Berichte

Flaschenpost

  • Von Erinnerungen,
    Gedanken und Träumen

     

     Umgeben von Natur blitzen vor meinem inneren Auge Bilder auf. Bilder einer Erinnerung, die mich mit diesem Ort verbindet…

     

    Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste
    Mal hier war. Ich war ungefähr elf. Meine Freundin und ich hatten uns
    getroffen, um eine Fahrradtour zu machen. Mit belegten Brötchen im Rucksack
    schwangen wir uns auf unsere Räder und fuhren los. Die Sonne schien und wir
    ließen die Häuser, Straßen, Autos und Menschen hinter uns und fuhren rein in
    die Natur. Wir fühlten uns frei und unglaublich mutig. Kräftig trampelnd fuhren
    wir die Berge hoch und sausten auf der anderen Seite wieder herunter, während
    die Bäume an uns vorbei flogen und die verschiedenen Grüntöne ineinander
    verschwommen. Wir hatten kein Ziel, sondern genossen einfach unsere Freiheit in
    der Natur und fuhren drauf los. Als wir einen kleine See erblickten, hielten wir an warfen unsere
    Fahrräder ins Gras und liefen ans Ufer, um nach Fröschen und anderen Tieren
    Ausschau zu halten. Danach fuhren wir weiter. Vorbei an Wiesen, Feldern, Bächen
    und durch den Wald. An einem kleinen Bach hielten wir nochmals an, denn wir
    hatten eine Idee. Wir nahmen eine leere Trinkflasche und schrieben einen kurzen
    Brief. Diesen steckten wir mit unserer Adresse in die Flasche. Wir warfen
    unsere Flaschenpost in den Bach und hofften auf eine Antwort. Wir blickten ihr
    noch nach bis sie aus unserem Blickfeld verschwand, dann stiegen wir wieder auf
    unsere Fahrräder. Und schließlich kamen wir hier an. Genau hier, wo ich jetzt
    sitze, fünf Jahre später. Damals legten wir unsere Picknickdecke aufs Gras und
    aßen unsere belegten Brötchen. Wir hatten Spaß, lachten und erzählten aus
    unserem Leben, während wir am Rücken lagen, in den blauen Himmel schauten und
    die Natur genossen. Danach liefen  wir
    herum und erkundeten die Umgebung. Neben der Wiese lag ein Hügel. Wir
    kletterten hinauf und fühlten uns, wie die mutigsten Abenteurer, als wir von
    oben die vor uns liegende Landschaft überblickten. Wir blieben noch lange hier
    an diesem einem Nachmittag vor fünf Jahren und ich schaute damals von meiner
    Picknickdecke aus in denselben Himmel wie jetzt.

    Einen Teil dieser
    Erinnerung habe ich schon verloren.
    Die Freundschaft zu dem Mädchen von damals. Wir haben uns auseinander gelebt.
    Unsere Wege haben sich getrennt. Ihr Leben passt nicht mehr zu meinem. Aber ich
    möchte auf keinen Fall auch noch den anderen Teil dieser Erinnerung verlieren.
    Diesen Ort.

    Ich bin ein paar Schritte weiter gegangen, habe unsere
    Picknickwiese verlassen und bin an dem Teich angekommen, wo meine Freundin und
    ich damals nach Fröschen gesucht haben. Es ist früh morgens und die ersten
    Sonnenstrahlen tauchen die Landschaft in ein warmes Orange.  Die Luft ist schon angenehm warm. Pflanzen und
    Spinnennetzte - von Tau benetzt - schimmern silbrig im Sonnenlicht. Die Spinnennetze,
    welche sich wie weiche Tücher durch das Gras spannen, wirken fast unwirklich.
    Durch die Landschaft aus niedrigen seltenen Pflanzen schlängelt sich ein
    kleiner Bach. Und hinter Erlen und anderen Bäumen versteckt liegt der Teich mit
    Seerosen. Fast zu idyllisch um wahr zu sein. Vereinzelt hört man es im Wasser
    platschen. Vermutlich eine Kröte, die untertaucht. Die Spuren des Menschen hier
    verblassen langsam. Die Natur hat sich die vom Menschen geformte Landschaft
    zurück erobert und  seltene Tiere haben
    sie wieder zu ihrem Lebensraum bestimmt. Die alten Holzpfosten dort vermodern,
    die alte Schranke wird überwuchert und der von Menschen angelegte Teich wird
    von Kröten und Molchen besiedelt. Und heute nacht werden Fledermäuse durch die Luft schwirren.

    Während ich die Landschaft überblicke, weht mir ein leichter
    Sommerwind um die Nase und ich bin fasziniert von der Schönheit der Natur. Ich stehe
    hier und erinnere mich an meine Kindheit. Ich stehe hier und denke über diesen
    Ort nach. Und ich stehe hier und träume davon, dass auch meine Kinder und Enkel
    eines Tages hier stehen werden und diesen Ort mit all seinen Schönheiten und Einzigartigkeiten
    so erleben können, wie ich vor fünf Jahren und in diesem Moment.

     

    Damals bei unserer Flaschenpost hoffte ich, dass sie einen
    Menschen erreicht und jetzt erhoffe ich mir dasselbe bei meinem Bericht. Mit
    dem Unterschied, dass er nicht nur einen Menschen erreichen soll, sondern viele
    Menschen. Und vor allem die Menschen, in deren Händen das Schicksal dieses
    Ortes liegt.

     

     

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