Berichte

Cello goes Green

  • Mit meiner Leidenschaft zur Musik bin ich nicht alleine: in Deutschland werden über eine Millionen Kinder, Jugendliche und Erwachsene an Musikschulen unterrichtet.

    Das Thema Musik und Nachhaltigkeit war mir, obwohl ich seit vielen Jahren täglich mehrere Stunden musiziere, nie bewusst und so beschloss ich, mein Changemakerprojekt unter dem Titel „Cello goes Green“ durchzuführen.

    Also fing ich an zu Recherchieren. Mein ursprüngliches Ziel war es, zu verwendeten Lacken im Instrumentenbau zu forschen. Die verwendeten Lacke sind bereits relativ umweltfreundlich, da nur Naturprodukte verwendet werden.
    Dabei interessierte mich auch der Bereich „Musik und Nachhaltigkeit“ allgemein, da Musik hören oder selber machen für viele Menschen einen unverzichtbaren Teil in ihrem Leben darstellt.
    In meinen Recherchen bin ich auf Eben!Holz e.V. gestoßen. Dieser Verein hat sich aus Instrumentenbauern im deutschsprachigen Raum gegründet und cofianziert die Wiederaufforstung und den nachhaltigen Ebenholzanbau in Madagaskar. Mir war das Problem von illegalem Raubbau und gefährdeter Holzsorten im Instrumentenbau bisher überhaupt nicht bewusst.


    Im Geigenbau wird am meisten Ahorn für den Boden, die Zarhen und die Schnecke eingesetzt. Die Decke ist meistens aus Fichte oder Tanne. Ebenholz wird vor allen für die Wirbel, das Griffbrett und den Bogenfrosch verwendet. Fernambuk wird häufig für die Bogenstange verwendet. 


    Problematisch sind vor allem Ebenholz und Fernambuk, weil sie durch Raubbau, illegalen Handel, Brandrodung und Plantagen in ihrem Bestand bedroht sind. Ich musste feststellen, dass mein eigenes Cello Teile aus Ebenholz und Fernambuk hat.
    Es gibt auch im Tonholzbereich Zertifikate wie FSC . Der FSC-Standard schreibt vor, dass die ökologischen Funktionen eines Waldes erhalten bleiben müssen, er schützt vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten und sichert die Rechte der Ureinwohner und der Arbeitnehmer.
    Illegaler Raubbau ist besonders in den Tropen ein Problem, hier stammt schätzungsweise über 50% des Holzes aus illegalem Raubbau. Der Wald ist nicht nur Lebensraum vieler Tiere, sondern häufig auch Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Zudem macht die weltweite Waldvernichtung etwa 20% der globalen CO2 Emissionen aus und schädigt zudem noch den Wald als Klimaschützer.

    Bogenstangen, flickr

    Ich bin in Hamm (NRW) aufgewachsen und habe an der dortigen Musikschule drei Instrumente erlernt. Seit 2007 nimmt auch die Musikschule Hamm am Jeki/JeKits Projekt teil. Die Abkürzungen stehen für „Jedem Kind ein Instrument“ und „Jedem Kind Instrumente Tanzen Singen“. Bei diesem können etwa 60.000 Grundschulkinder in NRW sehr kostengünstig ein Instrument erlernen, dass Leihinstrument bekommen Sie kostenlos zur Verfügung gestellt, das Land NRW fördert das Projekt mit 10 Millionen Euro jährlich. Es handelt sich also um ein Projekt, bei dem in großer Stückzahl von Steuergeldern günstige Instrumente gekauft werden.
    Mich interessierte natürlich, welche Instrumente dort angeschafft werden. Denn nicht nur die Masse der angeschafften Instrumente könnte, wenn nachhaltig eingekauft, einen Unterschied machen. Musikschulen haben auch einen Vorbildcharakter, denn das Musikschulleihinstrument ist meist das erste Instrument eines Schülers. Wenn alle Musikschulen nur noch FSC-zertifizierte Instrumente besäßen und das kommunizierten, könnte das Schüler zum Kauf von nachhaltigen Instrumenten bewegen. 

    Musikschule in Hamm, flickr

    Doch wer ist verantwortlich für die im JeKits-Programm eingesetzten Instrumente? Wer kauft ein, wer überwacht, wer verwaltet, wer genehmigt?
    Als erstes wandte ich mich an die mit der Projektdurchführung beauftragte JeKits Stiftung. Dort erfuhr ich, dass es in NRW seit April 2013 eine Rechtsverordnung zum Tariftreue- und Vergabegesetz gibt. In § 12 Abschnitt 3 steht: „Das in Holzprodukten (einschließlich Papier und Karton) verarbeitete Rohholz muss nachweislich aus legaler und nachhaltiger Waldbewirtschaftung stammen. Der Nachweis ist vom Bieter durch Vorlage eines Zertifikates des PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes), des FSC (Forest Stewardship Council) oder durch gleichwertige Siegel, Zertifikate oder Nachweise, wie technische Unterlagen des Herstellers oder Prüfberichte anerkannter Stellen, zu erbringen, die den Anforderungen des § 2 Absatz 3 entsprechen.“
    Daraufhin fragte ich bei den Ministerien und der JeKits Stiftung nach, ob Sie wüssten, wie viele FSC-zertifizierte Instrumente angeschafft werden. Dadurch konnte ich feststellen, ob die Ministerien die Beschaffung überwachen oder nicht.
    Denn was nützt ein Tempolimit auf Autobahnen, wenn alle wissen, dass es nicht kontrolliert wird?

    Meine Recherchen ergaben, dass es in NRW kein Monitoring für die Beschaffung der Instrumente des JeKits gibt und sich die beteiligten Stellen über die Zuständigkeit nicht einig sind:

    Die Stiftung vergibt die zuwendungsrechtliche Bewilligung, die eigentliche Beschaffung sei Aufgabe der Kommunen die sich per Unterschrift zur Einhaltung der TVgG verpflichtet hätten. Die Stiftung vertraut auf die Verantwortlichen vor Ort und erhebt keine statistischen Daten.
    Das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport sagt, sie hätten die Bewilligung auf die Stiftung übertragen und könnten keine Aussage zu statistischen Daten zur Instrumentenbeschaffung treffen.
    Das Finanzministerium sieht die Stiftung und das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in der Zuständigkeit.
    Die Kommunen sind sich teilweise der Verpflichtung, nur zertifizierte Instrumente zu beschaffen, nicht bewusst.

    Zudem gab der WWF eine Pressemitteilung mit meinen Ergebnissen heraus, um Druck auf die Ministerien auszuüben.

    Abschlusspräsentation in Berlin, WWF/Arnold Morascher

    Den Ministerien habe ich die Recherchenergebnisse mittgeteilt. Zudem werde ich ein Informationspapier erstellen und damit alle 111 teilnehmenden Kommunen und Musikschulen in NRW informieren, denn sie kaufen die Instrumente ein.

    Was kannst du jetzt also tun? Wenn du schon ein Instrument besitzt, ist es natürlich am besten, wenn du das so lange wie möglich spielst. Bei neuen Holzinstrumenten kannst du nach FSC Zertifikaten oder Alternativen für Ebenholz und Fernambuk fragen.
    Regionale Alternativen für Ebenholz können Weidenstäbe oder gebeizter Birnbaum für die Wirbel und Griffbretter von Streichinstrumenten sein. Für Bögen empfehle ich Carbon statt Fernambuk zu verwenden. Carbon, auch Kohlenstofffaser genannt, lässt sich wie Graphit aus nahezu allen organischen Materialien herstellen und ist zudem wesentlich stabiler (zerbricht weniger leicht) und hat ein hervorragendes Preisleistungsverhältnis. Allerdings haben Carbonbögen fast ausschließlich Ebenholzfrösche (als Forsch bezeichnet man den hinteren Teil des Bogens, mit dem man den Bogen steuert.). Coda Bows umgeht dieses Problem, indem sie ein spezielles Alternativmaterial für den Frosch entwickelt haben.
    Du kannst auch ein eigenes 2° Changemaker Projekt durchführen, ab November startet der Bewerbungsaufruf für die nächste Projektrunde. Hier kannst du dich dann bewerben. 

     

    Titelbild: WWF/Arnold Morascher

Kommentare

5 Kommentare
  • Cookie
    Cookie Vielen Dank für diesen wundervollen Einblick in dein Projekt, das mich wirklich beeindruckt hat! Ich finde es einfach klasse, mit wie viel Engagement du dich dahintergeklemmt hast und hoffe sehr, dass du die verantwortlichen Stellen so aufgeweckt hast.
    I...  mehr
    31. Oktober 2016
  • laura-therese
    laura-therese Toller Artikel, obwohl ich kein Instrument spiele habe ich ihn gerne gelesen =)
    1. November 2016
  • LeaGigou
    LeaGigou Echt ein sehr sehr gutes Projekt!
    Ich spiele zwar selbst Gitarre, habe aber auch noch nie darüber nachgedacht...
    Das ist ja auch ein Thema, von dem man in den Medien und so weiter überhaupt nichts hört.
    Wenn einfach alle Musikschulen (nich...  mehr
    1. November 2016
  • GreenLulu
    GreenLulu Danke für diesen tollen Bericht über dein Changemaker-Projekt. :) Wirklich interessant, was du alles rausgekriegt hast. Ich spiele auch seit mehreren Jahren Musikinstrumente und habe bisher noch nicht darüber nachgedacht.
    6. November 2016