Berichte

Engagement für Natur und Umwelt ist politisch

  • ... auch bei den Change Days!

    Wir nehmen immer mehr junge, weltoffene, europaoffene, diverse und demokratisch motivierte Menschen wahr, die sich stark machen für Umwelt- und Naturschutzthemen. Zugleich gibt es nationalistisch geprägte und populistisch veranlagte Menschen, Initiativen und Parteien, die sich gegen unsere Werte stellen und dennoch für sich behaupten, Umweltschutz wäre ihnen ein sehr wichtiges Anliegen. Woher kommt das eigentlich?

    Diese Frage stellten Marcel und ich Dennis, dem Bundesgeschäftsführer der Naturfreundejugend, als wir uns zu einem Austausch vor mehr als einem halben Jahr in Berlin trafen. Dass die mehr als 100-jährige Geschichte des deutschen Naturschutzes auch Verknüpfungen sowie Überschneidungen mit nationalchauvinsistischen und völkischen Ideen und Strömungen aufweist, ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Auch heute engagieren sich extrem rechte Einzelpersonen oder Gruppen im Natur- und Umweltschutz, begründen ihre Motivation jedoch auf rassistischen, biologistischen und völkischen Ideen. Die politische Verortung von Natur- und Umweltschützer*innen ist daher auf keinen Fall irrelevant ist.

    Die NaturFreunde Deutschlands und die Naturfreundejugend Deutschlands haben im Oktober 2017 zusammen die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) ins Leben gerufen. Seitdem untersucht FARN die historischen und aktuellen Verknüpfungen des deutschen Natur- und Umweltschutzes mit extrem rechten und völkischen Strömungen. Sie wollen Anknüpfungspunkte von rechten Positionen im Natur- und Umweltschutz identifizieren und Vermeidungsstrategien erarbeiten.

    Klara von FARN wird bei den Change Days einen Workshop zu „Rechtsextremismus und Naturschutz“ geben! Über diesen unglaublich wichtigen, sensiblen Austausch sind wir sehr dankbar, denn er trifft einen Nerv von vielen Aktivist*innen. Wir haben Klara über das aktuelle Gefühl eines Rechtsrucks in der Welt gesprochen.

    Klara, wenn wir uns die Nachrichten anschauen, haben viele Menschen das Gefühl, es gibt einen Rechtsruck in der Welt. In Ungarn, Italien, Polen, den USA, Australien, Brasilien usw.. In zahlreichen Ländern werden erzkonservative bis offen nationalistische und populistische Kräfte stärker. Mit Pegida und der AfD werden auch in Deutschland Fremdenfeindlichkeit und Abschottung wieder unverhohlen propagiert. Wie beurteilst du diese Entwicklung? Ist das nur eine Momentaufnahme, oder droht eine rechtspopulistische Wende?

    Ich glaube nicht, dass uns eine rechtspopulistische Wende droht, doch wäre es falsch und verheerend von einer wiedervorbeigehenden Momentaufnahme zu sprechen. Denn ein Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland, Europa und der Welt offenbart, was in vielen Umfragen und Studien (z.B. die seit 2006 alle zwei Jahre erscheinende „Mitte-Studie“ von der Friedrich-Ebert-Stiftung und die Studie „Deutsche Zustände“ vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld) bereits schon lange gezeigt und klar benannt wird: Wir dürfen die Gefahr für demokratisches Handeln und der Einhaltung der Menschenrechte nicht nur bei einigen Wenigen am rechten politischen Rand suchen, sondern müssen den Blick auch in die „Mitte der Gesellschaft“ werfen. Denn die Studien zeigen auch deutlich, dass sich die Einstellungen im Großen und Ganzen nicht stark verändert haben – sie treten jetzt nur offener zutage. Sozialdarwinistische Ideen von Ungleichwertigkeit und Konzepte wie das Eigene und das Fremde sind in vielen Denkmustern und gesellschaftlichen Bereichen zu finden – so auch im Natur- und Umweltschutz.

    In vielen Fällen bestreiten Rechtspopulist*innen den menschengemachten Klimawandel. Warum stellen sich Rechtspopulist*innen so entschieden gegen den Klimaschutz?

    Geschichtlich betrachtet ist die Leugnung des anthropogenen d.h. menschengemachten Klimawandels als Gegenreaktion zur Umweltbewegung der 60er und 70er Jahre entstanden, angetrieben durch die Sorge vor staatlichen Eingriffen in die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen.  Leitende Zielsetzungen waren und sind neoliberale Ideen in der Gesellschaft zu verankern und der Abbau von Umwelt-, Gesundheits- und Klimaschutzvorschriften. Die ganz klar als Verschwörungstheorie zu benennende Leugnung des menschengemachten Klimawandels zielt auf ein Misstrauen gegenüber der Wissenschaft, internationaler Politik und den Medien ab. Darüber hinaus liefert dies den Rahmen dafür umweltpolitische Fragestellungen allein auf der nationalen Ebene zu denken, ganz nach dem Motto „Umweltschutz ist Heimatschutz“.

    Die Fachstelle für Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) beschäftigt sich intensiv mit der Frage, inwiefern Umwelt- und Naturschutz mit extrem rechten und völkischen Strömungen verknüpft sind. Gibt es Versuche der Rechten, die Umweltbewegung zu unterwandern?

    Rechtsextreme engagieren sich im Bereich Natur- und Umweltschutz. Dies ist für viele Menschen zunächst überraschend. Tatsächlich ist uns von FARN noch kein Thema begegnet, das nicht auch von rechts bespielt wird: Rechte wehren sich gegen Gentechnik, Atomenergie und TTIP. Sie plädieren für eine ökologische Landwirtschaft, Fair-Trade, Postwachstum und eine artgerechte Tierhaltung.  Man kann den Eindruck bekommen, dass scheinbar die Grenzen zwischen den politischen Lagern verschwimmen. Für viele passt das nicht zusammen. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass die rechtsextreme Beschäftigung mit Natur- und Umweltschutz keinesfalls neu ist.  Die Geschichte der ökologischen Wissenschaft und der ökologischen Bewegung in Deutschland ist ca. 150 Jahre alt und sie war zumeist von konservativen, nationalistischen bis hin zu faschistischen Ideen und Konzepten beeinflusst.  Auf eben diese Konzepte und Personen beziehen sich rechtsextreme Gruppierungen und Einzelpersonen und erkennen Natur- und Umweltschutz für sich als „rechtes“ Thema. Von Unterwanderung kann also in den meisten Fällen nicht die Rede sein. Aber es gibt durchaus vereinzelte Versuche, beispielsweise in die Strukturen von lokalen Initiativen oder Ortsgruppen von Umweltverbänden, Fuß zu fassen.

    Gibt es Möglichkeiten, gegen rechte Strömungen im Naturschutz aktiv zu werden?

    Es ist wichtig rassistische, biologistische und völkische Kontinuitäten im Natur- und Umweltschutz zu erkennen, sowie Konzepte und Gedankenmodelle zu hinterfragen, die Schnittmengen und Anknüpfungspunkte für extrem rechtes Gedankengut möglich machen.  Denn dann wird eines klar: Engagement für Natur und Umwelt steht nicht außerhalb einer politischen Verortung. Nur mit diesem Wissen kann ein Natur- und Umweltschutz gestaltet werden, der demokratisch und menschenrechtsbejahend ist und eine klare Distanz nach rechts herstellt. Dafür sind Aufklärung, Bildungsarbeit und klare Positionierungen enorm wichtig. Das Wissen aus Workshops zu dem Thema kann in die eigenen Gruppen weitergetragen werden und für die Problematik sensibilisieren. Eine starke Haltung gegen menschenverachtenden Äußerungen und Tendenzen ist der Grundstein für ein Engagement gegen rechte Strömungen im Natur- und Umweltschutz.

    Ist euch das genauso wichtig? Dann sichere dir jetzt dein Ticket für die Change Days! Und tausche dich mit Klara und vielen anderen Interessierten aus.

    Vgl. FARN - Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz: https://www.nf-farn.de/farn (online am 11.07.2019)

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