Berichte

Umweltschutz auf Vietnamesisch - eine Reise in eine neue Welt

  • Nicht dass es in Deutschland nichts mehr zu tun gäbe, aber Umweltverschmutzung ist längst nicht mehr so sichtbar wie noch in den 70er oder 80er Jahren. Damals waren die Flüsse dreckig, der Abfall lag herum und die Bäume verloren an ihren Spitzen die Blätter. Hinzu kamen unsichtbare, aber messbare Bedrohungen wie die radioaktive Verstrahlung. Das waren die Zeiten, in denen in den Hosen noch „Made in West-Germany“ stand. Nun sind viele dieser Probleme weitestgehend gelöst oder zumindest nicht mehr so sichtbar. Doch mit der Globalisierung hat sich die sichtbare Umweltverschmutzung verlagert. Dies konnte ich während meiner zweimonatigen Zeit in Vietnam gut beobachten und hat mich sehr beeindruckt.


    Tropischer Regenwald, seltene Tiere wie das Saola, leckerstes Essen, Kunsthandwerk, ethnische Vielfalt, asiatische Freundlichkeit, buddhistische Spiritualität oder kilometerlange Strände – all dies sind Gründe, warum jährlich viele Menschen nach Vietnam reisen, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Auch uns haben diese Dinge sehr angesprochen. So machten wir uns als Familie, anlässlich eines größeren Umweltprojekts meines Mannes, auf den Weg, für ca. 3 Monate in Hoi An zu leben.

    Mit Arbeit und Schule lebten wir einen Alltag, der sich natürlich in vielerlei Hinsicht von dem der Vietnamesen unterschied. Dennoch ermöglichte er uns den Blick über den touristischen Tellerrand. Als WWF-Mitarbeiterin, wenn auch im Urlaub, war das Thema Naturschutz natürlich interessant. So besuchten wir den Nationalpark Bach Ma -leider in der absoluten Regenzeit. Das machte das Erkunden des Waldes etwas schwierig, dennoch wurde unser Besuch mit der Begegnung mit einem Kleideraffen belohnt. Stutzig machte mich, dass so viele Menschen den Nationalpark nicht kannten, auch wenn sie in der Nähe lebten. Das kenne ich aus den USA oder Lateinamerika anders. Dennoch ist es der Regierung gelungen, etliche Flächen unter Schutz zu stellen. Für mich eine erstaunlich andere Konstellation. Und der Park war gleichzeitig eine Art historische Gedenkstätte, da die Villen noch aus der Besatzungszeit der Franzosen stammten, das Plateau von den Amerikanern mit Agent Orange von Bäumen befreit wurde, um von dort aus in der Höhe von 1.400 Metern eine gute Sicht und damit Kontrolle über das Land zu haben. Auch Tunneleingänge befanden sich am Wegesrand und verstärkten nochmals meine Bewunderung für dieses Volk, das es geschafft hatte, sich u.a. mithilfe dieser Anlagen von seinen Feinden zu befreien.

    Doch mehr noch interessierte mich das Thema Klimaschutz, welches mich im Rahmen meiner Arbeit beim WWF viel stärker begleitet. Die CO2-Emissionen liegen in Vietnam mit knapp 2 Tonnen pro Person (Stand 2011, Quelle Weltbank) deutlich niedriger als in Deutschland. Doch sie haben sich in den letzten 25 Jahren ungefähr verfünffacht. Dieses Wachstum, diese Geschäftigkeit konnte ich sehr stark wahrnehmen. Wie viele Häuser ich in der kurzen Zeit habe fertig werden sehen können. Und das Wachstum macht die Menschen sehr stolz. Gleichzeitig ist Vietnam das Land, das weltweit am siebtstärksten gefährdet ist, vom Klimawandel betroffen zu werden (Global Climate Risk Index, 2016, Germanwatch). Das Land ist lang und schmal, ein Großteil besteht aus einer Bergregion die, anders als die Küste, deutlich weniger gut für die landwirtschaftliche Produktion geeignet ist. Somit liegt der größte Teil der landwirtschaftlich produktiven Fläche in der Region, die von Taifunen, Starkregen, Überflutungen oder Sandstürmen betroffen ist oder noch werden könnte. Und etwas konnte ich von dieser Verletzlichkeit mit eigenen Augen beobachten: der Strand wurde in großen Mengen vom Meer abgetragen. Die Bewohner halfen sich mit Befestigungen, doch an manchen Stellen hatte das Meer zu viel Kraft.

    Laut den VOV5-Nachrichten bekräftigte der Premierminister Nguyen Tan Dung im Rahmen der Pariser Klimaverhandlungen die Verpflichtungen der vietnamesischen Regierung, dass Vietnam weiterhin mit der Weltgemeinschaft für die Anpassung an den Klimawandel kämpfe. Vietnam wird im Zeitraum von 2016 bis 2020 eine Million US-Dollar für den UN-Klimafonds aufbringen. Und das Land verpflichtet sich, bis 2030 acht Prozent der Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Wenn Vietnam effiziente Unterstützungen der Weltgemeinschaft bekommen wird, kann das Land bis zu 25 Prozent der Treibhausgasemissionen reduzieren. Das klingt nach sehr ambitionierten Zielen.

    Zurück zum Alltag: bei einen Nachhaltigkeitscheck würde der vietnamesische Durchschnittsbürger sicher sehr gut abschneiden. Die Ernährung besteht aus einer Fülle von frischem Obst und Gemüse, meist aus der Region und immer frisch zubereitet. Mit Reis natürlich. Da Hoi An am Meer liegt, gab es zudem viel frischen Fisch zu essen. Mittlerweile werden auch viele Speisen mit Fleisch zubereitet, denn ähnlich wie bei uns vor nicht allzu langer Zeit, sind Fleischgerichte ein Zeichen des Wohlstandes. Anders sieht es mit Milchprodukten wie Milch, Käse oder Butter aus: hier ist der Konsum offensichtlich komplett durch den Tourismus verursacht. Denn auf das touristische Verlagen nach gewohnten Speisen antwortete Hoi An mit dem Angebot von Pizza, Cheeseburgern oder Milchkaffee. Hier hat es also jeder Reisende selbst in der Hand, den vietnamesischen Fußabdruck nicht weiter in die Höhe zu treiben.

    Mehr noch als die Klimafreundlichkeit des Essens hat mich der mögliche Dioxingehalt der Nahrungsmittel beschäftigt. Hoi An liegt ca. 20 km von Da Nang entfernt, dem Ort, an dem die Amerikaner während des Vietnamkrieges einen großen Flughafen als Depot und Umschlagplatz für das Entlaubungsmittel „Agent Orange“ nutzten. Dioxin ist extrem giftig, insbesondere für den Menschen, und macht Vietnam bis heute sehr zu schaffen. Es ist in diversen Nahrungsketten vorhanden, noch heute werden behinderte Kinder geboren – in der vierten Generation. Es gibt keine flächendeckende Studie, wo das Gift in welcher Dosis vorkommt, keine Mittel zur Sanierung, überhaupt kaum Techniken der Sanierung (leider auch nicht in anderen Ländern der Welt) und auch kein Schuldeingeständnis der USA. Hier gäbe es also noch viel zu tun.

    Das Thema Energie ist mir in ganz banalen Situationen wie dem wiederkehrenden Stromausfall begegnet. Ich wollte dann wissen, wie das Land mit Energie versorgt wird. Von der NGO „Green ID“ weiß ich, dass das Land sich durch Wasserkraft und Kohle versorgt. Auch ist ein Atomkraftwerk geplant. Erneuerbare Energien spielen bislang, bis auf die Wasserkraft, eine untergeordnete Rolle. Es gibt wohl erste kleine Projekte zur Nutzung von Solarenergie, doch ich habe während meiner Zeit dort weder ein Solarpanel noch ein Windrad gesehen. Es scheint, als kämen alle Initiativen zur Einführung regenerativer Energien aus dem Ausland. Die Energieversorgung ist extrem zentralistisch organisiert und ein bürgergetragenes Modell zur Einführung der Erneuerbaren scheint daher eher unpassend sein. Möglicherweise gibt es aber andere interessante Wege….In der „Vietnam News“, der englischsprachigen Tageszeitung, las ich, dass das Land sein Wirtschaftswachstum mit Kohlekraft bestreiten möchte. Es bleibt also spannend.

    Der asiatische Verkehr war mir bis zum Ende nicht geheuer -zu sehr haben mich die deutschen Verkehrsregeln geprägt. Fasziniert hat mich die effiziente Nutzung der Motorräder. Sie waren eigentlich immer gut beladen mit Familie, Schweinen, Glasscheiben, Kühlschränken oder was es sonst zu transportieren gab. Auch E-Bikes habe ich einige gesehen. Die Autos waren noch in der Minderheit. Zum Glück. Denn auch in Vietnam gilt: die Größe bestimmt die Vorfahrt. Die Menge der Autos scheint heute noch dadurch limitiert zu sein, dass der Kauf von Fahrzeigen extrem hoch besteuert wird. So kostet z.B. ein Toyota fast dreimal so viel wie in Deutschland. Nun soll die Besteuerung ab 2018 entfallen. Ich kann mir bildlich vorstellen, was dann auf den Straßen los sein wird.

    Das für mich Interessanteste in Vietnam war die Mischung zwischen Sozialismus und Kapitalismus und dies in einem sog. Entwicklungsland in Asien. Klimaschutz steht hier vor völlig anderen Herausforderungen. Welche unterschiedlichen Auffassungen innerhalb der EU schon häufig zu erbitterten Diskussionen führen können, wissen wir. Ich habe nun noch größeren Respekt vor allen Akteuren, die die internationalen Klimaverhandlungen so erfolgreich voran gebracht haben. Der Erfolg macht Mut, im Konkreten weiter zu machen. Vietnam scheint reif für Veränderungen hinsichtlich des Klimaschutzes.

    Bilder:

    Verkehr in Vietnam: cc flickr - Matthias Ripp, Agent Orange: cc flickr - Felix Triller, alle anderen sind eigene Bilder

Kommentare

8 Kommentare
  • Buchenblatt
    Buchenblatt Schön etwas von dir zu hören :) Das klingt echt spannend. Ich hatte gar nicht gedacht, das die Unterschiede und Herausforderungen so verschieden sind...
    4. Februar 2016
  • shiggi
    shiggi das war echt spannend zu lesen ;)
    8. Februar 2016
  • Ivonne
    Ivonne Ein wirklich toller Bericht!! Danke dafür! :-)
    17. Februar 2016
  • tricky_thuy
    tricky_thuy Liebe Birgit, danke für deinen Bericht. Du scheinst echt viel erlebt zu haben.
    Das Bewusstsein und der Wille für Klimaschutz und Naturschutz besteht in der Bevölkerung. Man solle bedenken, dass Vietnam vom Tourismus lebt und dass immer noch...  mehr
    25. Februar 2016