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Mensch und Tier – Ein fundamentaler Unterschied? (1/4)

  • Schon seit tausenden von Jahren beschäftigt die Menschheid die Frage, welche Position der Mensch eigentlich auf der Erde einnimmt. Darüber gab es viele Diskussionen, Erörterungen wurden geschrieben und Ansichtsweisen dargelegt. Eine Möglichkeit, um der Rolle der Menschen ein Quäntchen näher zu kommen, ist es zu untersuchen, in welcher Beziehung wir zu anderen Bewohnern dieses Planeten stehen. Ich möchte mich in dieser Berichtsreihe an die Antwort auf die Frage herantasten, inwiefern sich der Mensch von Tieren unterscheidet. Was sagt Abstammung, Kultur und die Fähigkeit Schmerz zu empfinden über den Unterschied zwischen Mensch und Tier aus? Und welche Konsequenten haben die Schlussfolgerungen? Dieser erste Bericht gibt eine Übersicht zu den Standpunkten zum Unterschied Mensch-Tier im Laufe der Geschichte und belichtet die Meinungen kritisch. Drei Standpunkte, die jeweils den damaligen Zeitgeist wiederspiegeln, werden von dem Philosophen René Descartes (1596 – 1650), dem Vater der Evolutionstheorie Charles Darwin (1871) und dem Professor der Evolutionsbiologie und Psychologie Marc Hauser (2009) vertreten.

    Descartes war zu seiner Zeit einer der größten Gegenspieler der damals anerkannten Naturphilosophie des Aristoteles. Diese ging von einer beseelten Welt aus, in der jedes Element seinen natürlichen Platz hat. Ein Stein beispielsweise hat seinen natürlichen Ort am Boden. Das bedeutet, wenn ich einen Stein aufhebe, dann bewege ich in entgegengesetzt seiner natürlichen Bewegung. Sobald ich ihn loslasse strebt der Stein wieder zum Erdboden. In anderen Worten, jeder Lebewesen und jeder Gegenstand ist zielgerichtet. Der Antrieb hinter dieser Zielsetzung ist, so Aristoteles, die Seele.


    Descartes fand die Erklärung, dass ein Stein nach unten fällt, weil er von seiner Seele dazu angetrieben wird, nicht ganz zufriedenstellend. Er war, zusammen mit einigen anderen wie Galilei oder Kopernikus, eine treibende Kraft der wissenschaftlichen Revolution. Descartes Vorgehensweise war die folgende: Zunächst einmal stellte er alles in Zweifel, was er wusste. Das einzige, was ihm dann noch blieb, war die Gewissheit, dass er gerade alles bezweifelte. „Ich denke, also bin ich“, war seine berühmte Schlussfolgerung. Dies nahm er als Grund, um tabula rasa mit der Seelenlehre des Aristoteles zu machen: Die anfängliche „vegetative Seele“ der Pflanzen und die „sensitive Seele“ der Tiere bestanden für Descartes nicht. Lediglich die intellektuelle Seele des Menschen blieb in seinem Weltbild anwesend, die der Grund für unser Bewusstsein sei. Tieren seinen im Gegensatz nur Maschinen, ein funktionierendes Automat. Der Mensch unterschied sich fundamental von den Tieren durch die Seele in seinem automatisierten Körper - „the ghost in the machine“.

    Descartes‘ Standpunkt wurde durch Darwins Evolutionstheorie 1871 zum ersten Mal mit wissenschaftlicher Unterbauung angezweifelt. Die Theorie besagt, dass auch der Mensch eine Tierart ist, die mit allen anderen Tieren einen Vorfahren teilt. Dies bedeutet, dass wir es nicht mit einem fundamentalen Unterschied, sondern mit einem graduellen zu tun haben. Weil die Evolutionstheorie durch zahlreiche Beobachtungen, Feststellungen und fossile Funde wissenschaftlich als bewiesen angesehen wird, können wir an dieser Stelle davon ausgehen, dass sie fundierter ist als Descartes Stellungnahme, der Mensch unterscheide sich elementar von Tieren auf Grund seiner Seele. Aus der evolutionären Verwandtschaft folgt zudem, dass wir genau genommen nicht von „den Menschen“ und „den Tieren“ sprechen dürfen, sondern vielmehr von einem Unterschied zwischen der Tierart „Mensch“ und allen anderen Arten.


     


    Trotz der bestehenden Verwandtschaft zwischen den Arten publizierte der Professor Marc Hauser 2009 einen Artikel, in dem er sagt, dass der Unterschied zwischen Menschen und allen anderen Tieren doch nicht als graduell darf bezeichnet werden. Er argumentiert, dass der Mensch vier einzigartige Eigenschaften hat, die so weit entwickelt sein, dass eine große Kluft zwischen Menschen und allen anderen Tierarten entsteht. Diese Eigenschaften seien das Vermögen um innovativ zu sein, Ideen zu kombinieren, Symbole als Sprache zu gebrauchen und abstrakt zu denken. Hauser meint, dass wir was diese Dinge betrifft doch so anders seien als Tiere, dass man nicht mehr von einem graduellen Übergang zwischen den Arten sprechen darf.

    Das klingt zunächst einleuchtend. Immerhin ist kein Tier im Stande eine komplexe Matheaufgabe zu lösen oder eine so ausgefeilte Sprache zu beherrschen wie wir. Doch bevor wir blindlings in Zustimmung verfallen, dass Menschen elementar von Tieren zu unterscheiden sein, weil wir allein Bücher schreiben, Autos bauen und zu Göttern beten, lasst uns eben bei ein paar Punkten stillstehen.

    Zunächst einmal können wir feststellen, dass die große Kluft zwischen menschlichem und tierlichem Intellekt von bestimmten Faktoren beeinflusst worden kann. Als ein Affe unter Menschen aufwächst, dann ist er zu einem bestimmten Maße durchaus im Stande Sprache zu lernen. Aber bevor ich groß beschreibe, schaut selbst!



    Und auch von menschlicher Seite aus kann es vorkommen, dass die Kluft zwischen den Intellekten kleiner wird. Nehmen wir sogenannte Feral Children, durch Tiere aufgezogenen Menschenkinder, als Beispiel. Diese können ab einem bestimmten Alter keine Sprache mehr auf hohem Niveau erlernen. Das bedeutet, dass hohe intellektuelle Fähigkeiten keine grundsätzliche Eigenschaft des Menschen sind. Sie werden erst dadurch möglich gemacht, dass wir von Kindesalter an eine bestimmte Förderung bekommen. Die intellektuellen Fähigkeiten nehmen somit durchaus graduell zu, abhängig von äußeren Einflüssen.

    Wir dürfen außerdem nicht vergessen, dass unser Intellekt, so stark ausgeprägt er auch ist, das Resultat von selektiver Evolution bleibt. Einzigartige Eigenschaften sind jedoch nicht nur beim Menschen zu finden. Wenn die Umstände, das heißt der Selektionsdruck, stimmen, dann kann theoretisch jede Tierart eine einzigartige Eigenschaft entwickeln, die unvergleichbar stark ausgeprägt ist. Ein Beispiel: Die meisten Tiere besitzen drei bis fünf Sorten Farb-Sinneszellen (Zapfen) im Auge, mit denen sie dann drei bis fünf Grundfarben voneinander unterscheiden können. Der Mensch besitzt im Übrigen drei Sorten dieser Zellen, wobei wir durch gemischte Aktivierung jede Farbe des (für uns) sichtbaren Spektrums sehen können. Doch der Umfang dieses sichtbaren Spektrums ist sehr gering im Vergleich zu allen Lichtwellenlängen die es gibt. Grundsätzlich ist es darum nicht erstaunlich, dass andere Tiere teils andere Sorten Zapfen haben die für andere Lichtwellenlängen gefühlig sind. Unvergleichbar weit vorn liegt hierbei jedoch eine Garnelenart, die tatsächlich zwölf Sorten dieser Farb-Sinneszellen hat. Man kann sich nicht vorstellen, wie dieses Tier die Welt wahrnimmt (sie können zum Beispiel ultraviolett sehen, was vielleicht bedeutet, dass sie auch ohne UV Lampe Blut leuchten sehen?). Worauf ich hiermit hinaus will, ist dass im Tierreich auch noch andere weit abgeschlagene Rekorde zu finden sind, bloß dass die Eigenschaften, die bei anderen Tieren stark ausgeprägt sind, nicht ähnliche weitreichenden Folgen wie der menschliche Intellekt haben. Dennoch ist es theoretisch möglich, dass auch ein anderes Tier durch Evolution schließlich einen stark ausgeprägten Verstand entwickelt. Daraus folgt, dass die Kluft, die zwischen Mensch und allen anderen Tierarten besteht, nicht unüberwindbar ist.

    Auf Grund davon kann festgehalten worden, dass Mensch und Tier nicht fundamental voneinander unterscheiden, sondern dass wir mit einer graduellen Veränderung zu tun haben. Wir sind und bleiben Verwandte von anderen Tieren. Unser Intellekt ist, auch wenn er stark ausgeprägt ist, kein Grund um uns grundsätzlich auf eine höhere Position als Tiere zu stellen.

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    Referenzen:

    Darwin, C. (1871). Comparison of the mental powers of man and the lower animals. The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex, Vol 1., 34–69. doi:10.1037/12293-002

    IowaPrimate.LearningSanctuary (2009, january 1). Kanzi and Novel Sentences [Video file]. Retrieved from https://www.youtube.com/watch?v=2Dhc2zePJFE

    Harrison, P. (1992). Descartes on Animals. The Philosophical Quarterly, 42(167), 219.
    doi:10.2307/2220217

    Hauser, M. (2009). Origin of the Mind. Scientific American, 301(3), 44–51.
    doi:10.1038/scientificamerican0909-44

    Leijenhoorst, C. (2015) College 2: Descartes, Darwin & Beyond. Radboud Universiteit Nijmegen

    Sherwood, L., Klandorf, H., Yancey, P. H. (2013). Animal Physiology. From Genes to
    Organisms. 2nd edition, p. 252.

    Bilder:

    Wikipedia, pixabay.com, Ben Deglmann http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fimages.fotocommunity.de%2Fbilder%2Fmenschen%2Fportrait%2Fhund-mensch-a6289dd9-6459-46da-8fa1-776d2bea3b2c.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.fotocommunity.de%2Fpc%2Fpc%2Fdisplay%2F28913024&h=669&w=1000&tbnid=MaMpbEE-bQA18M%3A&docid=ZYaOS7UX4Le_bM&ei=vDZGVoyQDMPqPda2nZAH&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=3687&page=3&start=41&ndsp=21&ved=0CLoBEK0DMDNqFQoTCIzexIWOjskCFUN1DwodVlsHcg

Kommentare

4 Kommentare
  • Cookie
    Cookie Super interessant, vielen Dank für diesen tollen Bericht! :)
    Der Affe in dem Video hat mich schwer beeindruckt.
    13. November 2015
  • midori
    midori Wow, Tierrechtsethik ist faszinierend. Ich freue mich schon sehr auf die nächsten Berichte! ps.: Ich finde Aristoteles Theorie irgendwie süß :D
    14. November 2015
  • Taki
    Taki Klasse.
    15. November 2015
  • Johannisbeere1502
    Johannisbeere1502 Ein wirklicher interessanter Bericht! Mich fasziniert dieser Affe auch sehr!
    22. November 2015