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Zu spät, aber noch nicht verloren - Kommentar zum IPCC Bericht

  • Montag, 8. Oktober 2018.

    Der Weltklimarat (intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) veröffentlicht einen Sonderreport zum 1,5°C-Limit. Dieses Limit wurde von der UN auf der Weltklimakonferenz 2015 in Paris von allen Ländern (bis auf zwei, die inzwischen auch dabei sind) unterzeichnet.

    Der Bericht soll einige Fragen klären, vor allem: Wie können wir dieses Limit erreichen und wie sieht eine Welt mit 1,5°C Erwärmung aus?

    Der Bericht ist ein "Weckruf", ein "Aufschrei". Die BBC titelt mit dem Zitat "act now, idiots". Und immer wieder taucht eine Zahl auf.

    12.

    12 Jahre.

    Das ist angeblich die Zeit die uns noch bleibt, um eine Katastrophe abzuwenden.

    Aber wahrscheinlich ist das zu optimistisch.

    (c) Julius Strack

    Für alle, die den IPCC-Report nicht gelesen haben, kommt hier eine kurze Zusammenfassung, in der das Wichtigste erklärt wird:

     

    Der Bericht beginnt mit einem Status Quo, einer Momentaufnahme. Die aktuelle Erwärmung liegt bereits 0,87°C über dem Vergleichzeitraum von 1850-1900. Die bisherigen Emissionen führen zwar weiterhin zu einer Erwärmung, aller Wahrscheinlichkeit nach aber in den nächsten 20-30 Jahren nicht zu 1,5°C. Für den Rest des Jahrunderts ist man sich nicht ganz so sicher, aber vermutlich auch nicht.

    Eine Welt mit 1,5°C wird anders aussehen als jetzt. Einige der 105.000 untersuchten Arten werden den Temperaturanstieg nicht verkraften, Dürren und Hitzetage nehmen in einigen Regionen der Erde zu, während an anderen Orten die Regenfälle und Überflutungen stärker werden. Die Ozeane werden sich weiter erwärmen und versauern. Der Meeresspiegel steigt weiter an, vermutlich sogar noch nach 2100.

    Bei einer Erwärmung um 2,0°C werden die Folgen schlimmer und stärker.

    Mit einem "weiter so" (Business as usual, BAU) werden wir 2030-2052 die 1,5°C Marke überschritten haben.

    Es gibt aber auch gute Nachrichten: in insgesamt 4 Szenarien wurden Wege aufgezeigt, wie wir ein 1,5°C noch einhalten können. Diese Maßnahmen würden in Größe und Ausmaß, alles überschreiten, was bisher da gewesen ist. Aber es ist möglich.

    Auf dem Weg dahin, werden wir die anderen Ziele für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) weiter voran bringen und so zu einer insgesamt besseren Zukunft beitragen.

    Soweit die kürzeste Zusammenfassung des Berichtes, die ihr irgendwo finden könnt.

    Kommen wir zum eigentlichen Problem.

    Die 12 Jahre, die immer wieder auftauchen, sich aber leider absolut nicht auf den Bericht beziehen. In 12 Jahren (2030) können wir sehr wahrscheinlich schon über die 1,5°C gestiegen sein. Das hat nichts mit Katastrophenschutz zu tun. Wir haben keine 12 Jahre Zeit um etwas zu machen, und das wird auch in dem Bericht selbst klar gemacht. 

    (c) Johanna Knauf (Hintergrund)

    Von den vier Szenarien, die es gibt, haben wir bei einem Zeit bis 2030. Und das ist das BAU mit Reißleinen Szenario. In diesem machen wir weiter wie bisher, und merken dann 2030, dass alles noch schlimmer geworden ist, und bauen danach massiv Anlagen auf, die Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre holen sollen (Carbon Dioxid Removal, CDR oder Carbon Capture and Storage, CCS). Das dies nicht sehr sinnvoll sein kann, kann man sich gut vorstellen, und auch hier ist eine Anwendung, die so funktioniert wie simuliert nicht praktikabel.

    Alle anderen Szenarien haben einen leicht anderen Verlauf. In allen anderen Methoden kommt mindestens eine Form von CDR zum Einsatz. Und alle drei anderen Szenarien beginnen mit einer Reduktion des CO2 Ausstoßes ab ca 2020. Das sind keine 12 Jahre, das sind 12 Monate.

    Und genau deshalb ist der Bericht so eine Bombe. Wir haben die Möglichkeit, tatsächlich etwas zu verändern, aber nur mit einem noch nie dagewesenen Aufwand, und zwar am besten bis vorgestern.

    Wenn man es einmal sachlich nimmt, ohne Emotionen wie Hoffnung, Frust, oder Wut, dann heißt dieser Bericht: entweder, wir machen JETZT etwas, oder es ist zu spät.

    Die Berichterstattungen mit den 12 Jahren ist fatal, denn sie suggeriert Zeit, die wir nicht haben.

    Selbstverständlich sind Emotionen wie Hoffnung in diesem Falle noch angebracht, aber nur hoffen und beten haben wir in den letzten 30 Jahren genug gemacht. Das interessiert das Klima nicht.

    In seinem Vortrag zum 2°Campus meinte Mojib Latif, einer der bekanntesten Klimaforscher Deutschlands, es gäbe nur eine Zahl, die für Wissenschaftler eine Aussage habe. Und dies sei die durchschnittliche Konzentration von CO2 in der Atmosphäre.

    Diese Zahl kann man sich angucken und man wird sehen, dass diese weiter steigt. Das ist Fakt. Man kann auch messen, wie viel wir jedes Jahr ausstoßen und auch hier steigt die Zahl. Und das muss sich bis 2020 geändert haben.

    CCS ist keine Lösung. Was wir brauchen ist endlich mal eine politische Entscheidung. Und die habe ich in Deutschland noch nicht gesehen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Das ist kein ängstlich/pessimistisch/hoffnungsloses oder sonst irgendwie emotionales Statement. Das ist einfach nur so. Wenn wir wollen, dass diese Erde für Menschen bewohnbar bleibt und die Biodiversität erhalten wollen, dann müssen wir jetzt anfangen zu handeln.

    Auch in den Szenarien werden wir ziemlich sicher kurz über die 1,5°C hinausschießen und dann langsam zurück kehren, sodass wir langfristig unter 1,5°C bleiben.

    Gerne würde ich diesen Artikel damit beenden euch zu versichern, dass es noch nicht zu spät ist. Aber aus meiner Perspektive kann ich das nicht vertreten.

     

    ES IST BEREITS ZU SPÄT, ABER ES IST NOCH NICHT VERLOREN!

     

    Wenn wir jetzt kämpfen, dann bekommen wir irgendwann die Kurve und schaffen es vielleicht wieder unter die 1,5°C. Aber dafür müssen wir ab heute mit aller Macht für unser Leben kämpfen.

    HIER sind einige Sachen, die DU jetzt machen kannst:

     

    1.) Finde "deine" Abgeordneten unter www.bundestag.de/abgeordnete und schreib Ihnen eine Mail, dass du nach dem IPCC Bericht besorgt bist und dir effektive Klimaschutzmaßnahmen wünschst. Die Politik kann jetzt schon einen Kohleausstieg festlegen, auch wenn die Kommission noch arbeitet.

    2.) Ruf an. Auf der gleichen Seite findest du auch Telefonnummern von den Büros deiner Abgeordneten. Also ruf an und sag, dass du besorgt um deine Zukunft bist.

    3.) Geh vorbei. Die meisten Abgeordneten haben Sprechstunden, und auch wenn es etwas schwierig sein kann, diese zu finden, irgendwo müssen die stehen (frag mich sonst gerne auch, dann kann ich dir evtl helfen). Wenn du eine Sprechstunde gefnden hast, schnapp dir ein paar Freunde und geh dort vorbei.

    4.) Twitter, Facebook, Instagram, Snapchat, Whatsapp, ... egal was du finden kannst, gib keine Ruhe bevor nicht effektive Mittel durchgesetzt sind, die wirklich etwas bringen.

    5.) Komm in die Politikgruppe hier in der WWF Jugend. Wir werden zusammen Mail Vorlagen und Anrufvorlagen schreiben und weiter Konzepte erarbeiten.

    6.) Komm zur großen Antikohledemo in Berlin oder Köln am 1.12. Letzten Samstag waren wir 50.000 am Hambacher Forst. Das klingt nach viel, sind aber nicht mal 0,1% der Bevölkerung. Wir brauchen mehr Leute auf der Straße, also geht auf die Straße.

    7.) Nur öffentlicher Druck kann jetzt noch etwas bewirken. Wenn ihr die Mails geschickt habt, oder angerufen habt, oder die Leute zugetwittert habt, dann fangt von vorne an. Lasst nicht locker, bis unsere Zukunft gerettet ist. 

     

     

     

     

     

    *Disclaimer: Da dieser Bericht doch etwas schärfer ist als andere Berichte möchte ich hiermit nocheinmal ausdrücklich darauf aufmerksam machen, dass die vertretende Meinung meine eigene ist, und nicht zwangsmäßig mit denen der WWF-Jugend, oder des WWFs übereinstimmt.

     

    Mehr informationen, sowie passende Bilder findet ihr unter ipcc.ch/report/sr15

    Die Position des WWF findet ihr unter https://www.wwf.de/themen-projekte/klima-energie/internationale-klimapolitik/ipcc-sonderbericht-zur-klimaerwaermung/

Kommentare

3 Kommentare
  • GreenLulu
    GreenLulu Vielen Dank für diese tolle Zusammenfassung! Der IPCC-Bericht zeigt deutlich, dass wir jetzt handeln müssen und trotzdem tun Ländern wie Deutschland nicht genug für den Klimaschutz. Das muss sich dringend ändern! #Youth4Climate
    13. Oktober 2018 3 gefällt das
  • TrafalgarLaw03
    TrafalgarLaw03 Starke Meinung von dir, das sehe ich exakt genauso. Wir müssen alle so schnell wie möglich etwas tun. Das heißt, mehr und mehr Menschen aufmerksam zu machen und wachzurütteln und zum Zweiten seinen eigenen Lifestyle auf maximal Nachhaltigkeit auszurichten...  mehr
    14. Oktober 2018 3 gefällt das
  • SteffiFr
    SteffiFr danke für die Zusammenfassung!
    19. Oktober 2018 1 gefällt das