Berichte

Ein neuer Aufstand

  • Wir haben es versucht.

    Wir haben es wirklich versucht.

    Aber es hat ja nichts gebracht.

    Was also machen?

    Aufgeben?

    Auf keinen Fall!

    Die alten Methoden haben versagt. Aber wir werden trotzdem weiter kämpfen. Mit einem neuen Ansatz. Einem deutlich radikaleren Ansatz. 

     

    Das ist der Hintergrund. Das ist das, was man wissen muss, wenn man diesen Artikel, und die Menschen, die dazu beigetragen haben, verstehen will: Wir steuern ungebremst auf einen Abgrund zu. Die Klimakatastrophe droht außer Kontrolle zu geraten. Oder besser: Vollständig außer Kontrolle zu geraten. Denn die Kontrolle haben wir bereits verloren. Jetzt geht es darum, sie wieder zurückzuerlangen, solange das noch geht. 
    Unser Wagen steuert nicht auf den Abgrund zu, er schleudert. Wir müssen jetzt ins Lenkrad greifen, die Kontrolle zurückerlangen und einen 180°-James-Bond-Secret-Service-Hollywood-U-Turn hinlegen. Für einfach nur noch Bremsen und langsam zurücksetzten haben wir keine Zeit mehr. 

    Dieses Mal blieb das Polizeiangebot klein. Auch wegen Rhein in Flammen.

    Wie also macht man das?

    Um das zu beantworten, gucken wir uns erstmal an, was wir bis jetzt gemacht haben. 

    Wir haben Petitionen geschrieben, die abgelehnt worden. Wir haben im direkten Gespräch mit Abgeordneten gesessen und verzweifelt versucht, den Menschen klar zu machen, dass wir jetzt handeln müssen. Wir haben friedliche Demonstrationen organisiert. Ein kleiner Teil von uns hat sich an Bagger gekettet und in Baumhäusern eingerichtet. Wir haben Mahnwachen abgehalten und Leute an Infoständen über das Problem aufmerksam gemacht. Wir haben immer mehr wissenschaftliche Artikel zur Seite bekommen, die immer deutlicher gesagt haben, dass wir immer schneller in eine Katastrophe hineinsteuern. Und passiert ist gar nichts. Oder zumindest nicht annähernd genug. 
    Die Konzentration an CO2 in der Atmosphäre nimmt weiter zu. Die globale Durchschnittstemperatur steigt weiter an, die Ozeane versauern und werden wärmer, sie dehnen sich aus, und gewinnen durch abschmelzende Gletscher immer schneller und immer mehr an Masse. Stürme werden stärker, Dürren und Waldbrände vernichten Ernten in Milliardenhöhe. Wir sind in der Mitte des sechsten Artensterbens und niemand denkt auch nur daran, das mal zu erwähnen. 
    Die Politik und Wirtschaft aber machen nichts dagegen. Sie ignorieren und blockieren unsere Arbeit, die "Volksvertreter" der Politik sind "Wirtschaftsvertreter" und verdienen sich in "Nebenjobs" in den Konzernen, die sie regulieren sollen, noch gut was dazu. Das Klima spielt dabei absolut gar keine Rolle. Das zeigen zum Beispiel die Kostenerstattungen von Bundestagsabgeordneten, die neben einer Bahncard 100 auch noch Inlandsflüge komplett erstattet bekommen. Die Dienstlimousinen sind Dieselfahrzeuge und auch sonst werden Klimazerstörer nicht bestraft, sondern mit Subventionen belohnt.

    Wir haben versucht mit normalen Wegen dagegen zu kämpfen. Das hat nicht funktioniert. Und deswegen kämpfen wir jetzt mit neuen Methoden. Seit vergangenem Jahr hat eine neue Kraft den Protest übernommen. Denn jetzt kommt die Rebellion.

    Eine Rebellion gegen die, die es eigentlich nicht wirklich verdient haben, aber nur durch diesen zivilen Ungehorsam ist es überhaupt noch möglich, dass irgendjemand zuhört. 

    Vorgemacht hat es Greta und die FridaysForFuture Bewegung. Innerhalb von wenigen Wochen ist das Thema Klimawandel plötzlich (wieder) in allen Medien. Es wird geredet. Nur leider nicht über die Forderungen oder die Katastrophe, in der wir uns befinden, sondern vor allem darüber, ob wir nicht alle in der Schule sein sollten. Diese Diskussion ist natürlich nicht zielführend, was man daran sieht, dass die Einführung von "E-Scootern" als klimapolitische Revolution im Verkehrssektor gefeiert wird. Eine Tatsache, die nicht nur daneben ist, sondern eventuell sogar dazu führt, dass die Emissionen weiter steigen. Denn diese Roller werden meist von Leuten genutzt, die vorher mit dem Rad gefahren, oder einfach nur gelaufen sind. 

    Menschenkette am Tagebau Grazweiler, FridaysForFuture am 22.6.

    Dennoch zeigt Fridays For Future eine Wirkung, vor allem jetzt, da die Streiks zu Demonstrationen umgebaut werden und auch während der Ferien weiter laufen. Die Diskussionen und das plötzlich erwachende politische Interesse der Jugend ist die Grundlage für die Umsetzung von Klimanotständen in verschiedensten Städten. Dass diese Klimanotstände nichts bei den Politiker*innen selbst ändert, konnte man wieder schön in Bonn sehen. Dort wurde von Politikern für das VRS Gebiet über die Ticketpreise für den ÖPNV abgestimmt. Dies war zwar vor allem eine betriebswirtschaftliche Abstimmung, keine politische, aber dennoch ist das Ergebnis selbsterklärend. 
    Die CDU stimmt geschlossen für eine Anhebung der Preise. Und das obwohl Bonn nach Hamburg die zweitteuerste Stadt für ÖPNV in Deutschland ist. Ein Vertreter der FDP erklärt, die Ticketpreise seien nicht mehr akzeptabel. Nur um dann in der Abstimmung ebenfalls für die Erhöhung zu stimmen. 

    Es geht also immer noch nicht schnell genug voran. Und es wird bei weitem noch nicht so häufig über die Katastrophe berichtet, wie es nötig wäre, um ein Bewusstsein zu schaffen. 

    Das Problem: Das Alter der Streikenden und das es eben doch nur weitestgehend angemeldete Demonstrationen sind. Um wirklich etwas zu bewegen, müssen wir noch radikaler werden. Und hier kommt Extinction Rebellion ins Spiel.

    Extinction Rebellion, eine Gruppe von Menschen, die sagen: Wenn ihr nicht hören wollt, dann machen wir, dass ihr hört. Eine Gruppe, die im letzten Monat weltweit Städte lahmgelegt hat. Durch gezielte Blockaden von Brücken oder wichtigen Verkehrspunkten wird der gesamte motorisierte Verkehr lahmgelegt. Fahrräder und Fußgänger dürfen ungehindert passieren, je nach Stadt, Organisation und Verkehrssystem können auch Straßenbahnen durchgelassen werden, aber das wars. Hier zeigt sich deutlich, was ziviler Ungehorsam ist. Dass es hierbei zu Verhaftungen kommen kann, ist allen bewusst. 

     Rebell:innen diskutieren mit Polizist:innen. Der Kontakt zur Polizei bleibt stets friedlich

    Trotzdem sind am 13.7. wieder hunderte Menschen in Köln dabei und blockieren die Deutzer Brücke. Für über 5 Stunden. Diese Mal blieb alles friedlich und die Polizei agierte sehr entspannt. 
    Warum aber wurde diese Art des Protestes gewählt? Ich habe dazu mit verschiedenen Leuten gesprochen, um herauszufinden, warum sie auf der Brücke sitzen und warum es aus deren Sicht heraus besser ist, illegal Brücken zu besetzten, statt legale Demonstrationen abzuhalten. 

    Rebell:innen auf der Deutzer Brücke

    Der Hauptgrund war die Aufmerksamkeit und der Inhalt der Aktion. Es wurde oft erwähnt, dass Demonstrationen vielleicht kurzfristig mal Aufmerksamkeit erregen, aber sicher nicht langfristig. Eine Demonstration oder einen Infostand hat man schnell wieder vergessen. Eine Brücke, die für einen halben Tag lahm gelegt ist, bleibt da schon länger im Gedächtnis. Außerdem wird man durch so Aktionen wirklich zum Nachdenken gezwungen. Im besten Falle kommt man nämlich nicht vom Fleck und ist quasi gefangen. Nun könnte man denken, dass diese Aktionen dazu führen könnten, dass moderat eingestellte Menschen der Idee und dem Klimaschutz an sich nun kritischer gegenüberstehen. Schließlich sollen solche Aktionen das System kritisieren, in dem Ticketpreise in der zweitteuersten Stadt erhöht werden, anstatt sie zu senken. Dabei werden aber eher "unschuldige" Autofahrer blockiert, die teilweise ihr Auto zum Arbeiten brauchen und eigentlich nichts für das System können. Wie also verhindert man, dass diese Menschen jetzt umschwingen und uns kritischer gegenüberstehen? Extinction Rebellion antwortet darauf klar: Mit guter Kommunikation. Es wird viel mit den Autofahrern gesprochen, man entschuldigt sich, macht auf die Klimakrise aufmerksam und auf die Fakten. Man verdeutlicht immer wieder, dass das System das Problem ist, nicht unbedingt der einzelne Autofahrer. 

    Vorbeifahrende Bahnen werden beklatscht

    Und das wirkt. Nicht nur bei den Autofahrer, auch bei den Fußgänger und Radfahrern, die weiterhin über die Brücke gelassen werden, sind die Rückmeldungen überwiegend positiv. Viele Menschen müssen sich zwar erst noch ein genaues Bild machen, und werden sich die Fakten nochmal genauer anschauen, aber insgesamt gab es von den Außenstehenden überwiegend positive Rückmeldung. Negative Rückmeldungen (von Beschimpfungen über Mittelfinger zeigen, bis hin zu Drohungen) kommen vor allem von passiven Menschen. Menschen, die ihr Autoscheibe nicht runterdrehen und ein Gespäch verweigern. Eine Bikergruppe, die auf der Gegenseite mit ihren Harleys vorbeifahren, oder von Radfahrern, die zu einem etwas volleren Zeitpunkt auf der Brücke doch kurz mal absteigen müssen. In direkten Gesprächen äußeren sich die allermeisten Menschen positiv oder eher positiv. 

    Extinction Rebellion blockiert die Brücken nicht umsonst. Es gibt insgesamt drei Hauptforderungen. Die erste Hauptforderung ist: "Tell the Truth", oder "Sag die Wahrheit". 
    Hier geht es vor allem auch an die Medien, endlich über die Krise zu berichten, in der wir sind. Aber auch die Politik spielt hier eine wichtige Rolle. Denn es ist an der Politik, einen vernünftigen Klimanotstand auszurufen und danach zu handeln. Denn nur, wenn wir jetzt anfangen auch politisch nach der Krise zu agieren, in der wir sind, schaffen wir das noch aus der Katastrophe rauszukommen. Wenn man aber nur einen Klimanotstand ausruft, und dann nicht entsprechend handelt, dann hat das auch keinen Sinn. 

    Dementsprechend kommt dann auch die zweite Forderung: "Act now!" Also "Jetzt handeln!" Und ähnlich wie Fridays For Future gibt es auch bei Extinction Rebellion ein Ziel, an dem Deutschland klimaneutral werden soll. Und zwar in 6 Jahren. Bis 2025, so die Forderung, soll es in Deutschland netto keinen CO2 Ausstoß mehr geben. Konkret bedeutet das ein radikaler Ausstieg aus der Kohle, Milliardenförderungen für Netzausbau und Speicher, und natürlich ein massiver Ausbau von Erneuerbaren Energien. Dieses Ziel ist extrem radikal. Aber genau das brauchen wir. Wir sind uns alle einig, dass der aktuelle Kohleaussteigspfad bis 2038 deutlich zu spät ist. Und die Umweltverbände sind mit 2030 in die Verhandlung gegangen. Sicherlich kann man darüber streiten, wie geschickt diese Verhandlungen gelaufen sind, aber einfach weiter 2030 zu fordern reicht halt nicht. Das Datum ist einfach zu freundlich. Zu wenig energisch. Vor allem, da der Kohleausstieg ja nicht gleich Klimaneutralität ist. Bis zum Jahr 2030 müssen wir weltweit ungefähr die Hälfte unserer CO2-Emissionen eingespart haben, um auf unter 1,5°C zu bleiben. Die Energieversorgung deckt allerdings nur knapp 1/3 der Emissionen Deutschlands. Und als Industrienation haben wir eine historische Verantwortung dafür, unsere Emissionen stärker zu senken, als weniger entwickelte Länder. Daher müssen wir die Forderungen nach 2025 stellen und auf 2025 hinarbeiten. Dieses Ziel werden wir vielleicht verfehlen, aber das macht Deutschland ja sowieso sehr gerne. Also lieber zu früh und schnell anfangen, als sowieso schon auf ein zu spätes Datum zu planen.



    Das größte Hindernis an einer Umsetzung sind Lobbyverbände für fossile Firmen und die (Automobil)Industrie. Diese Lobbyarbeit muss ausgehoben werden. Dazu fordert Extinction Rebellion als dritten großen Punkt die "Citizen Assembly" - eine Bürgerversammlung. Dabei werden laut Vorstellungen von Extinction Rebellion 100 Einwohner aus Deutschland zufällig ausgewählt. Diese Versammlung von Menschen aus verschiedenen Altersgruppen und sozialen Schichten kommt dann als beratendes Gremium zusammen. Wie ein Bundestagsausschuss wird es Anhörungen von verschiedenen Wissenschaftlern geben, die den aktuellen Stand der Wissenschaft zu verschiedenen Themen erläutern. Durch Diskussionen untereinander und mit den Wissenschaftler*innen sollen so von dieser Bürgerversammlung Gesetztesentwürfe vorbereitet und eingericht werden können. Dadurch, dass es verschiedene Schichten mit verschiedenen Problemen gibt, und der Input von (unabhängigen) Wissenschaftlern kommt, kann so der schädliche Lobbyismus ungangen werden. Eine Bürgerversammlung stellt somit eine Erweiterung der Demokratie dar und ist ein gutes Mittelmaß zwischen Volksentscheiden und der aktuellen Auslegung der Demokratie. 

     

    Insgesamt sind diese Forderungen vielleicht radikal, aber genau das, was wir in der aktuellen Debatte brauchen. Das ewige freundlich miteinander Reden war eine gute Idee, die in der Vergangenheit sicherlich auch einige Erfolge erzielen konnte. Inzwischen hilft nur reden aber nicht mehr. Wir brauchen den zivilen Ungehorsam als letze Möglichkeit, tatsächlich rechtzeitig etwas zu verändern.

    Kreativer Protest. Und gegen Langeweile spielt man auch mal gemeinsam Karten

    Unsere Zeit ist abgelaufen und der neue Protest von Extinction Rebellion und Co ist unsere letzte Hoffnung, doch noch ein bisschen etwas zu retten. Also kommt ab dem 7. Oktober nach Berlin. Lasst uns die Hauptstadt lahmlegen und endlich echten Druck auf die Politik ausüben. Rebelliert für euer Leben. REBEL FOR LIFE.

     

    Mehr Informationen zu Extinction Rebellion Deutschland findet ihr hier. Und hier könnt ihr nach Ortsgruppen bei euch in der Nähe suchen.





    (Alle Fotos (c) Julius Strack)

Kommentare

3 Kommentare
  • Marcel
    Marcel Danke, Julius, für diesen wertvollen und gut nachvollziehbaren Artikel. Ich finde diese neuen Protestformen sehr wichtig, teile aber nicht die Meinung, dass friedliche Demos und friedliche Gespräche dadurch abgelöst werden. Es braucht beides. Die...  mehr
  • JuliusS
    JuliusS Natürlich sollten wir diese Arten des Protests nicht gegeneinander aufspielen und auch weiterhin wird es sicherlich Petitionen und Co geben.
    Ich denke nur, dass sich vor allem das Verhältnis zwischen diesen beiden Arten verschieben muss.
    Ich...  mehr
  • TrafalgarLaw03
    TrafalgarLaw03 Wahnsinns Artikel!! Am meisten gefiel mir der Satz, dass wir nun in einer Revolution seien. Oder Rebellion. Ich muss sagen, es ist schon beeindruckend, dass wir aktuell in einer Zeit des großen Wandels leben, die in die Geschichte eingehen wird wie kaum...  mehr