Berichte

Biologie studieren in Holland

  • Hinter uns ist der Himmel noch von dunklem Violett, doch am Horizont Richtung Fluss färbt er sich langsam milchig blau. Wir sind die einzigen auf dem Schotterweg, der das Dorf mit dem Naturschutzgebiet verbindet - zehn Studenten mit Fernglas um den Hals, Notizblock in der Hand und verschmutzten Wanderschuhen an den Füßen. Begleitet werden wir von unserem Dozenten des Kurses Tierökologie. Und von dem Grund unserer frühmorgentlichen Exkursion: Vögeln. Oder besser gesagt deren Gesang. "Singdrosseln, Rotkehlchen und Amseln beginnen schon vor Sonnenaufgang zu singen", sagt Chris gerade. Er begleitet als Mitarbeiter der Vogelschutzorganisation SOVON unsere kleine Arbeitsgruppe innerhalb des Tierökologie-Kurses. "Das Rotkehlchen hören wir heute wahrscheinlich gar nicht mehr, weil die ersten Sonnenstrahlen schon durchkommen. Dann stoppen sie bereits mit singen." "Singen eigentlich immer die Männchen und die Weibchen?", fragt einer der Studenten. "Nein, grundsätzlich singen immer nur die Männchen. Immerhin dient der Gesang dazu, ihr Territorium zu verteidigen. Sie sitzen häufig ganz oben in der Spitze eines Baumes und sagen 'Das hier ist mein Brutgebiet'. Darum eignet sich der Vogelgesang ja auch so ausgezeichnet als Mittel zum Zählen der Brutpaare. Denn viel häufiger hört man Vögel, als dass man sie zu Gesicht bekommt. Wenn ihr einen Vogel mit kleinem Brutgebiet, zum Beispiel den Zaunkönig, erst hier und später 800 Meter weiter singen hört, sind es häufig zwei verschiedene Vögel. Wenn das Brutgebiet jedoch größer ist, wird's schwieriger. Dann solltet ihr nur von zwei verschiedenen Vögeln ausgehen, wenn ihr sie gleichzeitig singen hört." Das klingt ja so erstmal ziemlich praktisch: Einfach lauschen, welche und wie viele Vögel wir hören können und damit eine Datenerhebung machen. Die Aufgabe für den heutigen Morgen lautet, alle Singvögel, die wir wahrnehmen können, zu kartieren, das heißt mit genauem Standort das Kürzel der jeweiligen Art auf der Karte des Schutzgebietes einzutragen. Doch wie klingen eigentlich der Gesang von Gartenbaumläufer, Mönchsgrasmücke, Buchfink, Bluthänfling, Fitis und der über 50 anderen Arten im Schutzgebiet? Vor einer Woche hatten wir dazu MP3-Aufnahmen der am häufigsten vorkommenden Singvögel erhalten, um uns die Gesänge einzuprägen. Schnell wird jedoch klar, dass professionelles Vogelmonitoring jahrelangem Training bedarf. Dennoch, in Vierergruppen schaffen wir es zumindest zehn Arten vom Gesang her zu unterscheiden. Weitere zwanzig können wir identifizieren, indem wir mit unseren Ferngläsern nach den singenden Vögeln hoch in den Bäumen suchen.

    Wie von den meisten Exkursionen nehme ich auch von dieser hier sehr viel mit. Durch mein Studium nehme ich meine Umwelt einfach anders wahr. Ich schaue nach Wildblumen, Büschen und Bäumen, nach Weidevögeln, Libellen und Nachtfaltern, nach Moosen, Flechten und Algen und jedesmal schießen Fragen in meinen Kopf: Warum steht hier alles voller Giersch, aber im Wald dahinten nicht? Was kann ich über die Wasserqualität dieses Baches sagen, wenn ich Larven von Eintagsfliegen und Wasserjungfern finde? Wo bekommt diese Nessel-Seide seine Kohlenhydrate her, wo es doch nur Blüten, jedoch kein Blattgrün für Fotosynthese hat?

    Der Gesang der Mönchsgrasmücke ist auffallend laut.

     

    Die Larve der Eintagsfliege deutet auf eine sehr gute Wasserqualität hin. 

     

    Nessel-Seide parasitiert andere Pflanzen. Sie bekommt ihre Nutrienten, Kohlenhydrate und Wasser dadurch, dass sie die Gefäße anderer Pflanzen abzapft.

     

    Ich bin an der Radboud Universität Nimwegen in Holland für den Bachelorstudiengang (Medizinische) Biologie eingeschrieben. Ich habe mich aus mehreren Gründen für ein Studium in den Niederlanden entschieden. Erstens weil ich anfangs noch nicht wusste, ob ich Biomedizin oder Umweltnaturwissenschaften studieren möchte. Ich fand, und finde immer noch, sowohl Fächer wie Neurologie, Zellkunde und Immunologie als auch Fächer wie Ökologie, Pflanzenphysiologie und Naturschutz hochgradig interessant. In Nimwegen habe ich die Möglichkeit, Fächer von sowohl der medizinischen als der grünen Biologie in den ersten eineinhalb Jahren meines Studiums auszuprobieren. Danach beginnt die Phase der Wahlkurse und es ist möglich eine Spezialisierung zu wählen. Ab dann kann man sich seine Fächerkombinationen individuell zusammenstellen, sodass man am Ende des dreijährigen Studiums einen Bachelor in Biomedizin, Umweltnaturwissenschaften oder auch Allgemeiner Biologie abschließen kann. Letzteres bekommt man, wenn man eine Mischung aus medizinischen und grünen Fächern wählt. Innerhalb dieser drei großen Überbegriffe für den jeweiligen Abschluss, kann man seine Fächer so wählen, dass man einem sogenannten Track folgt. Auch besteht die Möglichkeit, einen fächerübergreifenden Minor ins Standartstudium zu integrieren. Dadurch ist es möglich, sich in beinahe jede Richtung der Biologie zu spezialisieren: Genetik, Molekulare Biologie, Toxikologie, Immunologie, Neurologie, Biomedizinische Wissenschaften, Medizin, Tierphysiologie, Pflanzenphysiologie, Ökologie, Mikrobiologie, Naturschutz, Evolutionäre Biologie, Biophysik, Bioinformatik, Biotechnologie, Verhaltensbiologie usw.

    Mir ist nach den ersten eineinhalb Jahren klar geworden, dass die Umweltnaturwissenschaft mein Ding ist. Genauer gesagt, die Ökologie. So interessant ich Biomedizin auch finde, nach den vielen praktischen Tagen, die Teil beinahe jeden Kurses sind, weiß ich, dass die Arbeit in einem biomedizinische Labor nicht das Richtige für mich ist. Ich möchte die Natur um mich herum erforschen und verstehen lernen. Und ich möchte mit meinen Forschungsergebnissen einmal dazu beitragen, dass Umwelt- und Artenschutz effektiver werden können. Welche Vor- oder Nachteile haben Zugvögel, die erst im Mai aus Afrika zurückkehren, dadurch dass ihre Futterinsekten durch den Klimawandel jedes Jahr früher schlüpfen? Können sie ihre Ankunftszeit anpassen oder nicht? Und warum? Besteht ein Zusammenhang zwischen dem neuen Insektizid auf dem Markt und dem Rückgang der Population von Rauchschwalben? Naturschutz ist erst möglich, wenn wir wissen welche Prozesse in dem jeweiligen Gebiet ablaufen.

    Durch den Klimawandel setzt der Frühling früher ein, Bäume treiben früher aus und Insekten schlüpfen eher. Manche Zugvögel bekommen hierdurch Schwierigkeiten, da sie nach diesem Insektenpiek ankommen oder ihre Jungen nicht zur Zeit des Insektenpieks großziehen können. 

     

    Rauchschalben jagen Insekten. Wenn Insektizide in ihrem Jagdgebiet eingesetzt werden, kann es sein, dass sie zu wenig Nahrung für die Aufzucht ihrer Jungen finden. Die Insekten, die sie fangen, können bereits Giftstoffe aufgenommen haben. In diesem Fall kann sich das Gift in ihrem eigenen Körper anhäufen. Dies hat negativen Folgen für die Vögel. Zum Beispiel können ihre Eierschalen porös werden und aufbrechen, bevor die Küken vollständig entwickelt sind.

     

    Der zweite Grund für meine Entscheidung nach Nimwegen zu gehen, war dass ich es interessant, schön und bereichernd finde, eine Zeit außerhalb Deutschlands zu leben. Ich lerne viel über ein anderes Land und seine Kultur. Die Mentalität der Niederländer schätze ich sehr, denn sie macht möglich, dass Studenten und Dozenten viel eher auf einer auf einer Augenhöhe miteinander umgehen und arbeiten, als ich das aus Deutschland mitbekomme. Hinzu kommt, dass ich nun zwei Fremdsprachen fließend beherrsche und auch die Fachterminologie kenne. Denn die Kurse werden anfangs auf Holländisch und später auf Englisch gegeben. Vorlesungen auf Holländisch verstehen und Aufsätze darin schreiben? Ja das geht, auch wenn man genauso wie ich und hunderte andere Deutsche an der Universität zwei Monate vor Studiumsbeginn noch nicht ein einziges Wort auf Niederländisch kennt. Die Uni bietet im Juli einen fünfwöchigen Intensivkurs Holländisch für deutsche Studienanfänger an. Da sich Deutsch und Holländisch sehr ähnlich sind, ist es möglich nach diesen fünf Wochen und bestandenem Sprachtest am Ende des Kurses mit dem Studium zu beginnen. Jeder deutsche Student schüttelt am ersten Tag den Kopf über die Schnapsidee auf einer anderen Sprache zu studieren. Aber zum einen lernt man unglaublich schnell dazu und zum anderen nehmen die Dozenten viel Rücksicht. Alle Aufsätze werden zu Anfang in Partnerarbeit mit Holländischen Studenten verfasst und Wörterbücher sind bei allen Prüfungen erlaubt. Wenn man sich reinhängt, dann ist die Sprache kein Problem, sondern eine Bereicherung.

    Drittens mag ich die Stadt Nimwegen, oder Nijmegen wie die Niederländer sagen, sehr. Die Stadt hat rund 170.000 Einwohner und davon 40.000 Studenten. An allen Ecken merkt man, dass Nimwegen eine Studentenstadt ist, denn es ist immer was los. Die Studentenvereinigungen sorgen für Theater, Musik, Kunst, Sport, Fotografie, Party, gemeinsames Kochen, Debatten, Lesungen, Filme, Ehrenamtliche Hilfe und vieles mehr. Und im Sportzentrum kann man von Aikido über Fechten, Klettern und Trampolin bis Zumba alles machen. Und gleichzeitig bleibt die Stadt übersichtlich, sodass man alles mit dem Rad erledigen kann - was sowieso ein muss in Holland ist!

    Diese Woche hat mein drittes Studienjahr begonnen. Die Kurse finden in Blöcken statt. Das heißt ich beginne mit drei Fächern: Genomanalyse von Pflanzen am Montag und Dienstag, Biodiversität am Mittwoch und Systemökologie am Donnerstag und Freitag. Nach zweieinhalb Monaten habe ich in diesen Fächern je eine Prüfung. Dann kommt der nächste Block. Vorlesungsfreie Zeiten haben wir zwei Wochen rund Weihnachten, eine Woche im Mai und acht Wochen im Sommer. Das ist weniger als an deutschen Universitäten, aber dafür schreibt man auch keine Prüfungen in den vorlesungsfreien Zeiten - es sei denn man muss in die Wiederholungsprüfung.
    Ein Kurs besteht immer aus einer bestimmten Anzahl Vorlesungen, Laborarbeit, Arbeitsgruppe, Computerpraktikum, Exkursionen und Selbststudium. Darum ist mein Stundenplan auch jede Woche anders. Manchmal habe ich jeden Tag nur eine oder zwei Vorlesungen. Manchmal stehe ich montags bis freitags von 8:45 bis 17:30 im Labor. Oder ich fahre um vier Uhr morgens auf Vogelexkursion, aber das kommt für meinen Geschmack eher zu selten vor ;o)

Kommentare

3 Kommentare
  • Buchenblatt
    Buchenblatt Super Artikel! Besonders dein Einstieg gefällt mir. Danke, dass du uns dein Studium so genau beschreibst :)
    1. September 2016
  • Cookie
    Cookie So ein toller Bericht! ^_^ Danke für diesen wahnsinnig schönen Einblick in dein Studium! Ich bewundere es total, dass du beschlossen hast, in einer dir vorher völlig unbekannten Sprache zu studieren, aber so, wie du Nimwegen beschreibst, lo...  mehr
    1. September 2016
  • Madamsel
    Madamsel Danke für euer Feedback :)
    @Anne: Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Viel Erfolg bei deinen Hausarbeiten! Die Fotos hab ich im Übrigen nicht selbst gemacht...so viel Talent hab ich nicht ;) Es sind aber alles Fotos von Tieren und Pflanzen, di...  mehr
    2. September 2016