transportiert werden…

    Und nun zurück zur Frage: Wie oft verlieren Containerschiffe ihre Container? Oder anders gefragt: Wie viele Container fallen im Jahr über Bord?

    Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einige Schätzungen gehen von bis zu zehntausend verlorenen Containern im Jahr aus. Das World Shipping Council(WSC) nennt deutlich niedrigere Zahlen. Das Problem ist, dass die Zahl stark schwankt, da sie mit großen Schiffhavarien zusammenhängt. Das WSC versucht über die Befragung seiner Mitglieder, die Zahl der von Bord gegangenen Container zu ermitteln. Diese Umfragen decken aber nie den kompletten Containerschiffsverkehr ab. In den Jahren 2014-2016 gingen laut WSC pro Jahr durchschnittlich 612 Container verloren- katastrophale Ereignisse nicht eingerechnet. Als katastrophale Ereignisse gelten alle Vorfälle, bei denen mehr als 50 Container auf einmal verloren gingen. Mit diesen Ereignissen waren es sogar 1390 pro Jahr. Im Zeitraum 2011-2013 waren die Zahlen deutlich höher. Mit Katastrophen gingen 2683 Container pro Jahr verloren. Grund dafür sind zwei große Schiffshavarien: Die der M/V Rena vor Neuseeland, bei der 900 Container im Meer landeten und die der MOL Comfort im Arabischen Meer, bei der das Schiff auseinander brach und 4293 Container verlor.

     

    Bild: pixabay.com

    Und was war jetzt mit den Containern der MSC Zoe?

    Im Juni hat die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung ihren Abschlussbericht vorgelegt. Demnach war die Ladung sehr hohen Belastungen ausgesetzt. Die Zoe war damals ins „Rollen“ geraten, so heißt es, wenn ein Schiff um die Längsachse nach rechts und links schaukelt. Dem konnte auch die Sicherung der Ladung nicht entgegen wirken. Die Gefahr des Rollens nimmt mit der Größe der Schiffe zu. Der niedersächsische Umweltminister fordert deshalb die Routen zu ändern, so dass Containerschiffe bei Sturm weiter von der Küste entfernt bleiben.

    Auf dem Meer treibende Container können zur Gefahr für kleinere Schiffe werden. Ein anderes Problem sind Gefahrgutcontainer. Im Fall der Zoe bestand die Sorge, dass Container mit Dibenzoylperoxid ins Meer und an den Strand gelangen könnten. Dibenzoylperoxid wird für die Kunststoffgewinnung benötigt, was uns zurück bringt zur Frage:

    Was hat das alles mit dem Plastic Free July zu tun?

    Ganz einfach: Der Inhalt der Container bestand zum Großteil aus Plastikprodukten, die wir dann in der Salzwiese gefunden haben. Der Großteil der Ladung der Zoe wurde an der niederländischen Küste und auf Borkum angespült. Allein auf Borkum waren es ca. 108 Tonnen. Einige Sachen waren ja noch ganz nützlich. Wir haben ein paar Mal Spüllappen gefunden, die gut verpackt und deshalb noch benutzbar waren. Unsere Kolleginnen und Kollegen auf den Inseln fanden Schlafsäcke oder Klappstühle, die nicht kaputt waren. Ab er der Großteil des Strandguts waren Billigprodukte aus Plastik: Spielzeughelme und Waffen, LED-Kerzen, Plastikblumen und –buchsbäume, der Teil zum Herunterdrücken von Seifenspendern…  

    Nur auf den ersten Blick schön: Plastikblumen am Strand

    Natürlich sind über Bord gegangene Container nicht der Hauptgrund für den Plastikmüll im Meer, aber mich zumindest hat der Müll der Zoe ziemlich geschockt und wütend gemacht. Vor allem zeigt der Inhalt der Container, wie viel Plastikmüll einfach nur unnötig ist und zum Beispiel nur aus billigem Dekokram oder Werbegeschenken besteht. Dieser Bericht soll euch daran erinnern, warum wir den Plastic Free July überhaupt brauchen und vielleicht könnt ihr auch ein kleines bisschen stolz auf euch sein, wenn ihr zumindest die Dinge, wie sie von der Zoe gefallen sind, schon aus eurem Leben verbannt habt. Und vielleicht habt ihr ja sogar Lust noch mehr über Containerschiffe zu erfahren? Dann schaut euch doch einfach mal meine Quellen an, das Thema ist auf jeden Fall noch nicht erschöpft. :)

    Ein Kofferraum voll Müll Bild: Johanna Kaucher

    Und hier noch ein Beispiel für auf den ersten Blick witziges, aber dann doch sehr trauriges Strandgut in der Nordsee:

     

     

    Quellen:

    https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hallo_niedersachsen/MSC-Zoe-Alles-richtig-machen-reicht-nicht-aus,hallonds59444.html

    https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Groesstes-Containerschiff-der-Welt-ist-in-Hamburg,containerschiff464.html

    https://www.welt.de/regionales/hamburg/article210382001/Bericht-zur-Havarie-MSC-Zoe-Gross-Containerschiffen-muss-die-kuestennahe-Route-verboten-werden.html

    https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/schiffahrt-container-unfaelle-1.4273359

    https://www.zukunft-mobilitaet.net/69538/binnenschifffahrt-seeschifffahrt/wie-viele-container-fallen-ins-meer/

    https://de.statista.com/themen/4310/containerschifffahrt/

    https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article176663554/Container-Zahlen-und-Fakten.html

    https://www.faz.net/aktuell/technik-motor/technik/containerschiffe-einmal-volltanken-fuer-5-3-millionen-euro-12127095.html

Kommentare

2 Kommentare
  • Cookie
    Cookie Danke Dir für den spannenden Bericht, liebe Johanna! Krass, dass Ihr das so richtig mitbekommen habt, wie der Containerinhalt angeschwemmt wurde.
  • SteffiFr
    SteffiFr Ich erinnere mich auch noch gut an die Berichte in Zeitung/Fernsehen, aber direkt vor Ort muss es wirklich krass gewesen sein, die ganzen vielen Teile zu sehen.
    Ich überlege gerade, was von meinen Plastik-Sachen per Container kam... bestimmt auch der...  mehr