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Papierwende jetzt! - oder: Warum Recyclingpapier einfach besser ist

  • Wenn die Frage nach Klimaschutz oder Umweltschutz gestellt wird, fallen immer wieder ähnliche Antworten: Weniger Autofahren, Strom sparen - Energie sparen also. Kürzer duschen und die Spülmaschine nur laufen lassen, wenn sie ganz voll ist - Wasser sparen. Keine Plastiktüten verwenden und Sachen kaufen, die möglichst wenig verpackt sind - Plastik sparen. Überall gibt es Bemühungen, Ressourcen einzusparen: Ob fossile Brennstoffe, Wasser, Plastik, ... in diesen Bereichen gibt es schon viele Initiativen. Aber was ist eigentlich mit dem „ ... “ ? Gibt es noch andere Bereiche, die häufig übersehen werden? Bereiche, in denen wir unbedingt Rohstoffe sparen müssen?

     

    Diese Frage stellten Thuy Anh, ich und die anderen Changemaker, die noch nicht so wirklich eine konkrete Projektidee hatten, uns diesen März beim 2°Changemakerseminar. Da ist es wohl am besten, einfach mal in seiner eigenen Umgebung anzufangen. Bei mir war das die Uni, wo ich seit einem Semester studierte, und da fiel mir auch sofort etwas auf: Die Studenten an unserer Fakultät verbrauchen Unmengen an Papier (150.000 Seiten im Jahr!), weil viele die Folien und Arbeitsblätter, die wir von unseren Professoren digital bekommen, im so genannten CIP-Pool, einem Ort, wo Studenten an der Uni drucken können, ausdrucken.

     

    Überhaupt verbrauchen wir Deutschen viel zu viel Papier: 243,3 kg pro Person und Jahr (Stand: 2011)! Damit verbrauchen wir mehr als das Vierfache eines durchschnittlichen Weltbürgers! Denn das Papier ist ziemlich ungerecht verteilt auf der Welt: Während 64% der Weltbevölkerung mit nur etwa 20 kg Papier pro Kopf und Jahr auskommen muss, ein Inder z.B. sogar nur mit 9 kg, verbrauchen 14% mehr als 125 kg. Auf diese 14% entfällt dann auch die Hälfte der globalen Papierproduktion. Wie man sieht sind wir also sogar im oberen Anteil richtig gut dabei!

     

    Stellt sich natürlich die Frage: Ist es denn so schlimm, dass wir so viel verbrauchen? Ja, gut, dass es ungerecht verteilt ist, okay, aber insgesamt ist es ja nur Papier, oder?

    Um sich den Einfluss unseres Papierkonsums auf unsere Umwelt zu verdeutlichen, schaut man sich am besten mal an, wie es denn überhaupt produziert wird:

    Zuerst werden irgendwo Bäume gefällt: Jährlich verschwinden auf der Welt insgesamt 12 bis 15 Millionen (!) Hektar Wald, jeder fünfte industriell gefällte Baum dient dabei der Papierproduktion. Hierbei werden Urwälder gerodet, und wenn dann überhaupt etwas neu angepflanzt wird, zur weiteren Papierproduktion, sind es meist Eukalyptus-Monokulturen, die natürlich, wie alle Monokulturen, nicht gerade den besten Lebensraum für heimische Tier- und Pflanzenarten darstellen. So werden hierdurch unzählige Arten vom Aussterben bedroht. Aber nicht nur das, durch das Fällen der Bäume werden auch Treibhausgase frei, die bis dahin in Baum und Erde gespeichert waren. Vor allem bei Torferde handelt es sich hierbei um riesige Mengen.

     

    Brandrodung eines Waldes  Bild: deforestation © flick via cc_Laurence Cain

     

    Schritt zwei ist dann die Verarbeitung des Holzes zu Zellstoff. Hierbei werden für 1 kg Papier die faserigen Bestandteile von 2,2 kg Holz verbraucht, außerdem werden riesige Mengen an Energie benötigt: Für eine Tonne Papier braucht man genauso viel Energie wie man bräuchte, um eine Tonne Stahl zu produzieren. Die hierfür verwendete Energie wird meist durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern oder Holz erzeugt, d.h. hier entstehen auch wieder Treibhausgase.

    Dazu kommt noch der Transport: 80% des Holzes, dass für die deutsche Papierproduktion verwendet wird, wird importiert, z.B. aus skandinavischen Ländern oder Brasilien. Auch wird oft Zellstoff aus Asien, Süd- oder Nordamerika importiert. Heißt also wieder: Treibhausgase.

    Dann kommt die Verarbeitung des Zellstoffes zu fertigem Papier und der Transport zum Verbraucher. Bis hier hin wurden für 1 kg Papier insgesamt 5 Kilowattstunden Energie und 50 Liter Wasser verbraucht. Die Treibhausgase addieren sich auf 10 kg CO2 auf 1 kg Papier! Mit unseren 243,3 kg Papier kommen wir Deutschen damit auf über 2 Tonnen CO2 pro Person und Jahr!

    Hier mit eingerechnet ist aber auch noch der Abtransport des Papiermülls, der teilweise auf Mülldeponien landet, wo er beim verrotten wiederum CO2 und Methan produziert. Papiermüll macht dabei die größte Komponente des Hausmülls in Europa aus.

     

    Wir sehen also: Unser riesiger Papierverbrauch, der momentan tendenziell eher steigt als sinkt, hat fatale Folgen für Klima und Umwelt. Doch was tun?

    Zum Einen sollten wir natürlich versuchen, ihn zu verringern, indem wir Papier sparen: Wir sollten nicht unnötigerweise Sachen ausdrucken, sondern stattdessen auch mal lieber digital arbeiten. Außerdem können wir gedruckte Dokumente, wie z.B. Uni-Skripte, teilen, indem wir sie an andere weitergeben, die sie wiederverwenden. Dann wird nur einmal Papier verbraucht. Und wenn wir schon drucken, dann sollten wir das möglichst papiersparend tun: Am besten das Papier doppelseitig bedrucken (an Druckern gibt es dafür oft die so genannte Duplex-Funktion) und wenn möglich mehrere Seiten so verkleinern, dass sie auf eine Seite passen. Das geht mit den meisten Programmen ganz einfach. Auch kann man die Rückseite von Fehldrucken, sollten mal welche entstehen, als Notizpapier verwenden.

      

    Selbgebasteltes Notizbüchlein aus Fehldrucken  Bild: © Ivonne Drößler / WWF

     

    Es gibt also ganz viele verschiedene Möglichkeiten, Papier zu sparen. Aber letztendlich kommen wir in unserer heutigen Gesellschaft, in der Schule, in der Uni oder in der Arbeit, wohl doch kaum darum herum, jedenfalls ein bisschen Papier zu verwenden. 

    Aber auch da gibt es etwas, was wir tun können: Wir können besseres Papier verwenden! Konkret rede ich hier von Recyclingpapier, am besten ist das mit dem Blauen Engel. Das hat nämlich die höchsten Standards und besteht aus 100% Altpapier. Es ist deshalb besser, weil es nicht nur die Entsorgung von Altpapier überflüssig macht, und somit weniger Abfall und Emissionen entstehen, und natürlich auch keine Bäume dafür angebaut und gefällt werden müssen, es hat auch meist nicht so lange Strecken zurückgelegt und ist auch noch wesentlich einfacher zu verarbeiten als Holz. So braucht man für die Produktion von 1 kg Recyclingpapier nur 1,2 kg Altpapier statt 2,2 kg Holz und spart bis zu 70% des Wassers (35 Liter) und bis zu 60% der Energie (3 Kilowattstunden) im Vergleich zu „normalem“ Papier, so genanntem Frischfaserpapier, ein. Das heißt mit der Energie, die man spart, indem man statt Frischfaser- ein Paket Recyclingpapier kauft, das sind 500 Seiten bzw. 2,5 kg, könnte man 210 Tassen Kaffee kochen! Und man verkleinert seinen CO2-Fußabdruck deutlich.

      

    210 von diesen Tassen Kaffee könnte man kochen mit der Energie, die man mit einem Paket Recyclingpapier gegenüber Frischfaserpapier spart  Bild: Lunch © flick via cc_Br3nda

     

    Jetzt werden manche von euch sagen: „Klingt doch super, warum wird das denn nicht schon lange überall eingesetzt?“ Das liegt daran, dass über Recyclingpapier ein Haufen Schauermärchen im Umlauf ist: Solche Sachen wie „Recyclingpapier verursacht Papierstau im Drucker“, „Recyclingpapier kann man nicht archivieren“ oder „Recyclingpapier ist hässlich grau“. Dabei sind solche Vorurteile heute längst überholt: Recyclingpapier mit dem Blauen Engel erfüllt genau dieselben DIN-Normen wie Frischfaserpapier auch, es kann in Druckern und Kopierern ganz normal benutzt werden und erreicht sogar die höchste Lebensdauerklasse, wie verschiedene unabhängige Institutionen bestätigen. Sechzehn führende Druck- und Gerätehersteller empfehlen deshalb sogar Recyclingpapier. Auch dass Recyclingpapier „hässlich grau“ ist, ist mittlerweile überholt: Es gibt zwar immer noch „Graues“, welches mit so genannter 80er Weiße, heutzutage ist es aber auch in „ganz normaler“ 100er Weiße erhältlich. Diese ist dann halt nur geringfügig teurer.

     

    Die gute Nachricht ist somit auch, dass immer mehr Leute auf Recyclingpapier umsteigen: Vielen namhafte, große Unternehmen wie z.B. Siemens, Lufthansa, die Deutsche Telekom oder die Deutsche Post engagieren sich sogar in der „Initiative Pro Recyclingpapier“ für die umweltfreundlichere Alternative. Und auch im öffentlichen Bereich tut sich was: Bundes- und Landesbehörden steigen auch um, und in Berlin gibt es sogar ein Gesetz, das alle öffentlichen Beschaffungsstellen des Bundeslandes, dazu zählen übrigens auch die von öffentlichen Schulen und Hochschulen, dazu verpflichtet, Recyclingpapier einzukaufen. Und die Freie Universität Berlin ist schon 2013 Frischfaserpapier-frei und wurde dafür vom Umweltbundesamt und der „Initiative Pro Recyclingpapier“ im Rahmen der Ressourcenschutzkampagne „Grüner Beschaffen“ ausgezeichnet.

     

    Wie schaut das bei euch aus? Benutzt ihr zuhause Recyclingpapier? Und eure Schulen / Hochschulen / Berufsschulen / Arbeitgeber, verwenden die welches? Wenn nicht, dann ist es Zeit für: Papierwende jetzt!

     

    Text: Daniëlle Schuman

    Recherche: Thuy Anh Nguyen und Daniëlle Schuman

    Titelbild: papers © flick via cc_Charles Huette

     

    Quellen:

    1. Umweltbundesamt:

    https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/umweltbewusstleben/papier-recyclingpapier

    https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/industriebranchen/holz-zellstoff-papierindustrie

    2. Environementalpaper.eu:

    http://www.environmentalpaper.eu/projects/climate-change/

    http://www.environmentalpaper.eu/projects/about-shrinkpaper/

    3. Publikation „Papier“ vom Blauen Engel 2012:

    https://www.blauer-engel.de/_downloads/publikationen/Papierbroschuere.pdf

    4. Initiative Pro Recyclingpapier:

    http://papiernetz.de/info/fachinformationen/

    5. Anforderungen für die Beschaffung in Berlin:

    http://www.stadtentwicklung.berlin.de/service/gesetzestexte/de/download/beschaff ung/VwVBU_Anhang1.pdf

Kommentare

11 Kommentare
  • seastar
    seastar Vielen Dank für die vielen lieben Kommentare! Es ist super, zu hören, dass schon so viele von euch an dem Thema "Recyclingpapier" dran sind :)!
    Wenn ihr übrigens, z.B. in euerer Schule oder Uni, selbst mal ein Projekt realisieren ...  mehr
    22. September 2016
  • Akatsuki
    Akatsuki Ich kann ebenfalls bestätigen, dass an meiner Schule kaum was mit Recycling Papier gemacht wird. Ich hab mir allerdings auch schon einen Block und die Hefte für die Klausuren aus diesem Papier besorgt.
    22. September 2016
  • Wasserjunge
    Wasserjunge Ich beschäftige mich wirklich viel mit Papier, aber viele Dinge die du im Bericht geschrieben hattest, kenne ich gar nicht. Es erstaunt mich echt wie viel CO2 bei der Herstellung von Frischfaser-Papier verursacht wird.
    Ich selbst benutze nur Papier m...  mehr
    24. September 2016
  • seastar
    seastar @Wasserjunge: Also, so wie\'s aussieht, schaut die Senatsverwaltung Berlin schon einigermaßen, dass ihr Gesetz umgesetzt wird: Meine Projektpartnerin Thuy Anh, die das Projekt "Papierwende jetzt!" an ihrer Fakultät, der Charité...  mehr
    25. September 2016