Berichte

Die Welt, in der ich leben will

  • Ich habe in meinem Studium unzählige wissenschaftliche Texte lesen müssen. Wenn ich behaupte nur 10% von all dem behalten haben, was diese schlauen Menschen mir mitteilen wollten, dann ist das wahrscheinlich schon sehr optimistisch gerechnet. Aber: Es gibt einige, wenige Texte, die stechen aus der Masse hervor. Die haben es geschafft, mich wirklich zu faszinieren und im Gedächtnis hängen zu bleiben. Donella H. Meadows Text „Envisioning a Sustainable World“ (zu deutsch: „Sich eine nachhaltige Welt vorstellen“) ist einer davon.

    Meadows schreibt darin von der Wichtigkeit einer „Vision“, um eine nachhaltige Welt zu schaffen. Sie sagt, dass wir ständig darüber reden, was getan werden muss, um eine nachhaltige Welt zu gestalten: Wir müssen besteuern, subventionieren, regulieren, schützen, bauen, entwickeln … Ein kleiner Rest der Zeit und Energie, die dann noch bleibt, wird darauf verwendet, die notwendigen Informationen zu beschaffen und zu modellieren. Doch kaum jemand denkt genug darüber nach, klare, gemeinschaftliche, machbare Ziele zu formulieren. Was ist das wirklich für eine Welt, die wir erschaffen, in der wir leben wollen?

    Meadows plädiert dafür, dass man sich hinsetzen und diese Welt aktiv vorstellen oder visualisieren soll. Ganz wichtig ist dabei: Es geht nicht um das, was man glaubt, erreichen zu können, und nicht um das, womit man sich zufrieden geben könnte. Es geht darum, was man wirklich will. Dabei ist erst einmal egal, wie realistisch diese Vision ist oder wie sie umgesetzt werden kann. Im ersten Moment sollte man einfach seine wahren Träume und Wünsche formulieren. Im nächsten Schritt kann dann darüber nachgedacht werden, wie man darauf hinarbeitet und wo vielleicht Eingeständnisse und Kompromisse gemacht werden müssen.

    Ich möchte mir einmal die Zeit nehmen, meine Vision von einer nachhaltigen, glücklichen Welt zu formulieren. Und ich möchte sie gerne mit euch teilen:

    In meiner Welt leben die Menschen in Harmonie mit der Natur. Wir verbrauchen nie mehr, als natürlich nachwachsen und regenerieren kann. Es gibt keine Umweltverschmutzung und wir leben von 100% erneuerbaren Energien. Die Luft, die Meere, die Flüsse und Böden sind sauber und gesund, ohne Schadstoffe, Gifte oder Plastik. Die Landwirtschaft ist 100% ökologisch und eine Umstellung der globalen Essgewohnheiten auf weniger Fleisch zusammen mit einer effizienteren Verteilung der Lebensmittel und null Lebensmittelverschwendung haben dafür gesorgt, dass kein Mensch auf der Welt mehr Hunger leiden muss. Der Lebensstandard in Entwicklungsländern steigt und verbessert sich kontinuierlich, ohne die schrecklichen Umweltfolgen, die die westlichen Länder verantworten mussten, weil wir aus diesen Fehlern gelernt haben und mit vereinten Kräften, neuen Fähigkeiten, Wissen und Technologien eine nachhaltige Entwicklung gewährleisten können.

    Die schlimmsten Folgen des Klimawandels konnten abgewendet werden, da die Menschheit rechtzeitig die Bremse gezogen und ihre Lebensweise umgestellt hat. Jetzt wird gemeinsam daran gearbeitet, verlorene Naturlandschaften wieder herzustellen und den Arten ihren Lebensraum zurückzugeben.

    In meiner Welt gibt es keinen Krieg und keinen Terrorismus. Es gibt keinen Rassismus und keine Fremdenfeindlichkeit. Die Menschen leben friedlich miteinander. Es gibt immer noch verschiedene Kulturen, Nationen und Religionen, doch man achtet und respektiert diese Andersartigkeit und nutzt sie als Quelle der Inspiration anstatt des Hasses. Männer und Frauen sind gleichberechtigt und jedes Kind hat die Chance, eine Ausbildung zu bekommen.

    In meiner Welt sind die Städte grüne Orte voller Parks, Bäume, Blumen und Gärten. Die Menschen bauen viel Gemüse selbst an, entweder im eigenen Garten oder gemeinschaftlich in Urban Gardening Projekten. Es gibt kaum noch Autos, Städteplanung wird endlich für den Menschen gemacht und nicht für möglichst weite Verkehrsstraßen. Züge, Fußwege und Fahrräder sind die Hauptfortbewegungsmittel. Intelligente Architektur und Stadtplanung grenzen die Flächenversiegelung ein.

    In meiner Welt ist das Leben entschleunigt. Man arbeitet weniger Stunden in der Woche, um mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu haben: Freunde und Familie. Wenn man nach Amerika reisen will, passiert das mit dem Schiff, anstatt mit dem Flugzeug, und es ist okay, dass das so viel länger dauert, denn es ist nun mal eine verdammt weite Strecke. Die Reise an sich wird zum Erlebnis, zum Abenteuer, anstatt zum Ärgernis.

    Das ist die Welt, in der ich leben möchte.

    Ich könnte noch ewig weitermachen. Ich sehe gerade so viel Details vor mir, die Städte, die Landschaften …. Und ich empfehle jedem von euch, es einmal selbst zu versuchen! Es ist unglaublich befreiend und motivierend, ich fühle mich gerade so voller Energie und Tatendrang wie schon lange nicht mehr! Was ist eure Vision von einer nachhaltigen Welt? Ich würde mich freuen, wenn ihr sie mit mir teilt.

    Natürlich können jetzt wieder die Skeptiker kommen und sagen: „Das ist doch alles gar nicht machbar.“ Aber davon dürft ihr euch nicht einschüchtern und entmutigen lassen. Bei dem Erdenken von Visionen geht es darum, was unsere Ziele sind, worauf wir hinarbeiten möchten. Wenn wir hier schon anfangen, Eingeständnisse zu machen und zu sagen, „Okay, 50% Erneuerbare ist schon realistischer …“ – dann heißt das, dass wir es immer nur halb versuchen werden, nie ganz!

    Nehmt euch ein Beispiel an Kindern: Kinder sind natürliche Visionäre. Sie erzählen einem mit leuchtenden Augen, dass sie einmal Zirkusdirektor werden wollen, oder eben dass sie eine Welt wollen ohne Krieg, ohne Umweltverschmutzung, ohne verhungernde Kinder. Doch nach und nach merken sie, dass sie von den Erwachsenen belächelt werden. Sie fangen an, sich für solche Aussagen zu schämen, sie als „kindisch“ anzusehen. Unsere Gesellschaft merzt Visionen geradezu aus. Ich denke, wir sollten anfangen, sie wieder aufleben zu lassen.

    Natürlich, eine Vision zu haben, ist nicht alles. Sie muss umgesetzt werden und wir alle wissen, wie viele Schwierigkeiten und Hindernisse das bereiten kann. Doch sie ist der erste - und ein unglaublich wichtiger – Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Welt. Einer Welt, die wir unseren Kindern und Enkeln mit gutem Gewissen hinterlassen können.

    Einer Welt, in der wir leben wollen.

     

    Foto © Carina Zacharias
    Meadows, D.H. (1994): Envisioning a Sustainable World. San Jose.

Kommentare

8 Kommentare
  • Gluehwuermchen
    Gluehwuermchen Wow, du hast mir absolut aus der Seele gesprochen! Danke für diesen wunderbaren Gedankenanstoß. Ich kenne meine Vision von der Welt ziemlich gut und sie ist eigentlich genau wie deine :)
    7. April 2016
  • Luke24
    Luke24 Schon als ich die Überschrift gelesen hatte, nahm ich mir vor, deinen Artikel an diesem Wochenende in Ruhe zu lesen.
    Der Ansatz ist äußerst interessant. Auch ich kann mich erinnern, die von dir gewählte Vorgehensweise

    1. Was möc...  mehr
    9. April 2016
  • profile
    profile Ich kann dir nur zustimmen Carina! Umso trauriger finde ich es, dass jetzt, im Herbst 2017, Deutschland und die EU ihre Klimaschutzziele noch einmal einschränken, nur 15% Elektroautos in Europa bis 2030 sehen wollen und bis 2020 in Deutschland nur 5 Kohle...  mehr
    13. Oktober 1 gefällt das
  • TobiS
    TobiS Das ist wirklich erschreckend, Jule :(

    Dann sehen wir uns bestimmt am 4. November bei der Demo in Bonn: https://www.wwf-jugend.de/event/810
    13. Oktober