Berichte

Die Local Conference of Youth-junge Klimakonferenz Deutschland

  • Die Local Conference of Youth - kurz LCOY - sind regionale Ableger der Conference of Youth (COY), die wiederum jedes Jahr analog zur UN-Klimakonferenz (COP - Conference of the Parties) veranstaltet wird.

    2019 gab es mit der LCOY in Heidelberg die erste junge Klimakonferenz in Deutschland; eine von 24 weltweit. Dieses Jahr fand die Konferenz nun im digitalen Raum statt, auf discord und youtube.

    Die erklärten Ziele der LCOY sind:

    1. „Vernetzung mit anderen Aktiven der Klimabewegung ermöglichen“

    2. „Austausch mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bieten“

    3. „Wissen vermitteln & Handlungsmöglichkeiten aufzeigen“

    (www.lcoy.de/de/lcoy-de)

     

    Für die nächsten Jahre sind wieder große Konferenzen geplant, es lohnt sich also, auf dem Laufenden zu bleiben und der LCOY vielleicht auf den sozialen Medien zu folgen.

     

    Am Samstag wurden in zwei Blöcken workshops und Gesprächsrunden aus den Bereichen Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft angeboten. Dabei bestand die Möglichkeit, mit Gästen vom BMU, dem Wuppertaler Institut, dem BUND, der britischen Botschaft und einigen weiteren über zuunftsweisende Fragen zu diskutieren. Es ging, um nur ein paar Themen zu nennen, um internationale Klimapolitik, Wirtschaftswachstum und Diversität in der Klimapolitik.

    Nach einer Einführung für die Teilnehmenden auf discord und Grußworten unserer Umweltministerin Svenja Schulze, konnte man sich für eine Veranstaltung entscheiden.

     

    Da ich mich im Moment (gerade im Rahmen der Zukunftsmutigen-Kampagne) besonders für Wirtschaftsthemen im Zusammenhang mit Klima interessiere, wählte ich das Expertengespräch mit Leon Leuser von Adelphi consulting. Sein Vortrag hieß „Ist weniger manchmal mehr?“ und wollte einen Einblick in die Suffizienzpolitik geben.

    Hier könnt ihr lesen, was ich daraus mitgenommen habe (kein Anspruch auf Vollständigkeit, eher ein persönlicher Einblick :-) ).

     

    Leon Leuser startete mit der Frage, warum wir Suffizienz benötigen. Die Klimakrise und das Überschreiten mehrerer planetarer Grenzen machen eindeutig, dass wir anders wirtschaften müssen. Eine Möglichkeit, auf die viele hinweisen, ist die des grünen Wachstums. Durch die Förderung erneuerbarer Energien und dank technischer Innovationen soll es demnach möglich sein, das Wirtschaftswachstum von der Umweltzerstörung zu entkoppeln.

    Leon zeigte uns anhand einiger Statistiken, dass der Anteil der erneuerbaren Energien noch viel zu gering ist, außerdem sinkt der Primärenergieverbrauch trotz gesteigerter Effizienz nicht stark genug. Das liegt einerseits am Wachstum der Gesamtwirtschaft, andererseits an Rebound-Effekten.

     

    Eine Studie des European Environmental Bureau (EEB) aus dem Jahr 2019 hält fest, dass es keine empirischen Belege für eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltbelastungen mit dem erforderlichen Umfang gibt. Hier findet ihr die Studie: https://netzwerk-n.org/wp-content/uploads/2019/08/Entkopplungsreport_EEB_07_2019.pdf

     

    Das führte Leon zu einer Verschiebung von Effizienz zu Suffiziez. Neben technischer Maßnahmen, müsse auch eine Politik der Suffizienz verfolgt werden. Letztlich brauche es eine Kombination von Konsistenz (Übergang zu naturverträglichen Technologien), Effizienz (Erhöhung der Ressourcen-produktivität) und Suffizienz (https://wupperinst.org/themen/wohlstand/suffizienz/) .

     

    Was genau bedeutet Suffizienz? Es ist die Frage nach dem richtigen Maß, die Frage „Was brauchen wir wirklich?“. Suffiziente Entscheidungen kann jede und jeder für sich individuell treffen - wenn wir uns zum Beispiel den kleinen Kühlschrank kaufen, oder statt eines Trockners einfach Wäscheleine und -klammern benutzen. Allerdings ist Suffizienz auch politisch!

     

    Wir alle kennen die Erfahrung, uns möglichst umweltbewusst verhalten zu wollen und dennoch immer wieder an Grenzen zu stoßen. In den Strukturen, in denen wir leben, kann ich meine Treibhausgasemissionen nur begrenzt reduzieren. Ich kann mit dem Fahrrad zur Uni fahren und mich vegetarisch oder vegan ernähren. Aber ich kann nicht entscheiden, welche Heizung mein Vermieter benutzt und die im Vergleich zum Flugzeug manchmal viel teueren Bahntickets machen mir die Entscheidung, nicht zu fliegen, zumindest viel schwerer.

    Niemand leugnet, dass auch indivuelle Beiträge wichtig sind für den Klimaschutz. Aber die politische Ebene sollte auf keinen Fall vergessen werden; die Politik sitzt am längeren Hebel und die Verantwortung nur in den privaten Bereich zu verschieben, halte ich für gefährlich.

     

    Genau so ist es bei der Suffizienz und deshalb sagt Leon Leuser: „Suffizienz ist politisch“. Viele Strukturen beeinflussen unsere Entscheidungen und im Moment lenken sie uns eher zu einem erhöhten Umweltverbrauch. Soziale Normen, Infrastrukturen, Steuern, Religion, Werbung - all diese Faktoren beeinflussen unsere persönliche Situation, unsere Wünsche und unser Verhalten.

     

    Wie kann Politk also Suffizienz fördern?

    Bei dieser Frage fand ich besonders interessant, dass Preisanreize zwar wichtig sind, aber nicht genug. Beispiel Mobilität: bei einer Umfrage unter FahrradfahrerInnen in Kopenhagen gab die Mehrheit an, dass sie das Rad nehmen, weil es schneller und einfacher ist. Dass es billig ist war für circa ein Drittel entscheidend, und die Umweltfreundlichkeit gaben nur 7 % an.

     

    http://www.cycling-embassy.dk/wp-content/uploads/2017/07/Velo-city_handout.pdf

     

    In diesem Fall ginge es also vor allem darum, Alternativen zu ermöglichen: ÖPNV, car sharing, Leihfahrräder, Lastenfahrräder, Plattformen wie Jelbi von den BVG (https://www.jelbi.de/). Infrastruktren müssen so verändert werden, dass ÖPNV und Fahrräder attraktiver als das Auto sind. Politische Maßnahmen könnten sein: Investitionen in Fahrradverkehr, Reduktion der Fläche für PKW in der Stadt, auch Verbote oder Mengenbegrenzungen (was beispielsweise Abgasgemissionen anbelangt) wären möglich. Es könnte eine City-Maut für Autos geben, Bahntickets müssten günstiger sein, Autostellplätze dürften nicht länger so günstig sein.

    All das sind strukturelle Veränderungen, die von einer Politik der Suffizienz ausgehend, dazu führen würden, dass es Menschen leicht fällt, sich umweltfreundlich zu verhalten.

     

    Nach Leon Leusers Vortrag gab es die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Ich habe mich gefreut, mit ihm noch ein wenig über das Thema Postwachstum reden zu können.

     

     

    Nach einer kurzen Pause startete auch schon der zweite Block. Wieder habe ich mich für einen workshop im Bereich Wirtschaft angemeldet. Diesmal ging es um commons: „Welt/Wirtschaft der Commons - von Pflege und gutem Leben für alle“, war der Titel, Simon Sutterlütti der Gast. Wir waren eine kleine Gruppe, sodass sich zunächst jede/r vorstellen konnte und kurz über seine/ihre Utopie sprechen konnte. Nach einem Zitat von Greta Thunberg - „And if solutions within the system are so impossible to find, maybe we should change the system itself“ - und etwas Kapitalismuskritik, stellte uns Simon die Idee der Commons vor. Ich möchte hier nur in aller Kürze ein paar Punkte nennen, aber wenn ihr euch für das Thema interessiert, gibt es unter www.system-change.net mehr Informationen.

    Simon sprach von einer Gesellschaft der commons als einer „befreiten Gesellschaft“. Befreit wären die Menschen zunächst vom Arbeitszwang: niemand müsste mehr erwerbstätig sein, um seine Existenz zu sichern. Es bräuchte kein Geld mehr. Die Menschen würden die Ressourcen gemeinsam nutzen und gemeinsam darüber entscheiden, wie sie wirtschaften. Durch Freiwilligkeit würden Menschen vor allem an Dingen arbeiten, in den sie Sinn und Freude finden. Eine Commons-Gesellschaft gelänge, da Menschen,ihre Bedürfnisse und Kommunikation im Mittelpunkt ständen und Bedingungen der Inklusion Normalität wären.

    Es hat Spaß gemacht, sich eine solche Welt vorzustellen und es gibt schon jetzt Beispiele, die in eine solche Richtung gehen: Solidarische Landwirtschaft etwa, oder auch die Organisation der Klimacamps.

     

    Pünktlich um 17 Uhr schaltete ich meinen Laptop wieder an um mir auf youtube eine Diskussion mit VertreterInnen aus Politk, Wirtschaft und Wissenschaft zum Thema „Welche Wirtschaft braucht das Klima?“ anzuhören. Nach einem spannenden und vielversprechenden Start gab es leider Störungen mit der Internetverbindung und die Diskussion brach ab. Ich hoffe, sie wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt und dann auf youtube veröffentlicht.

    Schon jetzt kann man sich dort den Livestream anschauen, der parallel zu den workshops lief.

     

    Es hat Spaß gemacht, bei der LCOY dabei zu sein und ich fand die Themen so spannend, dass ich gerne parallel an mehreren workshops teilgenommen hätte. Es gibt einfach immer Neues zu erfahren in der Welt des Umweltschutzes!

    Toll wäre es auch, nächstes Jahr live dabei zu sein.

     

     

Kommentare

5 Kommentare
  • Sunlight
    Sunlight Danke Johanna für diesen ausführlichen Einblick! ich hab Samstag auch immer mal wieder in den Livestream geschaltet und fand es auch sehr spannend und inspirierend Inzwischen ist auch die Aufzeichnung der letzten Podiumsdiskussion...  mehr
    16. Nov. - 5 gefällt das
  • ChristinaA
    ChristinaA Total toll, dass du da warst Danke für den Bericht!
    16. Nov. - 4 gefällt das
  • dominikh
    dominikh Die Workshops hören sich auch total spannend an. Ich war beim Workshop vom BUND "Wohlstand in einer Postwachstumswirtschaft?", in dem wir nach einer Einführung in die Postwachstumswirtschaft und Problemen einer auf (grünem) Wachstum basierenden...  mehr
    16. Nov. - 2 gefällt das
  • dominikh
    dominikh Buchtipp zum ersten Workshop: Degrowth vom Konzeptwerk Neue Ökonomie (hab ich selbst noch nicht gelesen)
    16. Nov. - 3 gefällt das