Berichte

Die Klimademo in Paris - eine schwierige Entscheidung

  • Die Gewaltwelle, die wir in den letzten Wochen erleben mussten - nicht nur in Paris, sondern auch in Beirut, Istanbul und vielen weiteren Städten - macht uns zutiefst traurig. Wir können und werden niemals verstehen, wie Menschen dazu fähig sein können, anderen Menschen das Leben zu nehmen und ihre Familien und Freunde lebenslanger Trauer zu überlassen. Wir sind doch alle Menschen, die auf einem gemeinsamen Planeten leben - und anstatt Hass und Gewalt zu verbreiten hätten wir so wichtige gemeinsame Ziele: Den weltweiten Klimaschutz, die Bekämpfung von Hunger, den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, den Aufbau einer nachhaltigen Welt, die Bewahrung der Natur.

    Doch die Anschläge religiöser Extremisten oder auch die Hetze rechter Populisten erinnern uns erneut an die traurige Tatsache, dass nicht alle Menschen an diese gemeinsamen Ziele glauben wollen. Müssen wir uns damit abfinden? Nein, wir müssen weiter kämpfen! Wir müssen für die richtigen Werte einstehen und an das Gute im Menschen glauben!

    In der vergangenen Woche hat die Gewalt - erneut - Paris erfasst. Die Stadt, zu der wir uns ursprünglich in wenigen Tagen aufmachen wollten, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. Eine bunte, verrückte und laute Aktion hatten wir uns überlegt, über 160 von euch hatten sich bereits dafür angemeldet. Nach den Anschlägen erscheint all das plötzlich unmöglich. Oder doch nicht? Können wir euch weiter dazu aufrufen, nach Paris zu fahren?

    Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir mit der WWF Jugend Redaktion vor über eineinhalb Jahren bei einem wunderschönen Treffen in Ravensburg zusammengesessen haben und beschlossen haben: "Wir wollen diese historische Demo nicht im Fernsehen verfolgen. Wir wollen dabei sein! Wir fahren nach Paris!" Seitdem haben wir mit Herzblut die Kampagne geplant, haben Videos produziert und jede Menge Wirbel im Netz gemacht. Umso schwerer fiel uns die Entscheidung, wie wir nach den Anschlägen reagieren sollen. Aber wir mussten eine Entscheidung fällen, und wir möchten euch hier erklären, wie und warum wir uns entschieden haben. Für mich persönlich ist es einer der schwierigsten Texte, die ich je geschrieben habe. Denn die Entscheidung fällt leider so aus:

    Wir können nicht weiter an der Paris-Aktion festhalten. Frankreich wird aller Wahrscheinlichkeit nach den Ausnahmezustand auf drei Monate ausdehnen. Konzerte, Feiern und große Versammlungen rund um den Klimagipfel werden wahrscheinlich nicht stattfinden können. Das Aktionsbündnis "Coalition Climat 21", dem auch der WWF angehört, will weiter mobilisieren und mit den Behörden eine Lösung finden. Wir hoffen natürlich sehr, dass es gelingt, die Demo doch irgendwie möglich zu machen, doch sicher damit planen kann wirklich niemand. Die Ereignisse gestern in Hannover haben gezeigt, wie schnell sich das Blatt wenden kann.

    Wir wollen unser Leben NICHT durch den Terror bestimmen lassen. Und dennoch können wir euch nicht einfach weiter dazu ermutigen, nach Paris zu fahren. Wir sind in einer Situation, in der jede und jeder einzelne für sich entscheiden muss, ob man nach Paris fahren will. Wir können und wollen in dieser Situation niemanden unter Druck setzen.

    Würden wir weiterhin sagen: "Jetzt erst recht, wir fahren nach Paris", so wäre dies ein Signal der Stärke - doch für diejenigen, die einfach menschliche Angst empfinden, bringt dieses Signal unweigerlich die Botschaft mit: "Du bist nicht mutig genug", auch wenn dies so natürlich niemand so meinen würde. Wir sind nunmal Menschen, und das was man meint ist nicht immer das, was das Gegenüber wahrnimmt.

    Wir haben sehr lange und intensiv diskutiert, auch die Geschäftsführung des WWF war dabei. Wir haben eure Diskussionen verfolgt und die Meinungen der Aktionsteamer eingeholt. Wir alle waren hin- und hergerissen. Am Schluss überwog die Gewissheit, dass eine Entscheidung gegen die Paris-Aktion kein Signal der Schwäche sein muss. Eure Sicherheit hat bei allen Bedenken Vorrang. Frankreich liegt - auch aufgrund der Luftangriffe in Syrien - mitten im Fadenkreuz der Terroristen. Niemals wären wir darüber hinweg gekommen, wenn der extrem unwahrscheinliche Fall eingetreten wäre, dass jemand von euch zu schaden gekommen wäre. Es muss kein Anschlag sein - allein eine Panik, ausgelöst durch einen Knall, kann ein furchtbares Unglück zur Folge haben.

     

    Deshalb sieht unsere Entscheidung so aus:

    1. Wir organisieren nicht mehr eine Aktion bei der Klima-Demo in Paris und rufen entsprechend nicht mehr dazu auf.

    2. Wir rufen jedoch nicht dazu auf, nicht nach Paris zu fahren. Das Aktionsbündnis wird weiter für die Demo kämpfen, und jeder von euch, der eigenverantwortlich nach Paris fahren möchte, kann dies tun.

    3. Wir beurteilen niemanden, der weiterhin nach Paris fährt, als besonders mutig, und wir verurteilen niemanden, der Paris meidet, als unmutig. Paris bleibt die individuelle Entscheidung jedes einzelnen.

    4. Wir organisieren eine Alternative zur Paris-Aktion in Berlin, und zwar im Rahmen des Climate March am 29. November. Diese Aktion wird anders (und ernsthafter) sein als das, was wir ursprünglich in Paris vorhatten (s. weiter unten).

    5. Alle, die sich bisher beim CrowdFinding angemeldet haben und nun ihre Reise nach Paris absagen, bekommen die Stornierungskosten erstattet. Hierbei können wir euch wie bei den Reisekosten versprochen bis zu 50 Euro erstatten.

    6. Allen, die weiterhin nach Paris fahren wollen, können wir leider die Reisekosten nicht erstatten, da wir dort keine Aktion mehr starten. Reisekosten nach Paris müsst ihr eigenständig tragen.

    7. Alle, die sich beim CrowdFinding angemeldet haben (oder dies noch bis Ende dieser Woche tun!), bekommen ihre Reisekosten erstattet für Berlin! Ihr könnt also vergünstigt (auch hier 50% bis maximal 50 Euro) zur Klima-Demo nach Berlin anreisen.

    Wir hoffen, diese Lösung ist für euch fair und nachvollziehbar. Wir wollen es unbedingt möglichst vielen von euch ermöglichen, nach Berlin zu kommen, weil unsere Aktion in Paris leider nicht stattfinden kann.

     

    Zu Berlin:

    Der Climate March in Berlin wird eine riesige Demo und Teil eines weltweiten dezentralen Protestes zum Beginn des Klimagipfels (Auch hierzu hatten wir bereits aufgerufen). Nun gilt es, dass wir unsere komplette Energie, die eigentlich auf zwei Großdemos verteilt war, für Berlin bündeln. Der Klimaschutz wird natürlich das Kernthema bleiben, dem WWF ist aber auch daran gelegen, bei dieser Demo ein Zeichen der Solidarität mit allen Klimaaktivisten in Paris und in der ganzen Welt zu setzen. Wir wollen betonen, dass Klimaschutz Frieden bedeutet und daher eine unverschiebbare Aufgabe für uns alle bedeutet.

    Bei der Abschlusskundgebung wird der WWF auf seinen Redebeitrag verzichten und der WWF Jugend das Wort übergeben - als Zeichen unserer Wertschätzung für euren großartigen Einsatz in diesem Klimajahr, und als Dank für eure ursprüngliche Bereitschaft, den WWF in Paris repräsentieren zu wollen.

    Wir vom Jugend-Team wollen mit euch gemeinsam den Redebeitrag entwickeln. Hierfür kann uns jeder ein paar Gedanken schicken (gerne direkt an mich per Community-Nachricht). Wir werden versuchen, alle Sätze zu bündeln und zu einer Rede zusammenzufassen, in der sich alle Stimmen wiederfinden werden. Außerdem wird es Raum geben für die Entwicklung eines kreativen Beitrags der Jugend - denkbar wäre z.B. ein gestaltetes Banner, dass wir auf der Bühne ausrollen.

    Dass der Climate March in Berlin stattfinden wird ist ebenfalls noch nicht sicher. Wir wissen nicht, wie es in den nächsten Tagen weitergeht, und daher ist leider nicht ausgeschlossen, dass auch diese Demo untersagt wird. Es ist jedoch nach jetzigem Stand deutlich unwahrscheinlicher, dass die Demo in Berlin abgesagt wird, als in Paris. Wir hoffen das Beste, müssen uns aber auf jede Eventualität einstellen. Infos zu Treffpunkt und Ablauf gibt es sehr bald hier auf wwf-jugend.de.

     

    Meine abschließenden Worte...

    ...sind keine abschließenden Worte, sondern meine bitte an euch, dass wir weiter miteinander reden. Was sind eure Gefühle nach den Anschlägen? Wie seht ihr unsere Entscheidung? Wie kann Protest in der Zukunft aussehen? Postet hier eure Gedanken per Kommentar unter diesen Artikel, wenn ihr mögt.

    Uns vom WWF ist wichtig, dass ihr unsere Botschaft erkennt:

    Wir geben dem Terror nicht nach - Wir bleiben bei unserer Überzeugung, dass eine andere Welt möglich ist!

    Wir setzen nicht auf kurzfristige Signale der Stärke, sondern auf wirkliche Stärke und nachhaltige Lösungen!

    Wir werden uns immer einmischen, und wir können unsere Pläne immer anpassen!

    Wir sind solidarisch mit allen, die auf der Welt für den Klimaschutz kämpfen, egal wie und wo!

    Wir lassen uns als Gemeinschaft der Guten nicht spalten - Wir Klimaschützer sind vereint, nous sommes unis!

     

    euer Marcel vom WWF Jugend-Team

Kommentare

27 Kommentare
  • Monamona
    Monamona Danke Marcel für deine Worte. Ich kann eure Entscheidung nachvollziehen und habe auch keine andere erwartet, vor allem nicht, nachdem ich vorgestern in Hannover den Ausnahmezustand miterlebt habe. Für mich ist das keine Art von Nachgeben gegen&u...  mehr
    19. November 2015
  • Johannisbeere1502
    Johannisbeere1502 Vor einigen Wochen habe ich mit meinen Eltern darüber diskutiert, ob ich mit nach Paris fahren darf. Nur einige Tage später starben über 100 Menschen bei diesem Anschlag. Das muss eine sehr schwere Entscheidung für den WWF gewesen sein...  mehr
    19. November 2015
  • Ivonne
    Ivonne Lieber Marcel, vielen Dank für deine bewegenden Worte! Ich finde die Entscheidung des WWF richtig und wichtig. Auch in Berlin können wir ein mächtiges Zeichen setzen für den Klimaschutz! LG! Ivonne
    23. November 2015
  • Hummelelfe
    Hummelelfe Die Entscheidung wäre mir auch total schwer gefallen.
    Genau das wollen die Terroristen ja auch; dass wir Angst vor ihnen bekommen.
    Aber ein Zeichen für den Klimaschutz zu setzen; das widerspricht sich.
    Ich finde die Entscheidung richtig, dass di...  mehr
    1. Dezember 2015