Berichte

Was ist los im Erbsenhirnparalleluniversum?

  • „Der Ameisenbär ist jetzt nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Torte und schlittert deshalb immer ein wenig an unserer Realität vorbei.“ erklärt Lydia Möcklinghoff bei einer Science Slam Veranstaltung in Köln. Sie zeigt einen Videoausschnitt. „Da sitz ich jetzt genau vor dem Ameisenbären und er versucht rauszufinden, was eigentlich los ist. Das Gehirn des Ameisenbären hat ungefähr Walnussgröße, was zur Folge hat, dass sich der Ameisenbär in der Regel immer nur auf eine Sache richtig konzentrieren kann. In diesem Fall badet er und bemerkt überhaupt nicht, dass da jetzt eine Wildsau neben seiner Badepfütze steht, das gefährlichste Tier bei uns in der Gegend. Dem Ameisenbären geht es prima, weil der kriegt nichts mit.“

    Erbsenhirnparalleluniversumsforschung betitelt Lydia ihre Arbeit liebevoll. Sie ist Ameisenbärenforscherin und untersucht das Verhalten des Großen Ameisenbären (Myrmecophaga tridactyla) in Brasilien. Moment, Ameisenbär...? Wie bitte? Was war denn das nochmal? Der Ameisenbär ist ein Säugetier mit buschigem Schweif und einer langen Schnauze, in der er seine bis zu 60 cm lange Zunge herumträgt. Die braucht er, um seine Nahrung – Ameisen und Termiten – zu vertilgen, die er aus Löchern und Spalten herausangelt.

    Ameisenbären tragen ihre Jungen bis zu neun Monate auf dem Rücken.

     

    Seit 2009 arbeitet Lydia im Pantanal, einem riesigen Feuchtgebiet mit unterschiedlichen Lebensräumen - Wälder, Seen, Savanne. Zur Regenzeit wird das Land überschwemmt. Und weil das Gebiet so divers ist, gibt es auch unzählige Tierarten. Aras, Pumas, Jaguare, Gürteltiere, Tapire, Wasserschweine, Nandus, Krokodile und natürlich Ameisenbären.

     

    Pantanal von oben.

     

    Interview

    Heute treffe ich Lydia in einem Kölner Café. Ich bin schon da und warte nun mit einem Cappuccino in der Hand. Als sie hereinkommt, fällt mir gleich die Kette an ihrem Hals auf. Ein kleiner Ameisenbär kuschelt sich an ihre warme Haut. Heute ist es bitterkalt. Meine Hände sind trotz des heißen Kaffees noch immer taub. Zeit sich aufzuwärmen! Schnell, schnell! Auf nach Brasilien! Ameisenbären erforschen! Zumindest in Gedanken! Ameisenbärenforschung ist ja schon ein ausgefallener Beruf, finde ich.  „Wie viele Menschen erforschen denn das Verhalten des Großen Ameisenbären?“ möchte ich wissen. „Nur ich.“ antwortet Lydia. „Ich mache eine Langzeitstudie mit Kamerafallen. Zehn habe ich, die ich Jahr für Jahr in einem 100 km² großen Gebiet im Pantanal verteile. Jeweils eine Woche hängen sie an einer Stelle, bevor ich sie einsammele und zu den nächsten Positionen bringe. Weil ich jedes Jahr die exakt gleichen Positionen bestücke, kann ich vergleichen wie sich die Ameisenbären in den verschiedenen Jahren und Jahreszeiten verhalten. Ist es in einem Jahr besonders heiß, oder ist ungewöhnlich viel Regen gefallen, kann man aus ihrem Verhalten keine allgemeingültigen Schlüsse ziehen. Erst durch jahrelanges Beobachten kann ich herausfinden, was Ameisenbären wirklich brauchen und wie sie leben. Und nur so ist es möglich, die bedrohte Tierart zu schützen.“ So bekommt Lydia einen Einblick in das noch sehr geheime Leben ihrer „Gesichtsbananen“….

    „Welche Gefahren gibt es denn für den Ameisenbären?“ frage ich. „Die natürlichen Feinde sind der Jaguar und der Puma. Die fressen aber eigentlich viel lieber Schweine, denn der Ameisenbär schmeckt scheiße. Bekannte von mir haben ihn schon einmal probiert. Außerdem ist da nicht viel Fleisch dran, dafür umso mehr Fell.“ erklärt Lydia. „Allerdings ist der Straßenverkehr ein riesiges Problem. Früher gab es den Aberglauben, dass Ameisenbären Pech bringen wenn sie vorbeilaufen, so ähnlich wie bei uns die schwarze Katze. Da haben die Autofahrer dann nochmal draufgehalten. Heute ist das zum Glück besser geworden.“

     

    Die Begegnung

    Anfangs wollte Lydia Tierfilmerin werden. Sie war auf einem guten Weg und hatte es fast schon geschafft, als ihr einfiel „Eigentlich interessiert mich nicht wie Tierfilme gemacht werden, sondern was die Tiere machen.“ Da hat sie die Notbremse gezogen und sich entschieden, Tropenökologie zu studieren. Nur Pech wenn man Tropenökologie studieren möchte, alle Kurse aber zum Bersten voll sind… oder? Am schwarzen Brett entdeckt sie einen Aushang „Wer kann sofort nach Brasilien? Studie mit Großen Ameisenbären“. Ameisenbären? Nie gehört. Brasilien? Nie gewesen - denkt sich Lydia. Und weil sie sowieso nichts Besseres zu tun hat, bewirbt sie sich. Kaum zu glauben, dass sie die einzige Bewerberin ist.  Und so begegnet Lydia eher zufällig ihren nun so liebgewonnen Bären.

    „Wozu haben die Ameisenbären eigentlich ihren buschigen Schwanz?“ möchte ich wissen. „Sie decken sich beim Schlafen damit zu. Außerdem hilft er dem Tier wahrscheinlich dabei das Gleichgewicht zu halten. Wie schön, da haben die Ameisenbären ihre Decke immer im Handgepäck, oder eher Schwanzgepäck. „Und warum piekst es nicht, wenn sie Ameisen fressen?“ „Die Ameisen wehren sich schon. Vor allem an der Schnauze ist der Ameisenbär sehr empfindlich. Mit ihren Pfoten schieben sie die Angreifer von ihrer Nase. Die Feuerameisen sind am schmerzhaftesten, das ist aber auch gleichzeitig die Art, die sie am liebsten fressen. Vielleicht schmecken sie ja wie Chili.“ Hm! Essen, das sich wehrt! Für mich wäre das ja nichts. Ganz schön tapfer, diese Ameisenbären!

     Abendstimmung im Pantanal.

     

    Forschung

    „Du wolltest ja noch einen Schritt weitergehen und neben den Kamerafallen zusätzlich GPS-Halsbänder einsetzen. Hat es mit der Besenderung der Tiere denn schon geklappt?“ Lydia verdreht die Augen und erzählt „Schön wär’s. Das ist bei Ameisenbären gar nicht so einfach. Weil niemand an ihnen forscht, gibt es auch noch keine gut erprobten Sender, die man ihnen anlegen kann.“ „Ist das so schwierig wegen der langen Schnauze?“ hake ich nach. „Genau. Bei Katzen ist das einfacher, denen zieht man einen Sender um den Hals und fertig. Beim Ameisenbären rutscht ein Halsband über die Schnauze wieder ab. Deshalb hat man den Tieren bisher einen Rucksack angezogen, bei dem die dicke Batterie für den GPS-Sender, der die Position des Tieres an das Internet sendet, auf dem Rücken sitzt. Weil die aber recht groß und schwer ist, schaukelt dieser Rucksack stark hin und her. Das wollte ich nicht, denn es könnte die Ameisenbären stören. Ich habe deshalb, zusammen mit brasilianischen Veterinärmedizinern und einer Firma für solche GPS-Sender, einen neuen „Rucksack“ entwickelt, bei dem die Tiere die Batterie unter dem Hals tragen. Dort behindert er sie viel weniger. Allerdings haben die Ameisenbären dieses Modell in der Testphase nach spätestens zwei Tagen selbstständig wieder ausgezogen. „Es kann eben nicht sofort alles klappen, wenn man Neuland betritt. Trotzdem schade. Wir hatten viel Energie in die Vorbereitung gesteckt. Unser Veterinärmediziner hat sogar extra mit „Betäubungsfachleuten“ für Große Ameisenbären trainiert. Denn die können natürlich nicht intubiert werden, wenn sie zum Anlegen des Rucksacks kurz betäubt werden müssen.“ Ich muss lachen. Ja, dem Ameisenbären einen langen Schlauch ins Maul zu schieben, bis er den Rachen erreicht, ist bei dieser Schnauze tatsächlich ziemlich schwierig. Es ist also gar nicht so einfach, die Wege dieser Tiere haargenau zu verfolgen. Lydia hatte sich erhofft, alle zehn Minuten einen Positionspunkt per GPS zu erhalten und das ein ganzes Jahr lang. Wertvolle Daten, die jetzt noch auf sich warten lassen.

    Ein besonderes Verhalten der Ameisenbären hat die Tropenökologin aber schon entdeckt. Mit ihren langen, scharfen Krallen kratzen sie an Bäumen. Lydia hat jede Menge Baumstämme gefunden, die von Kratzspuren zerfurcht sind. „Die Ameisenbären markieren ihr Revier. Sie sind Einzelgänger, müssen aber trotzdem miteinander kommunizieren. Ich habe auch herausgefunden, dass sie zusätzlich ihre Achseln an den Kratzbäumen reiben, um Geruchmarkierungen zu hinterlassen.“ Durch diese Art der Markierungen teilen sie anderen Ameisenbären verschiedene Dinge mit, zum Beispiel „Ich bin der Größte, ich kratz ganz oben“ oder „Ich bin paarungsbereit“.

    Ein Ameisenbär markiert am Baum.

     

    Versunken

    Interessante Studien, an einem interessanten Tier! „Was die Ameisenbären richtig gut können, ist Monotasking!“ spaßt Lydia. Wenn sie Futter suchen, dann denken sie auch nur ans Futtersuchen. Manchmal passiert es deshalb, dass die Ameisenbären, die weder gut sehen, noch hören können, die Forscherin fast umrennen. In ihrem Paralleluniversum haben sie die große blonde Frau direkt vor ihrer Nase einfach nicht gesehen. Die Ameisenbären zu beobachten ist allerdings nicht immer so simpel. Ihre Forschungsobjekte eiern nicht immer auf offenen Flächen herum, bis sie dann schließlich auf Lydias Schoß landen. Oft muss sie sich mit der Machete einen Weg durch den dichten Wald schlagen, um ihre Kamerafallen anzubringen. Dabei tritt sie nicht selten in Zeckennester. Die vielen hundert Babyzecken verstecken sich dann unter der gesamten Kleidung. Und auch die Wege zu den weitentfernten Positionspunkten können nicht immer bequem mit dem Auto zurückgelegt werden. Oft bleibt es im Schlamm stecken und Lydia verbringt dann Stunden damit, sich wieder freizuschaufeln. Wo das Auto versagt, ist dann das Pferd das beste Transportmittel. Und so fährt, läuft, reitet und paddelt sie durch Flüsse und Wälder.

     

    Ein Buch

    Von ihren Abenteuern mit den Ameisenbären berichtet sie übrigens in ihrem Buch „Ich glaub, mein Puma pfeift“. Lydia erzählt von ihren Erlebnissen mit Tieren und Menschen. Von Begegnungen mit Gerätschaften, die nicht immer so wollen, wie sie sollen. Von der Schwierigkeit, zwischen zwei Welten hin und her zu tingeln. Und von der Schönheit der Natur. Es gelingt ihr dabei, ihre Arbeit und das Pantanal so bildhaft zu beschreiben, dass man glaubt, ihr steter Begleiter zu sein, der alles miterlebt. Vor allem aber ist das Buch unglaublich witzig. Selbst aus dem größten Zecken- und Ameiseninferno macht Lydia mal schnell einen Olympischen Wettbewerb à la „wer piekst am besten“. Als ich das Buch gelesen habe, musste ich oft laut loslachen. Es gibt Abenteuer, die kann uns kein Roman erzählen, sondern nur die Realität.

     

    Wer mehr über Lydia Möcklinghoff erfahren möchte, kann ihre Homepage besuchen: www.lydiamoecklinghoff.de

     Alle Fotos © Lydia Möcklinghoff, Lydia mit Ameisenbär © Ricarda Wistuba

Kommentare

7 Kommentare
  • Cookie
    Cookie Jetzt weiß ich, wozu mein Portugiesischunterricht gut ist: Um mal in Brasilien bei den Ameisenbären vorbeizuschauen. Aber vother muss ich unbedingt dieses Buch lesen!

    Danke für dieses wundervolle Interview, liebe Janine! Schön, dass ...  mehr
    7. Dezember 2016
  • Johannisbeere1502
    Johannisbeere1502 Das klingt extrem spannend! Danke für diesen tollen Bericht, das Buch ist auf meiner Wunschliste :-)
    7. Dezember 2016
  • Jayfeather
    Jayfeather ein schöner bericht!
    die lustige stimmung des buches konnte man schon hier erkennen :)
    Es gibt schon interessante tiere auf dieser welt.
    7. Dezember 2016
  • Greenlife
    Greenlife Ich habe Lydia Möcklinghoff beim Frankfurter Science Slam gesehen und ihr Vortrag war wirklich unglaublich witzig und interessant!
    Das Buch muss ich mir auch unbedingt zulegen!
    7. Dezember 2016