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Extremschutzbeseitigung - was kleine Klebbollen alles anrichten

    1. Legen Sie das Kleidungsstück in den Gefrierschrank.
    2. Warten Sie drei bis vier Stunden, bevor Sie die Jeans oder den Pulli wieder der Gefriertruhe entnehmen.
    3. Der Gummi ist nun steinhart gefroren und lässt sich mit der stumpfen Seite eines Buttermessers mühelos abheben.

    Die festklebende weiße, gelbe oder grüne Masse von Kleidungsstücken zu entfernen ist zwar etwas unintuitiv (wer legt schon seinen kuscheligen Lieblingswinterpulli in die eisige Gefriertruhe), aber es funktioniert relativ leicht. Im Internet gibt es sogar Telefonzentralen zur Auskunft rund um die Kaugummientfernung. Schwieriger sieht es da auf den Straßen, unter Schulbänken und an Bankautomaten aus. Zum einen gibt es nicht ganz so viele Eistruhen in diesen Größen, zum anderen handelt es sich bei Holz und Plastikbänken um ein ganz anderes Material. Und doch finden sich an all diesen Plätzen Unmengen an Kaugummiresten. 

    Die gleichmäßigen Kieferbewegungen scheinen in unserer Natur zu liegen. Bereits im alten Ägypten wurden kleine Kügelchen gekaut, hergestellt aus Myrrhe, Weihrauch und Melone. Die Mayas kauten auf Harz des Sapodilla-Baumes. Kaugummi soll gut sein gegen Reiseübelkeit, wird zur Konzentrationsförderung eingesetzt und dient in zuckerfreier Variante auch der Zahnpflege. Darüber hinaus gilt er als Wundermittel der Abnehmcommunities. Nicht weiter erstaunlich, dass die Anzahl der in Deutschland jährlich verkauften Kaugummis pro Jahr seit 2000 um 1/3 gewachsen ist. Soweit erst einmal kein Problem – aber: was macht man, wenn Geschmack sowie positive Wirkung nachlassen?

    Viele denken sich nichts Großes und spucken ihn auf den Gehweg, auf den Boden von Parkhäusern oder kleben ihn an die nächste Hauswand. Während die Asiaten immer mehr Spucknäpfe aufstellen und das Spucken an sich stetig verpöhnter wird, scheint es in Deutschland in Ordnung zu sein, solange die Spucke nicht alleine, sondern als Begleitmaterial einer Klebkugel nach außen befördert wird. Und das, obwohl es sich dabei um eine Ordnungswidrigkeit handelt, durch die in Abhängigkeit auf welchem Stadtboden man den Kaugummi gerade "entsorgt" zwischen 20 und 50€ fällig werden. Zu gering wird das kontrolliert, als dass es eine Wirkung erzielen würde. Singapur hat daher zu einer strengeren Maßnahme gegriffen: hier sind Kaugummis nur auf Rezept zu erhalten und sonst verboten.

    Damit erspart sich der Staat ein besonders in europäischen Innenstädten lästiges Problem. In Rom landen jeden Tag etwa 15.000 Kaugummis auf dem Boden. Laut Kommunikationsdesigner Marcus Sonntag ergeben sich auch in Deutschland auf manchen Quadratmetern 90 Kaugummis. Deutsche Städte müssen für die Reinigung fast 1 Mrd. Euro jährlich ausgeben. Das Entfernen der Kaugummis fällt in die Kategorie der "Extremschmutzbeseitigung". Die Reinigung ist deutlich aufwändiger, als z.B. von Zigarettenstummeln, die sich wenigstens mit Kehrmaschinen vom Boden fegen lassen. Selbst zersetzt sich die Kaugummimasse erst im Verlauf von fünf Jahren. Um das Verschwinden der Kaugummis zu beschleunigen, müssen die Flächen mit heißem Dampf und Lösungsmittel bearbeitet werden – erst dann kommt der Kehrer zum Einsatz. 20 Minuten pro Quadratmeter, 15 Euro sowie eine große Menge unnötig verbrauchten Wassers und Energie müssen dazu aufgewendet werden.

    Die einfachste Lösung: jeder Kaugummikauende macht sich seiner Verantwortung bewusst und entsorgt die Kaugummis in ein kleines Stück Papier eingewickelt im nächsten Restmüll. Ist der nächste Mülleimer zu weit entfernt und man möchte den Kaugummi auch nicht sicher verwahrt herumtragen? Dann ist Herunterschlucken eine Option. Denn die Angst, Kaugummi könne im Körper verkleben ist unberechtigt. Der Klebknäul wird im Mundraum, in der Speiseröhre, im Magen und im Darm von einem Feuchtigkeitsfilm umschlossen, sodass ein Festkleben unmöglich wird. Verdaut an sich wird nur ein ganz geringer Anteil der Kaugummis: Zucker bzw. Süßstoffe und Aromen. Der Rest kommt einfach hinten wieder heraus.

    Als weiteren Ansatz könnte man die Hersteller zur Verantwortung ziehen: entweder müssen sie für die Reinigung aufkommen, oder sich eine neue Rezeptur überlegen, um wasserlösliche Kaumasse zu produzieren. Alternativen gibt es bereits: Biologisch abbaubar ist z.B. der Alpengummi. Auch Kaugummierzeugnisse auf Basis von Chicza, dem Milchsaft des Breiapfelbaums gelten als umweltfreundlich. Doch muss es unbedingt ein Kaugummi sein? Viele der erwünschten Wirkungen lassen sich auch durch das Herumkauen auf Weizenkörnern, Anissamen, frischem Ingwer oder Pfefferminzblättern erzielen. Und wenn wir gerade bei Pfefferminze sind: statt zu kauen reicht für einen frischen Atem häufig auch das Lutschen. So z.B. Pfefferminzpastillen, die keine ausspukbaren Reste hinterlassen.

Kommentare

1 Kommentar
  • lenalotta und johannesS gefällt das
  • lenalotta
    lenalotta Danke für den Bericht! Neben der Entsorgung sind natürlich auch die Inhaltsstoffe sehr sehr bedenklich. Wir kauen da nämlich nicht nur auf Plastik und Weichmachern rum, sondern auch auf vielen Süßstoffen. Vor allem Aspartam steht viel in der Kritik...  mehr
    10. Sep.