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Mensch und Tier – Gibt es Kultur im Tierreich? (2/4)

  • Eine große Vielfalt an Kulturen ist kennzeichnend für uns Menschen. Kulturen formen
    unsere Gesellschaft und tragen an die Identität jedes Einzelnen bei. Aber sind Kulturen auch ein Kennzeichen für die menschliche Identität an sich? Mit anderen Worten, unterscheiden sich Menschen und Tiere durch die Anwesenheit von Kulturen? Um dies zu beantworten, müssen wir erst einmal klären, was ‚Kultur‘ eigentlich ist. Danach können wir schauen, ob wir irgendwo im Tierreich Kulturen ausfindig machen können. Sollten wir auf Kulturen stoßen, dann wäre dies ein Argument, um vom graduellen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu sprechen. Falls wir auf keine stoßen, bedeutet dies, dass Menschen und Tiere sich was die Fähigkeit zur Kulturformung betrifft fundamental voneinander unterscheiden.

     

    Kultur – Was ist das überhaupt? Kultur ist die nicht-erbliche Weitergabe von Fähigkeiten, Wissen und Gewohnheiten durch soziales Lernen. Wir können bei Menschen und Tieren bestimmte Verhaltensweisen beobachten. Häufig kommen diese Verhaltensweisen durch die Umgebung, in der wir leben, zu Stande oder durch genetische Komponenten. Es ist zum Beispiel auffällig, dass Menschen, die dichter an den Polen wohnen, grundsätzlich andere Kleidung tragen als Menschen, die dichter am Äquator leben. Aber ist das Kultur? Genaugenommen nicht, denn die verschiedenen Kleidungstraditionen sind vom Klima der jeweiligen Region abhängig. Bei Menschen wird diese Grenze, was Kultur ist und was nicht, manchmal ein bisschen schwammig gesehen. Kein Wunder, wir wissen ja auch sehr sicher, dass wir zu sozialem Lernen fähig sind. Sobald wir jedoch nach Tieren schauen, müssen wir ausschließen können, dass das Verhalten weder von der Umgebung noch genetisch bestimmt ist, bevor wir von Kulturen sprechen können. Es ist wichtig, dass wir von hier an dieser Definition sehr genau folgen, denn ansonsten laufen wir Gefahr menschliche Traditionen bei Tieren zu suchen, die eigentlich von der Umgebung oder dem Erbgut abhängig und damit keine Kulturen sind. Wir müssen also nach den folgenden Indikatoren Ausschau halten, die erbliche oder umgebungs-abhängige Übertragung unwahrscheinlich machen: Finden wir eine Tradition bei einer Tierart, die lediglich bei einer einzigen (oder sehr wenigen) Population (en) vorkommt? Wird die Verhaltensweise an jedes individuelle Tier sozial beigebracht? Nimmt die Anzahl an Tieren, die die Verhaltensweise zeigen, mit der Zeit zu?  

    Eine kulturelle Tradition bei Tieren wurde zum ersten Mal im Jahr 1978 festgestellt. Zu dieser Zeit wurde viel Verhaltensforschung bei Schimpansen betrieben. Die Wissenschaftler Jane Gooddall und William McGrew untersuchte
    verschiedene Gruppen Schimpansen, deren Territorien in relativ dicht beieinander lagen. Bei einer dieser Gruppen konnte beobachtet werden, dass sich lausende Affen stets die Gewohnheit hatten, einander an den Händen festzuhalten, wobei sie die Arme vertikal in die Luft streckten. Damals war noch kein anderer Fall dieses sogenannten „grooming handclasp“ bekannt, was eine erblich-übertragene Eigenschaft ausschloss. Weil im gleichen Gebiet noch andere Schimpansengruppen lebten, die dieses Verhalten nicht an den Tag legten, konnten auch Umgebungsfaktoren als Ursache hinter dem Verhalten ausgeschlossen werden. Daher wurde der „grooming handclasp“ als erste kulturelle Tradition im Tierreich anerkannt. Als später das gleiche Phänomen bei einigen Schimpansen in Gefangenschaft beobachtet werden konnte, schien es zunächst, dass die Bestätigung für tierliche Kulturen doch nicht gültig war. Neuste Untersuchungen haben aber ergeben, dass der „grooming handclasp“ zwar bei mehreren Schimpansenstämmen auftritt, jeder Stamm jedoch seinen eigenen Style entwickelt. Manche Gruppen fassen sich bei den Händen, andere berühren sich mit den Handgelenken, wieder andere legen Handgelenk an Ellenbogen. Diese bevorzugten Styles sind scheinbar weder ökologisch noch genetisch bedingt, was ihnen erneut den Status einer kulturellen Tradition gegeben hat.  

    Einmal mit den Forschungen nach kulturellen Traditionen in Tierreich begonnen, konnte man weitere Beispiele ausfindig machen. 2014 konnte zum ersten Mal beobachtet werden, wie sich eine kulturelle Tradition in einer Schimpansengruppe festigte. Ein Weibchen begann plötzlich damit sich einen langen Grashalm ins Ohr zu stecken und damit den Rest des Tages herumzulaufen. Sehr langsam, über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, haben stets mehr Schimpansen der Gruppe dieses Verhalten kopiert. Auffällig war, dass zunächst die Familie des Weibchens sowie ihre engsten Freunde (also die Schimpansen mit denen sie am meisten Zeit verbrachte), die Gras-im-Ohr Tradition übernahmen. Dieses Beispiel ist besonders deutlich, da alle Indikatoren erfüllt werden: Die Tradition kommt nur bei einer einzigen Population vor, das Verhalten wird sozial weitergegeben und die Anzahl an Tieren, die das Verhalten übernehmen, nimmt mit der Zeit zu.

    Neben diesen zwei Beispielen bei Schimpansen sind noch weitere kulturelle Traditionen im Tierreich bekannt. So konnte man inzwischen bei auch bei Kapuzineraffen, Meerkatzen, Orcas, Vögeln und weiteren kulturelle Traditionen feststellen.

    Die Beispiele lassen deutlich sehen, dass Kultur nicht auf den Menschen beschränkt ist. Jedoch fallen einige Unterschiede auf: Warum können sich bei Tieren Traditionen nur sehr, sehr langsam in einer Population festigen, wie wir es beim Gras-im-Ohr-Verhalten gesehen haben? Und wie kommt es, dass menschliche Kulturen offensichtlich viel diverser sind dann tierliche? Eine mögliche Erklärung hierfür ist ein Phänomen namens Überimitation, das nur bei Menschenkindern, nicht aber bei jungen Primaten festgestellt werden konnte. Überimitation ist das Kopieren von Verhaltensweisen, die nicht zielführend sind.  Hierbei wurde ein Versuch durchgeführt, bei dem sowohl Menschen- als Affenkindern die Aufgabe hatten, eine Süßigkeit aus einem Apparat zu holen. Der erste Apparat sah aus wie eine schwarze Kiste. Ein Erwachsener machte einen Handlungsablauf vor: An einem Rad drehen, mit einem Stock in ein Loch stechen, zwei Stäbe verschieben, bevor er unten eine Klappe öffnete und die Süßigkeit herausholte. Sowohl Menschen- als Affenkinder im Alter von drei Jahren machten alle diese Handlungen nach und holten sich letztendlich die Süßigkeit. Interessant wurde es, als die schwarze Kiste mit einer durchsichtigen vertauscht wurde. Jetzt konnte man sehen, dass das Rädchen, der Stock im Loch und die Stäbe  gar keine Funktion hatten – die Süßigkeit lag die gesamte Zeit schon hinter der Klappe. Im zweiten Anlauf nahmen die Affenkinder sich schlicht die Belohnung und ließen alle unnützen Handlungen weg. Die Menschenkinder jedoch  machten weiterhin ganz genau das nach, was der Erwachsene ihnen gezeigt hatte und nahmen sich erst ganz am Ende die Süßigkeit. Aus dieser Studie scheint, dass Menschen viel mehr dazu neigen, Verhalten zu kopieren, das keinen offensichtlichen Nutzen mit sich bringt. Hierdurch wird das Verhalten einer Menschengruppe schneller und in größerem Maße homogen als in einer Gruppe Tieren. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, warum so gut wie jede eigene Lebensgemeinschaft Menschen eigene kulturelle Traditionen hat, was zu einer großen Vielfalt an Kulturen führt im Gegensatz zu Tieren.

    Du willst noch mehr zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier wissen? Dann gehts hier zum ersten Bericht der Reihe!

     

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    Quellen: 

    McGrew, W. C., & Tutin, C. E. G. (1978). Evidence for a Social Custom in Wild Chimpanzees? Man, 13(2), 234. doi:10.2307/2800247

    Nielsen, M., & Tomaselli, K. (2010). Overimitation in Kalahari Bushman Children and the Origins of Human Cultural Cognition. Psychological Science, 21(5), 729–736. doi:10.1177/0956797610368808

    Perry, S., Baker, M., Fedigan, L., Gros?Louis, J., Jack, K., MacKinnon, K. C., … Rose, L. (2003). Social Conventions in Wild White?faced Capuchin Monkeys: Evidence for Traditions in a Neotropical Primate. Current Anthropology, 44(2), 241–268. doi:10.1086/345825

    Van Leeuwen, E. J. C., Cronin, K. A., & Haun, D.B. M. (2014). A group-specific arbitrary tradition in chimpanzees (Pan
    troglodytes). Anim Cogn, 17(6), 1421–1425. doi:10.1007/s10071-014-0766-8

    Van Leeuwen, E. J. C., Cronin, K. A., Haun, D. B. M., Mundry, R., &
    Bodamer, M. D. (2012). Neighbouring chimpanzee communities show different preferences in social grooming behaviour.
    Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 279(1746), 4362–4367.
    doi:10.1098/rspb.2012.1543

    Bilder:

    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/55/Carnival_of_cultures_Berlin_2005_h.jpg

    https://pixabay.com/static/uploads/photo/2014/09/14/11/52/rock-art-444867_640.jpg

    https://pixabay.com/static/uploads/photo/2014/04/18/16/42/capuchin-327366_640.jpg

     

Kommentare

6 Kommentare
  • Cookie
    Cookie Danke für den spannenden Bericht.

    Die Affenbabys sind aber echt cleverer, wenn sie sich die Belohnung einfach schnappen, statt die ganzen Aktionen durchzuführen. Ob das so eine gute Eigenschaft von uns Menschen ist, dass wir eher nutzlose Hand...  mehr
    24. November 2015
  • Madamsel
    Madamsel Danke fuer die Kommentare! Zu deinen Fragen Uli:

    Du hast Recht, der Grooming Handclasp an sich ist keine kulturelle Tradtition, genau weil er bei verschiedenen Populationen auftritt, die unabhaengig voneinander leben. Das bedeutet, dass es um ein erblich...  mehr
    1. Dezember 2015
  • HelptheWorld
    HelptheWorld Schimpansen sind so intelligent, warum sehen das die Leute nicht, warum werden diese Tiere so missbraucht? Die Schimpansen sollen in Ruhe und in Frieden leben!
    10. Dezember 2015
  • Hummelelfe
    Hummelelfe Toll erklärt :)
    Lustiges Video.
    14. Dezember 2015