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„Aber ohne Wachstum geht´s doch nicht!?“

  • „Aber ohne Wachstum geht´s doch nicht!?“

    Dauerhaftes Wirtschaftswachstum wird oft als Grundvoraussetzung für Wohlstand, Freiheit und gesellschaftlichen Frieden verstanden. Wer sich kritisch dazu positioniert, löst schnell hitzige Diskussionen aus - ob mit Kommiliton*innen oder Onkel Rainer bei der Familienfeier.

    Um für derartige Diskussionen in Zukunft besser gewappnet zu sein, haben wir im Netzgespräch am 26.5 Lasse Thiele vom Konzeptwerk Neue Ökonomie eingeladen, mit uns über typische Argumente gegen Postwachstum zu sprechen. Anschließend hatten wir die Gelegenheit, selbst in Rollen zu schlüpfen, um Diskussionen nachzuspielen.

    Zunächst ging es um die Frage, wie wir inhaltlich auf Pro-Wachstumsargumente reagieren können. Ein Beispiel: „Ohne Wachstum funktioniert der Sozialstaat nicht!“  

    Es ist gar nicht so leicht, darauf zu reagieren. Denn, wie wir im letzten Netzgespräch mit Lasse, als es um systemische Wachstumszwänge ging, schon gehört haben: im derzeitigen System sind wir scheinbar darauf angewiesen, dass das Bruttoinlandsprodukt stetig steigt. Wirtschaftswachstum wird gleichgesetzt mit dem, was als prosperierende Wirtschaft verstanden wird und in einer Art Flucht nach vorne gerne als einzige Lösung für Krisen oder Schuldentragfähigkeit genannt.

    Daher ist hier ein wenig utopisches Denken nötig. Wachstum verschwindet nicht über Nacht. Es braucht einen tiefgreifenden Systemwandel – und Umverteilung. Denn um Abbau von Sozialhilfen geht es im Postwachstum sicher nicht, ganz im Gegenteil. Die langfristige Perspektive ist es, dafür zu sorgen, dass mehr Grundbedürfnisse abseits des Marktes befriedigt werden können. Die Maßnahmen, die Wachstum verringern, könnten gleichzeitig soziale Absicherung gewährleisten: kommunaler oder genossenschaftlicher Wohnraum dämpft einerseits das Wachstum, andererseits macht es Menschen unabhängiger davon, ob ihr Einkommen wächst und schafft ihnen Sicherheit.

    In einer Postwachstumsgesellschaft würden viel Arbeit unnötig werden: in der Rüstungsindustrie, in der Automobilindustrie, im Kohlebergwerk. Stattdessen würde der gesamte Care-Sektor eine Aufwertung erfahren. Vielleicht wären auch wieder mehr Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt. Wenn alle nur noch 20h in der Woche arbeiten würden, hätten sie mehr Zeit, Gemüse anzubauen, ihre Eltern zu pflegen und so weiter. Das soll nicht heißen, dass staatliche Absicherungssysteme überflüssig wären. Trotzdem könnte es bedeuten, dass Menschen in lokalen Netzwerken resilienter wären und die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse weniger von Markt oder Staat abhängen. Natürlich wäre auch eine allgemeines bedingungsloses Grundeinkommen denkbar.

    Grundsätzlich hilft mir beim Grübeln darüber, wie wir aus der Wachstumslogik ausbrechen können immer ein Zauberwort: Kontingenz. Kontingenz bedeutet Möglichkeit und gleichzeitige Nichtnotwendigkeit. Unsere Wirtschaftsform ist kontingent. Sie ist nicht natürlich, sondern historisch entstanden. Das heißt, Wachstum liegt nicht im Wesen jeglichen Wirtschaftens. Eine andere Welt ist möglich. Unsere Art zu Wirtschaften ist veränderbar. Ein Wirtschaften innerhalb planetarer Grenzen und sozialer Standards ist möglich.

    Das „perfekte“ System haben wir noch nicht erfunden (das gibt es wahrscheinlich nicht und es zu propagieren wäre gefährlich ideologisch – aber wenn ihr es gefunden hab, gebt mir Bescheid) und nicht alle von uns sind Ökonom*innen. Das hält uns aber nicht davon ab – im Kleinen – schon mal loszulegen mit unserer Utopie und zu versuchen, unsere Werte im jetzigen System anzuwenden.

    Ein ähnliches Interludium gab es auch im Netzgespräch. In Diskussionen zu Wachstum, wie zu vielen anderen Themen auch kommt man nämlich mit sachlichen Argumenten nur bis zu einem gewissen Punkt. Wichtig ist auch, über seine Gefühle und Erfahrungen zu sprechen und empathisch gegenüber der Gefühle und Erfahrungen der anderen zu sein. Denn Gefühle, Wünsche und Träume kann einem so leicht niemand „absprechen“.

    Im zweiten Teil des Workshops wurde es praktisch. Lasse hat verschiedene Rollenkarten mitgebracht, mit denen wir in Kleingruppen Gesprächssituationen nachgespielt haben. Es gab die Wachstumskritiker*innen, die Zweifler*innen und die Personen, die Pro-Wachstum argumentierten.

    So trafen beispielsweise aufeinander:

    -          Student*in, 17-21, enthält Bafög und arbeitet in einem kleinen Nebenjob mit den Einstellungen „auf einem endlichen Planeten gibt es kein unendliches Wachstum“ sowie „wir müssen jetzt unsere Lebensweise ändern, um ein gutes Leben für alle in der Zukunft zu ermöglichen“ und „natürlich geht es auch anders, wir müssen uns nur darauf einlassen“

     

    -          Rentner*in, war im Bildungsbereich tätig, Ende 60, mit den Einstellungen „Die jungen Leute haben schon Recht, das kann so nicht weitergehen!“, „es geht immer nur ums Materielle, dabei ist das doch gar nicht das, was im Leben zählt“, „es ist wichtig, immer konstruktiv zu bleiben“, „Veränderung braucht Zeit“ und „Klar flieg ich auch mal gern in den Urlaub“

     

    -          Beschäftigte*r aus der Automobilbranche mit relativ gutem Einkommen, Anfang 50, mit den Einstellungen „Wachstum bedeutet doch Fortschritt“, „ohne Wachstum gehen uns Arbeitsplätze verloren“, „Nur mit Wachstum können wir uns Klima-/Umweltschutz leisten“, „Wachstum ist ein Ausdruck unserer Freiheit“

     

    Es hat Spaß gebracht, diese Diskussionen zu spielen und war spannend zu beobachten, wie sehr es in solchen Debatten um Identitäten geht. Fragen zu stellen und zu versuchen, empathisch zu sein, aber auch über seine eigenen Werte und Gefühle zu sprechen, waren auf Seiten der Wachstumskritiker*innen gute Strategien.

    Probiert es doch in eurem Umfeld einfach mal aus, mit Menschen über die sozial-ökologische Transformation zu sprechen und teilt in den Kommentaren eure Tipps zum guten Umgang mit solchen Debatten.

    Zukunftsmutige Grüße!

    Johanna

Kommentare

3 Kommentare
  • Johannisbeere1502
    Johannisbeere1502 Mehr inhaltliches Futter um Mythen zu Postwachstum zu begegnen gibt´s übrigens hier:
    https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/wp-content/uploads/2018/11/lux_argu_14_Wachstum_dt_Konzeptwerk_Neue_Ökonomie.pdf
  • Leana
    Leana Sehr informativer Artikel, der wirklich zum Denken anregt!
  • Laura
    Laura Wunderbar zusammengefasst. Vielen Dank für diesen tollen Artikel, Johanna
    28. Mai