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Hambacher Wald - der nächste Großeinsatz? Ein Appell

  • © Michael Zobel; naturfuehrung.com

    Michael Zobel, seit vielen Jahren Naturführer, organisiert regelmäßig Waldspaziergänge im Hambacher Wald. Die letzte verbliebene Fläche Wald am Rande des RWE-Tagebaus kommt immer noch nicht zur Ruhe. Mit einem dringenden Aufruf hat sich Michael Zobel an die Politik gewandt - und an alle, die sich so wie die 50.000 Menschen bei der "Hambi-Demo" letztes Jahr für einen Kohleausstieg und den Schutz unserer Wälder einsetzen.

    Er schreibt: "Am Tag nach dem Januar-Waldspaziergang im Hambacher Wald mit knapp 500 TeilnehmerInnen ist es mir ein Bedürfnis, einen erneuten Appell in die Welt zu schicken. An alle Beteiligten, aber vor Allem an die Entscheidungsträger, an Menschen, die in den kommenden Tagen an den Schalthebeln sitzen, an Menschen, die eine große Maschinerie noch aufhalten können. Und ich appelliere an die Presse, an Kameraleute, an Fotgrafen, an alle denkbaren Zeugen, kommen Sie in den Hambacher Wald, dokumentieren Sie, was dort in den kommenden Tagen passiert, stellen Sie Fragen, schicken Sie die Berichte und Bilder in die Welt."

    Es geht um die umstrittenen Baumhäuser und Barrikaden, die Aktivisten erneut im Hambacher Wald errichtet haben. Die Stimmung ist trotz der friedlichen Demo und des vorläufigen Rodungsstopps weiter angeheizt. Vermummte hatten an Weihnachten Gebäude des Energiekonzerns RWE mit Molotowcocktails und Steinen angegriffen. Bei einer Razzia wurden im Wald laut Polizeiangaben Zwillen und sogar Wurfmesser gefunden. Angeblich wurden die Beamten mit Urin und Gegenständen beworfen. Die Bewohner des Camps warfen der Polizei wiederum vor, unverhältnismäßig gewalttätig vorgegangen zu sein.

    Wir verfolgen das alles mit großer Sorge und denken an die Worte, die Michael Zobel bei der Hambi-Demo gesagt hat: Wir müssen den Wald wieder zur Ruhe kommen lassen. Die Tiere und Pflanzen, die für all das nichts können, leiden unter dem permanenten Stress. Und natürlich gehört die Angst um die bevorstehende Zerstörung des Waldes zu dem, was uns allen Stress macht.

    Wir sind gegen jede Form der Gewalt, egal von welcher Seite sie ausgeht. Bei aller Entschlossenheit, die wir aufbringen müssen, um die Kohle zu stoppen und unsere Landschaften zu bewahren, sind wir von der WWF Jugend gegen jede Form der Aggression gegen Menschen und Dinge. Ebenso wollen wir auch keine Gewalt gegen den Wald akzeptieren - und deshalb möchten wir den Aufruf des Naturführers Michael Zobel mit verbreiten, in dem es vor allem darum geht, dass die Stimmung durch voreilige Räumungen nicht weiter angeheizt werden darf. Je angespannter die Stimmung wird, desto weniger kann der Wald wieder das sein, was er eigentlich ist: ein Naturraum, in dem Tiere und Pflanzen nach ihren Bedürfnissen leben wollen.

    Michael Zobel schreibt:

    "Soll der ganze Wahnsinn jetzt schon wieder von vorne losgehen?

    Wenn die Informationen aus gewöhnlich zuverlässigen Quellen stimmen, steht der nächste Großeinsatz der Polizei im Hambacher Wald unmittelbar bevor.

    Wieder sollen Barrikaden geräumt und 'waldfremde Gegenstände' aus dem Wald entfernt werden. Dann heißt es wieder 'die Polizei schützt die Arbeiten von RWE im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht'. Es gibt die Verkehrssicherungspflicht in dieser Form nicht, trotzdem wird das Stichwort immer wieder hervorgeholt, um die weitere Zerstörung, weitere Rodungen, den Ausbau von Wegen, das Beseitigen von Totholz, das Schaffen von unumkehrbaren Fakten usw. zu begründen.

    Es wird erneut ein großer Einsatz, erneut eine völlig sinnfreie Vergeudung von Steuergeldern.

    Was wird denn gewonnen? In der nächsten Woche treffen sich die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Kohleländer. Auch im Januar findet die vorerst letzte Sitzung der Kohlekommission statt. Anfang Februar sollen die Empfehlungen der Kommission vorgelegt werden. Und im März urteilt das Verwaltungsgericht Köln über diverse Klagen des BUND. All das könnte ein vorzeitiges Ende des Tagebaus Hambach und den endgültigen Erhalt des Hambacher Waldes zur Folge haben.

    Warum kann man im Düsseldorfer Innenministerium nicht wenigstens diese richtungsweisenden Entscheidungen abwarten? Warum wird die Polizei wieder in einen Einsatz geschickt, der nicht ein einziges Problem lösen wird? Baumhäuser können geräumt werden, kein Problem, die Technik ist da, die Einheiten sind da, Erfahrung ist vorhanden.

    Aber die Menschen werden bleiben oder wiederkommen, die Anti-Braunkohle-Bewegung wir weiter wachsen. Immer mehr Menschen nehmen das Handeln selber in die Hand. Vielleicht waren die beeindruckenden Demonstrationen des vergangenen Jahres nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns in diesem Jahr bevorsteht.

    Widerstand in den Dörfern rund um die Tagebaue, Streiks an Schulen und Universitäten, die Verfassungsklage in Karlsruhe, das sind nur ein paar Beispiele dafür, dass immer mehr Menschen nicht länger tatenlos zusehen wollen, wie Teile unserer Lebensgrundlagen einer völlig veralteteten Technik und den Profitinteressen eines Konzerns geopfert werden, auf Kosten kommender Generationen, auf Kosten von Menschen weltweit.

    Herr Reul, Herr Laschet, Frau Merkel, halten Sie inne, sorgen Sie für die lange überfällige Lösung eines gesamtgesellschaftlichen Konflikts!

    Helfen Sie mit bei der Befriedung einer ganzen Region, helfen Sie mit, tragfähige Perspektiven für die Menschen im Rheinischen Revier zu entwickeln, stoppen Sie die unsinnigen Räumungen und Rodungen im Hambacher Wald. Viele Menschen mit ihren Kindern und Enkeln hier und weit darüber hinaus werden Ihnen dankbar dafür sein.
    Mit immer noch hoffnungsvollen Grüßen aus Aachen,
    Michael Zobel"

    Wir schließen uns diesem Aufruf an. Friedlicher, bunter und kreativer Protest sind nach unserer Auffassung der einzige Weg für eine wirkliche Veränderung. Gewalt ist nie eine Lösung, denn sie führt nicht nur zu nichts - sie verneint außerdem die menschliche Würde.

    Sowohl extreme Aktivisten wie politische Institutionen sollten durchatmen und sich auf die Kraft der Argumente besinnen. Es ist die Zukunft der jungen Generation, die nicht im Klima-Chaos leben will, um die es hier geht. Und dieser wichtige Punkt geht bei Geschrei und Gewalt nur unter.

    Der Wald lebt uns dieses Prinzip vor. Er ist ein Ort des Friedens und des Miteinanders. Wir dürfen ihn nicht zerstören, und wir dürfen uns nicht zerstören.

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