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Sollte der Wolf geschossen werden?

  • Dezember 2015, die Schweiz ist in Aufruhr. Zwei Jungwölfe wagen sich gefährlich nah an Siedlungen heran, zeigen nur wenig Scheu vor dem Menschen. Eine potentielle Gefahr? Ja, sagen die betroffenen Kantone St.Gallen und Graumünden. Sie fordern den Abschuss der beiden Raubtiere.

    Diese Maßnahme soll eine Verhaltensänderung des gesamten Calandarudels erwirken. Das Bundesamt für Umwelt hat den Antrag geprüft und bewilligt - unter Vorbehalt bestimmter Voraussetzungen. Damit das Rudel wieder scheuer wird, sollen nicht beide Jungtiere zugleich geschossen werden, sondern jeweils nur ein Wolf und zwar in Anwesenheit des Rudels. Das Rudel soll sich außerdem zum Zeitpunkt des Abschusses in Siedlungsnähe befinden, außerdem soll der Abschuss während der Aktivitätszeit der Menschen stattfinden. Nachdem ein Wolf geschossen wurde, soll das Verhalten des Rudels beobachtet und dokumentiert werden.

    Der WWF Schweiz und auch die führende Umweltschutzorganisation des Landes, Pro Natura, haben diese Entscheidung des Umweltbundesamtes als vorschnell kritisiert. Sie sehen die angesprochenen Tatbestände als nicht erfüllt. Zum einen sei die Interpretation der Gesetzesbestimmung 'Gefährdung des Menschen' sehr unklar. Zum anderen ist es nicht ungewöhnlich, wenn sich Wölfe Siedlungen nähern - ihre Beutetiere machen das schließlich auch.

    Aber nicht nur die Schweiz sieht sich mit vermeintlichen Problemwölfen konfrontiert. Auch in Deutschland lebt ein Rudel, das immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich zieht - zumeist im negativen Sinne. Der bekannte Hundeprofi Martin Rütter begibt sich auf die Spuren der Wölfe und besucht eine Frau, die den eigentlich scheuen Jägern plötzlich hautnah gegenübersteht. Anja Nowak lebt in der Lüneburger Heide, hat zwei Golden Retriever und geht gern im angrenzenden Wald mit ihren Hunden spazieren.

    Bis sie eines Tages von einem Rudel Wölfe überrascht wird. Es ist ein sonniger Wintertag, ihre Hunde stöbern im Schnee, Anja Nowak macht Fotos. In der Ferne entdeckt sie ein Tier, vermutet einen Hund, dessen Herrchen sicher gleich um die Ecke biegen wird. Sie geht weiter auf den Wolf zu. "Plötzlich waren sie da, ich kann nicht mehr sagen, wo sie herkamen", erinnert sich Anja Nowak nur dunkel an das plötzliche Auftauchen des siebenköpfigen Wolfsrudels.

    Anja Nowak geht mit ihren Hunden drei Meter beiseite ins Dickicht und hofft, dass die Wölfe sie noch nicht bemerkt haben. Die laufen jedoch schnurstracks den Weg entlang auf sie zu. Dann legt sich einer ihrer Golden Retriever in die Leine und bellt die Tiere an. Sie bleiben stehen, sind neugierig, beobachten. Zehn Meter von Anja Nowak entfernt. Sie überlegt - wegrennen, umdrehen? Sie geht forschen Schrittes zurück nach Hause, die Hunde an der Leine. Die Wölfe folgen ihr, bleiben jedesmal stehen, wenn auch Anja Nowak stehen bleibt und sich umschaut. Sie schreit das Rudel an - das zeigt sich völlig unbeeindruckt.

    Nach etwa zehn Minuten wird es den Wölfen langweilig und sie verschwinden im Wald. Glück für Anja Nowak und ihre Hunde und Glück auch für die Wölfe, dass sie ausgerechnet auf diese Frau und nicht auf jemanden anderen gestoßen sind. Denn so beklemmend wie diese Begegnung für Anja Nowak auch war, letztendlich siegt die Faszination für die Wölfe. "Diese Wölfe, die waren einfach toll." Anja Nowak nimmt die Wölfe in Schutz, bekräftigt noch einmal, dass ihr nichts geschehen ist und die Tiere sich friedlich verhalten haben.

    Aber es gibt auch andere Begegnungen in Deutschland. Wölfe, die an helllichtem Tage Straßen überqueren und Menschen im Auto zum Spielen auffordern. Wölfe, die trotz Anwesenheit von Schäfern immer wieder an eine Herde gehen und sich nur schwerlich verscheuchen lassen. Wölfe, die völlig ruhig an einem lauten Traktor vorbeimarschieren und noch kurz stehenbleiben, um einen Blick daraufzuwerfen. Was ist mit diesen Tieren? Warum zeigen sie keine Scheu vor dem Menschen? Sind sie eine potentielle Gefahr?

    Die auffälligen Tiere lassen sich zwar überall in Norddeutschland blicken, entstammen aber alle einem Rudel aus der Lüneburger Heide. Liegt hier etwa das Geheimnis? Hundeprofi Martin Rütter besucht den Truppenübungsplatz Munster und spricht mit Oberstleutnant Jörg Heimann, dem Kommandanten. Wolfsexperten vermuten, dass die Tiere des Munsterrudels immer wieder von Soldaten der Bundeswehr angefüttert werden und daher die Scheu zum Menschen verloren haben. Der Kommandant schließt das jedoch aus, zumal eindeutig das Verbot der Fütterung besteht - um eben jenes Verhalten der Wölfe zu vermeiden.

    Nichtsdestotrotz sind es ausgerechnet die Mitglieder des Munsterrudels, die sich auffällig verhalten, insbesondere die Welpen von 2014. Kommen wir also zurück zur Frage vom Anfang - können gezielte Abschüsse eine Verhaltensänderung des ganzen Rudels bewirken? Prinzipiell sollte eine sogenannte 'Entnahme' aus der Natur immer nur das letzte Mittel sein. Zunächst wird versucht, den Wolf mit verschiedenen Techniken und Maßnahmen der Vergrämung wieder auf Distanz zu bringen, etwa durch Gummigeschosse. Es ist zweifelhaft, ob ein Rudel durch einen gezielten Abschuss eines Rudelmitglieds das erhoffte Verhalten zeigt und sich fortan vom Menschen fernhält. Da die Tiere ihre Erfahrungen an nachkommende Generationen weiterreichen, ist ein Abschuss eher nicht zu empfehlen, denn wirklich lernen können die Wölfe daraus nicht. Im schlimmsten Falle löst dieses Ereignis weiteres negatives Verhalten aus. "Werden Rudel durch Abschüsse dezimiert, wird der Sozial-Verband destabilisiert, und es kann zu mehr Nutztierrissen oder auffälligerem Verhalten kommen. Es ist daher gut möglich, dass Abschüsse von Rudeltieren mutmassliche Probleme nicht lösen, sondern weitere schaffen".

    Sollte sich der Verdacht der Wolfsexperten und Tierschützer bestätigen, so wird jedoch vor allem eines klar: wir selbst sind Schuld an der Misere. Wölfe lernen schnell und jegliches positive Entgegenkommen des Menschen lässt den Wolf seine Scheu verlieren und auch die seines Nachwuchses. Seit 15 Jahren gibt es wieder Wölfe in Deutschland, aber wir lernen nach wie vor den richtigen Umgang mit den Raubtieren und machen dabei Fehler. Sollten sie dafür büßen? Wann darf ein Wolf geschossen werden? Oder - wann sollte ein Wolf geschossen werden?

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    VOX - Der Hundeprofi Unterwegs - Martin Rütter und die Wölfe - Teil 1

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    Wolfsbilder © iStock / Getty Images
    Sonstige Bilder © Ausschnitt Sendung VOX - Der Hundeprofi unterwegs

Kommentare

9 Kommentare
  • Gangsterhunnie
    Gangsterhunnie Ich würde die Eölfe auch nicht abschießen. Das ist die letzte aller Möglichkeieten und noch haben wir welche. Bisher haben die Wölfe doch noch gar nichts ernstes getan. Wenn sie sic näher an ein Dorf heranwagen iat das nicht...  mehr
    6. Januar 2016
  • FranziL
    FranziL Komplizierte Frage... Ich bin eigentlich gegen das Abschießen von Tieren (vor allem aus den genannten Gründen), kann aber auch die Menschen verstehen, die vor einer solchen Begegnung, wie sie Anja Nowak erlebt hat, Angst haben. Grund dafür...  mehr
    7. Januar 2016
  • Buchenblatt
    Buchenblatt Ich denke nicht, dass Abschießen den erhofften Effekt hätte (abgesehen davon, dass ich das moralisch nicht in Ordnung finde). Wenn Gummigeschosse helfen, fände ich das okay. Viel wichtiger ist es vielleicht, um die Akzeptanz gegenüber...  mehr
    8. Januar 2016
  • Lukas42
    Lukas42 Ich finde es sinnlos einen Wolf abzuschießen ich bezweifle einerseits das die Tiere ihr verhalten ändern würden und genau genommen dringt der Mensch in dessen Lebensraum ein, Provoziert durch die Haltung der Beute Tiere des Wolfes ein Inte...  mehr
    16. Januar 2016