Berichte

Die Klamottenberge von Apold

  • Tach zusammen, ich bin heute zum erstem Mal auf dieser Seite gelandet – und muss mich schon gleich zu Wort melden, denn die Posts hier haben mich an ein ziemlich krasses Erlebnis erinnert, das ganz gut hierher passt.

    Letzten Sommer bin ich mit meiner Freundin nach Rumänien gefahren (natürlich ökologisch korrekt mit dem Zug). Wir haben Urlaub in Siebenbürgen gemacht, genauer gesagt in einem kleinen Nest namens Apold. Die Gegend da ist wirklich traumhaft. Statt Autos fahren dort Pferdewagen, geteerte Straßen gibt’s so gut wie gar nicht, dafür aber sehr viel unberührte Natur. Man fühlt sich zurückversetzt in eine andere Zeit – als das Leben noch mindestens zwei Gänge ruhiger und die Welt noch in Ordnung war.

    Einmal waren wir in einer richtigen Bilderbuchlandschaft unterwegs, so mit dichten Wäldern und saftig grünen Wiesen, scheinbar fernab von jeder Zivilisation. Wir stiegen gerade einen Hang hinab und vor uns breitete sich ein atemberaubend schönes Tal aus. Von weitem konnte man das Rauschen eines Flusses hören und wir freuten uns schon auf ein abkühlendes Bad. Doch was war das? Als wir uns dem Fluss näherten, entdeckten wir ein immer größer werdendes, merkwürdig bunt schimmerndes Fleckchen Erde neben dem Ufer. Wir trauten unseren Augen nicht: war das etwa eine wilde Müllkippe? Nein. Erst am Fluss sahen wir, es war ein riesiger Klamottenberg! Mindestens 30 qm groß und kniehoch. Die Sachen waren schon halbvermodert und stanken bestialisch. Anhand der Etiketten und Aufdrucke war uns schnell klar, dass das Zeugs aus Deutschland kommen musste. Wir waren echt schockiert.

    Am nächsten Tag trafen wir in Apold zwei deutsche Aussteiger-Mädels. Die meinten, es gäbe mehrere solcher Berge. Die Klamotten kämen tatsächlich aus Deutschland - Altkleiderspenden. Die Bewohner in den Dörfern würden derart überschwemmt davon, dass viele die Sachen nach ein oder zweimal tragen einfach wegwerfen. Es gäbe ja immer genug kostenlosen Nachschub. Allerdings sollte man das nicht unbedingt den Leuten dort zum Vorwurf machen, denn angesichts fehlender Wasserleitungen und Waschmaschinen sei Wäsche waschen oft noch richtige Knochenarbeit. Und Wäsche trocknen in den schlecht isolierten Häusern gerade im Winter fast unmöglich.

    Ich bekam dann auch eher Wut auf unsere Wohlstands-Wegwerfkultur, die ein solches Verhalten erst ermöglicht. Wie wohl jeder dachte ich bisher, mit meiner Kleiderspende etwas Gutes zu tun. Doch der Anblick des Wäschebergs in Apold hat diesen Glauben nachhaltig erschüttert. Nachdem unsere nicht mehr ganz so trendigen Klamotten zig mal um die Welt gekarrt worden sind, sei es als Rohstoff, Gewebe, fertiges Produkt oder eben als Kleiderspende, finden sie also an Orten wie diesen ihre letzte Ruhestätte. Und von der sowieso schon verheerenden CO2-Bilanz solcher Kreisläufe mal ganz abgesehen zerstören sie selbst dann noch die Umwelt, in diesem Fall den wohl paradiesischsten Ort, den meine Augen je zu sehen bekamen.

    Ich poste hier dieses Erlebnis, weil ich finde, dass bei uns das Bewusstsein bezüglich des Umgangs mit Klamotten immer noch zu wenig ausgeprägt ist, gerade auch unter ökologisch denkenden Leuten. Klar, viele achten beim Kauf auf Bio-Siegel, Herkunft, Produktionsbedingungen usw. Aber was nützt das alles, wenn die ach so ökologisch korrekte Mode nach einem halben Jahr im Altkleidersack verschwindet? Ich finde, es ist ebenso ökologisch, einfach weniger Klamotten zu kaufen, alte Sachen länger zu tragen oder Kaputtes wieder zu flicken. Auch die Verarbeitungsqualität ist wichtig – robuste Stoffe und Nähte halten schlicht länger. Wer auf Retro-Look steht, sollte sowieso auf second hand umsteigen. Oft sind die Outfits dann nicht nur cooler (weil original), sondern durchs viele Waschen auch so ziemlich schadstofffrei. Selbst (neue) Öko-Klamotten haben da mehr Flammschutzmittel drin (stand zumindest mal so in der Öko-Test). Ich denke, dass jeder durch solche Verhaltensänderungen dazu beitragen kann, die weltweiten Altkleiderberge zu minimieren. Trotzdem bin auch ich mir nicht ganz sicher, ob man so nicht wirklich Bedürftigen, die es sicher irgendwo auf der Welt gibt, etwas wegnehmen würde. Aber vielleicht habt ihr ja eine Meinung oder einen guten Info-Link....ich bin gespannt.
     

Kommentare

2 Kommentare
  • Janine
    Janine Hey Joel!
    Auch ich finde deinen Artikel sehr aufschlussreich! Vielen Dank! :)

    Zu meinen Klamotten: Ich trage eigentlich immer alles so lang, bis ich es wegwerfen muss, da irgendwann vor lauter Löchern kein Fetzen Stoff mehr übrig ist. Ehrlich, m...  mehr
    10. Juni 2009
  • Joel
    Joel Hui, ich bin wirklich überrascht, dass mein kleiner Bericht doch recht viel Ressonanz hervorruft.

    @JaySkay Danke für Deine ZUsatz-Infos und Links. Genau solche Links habe ich gesucht. Ich denke nämlich auch, dass Kleiderspenden in bestimmten Zusammenhän...  mehr
    15. Juni 2009