Berichte

Weltretter - oder die Normalos von Morgen?

  • Vor etwa zwei Wochen habe ich hier einen Kommentar zu unserer Bezeichnung als „Weltretter“ veröffentlicht. Dieser Artikel stellt eine Fortsetzung dar. Lest euch also gerne vorher den ersten Artikel durch, falls ihr es noch nicht getan habt. Nach wie vor interessieren mich dort auch noch mehr Meinungen in den Kommentaren.

     

    Pumas Reaktion war folgende:

    „Ich mag den Begriff Weltretter auch nicht so gerne, weil er für mich zum einen impliziert, dass wir uns (vllt) für etwas besseres halten. (Ich denke das Gegenteil wäre ja irgendwie "Weltzerstörer" oder so, was dann ja alle wären, die nichts machen. ... Kommt mein Punkt rüber?)“ - Puma

    Ich stimme dir zu Puma, dass wir uns nicht für etwas besseres halten sollten, denn das sind wir nicht. Nahezu niemand handelt absichtlich schlecht, jede/r tut, was er/sie für richtig hält. Dabei gibt es uns Ökos, die die Verantwortung für diesen Planeten direkt auf sich beziehen und andere, die eher passiv handeln oder sich in anderen Bereichen engagieren und das ist vollkommen okay. Und doch finde ich deinen Zusatz in den Klammern sehr interessant: „Weltzerstörer“ - Sollten wir uns nicht eingestehen, dass wir durch unsere Konsumgesellschaft im Moment genau das sind? Der menschengemachte Klimawandel verändert die gesamte Atmosphäre und damit den Wasserkreislauf der Erde. Unsere Pestizide zerstören die Artenvielfalt und immer mehr Straßen und versiegelte Flächen zerschneiden Lebensräume und zerstören Ökosysteme. Selbst die Doomsday Clock - Weltuntergangsuhr - des Bulletin Boards, welches sich normalerweise mit den Gefahren durch Atombomben auseinandersetzt, wurde mittlerweile auch durch den Klimawandel weiter vorgestellt, um zu symbolisieren, wie gefährlich diese Entwicklung derzeit ist, auch wenn sie unsichtbar scheint. Sie steht nun auf 2 vor 12.

    Nehmen wir wieder Anders. Anders ist unser jugendlicher Beispiel-Aktivist und ziemlich engagiert. Anders hat nun seinen ökologischen Fußabdruck berechnet, um eine grobe Abschätzung zu haben, wie umweltfreundlich er lebt. Mit dem Rechner des Global Footprint Networks ist er zu diesem Ergebnis gekommen:

    Ergebnis footprintcalculator.org von Anders

     

    Damit liegt Anders im globalen Durchschnitt und hat im Vergleich zum durchschnittlichen deutschen Fußabdruck einen sehr guten Wert. Doch ab diesem Wert kommt er nicht mehr alleine weiter. Zwar kann er nach und nach versuchen, noch mehr Veränderungen in seinen Alltag einzubauen, um besser im Rahmen der natürlichen Ressourcen zu leben, doch manches kann er alleine nicht beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise der Straßenbau und die Energieversorgung öffentlicher Gebäude. Relativ gesehen lebt er also umweltfreundlich, absolut jedoch eher umweltfeindlich.

     

    Ich sage das nicht, um jegliche Hoffnungen zu zerstören. Die Menschheit hat Technologien geschaffen und damit die Macht von Naturgewalten bekommen. Wir haben als Gesamtheit die Möglichkeit, alles zu zerstören oder unsere Macht behutsam und mit Respekt vor jeglichem Leben einzusetzen. Wir sollten uns nur dieser Verantwortung bewusst sein. Dann können wir auch den Kurs ändern und das Leben auf dieser Erde schützen.

     

    In diesem Artikel möchte ich noch einen etwas anderen Ansatz wählen: Was würde passieren, wenn wir den Begriff „Weltretter“ durch „Normalos von Morgen“ ersetzen würden. Denn genau das ist das, was meiner Meinung nach passieren muss. Unser Engagement, unsere Leidenschaft und Liebe zu diesem Planeten muss normal werden. Dann würde es einige geben, die noch viel naturverbundener leben und einige, deren Engagement und Respekt für die Natur niedriger wäre. Insgesamt würden dann alle nachhaltiger handeln, weil sich der gesamte Markt auf nachhaltige Lösungen umstellen würde und ökologisch vertretbare Produkte nicht mehr nur in Nischen zu finden wären. „Normalos von Morgen“ zeigt damit eine Möglichkeit zur Vision einer nachhaltigen Zukunft auf.

     

    Anders wäre dann nicht mehr der Außenseiter oder Öko: Zusammen mit seinen Freund*innen würde er diskutieren, wie eine nachhaltige Gesellschaft aussehen kann. Bei der Abschätzung von Risiken würden nicht mehr wie im Nachhaltigkeitsdreieck Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit gleichwertig nebeneinander stehen. Stattdessen würden sich Entscheidungen an den SDGs nach dem Modell von Rockström und Sukhdev orientieren. Ökonomische Erfolge würden nur noch auf der Basis gesunder Ökosysteme entstehen.

     

    Credit: Azote Images for Stockholm Resilience Centre

     

    Wir brauchen also einen Plan: Wie können wir es schaffen, dass wir die „Normalos von Morgen“ sind?

    Hier findet ihr ein paar Ideen, die ich für die Vision einer nachhaltigen Zukunft wichtig finde. Ich würde mich über Ergänzungen in den Kommentaren freuen.

    1. Findet eure Gruppe, in der ihr heute schon die „Normalos von Morgen“ sein könnt und euch mit Gleichgesinnten austauschen könnt. Das kann hier in der WWF Jugend sein, bei Greenpeace, der BUNDjugend, der NAJU, den Earth Guardians, der Grünen Jugend, in einer Umwelt-AG oder Hochschulgruppe oder auch in eurem Freundeskreis… Im Kontakt mit anderen verliert ihr die Hoffnung nicht, die für alle Aktionen so wichtig ist.

    2. Druckt euch coole Sprüche auf T-Shirts oder Pullis oder macht Sticker und Buttons für mehr Artenvielfalt und Klimaschutz an eure Rucksäcke und auf eure Schulhefte und Laptops.

    3. Zeigt euren Freund*innen und eurer Familie, wie lecker veganes Kochen sein kann.

    4. Verschenkt Trinkflaschen aus Edelstahl oder Glas, lesenswerte Bücher, Ausflüge in die Natur oder Spenden an Natur- und Klimaschutzorganisationen zu Geburtstagen und anderen Anlässen.

    5. Überlegt euch, wie ihr Spaß mit Umweltschutz verbinden könnt. Slacklinen, musizieren, Jonglieren und Einrad-Fahren im Park erweckt Aufmerksamkeit. Vielleicht schafft ihr es so, Leute zu erreichen, die sonst sofort weghören würden.

    6. Sucht das Gespräch mit Politiker*innen und Entscheidungsträger*innen. Ich selbst habe das noch kaum versucht, doch die Erfolgschancen sind wahrscheinlich hoch. Die meisten sind eher passiv in den Themenbereichen Umwelt und Klima. Wenn sie merken, warum uns die Themen am Herzen liegen, werden sie vielleicht auf uns eingehen.

    7. Nehmt Freund*innen zu Aktionen mit und begeistert sie für unser Engagement.

    8. Steht zu euren Ansichten und traut euch auch ab uns zu einmal anzuecken. Letztendlich zählen die Argumente. Wenn ihr gut informiert seid, werden wir langfristig mehr Menschen überzeugen können.

     

    (Nach dem letzten Artikel hatte ich den Eindruck, dass sich einige von euch durch meine Bezeichnung mancher Aktionen als "Greenwashing" angegriffen gefühlt haben. Es war keineswegs mein Ziel, diese Aktionen kleinzureden. In diesem Artikel aus dem letzten Dezember könnt ihr sehen, wie stolz ich auf die Erfolge dieser ganzen Aktionen bin und wie wichtig mir die WWF Jugend in den letzten 3 Jahren geworden ist. Doch es wird noch lange nicht genug getan, um "die Welt zu retten". Und ich finde, wir müssen ab und zu die Zeit finden, unser Engagement und dessen Wirkung kritisch zu hinterfragen, damit wir in den nächsten Jahren noch mehr erreichen können!)

    Weitere Infos/Quellen:

    overshootday.org

    www.footprintcalculator.org 

    Doomsday Clock

    Stockholm Resilience Centre

    über Prof Rockström (von der DBU)

Kommentare

2 Kommentare
  • UliRike
    UliRike Wieder sehr gut geschrieben! :-) Meiner Meinung nach sollten wir versuchen, verstärkt mehr Einfluss auf die Politik zu nehmen, um die 'Normalos von Morgen' zu werden; denn die Politik beschließt mit ihren Gesetzen eben den Normalzustand von Morgen!
    In...  mehr
    20. April 2018 - 4 gefällt das
  • LiaLioky
    LiaLioky Danke, dass du nochmal auf die vielen Reaktionen zu deinem Artikel eingegangen ist. "Normalos von morgen" finde ich persönlich eine super Idee, ist aber etwas lang, um auf Shirts gedruckt zu werden Auch stellt man ja damit einfach die Anforderungen an...  mehr
    23. April 2018