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Die große Wende Voraus - Ein Vortrag über die Klimakrise

  • Dezember 2015. Paris. Der Saal bebt unter dem tosenden Applaus. In diesem Moment scheint die ganze Welt außer Atem. Alle explodieren vor Freude.

    Klar, in den nächsten Tagen und Wochen wird die Kritik lauter, aber in diesem Moment sind einfach alle nur glücklich.
    Der Grund? Zwei Zahlen.

    Zwei einfache Zahlen schaffen es die (klima)politische Welt in Aufruhr zu versetzten. Die beiden Zahlen sind:

    1,5 und 2.

    Nach jahrelanger Vorarbeit, vielen gescheiterten Versuchen und nun nach wochenlanger Diskussion stehen sie da. Schwarz auf weiß. Und alle machen mit. Zum jetzigen Zeitpunkt haben alle Länder auf der Welt diese beiden Zahlen offiziell akzeptiert. (Ja, die USA wollen nicht mehr mit machen, und sind gerade im Prozess, das rückgängig zu machen, aber noch sind sie offiziell dabei.)

    Es geht natürlich um das Pariser Klimaabkommen, und die offizielle Aussage, man solle die Erderwärmung doch bitte auf weit unter 2°C und möglichst unter 1,5°C beschränken. Zum ersten Mal haben wir ein völkerrechtlich bindendes Abkommen, in dem diese beiden Zahlen so deutlich drin stehen.

     

    Zeitsprung.

     

    Oktober 2018: Der sogenannte Weltklimarat (Regierungsübergreifender Rat zu Klimawandel, engl.: Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) veröffentlicht einen Report. In diesem Report wird erläutert, was genau der Unterschied ist zwischen 1,5°C und 2°C. Es ist eine der Antworten auf eine Frage, die nach Paris immer öfter auftaucht:
    1,5 und 2°C klingen ja gut, aber wieso eigentlich genau diese beiden Zahlen?

    In der Vergangenheit schon haben die 2° eine wichtige Rolle gespielt. Es schien eine magische Grenze zu sein. Was also ist so besonders an diesen 2°?

    Nun, wenn wir ganz ehrlich sind: Nichts.

    Ob es jetzt 2 oder 2,1 oder 1,9 oder so etwas sind, ist eigentlich erstmal nicht relevant. Aber es gibt vor allem zwei Gründe, warum es genau diese 2°C immer wieder in die Diskussion schaffen. Zum einen ist es eine gute Zahl. Der Hauptgrund, warum es 2° sind, und nicht 1,9 oder 2,2, ist, weil 2 eine schöne, runde Zahl ist, die man sich gut merken kann, und die irgendwie gut aussieht.
    Der zweite Grund liegt im Vorsorgeprinzip. Denn auch wenn diese 2°C keine magische Grenze ist, so ist es eben doch eine Grenze. Überhalb von 2°C steigt die Wahrscheinlichkeit für Kipp-Punkte im Erdsystem sehr stark an. Das klingt verwirrend wissenschaftlich, ist aber eigentlich ganz einfach: Über 2°C gibt es verschiedene Elemente, die eine starke, schnelle und unwiderrufliche Erwärmung bringen. Heißt: Selbst, wenn wir nach dieser Erwärmung um mehr als 2°C (bzw. einem Punkt irgendwo über 2°C) alle unsere Treibhausgasemissionen auf null fahren, und massive Klimaschutzprogramme starten, werden wir möglicherweise nicht mehr in der Lage sein, die Erwärmung auf ein erträgliches Maß zu beschränken.

     

    Kurzer Zeitsprung zurück:

    Juni 2018: Der weltberühmte Klimawissenschaftler Will Steffen hält einen Vortrag in Sydney, Australien. Titel: "The big U-Turn ahead". Auf deutsch etwa: Die Große Wende voraus.
    Noch vor dem Bericht des IPCC, im Oktober des selben Jahres, erklärt Will Steffen anschaulich, wieso diese 2°C Grenze wichtig ist, was Kipp-Punkte genau bedeuten und wieso wir jetzt etwas ändern müssen. Und was genau. Der Vortrag wird im englischen Original veröffentlicht. Auszüge daraus werden auf Twitter in Umlauf gebracht und erhalten dort mehr als 115 tausend Aufrufe. Ein Zeichen für die Qualität des Vortrags. Für den Informationsgehalt. Einziges Problem: Er ist auf englisch.

     

    Zeitsprung.

     

    Januar 2020: Eine Gruppe Freiwilliger findet sich über Twitter zusammen. Selbsterklärtes Ziel: Den Vortrag von Will Steffen ins Deutsche übersetzen, professionell synchronisieren lassen, und somit einem breiten Publikum in Deutschland zur Verfügung stellen.
    Es beginnt eine intensive Arbeitsphase. Knapp eine Stunde ist der der Vortrag lang, aber es gibt kein Skript dazu. Deshalb wird der gesamte Vortrag erst einmal aufgeteilt. Jeder bekommt ein Stück zugeteilt und dann darf der Vortrag erst einmal verschriftlicht werden. Mit ein bisschen technischer Hilfe geht dies zum Glück sehr schnell. Nun zum komplizierten Teil. Die Übersetzung. Mit Hilfe von Übersetzungsprogrammen wird eine grobe erste Übersetzung angefertigt, die dann überarbeitet werden muss, damit das nachher mit der Synchronisation auch funktioniert.

    Nach mehreren Stunden Arbeit ist dann endlich die erste Version fertig. Jetzt noch einmal die gesamte Übersetzung durchlesen. Mehrfach. Wieder geht es um die Synchronisation. Klingt das eigentlich auch gut, was wir da so angestellt haben. Und ist die Sprache zwischen den einzelnen Übersetzungsabschnitten konsistent?

    In der Zwischenzeit läuft ein Crowdfunding. Denn auch, wenn wir bei der Übersetzung alle freiwillig und ohne Bezahlung arbeiten, die Synchronisation und der Schnitt wird uns wohl doch etwas kosten. Geplant war ein Spendenaufruf über knapp einen Monat. Doch am Ende gibg es schneller. Viel schneller. In nicht einmal 24 Stunden hatten wir das Spendenziel erreicht.

    Mit dem Wissen, dass wir eine gute Unterstützung für dieses Projekt haben, ging es danach etwas enspannter zu. Aber noch stand einiges an Arbeit an. Will Steffen ist ein ausgezeichneter Wissenschaftler. Gerade deshalb mussten wir sicher gehen, dass wir nicht bei der Übersetzung irgendetwas durcheinander bringen. Also wurden am Ende noch einmal die Scientist for Future auf den Text losgelassen, um sicher zu gehen, dass das ganze wissenschaftlich auch alles noch so stimmt.

     

    Und dann war es endlich soweit. Synchronisation und Schnitt liefen gut, und vor ein paar Tagen kam das Ergebnis dann endlich bei uns an.

    Da saßen wir nun. Einer der besten Klimavorträge der heutigen Zeit. Eine wundervolle Erklärung von Kipp-Punkten, der menschlichen Zivilisation und was wir schlussendlich machen können, um die Klimakrise noch aufzuhalten.

     

    Ihr wollt wissen, wie das aussieht?

    Dann guckt doch mal hier:

     

    An dieser Stelle noch einmal ein großer Dank an alle im Team, an die Spender*innen, die das Crowdfunding unterstützt haben und an die Scientist for Future, die die Umsetzung möglich gemacht haben.

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