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Netzgespräch zum Thema Wirtschaft und Märkte

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    Netzgespräch zum Thema Wirtschaft und Märkte am 31. Juli mit Justus Kammüller

     

    Auch wenn durch die Corona-Krise lange Zeit andere Themen aus dem öffentlichen Diskurs verschwanden und die Pandemie wahrscheinlich noch für einige Zeit das Topthema sein wird: ökologische Probleme bleiben bestehen und der ökologische Bewusstseinswandel, der sich in Gesellschaft und Politik vollzieht, ist weiterhin spürbar.

    Gerade in einer Zeit wie dieser werden Wachstumskritiker lauter und viele Menschen beginnen, darüber nachzudenken, was sie wirklich brauchen.

    Genau wie es PolitikerInnen klar sein müsste, dass sie Klimaschutz zu einem zentralen Thema erklären müssen, um gewählt zu werden, sollte auch UnternehmerInnen klar sein:

    Unternehmen, die auch in Zukunft erfolgreich bestehen wollen, müssen dem Thema Nachhaltigkeit auf ihrer Agenda einen der obersten Plätze einräumen. Krisen werden häufiger werden, und gerade auch ökologische Krisen werden für Unternehmen zu Problemen.  Es ist durchaus denkbar, dass es eine weitere Viruskrise geben wird. Es gilt für Unternehmen also, eine Strategie dafür zu entwickeln, wie sie in Zukunft nachhaltig wirtschaften können.

     

    Hier kommt der WWF-Experte für Wirtschaft und Märkte Justus Kammüller ins Spiel. Mit ihm durften wir vergangenen Freitag ein inspirierendes Netzgespräch führen. Justus lebt mit seiner Partnerin und seinem Sohn in Portugal, von dort aus arbeitet er für den WWF Deutschland.

    Derzeit befasst er sich mit dem sogenannten „One Planet Business Framework“. Dabei ist ein „One Planet Business“ ein Unternehmen, das innerhalb fester planetarer Grenzen agiert und soziale Standards einhält. „One Planet“ stellt die schmale Linie zwischen dem Überschreiten der ökologischen/sozialen Grenzen auf der einen Seite, und einer positiven regenerativen Wirtschaftsweise auf der anderen Seite dar.

     

                                                                                                                Justus Kammüller/WWF

     

     

    Mit dem „One Planet Business Framework“ soll die Transformation hin zu einem solchen Wirtschaften gelingen.

    Justus sagt, er habe keine schlechten Voraussetzungen: weil der WWF eine so große und bekannte Marke sei, könne er bei den meisten großen deutschen Firmen Termine bekommen, um mit ihnen über das Konzept zu reden. Seine Erfahrungen bei solchen Gesprächen ist, dass seine GesprächspartnerInnen oft eine recht große Offenheit zeigten.

     

    Welche Firmen werben denn inzwischen nicht mit einer Nachhaltigkeitsstrategie, Fairness, ökologischem Bewusstsein usw.? Auch wenn sicherlich viele Marken mehr Greenwashing betreiben, als dass ihnen Umweltschutz am Herzen läge – zumindest wird dabei deutlich, dass es Unternehmen klar ist, dass eine umweltgerechte Ausrichtung gut für ihr Image ist. Wenn wir die europäischen Klimaschutzziele erreichen wollen und die Politik entsprechende Maßnahmen ergreift, werden solche Unternehmen Vorteile haben, die klimaneutral sind oder eben innerhalb planetarer Grenzen agieren.

     

    Damit ist das Framing, also gewissermaßen der Rahmen, mit denen der WWF auf Unternehmen zugeht, ein anderer, als ihn Postwachstumsökonomen anwenden.

    Justus hat erklärt, dass der WWF Firmen, die zu einer Kooperation bereit sind, nicht mit einer zu harten Linie abschrecken, sondern die Kooperation eher Schritt für Schritt ausbauen will.

    Ein kurzes Stimmungsbild der Gruppe am Freitag zeigte eine zustimmende Haltung zu dem Vorgehen des WWF. Es herrschte Einigkeit darüber, dass es ein Spektrum an Ansätzen geben sollte, wenn es um Umweltschutz und die Transformation der Wirtschaft gibt. Diese Ansätze können auch durch andere NGOs repräsentiert werden.

    Organisationen wie Greenpeace sind für ihre öffentlichkeitswirksamen, und im positiven Sinne radikalen Forderungen, bekannt und haben ebenso ihre Daseinsberechtigung, wie eine auf Unternehmenskooperation ausgelegte Strategie des WWF.

    Zum Thema Transformation hat uns Justus Kammüller ein Buch empfohlen und auf dessen Grundlage drei Ansätze vorgestellt:

     

                                                                                                                             Justus Kammüller/WWF

     

    Das Buch heißt „The wizard and the prophet“ von Charles C. Mann und steht jetzt auf jeden Fall auf meiner „To read“-Liste. Darin werden aktuelle Umweltdebatten einmal anders beleuchtet, nämlich durch zwei sehr unterschiedlich veranlagte “personalisierte Denkansätze“, die beide Visionen für die Zukunft der Erde haben.

    Der Zauberer möchte in diesem Modell dank Technologie und perfekter Marktorganisation zu einer absoluten Entkopplung von Umweltzerstörung und Wirtschaftswachstum kommen. Das heißt, wir müssten unser System und die Haltung, die dem zugrunde liegt, nicht ändern.

    Der Prophet dagegen glaubt nicht, dass eine solche Entkopplung möglich ist und sieht deshalb Postwachstum und eine Kehrtwende in der Konsumkultur als notwendig. Die Wirtschaft sollte sich auf Resilienz und Suffizienz ausrichten. Dieser Ansatz erfordert allerdings eine grundlegende Veränderung unseres Mindsets.

     

     

    Würden wir im Schlaraffenland leben, wo von allem immer für jeden genügend vorhanden ist, gäbe es die Notwendigkeit zu wirtschaften gar nicht. Wir müssen wirtschaften, weil unsere Ressourcen begrenzt sind.

     

    Transformation erfordert in jedem Fall das Verständnis dafür, dass die natürlichen Rohstoffe unseres Planeten und unsere Ökosysteme die Grundlagen sind, auf der die Gesellschaft aufbaut. Im Modell ist die Wirtschaft über die Blöcke gezeichnet, die für die Gesellschaft stehen, denn wirtschaftliches Handeln soll immer der Gesellschaft dienen. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise muss also die begrenzten Ressourcen so nutzen, dass sie dem Gemeinwohl dienen und ökologischen und sozialen Standards gerecht werden.

     

      Daniel Metzke (PIK, 2020)

     

                                                                                                                                                 

    Mit Justus haben wir nicht nur über One Planet und die Strategien zur Unternehmungsberatung geredet, sondern er hat uns auch unsere Fragen beantwortet und uns einige Tipps an die Hand gegeben, was seiner Meinung nach für eine gelingende Kampagne wichtig sei.

    Wir müssen uns Wissen zum Thema Postwachstum, sozial-ökologische Transformation, Utopien einer nachhaltigen Gesellschaft aneignen, eine gute Argumentation aufbauen, die auf die großen Fragen antworten hat und auch „Scheinargumente“ widerlegen kann. Denn es gibt Hürden und berechtigte Fragen, wie die nach Deutschlands Rolle in der Weltwirtschaft, wenn Wirtschaftswachstum nicht mehr priorisiert wird. Oder auch die Frage nach den Arbeitsplätzen.

     

    Einer, der diese Fragen beantwortet, ist der Postwachstumsökonom Niko Paech. Er fordert zum Beispiel eine Abkehr von der 40-Stunden-Woche. Die Menschen sollen weniger arbeiten, so kann eine höhere Beschäftigungsrate erreicht werden und die Menschen haben mehr Zeit für ihre Gärten, Familien etc. Ich kann euch folgenden Vortrag von ihm sehr empfehlen: https://www.ardaudiothek.de/hoersaal/wir-muessen-uns-zurueckentwickeln-volkswirt-niko-paech/71577902

     

    Büchertipps und Empfehlungen wie diese und weitere Bücher, auf die Justus uns hingewiesen hat, findet ihr auch bereits jetzt und in der kommenden Zeit in unserer Vernetzungsgruppe. Tretet da bei Interesse gerne ein:

    https://www.wwf-jugend.de/group/398/vernetzung-mit-den-zukunftsmutigen

     

    Nach dem Vortrag und dem Gespräch waren wir Zukunftsmutige und unsere Gäste sehr inspiriert und begeistert. Bei mir hat sich die große Lust breitgemacht, noch tiefer in das Thema einzusteigen.

    Im Moment sammeln wir Zukunftsmutige viel Input und lernen von WWF Expertinnen und Experten sowie weiteren Quellen. Wie unsere Kampagne aussehen wird, ist noch nicht konkret festgelegt. Für uns stellt sich diesbezüglich noch die Frage, welchen Hebel wir ansetzen wollen und was genau unsere gemeinsame Position ist.

    Im September haben wir ein Treffen in Leipzig geplant, auf das ich mich sehr freue und bei dem wir die Kampagnengestaltung sicherlich gut voranbringen werden.

     

    Bis dahin sehen wir uns und hoffentlich auch euch in den Netzgesprächen und in der Vernetzungsgruppe!

     

     

     

     

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