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Mensch und Tier – Sollten Tiere Rechte haben? (4/4)

  • Dies wird wahrscheinlich der kontroverseste Teil der Reihe, mit dem Ziel eine flinke Diskussion zu entfachen. Betrachtet die Ausführungen in diesem Artikel bitte als eine mögliche Argumentationsweise, die dazu einlädt, mal einen anderen Blickwinkel anzunehmen. Seht es also als Denkanstoß und spinnt den Gedanken weiter: Sind Tierrechte realisierbar und warum? Was sind Alternatieven, um den menschlaichen Umgang mit Tieren in verschiedenen Kontexten zu verbessern? Schreibt eure Ansichten und Ideen als Kommentare!

    Stellt euch vor, ich spreche eine Person auf der Straße an und frage: „Entschuldigung, können Sie mir sagen, ob Tiere Rechte haben sollten?“. Vielleicht spielt diese Person in ihrem Kopf ein schnelles Szenario durch, nach dem Motto: Wenn ich allen Tieren das Recht auf Leben geben würde, würde das nicht nur bedeuten, dass man zum Beispiel keine Nutztiere für den Fleischkonsum mehr halten dürfte, sondern auch, dass man Ameisen in der Küche nicht mehr bekämpfen dürfte. Das wären aber große Probleme in der praktischen Umsetzung…Ich sage daher „Nein“. Die Person würde somit zuerst an all die weitreichenden Folgen denken, die es hätte, wenn man Tieren Rechten geben würde und sich auf diese Weise eine Meinung bilden. Aber es lohnt auch, einmal allen persönlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen auszublenden und schlichtweg nach den Prinzipien zu schauen, die hinter der anfangs gestellten Frage stehen. Wir werden also erst mal die Grundlagen der Menschenrechte und die Normen der Demokratie betrachten, um herauszufinden, ob Tierrechte prinzipiell gerechtfertigt wären oder nicht.


    Die universellen Menschenrechte sind auf den fundamentalen Bedürfnissen basiert, die jeder Mensch hat. In unserer Gesellschaft hat damit jeder Mensch gleiches Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Nahrung, medizinische Versorgung und anderes. Als eines dieser Rechte jemandem vorbehalten wird, weil er eine andere Hautfarbe, Religion, Herkunft, Geschlecht oder jeglichen anderen Status hat, wird von Diskriminierung gesprochen und von der Verletzung der Menschenrechte.


    Wenn Bedürfnisse somit die Basis für Rechte sind, muss die folgende Frage lauten, ob Tiere nicht genauso wie Menschen Bedürfnisse haben. Zum Beispiel, ob sie das Bedürfnis haben zu leben, unverletzt zu sein oder Nahrung zu bekommen. Manche sagen, dass man die Bedürfnisse von Tieren nicht feststellen kann, weil Tiere diese nicht aussprechen können. Jedoch kann man sehr wohl aus dem Verhalten und dem körperlichen Respons von verletzten, isolierten, hungernden oder eingesperrten Tieren ihr Bedürfnis ableiten. Das reicht von dem Versuch, der Situation zu entfliehen, bis zu der Abgabe von Stresshormonen, die man messen kann. Auf diese Weise könnte man für jede Tierart fundamentale Bedürfnisse definieren. Hieran mangelt es also nicht.


    Die nächste Frage muss lauten, ob tierliche Bedürfnisse genauso wichtig sind wie die des Menschen. Schauen wir uns dazu mal die Definition einer Demokratie an. Hiernach wird jede Belangstellung gleich viel gewichtet, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Herkunftsland oder anderem Status. Logisch, die Stimme meines Nachbarn zählt ja nicht mehr oder weniger als meine, nur weil er einen anderen Status hat als ich. Das Leben in einer Demokratie bedeutet also, dass eine Person auf Basis einer nicht relevanten Eigenschaft wie Frau-Sein, Farbig-Sein, Religiös-Sein, Groß-Sein oder was auch immer nicht diskriminiert werden darf. Auch Tier-Sein ist eine solche Eigenschaft und darf daher kein Grund für Diskriminierung sein.


    Manche Leute meinen, dass es legitim ist, um Tieren Leid zuzufügen, weil Menschen weiter entwickelt sind, intelligenter sind, anders sind, schlichtweg die Macht dazu zu haben. Aber Babys sind doch auch weniger entwickelt als Erwachsene und trotzdem haben sie Rechte. Klar, vielleicht nicht gerade das Wahlrecht, aber ein Recht auf körperliche Unversehrtheit schon. Warum sollte das nicht auch für Tiere gelten? Peter Singer spricht in seinem Buch Animal Liberation was diesen Punkt betrifft von Speziesismus, also der Diskriminierung von Tieren mit der Begründung dass sie eben Tiere sind. Der Denkfehler, der hier begangen wird, ist leicht aufzuspüren, wenn man das Wort „Tiere“ durch „Frau“ oder „Farbige“ ersetzt. Wer Frauen oder Farbige ausgrenzt, weil sie weiblich oder farbig sind, der diskriminiert sie aufgrund einer nicht relevanten Eigenschaft. Genaus das gleiche gilt auch für Spezies, also dem Menschen gegenüber anderen Tierarten. Nur weil man einer anderen Art angehört, heißt das nicht, dass ein Bedürfnis weniger wichtig oder wert ist.

    Der Australische Philosoph Peter Singer introduziert in seinem Buch Animal Liberation den Begriff Speziesismus und erklärt, warum die Eigenschaft "Tier-Sein" kein Grund für Diskriminierung sein darf. 


    Wenn wir also nach den Normen schauen, auf denen die Menschenrechte und die Demokratie basiert sind, müssen wir feststellen, dass Tiere vom Prinzip her auch Rechte haben sollten, die ihre fundamentalen Bedürfnisse sicher stellen. Dies würde, wie oben angesprochen, jedoch weitreichende Folgen für die einzelne Person, die Gesellschaft, das Rechtssystem, die Bio-Industrie, die Wissenschaft und vieles mehr haben. Tierhaltung und Schlachtung, Fischen und Jagen, aber auch Entwaldung, weil dadurch Lebensraum der Tiere schwindet, sind die ersten Dinge, die einem so einfallen. Aber hat nicht eine Mücke oder eine Kopflaus auch das fundamentale Bedürfnis zu überleben? Und da jedes Bedürfnis eigentlich doch gleich viel zählt, wie eben argumentiert wurde, hieße das, dass man keine Mücke mehr totschlagen und keinen Parasiten mehr bekämpfen dürfte?

    Ihr wollt noch mehr über die Beziehungen zwischen Mensch und Tier erfahren? Dann lest auch die letzte Folge der Reihe, in der es um die Frage geht, ob Tiere Schmerzen empfinden können. 

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    Referenzen: 

    Beerda, B., Schilder, M. B. ., Van Hooff, J. A. R. A. ., De Vries, H. W., & Mol, J. A. (1999).
    Behavioural and hormonal indicators of enduring environmental stress in dogs.

    Eskens, E. (2015) Over Dierenrechten. Retrieved from:
    https://blackboard.ru.nl/webapps/portal/frameset.jsp?tab_group=courses&url=%2Fwebapps%2FblaFblackb%2Fexecute%2Fcontent%2Ffile%3Fcmd%3Dview%26content_id%3D_2332323_1%26course_id%3D_108557_1%26framesetWrapped%3Dtrue [accessed 9 November 2015]

    UN General Assembly (1948), Universal Declaration of Human Rights. Retrieved from:
    http://www.refworld.org/docid/3ae6b3712c.html [accessed 9 November 2015]

     

    Bildquellen:

    Pixabay, Wikipedia, Pexels

     

Kommentare

17 Kommentare
  • Lena97
    Lena97 Eine interessante Frage, die du hier aufwirfst.
    Ich finde allein die Möglichkeit der Tierrechte nur sinnvoll, wenn es um den Umgang des Menschen mit Tieren geht, d.h. im Falle der Nutztiere (auch Haustiere/Zootiere) und frei lebender Tiere, die in B...  mehr
    10. Januar 2016
  • midori
    midori @Lena97

    Ich kann Deine Ausführungen durchaus verstehen. Aber wer garantiert uns, dass eine Fliege nicht doch Liebe empfinden kann? Wir gehen bis jetzt einfach davon aus, weil wir noch nichts gegenteiliges \'erforscht\' haben. Aber nur weil wir es no...  mehr
    10. Januar 2016
  • Fencer
    Fencer Ich bin auch der Meinung, dass Tiere oft doll unterschätzt werden. Viele Leute sagen dann oft: Das ist ihr Instinkt, das machen sie automatisch, Tiere denken nicht. Mich macht das dann immer ziemlich wütend, denn (nur so als Beispiel) es ist ja ...  mehr
    10. Januar 2016
  • Buchenblatt
    Buchenblatt Schwierige Frage!
    Ich denke, dass auf jeden Fall der Tierschutz besser werden muss. Das kann man auch in Form von Tierrechten sehen. Diese konnten ja beinhalten, das immer mit in die Freiheit und Unversehrtheit von Tieren eingegriffen werden darf, wenn e...  mehr
    11. Januar 2016