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Dreck am Ring - Die Festivals und der Müll

  • Einmal zu Rock am Ring fahren. Sich einmal drei Tage lang ungeduscht vor der Bühne drängen und die Haare zu wilden Gitarrenklängen schütteln. Sich einmal stolz das Festivalbändchen überstreifen und nie wieder abnehmen. Mein Freund und ich haben beschlossen, uns diesen Rock'n'Roll-Traum dieses Jahr endlich zu erfüllen. Einmal ganz davon abgesehen, dass unsere Träume im Schlamm begraben wurden, hat mich noch etwas ziemlich beschäftigt: Die unglaublichen Müllberge, die durch Rock am Ring verursacht werden und wie viel ich selbst gezwungenermaßen dazu beigetragen habe.

    Schon als wir am Donnerstagmorgen auf dem Parkplatz aus dem Auto klettern und unser Gepäck zum Zeltplatz schleppen, ist der Weg mit zerquetschten Bierdosen gepflastert. Wen interessiert schon Dosenpfand oder gar die Umwelt? Wer zu RaR geht, will ein Wochenende lang unbekümmert Spaß haben. Literweise Dosenbier gehört für einen Großteil der Festivalbesucher dazu. Glasgefäße sind schließlich gar nicht erst erlaubt. Das bedeutet auch für mich, statt meiner geliebten Glastrinkflasche auf eine Plastikwasserflasche umzusteigen. Immerhin kann ich diese auf dem Gelände immer wieder mit kostenlosem Trinkwasser auffüllen. Spätestens, als ich barfuß durch den Matsch waten muss, weil meine Schuhe nach dem heftigen Unwetter am Freitag völlig untragbar geworden sind (Merke: NIEMALS ohne Gummistiefel auf ein Festival gehen), bin ich ganz froh über das Glasverbot, da es meine Füße vor Scherben bewahrt.

    Das Packen hat es dennoch erschwert. Da wir zunächst mit dem Zug nach Gießen fahren mussten, konnten wir nur so wenig wie möglich mitnehmen. Beim Einkaufen sind Dinge in meinem Korb gelandet, um die ich sonst einen großen Bogen mache: Nussnougatcreme im kleinen Plastikbecher, kleine Plastikfläschchen Shampoo (Ich wollte nicht riskieren, mein teures neues festes Shampoo in einer Festivaldusche zu verlieren) und Spülmittel, Dosenravioli… Insgesamt haben sich unsere Vorräte in Grenzen gehalten, da wir kaum die Möglichkeit hatten, etwas zu transportieren. Immerhin haben wir unser Pesto-Glas reingeschmuggelt. Vor Ort gab es dann ein riesiges Lidl-Zelt. Zu meiner Überraschung wurden dort nur Papier- statt Plastiktüten ausgegeben, die verwandelten sich bei der nassen Wetterlage aber schnell in unbrauchbare Fetzen und lagen bald überall herum. Geduld, bei der Pfandrückgabe zu warten, hatten wohl auch nur wenige, denn nur ein paar Meter weiter häuften sich die leeren Pfanddosen an. Die meisten Dosen endeten zerquetscht im Matsch. Teilweise wurde gewissermaßen auch Upcycling betrieben und die Dosen in Skulpturen, Hüte und Ähnliches verwandelt. Die Produkte bei Lidl waren natürlich vom Obst einmal abgesehen fast alle in Einwegplastik verpackt. Wer sich also nicht nur von Brot, Bananen, Äpfeln und Melonen ernähren will, hat schlechte Karten. Reist man mit dem Auto an, kann man sich allerdings sicher gut Vorräte in eigene Behälter abfüllen und so jede Menge Müll sparen. 

    Doch selbst bei so guter Vorbereitung eröffnet sich ein neues Problem: In den Bereich bei den Bühnen darf man nur originalverschlossene Tetrapaks bis zu 0,5 Liter mitnehmen. Meine wiederbefüllte Wasserflasche muss im eine halbe Stunde entfernten Zelt bleiben. Immerhin gibt es Getränke in Mehrwegbechern zu kaufen, allerdings zu horrenden Preisen: 4 Euro für Bier oder Softdrinks, 2,30 Euro für Wasser. An zahlreichen Buden kann man außerdem Essen erstehen. Auf der Internetseite heißt es zwar: "Alle Speise- und Getränkestände verwenden entweder Mehrweggeschirr mit Pfandsystem oder kompostierbare Einweggeschirr aus Stärke", doch das meiste, was ich gesehen habe, sah mir nach ganz normalem Einweggeschirr aus. Da Mülleimer Mangelware sind, lässt man die Verpackungen einfach fallen. Der Schlamm verschlingt ohnehin alles. Was einmal fallen gelassen wurde, ist mehr oder weniger verloren und so tragen neben den Verpackungen auch noch zahlreiche Kleidungsstücke, Schuhe und Campingaccessoires zur Müllmenge bei.

    Um die Müllmenge einzudämmen, hatten die Veranstalter das Müllpfand im Vergleich zum letzten Jahr erhöht: 10 Euro des Ticketpreises erhält zurück, wer die beiden Müllsäcke, die er bei seiner Ankunft erhält, gefüllt wieder abgibt. Irgendwie traurig, dass damit gerechnet wird, dass alle 90.000 Festivalbesucher innerhalb von vier Tagen je zwei große Säcke Müll produzieren. Bei einem Ticketpreis von mindestens 185 Euro kommt es allerdings kaum jemandem auf diese 10 Euro mehr oder weniger an. Da verwendet man die Müllsäcke lieber als Gratis-Regenschutz. Wir geben uns Mühe unseren Müll zu sammeln und bekommen zu acht zweieinhalb Säcke zusammen. Wir hätten auf dem Gelände sicher auch unsere anderen Säcke in kürzester Zeit füllen können. Darauf verzichteten wir allerdings, da wir nicht mal für unseren Müll Pfand bekamen, da wir vor Sonntag um 12 Uhr abreisten. Als das Festival abgebrochen wurde, öffneten die Pfandstellen zwar noch in der Nacht, aber in Anbetracht der Umstände wird sich wohl kaum noch jemand um die ordentliche Entsorgung seines Mülls gekümmert haben. Im Gegenteil, durch die vielen Unwetter und die vorzeitige Abreise wurde vermutlich noch viel mehr zurückgelassen, als sonst. Zahlreiche Zelte haben dem Wetter wahrscheinlich gar nicht erst standgehalten. Insgesamt sind wohl zwischen 700 und 900 Tonnen Müll liegen geblieben. Eine erschütternde Bilanz. So ein großes Festival ist ein unvergessliches Erlebnis, aber das rechtfertigt meiner Meinung nach nicht den Schaden, den es der Umwelt zufügt.

    Von den Veranstaltern würde ich mir für die kommenden Jahre folgendes Wünschen: Mehr Mülleimer, mehr Mehrweggeschirr an Verkaufsständen, mehr Pfandautomaten und eine Aufhebung der Tetrapak-Regel.

    Trotz allem gibt es Menschen, die es ohne Einwegplastik durch Rock am Ring schaffen:

    (c) Unverpackt Trier

    Meinen Respekt! Daran sollten wir uns alle ein Beispiel nehmen.

    Ein paar Tipps, um Festivals etwas müllfreier zu überstehen:

    - Wenn du entsprechende Transportmöglichkeiten hast, nimm dir deine eigenen Vorräte mit und fülle sie in Beutel und Dosen ab bzw. um (oder verstecke deine Glasbehälter gut ;-) ).
    - Hebe dir kleine Fläschchen oder ähnliches auf, in die du dein Spülmittel, Shampoo usw. abfüllen kannst, falls du nicht ohnehin festes Shampoo mitnimmst.
    - Nimm eine Trinkflasche zum Auffüllen mit.
    - Nimm lieber einen Wasserkanister zum Auffüllen mit statt literweise Wasser in Plastikflaschen anzuschleppen.
    - Nimm Campinggeschirr- und –besteck bzw. normales Geschirr und Besteck mit statt Einweggeschirr und Plastikbesteck.
    - Falls du grillen möchtest, nimm lieber einen kleinen Kugelgrill mit, statt Einweggrills zu nutzen.
    - Wenn du vor Ort etwas kaufst, halte nach Ständen mit Mehrweggeschirr Ausschau.
    - Nutze für den Müll, der dennoch anfällt, die Entsorgungsmöglichkeiten vor Ort.
    - Nimm ordentliche Regenkleidung mit, um nicht auf Einwegponchos (oder Müllsäcke) zurückgreifen zu müssen.
    - Lass dein Zelt und Campingzubehör nicht zurück.
    - Verdiene dir den Eintrittspreis zurück, indem du herumliegendes Pfand aufsammelst oder Leuten ihre Müllpfandmarken abschwatzt. ;-)

    Quellen:

    http://www.rock-am-ring.com/info/umwelthinweise
    http://www.swr.de/landesschau-aktuell/rp/nach-abbruch-von-rock-am-ring-tonnenweise-muell-von-abgereisten-fans/-/id=1682/did=17567458/nid=1682/1dgl3il/index.html

Kommentare

9 Kommentare
  • Buchenblatt
    Buchenblatt Danke für den etwas anderen Blick auf das Festival. Ich denke gerade bei solchen Festivals wären große Müllmengen von Seiten der Veranstalter vermeidbar. Wenn diese beispielsweise Rock-am-Ring-Mehrwegtrinkflaschen herstellen und an di...  mehr
    14. Juni 2016
  • Cookie
    Cookie @Johanna: Das ist so eine coole Idee, bitte schreib an die Veranstalter und schlage ihnen das vor! :D Wobei die nach dem Abbruch im Moment wohl andere Sorgen haben... Ist ja noch nicht mal sicher, ob es überhaupt ein nächstes RaR geben wird. :(
    14. Juni 2016
  • Ronja96
    Ronja96 Das ist echt enorm, was da an Müll zusammenkommt. Da muss echt was passieren. Ich finde alleine schon bei Konzerten erschreckend, was da teilweise für Müll liegen bleibt. Aber das ist natürlich überhaupt kein Vergleich zu den M&uu...  mehr
    16. Juni 2016
  • Weltverbesserer
    Weltverbesserer Ich finde es traurig, dass manche Leute so wenig auf ihre Umwelt und nächste Generation achten.)-:
    Wenn alle ein wenig auf die Umwelt achten würden, dann würde auch bei wenigen Mülleimer kein Müll auf dem Boden liegen. Aber die fe...  mehr
    18. Juni 2016