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KlimaWende! - „Ich habe nichts gegen Windräder, aber…“ (Ein Kommentar)

  • Seit 2011 in aller Munde und seitdem jedes Jahr aufs Neue kontrovers diskutiert: die Energiewende. Mehr Wind, mehr Solar, keine Atomkraft – ambitionierte Ziele, die seit Jahren laut Umfragen von der deutschen Gesellschaft überwiegend unterstützt werden. Im August 2015 ergab eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid, dass 93% der deutschen Bürger den Ausbau erneuerbarer Energien für "wichtig" oder gar "außerordentlich wichtig" erachten, so hoch war die Zustimmung noch nie. Bei vorherigen Umfragen war häufig von etwa 80% die Rede.

    Solch eine hohe Zustimmung scheint geradezu unvorstellbar, wenn man sich die Diskussionen zu diesem Thema in sozialen Netzwerken oder unter Online-Zeitungsartikeln ansieht, wo es vor aufgebrachten Kritikern und Wutbürgern nur so wimmelt.

    Es ist jedoch ein ähnlich verzerrtes Phänomen wie bei der aktuellen Flüchtlingsdebatte. Diejenigen, die das aktuelle Asylsystem gutheißen oder tolerieren, haben kein zwangsläufiges Bedürfnis danach, dies auch explizit zu äußern, die Asylkritiker– und -gegner hingegen posaunen ihre Meinung z. T. mit „copy & paste“ unter zig Artikel. Genauso halten es viele nicht für nötig, explizit klar zu stellen, dass sie einer Zukunft mit einer möglichst regenerativen und klimafreundlichen Energieversorgung positiv gegenüberstehen, da sie dies für vollkommen selbstverständlich halten, während Klimaskeptiker und Energiewende-Kritiker stetig Kommentarbereiche mit ihrem Frust füllen. Dies erweckt schnell den Eindruck, dass die 10-20% Energiewende-Ablehner eine gesellschaftliche Mehrheit ausmachen, was jedoch nicht der Fall ist.

    Um Klimaskeptiker, soll es in diesem Artikel aber nicht gehen, da über dieses Thema bereits berichtet wurde. Auch die 10 – 20 %, die die Energiewende explizit ablehnen sind nicht der alleinige Fokus dieses Kommentars, denn es gibt noch eine weitere brisante Gruppe.

    In der bereits erwähnten aktuellen Umfrage, die eine Zustimmung von 93% für regenerative Energien ermittelte, gaben nämlich lediglich 68% an, erneuerbare Energie-Anlagen in ihrem Wohnort für "gut" oder "sehr gut" zu halten. Dies ist zwar vergleichsweise extrem hoch (nur etwa 7% würden Kohle in ihrer Nähe haben wollen), zeigt jedoch, dass gut 25% der Befragten annehmen, dass die Energiewende schön und gut sei, aber dann doch bitte ganz wo anders umgesetzt werden sollte. Auch hier hat man eine interessante Parallele zur Asyl-Debatte. So wie es dort sowohl bewusste Rassisten als auch Latentrassisten mit dem Selbstverständnis „Ich bin kein Rassist, aber …“ gibt, so hat man es auch bei der Debatte um erneuerbare Energien mit erklärten Gegnern und vermeintlichen Unterstützern mit dem Selbstverständnis: „Ich bin für Windräder, aber …“ zu tun.

    Haben denn alle Energiewende-Gegner und Kritiker inhaltlich Unrecht? Nicht unbedingt, doch allzu häufig zitieren diese Fakten und Zählen, aus denen sie schlichtweg absurde Schlüsse ziehen. In diesem Beitrag werden vier häufig genannte Phänomene digitaler und regionaler Energiewende-Kritik kommentiert. 

    1. „Nicht auf meinem Rasen!“

    Einwohner von Kleinstädten oder Dörfern kennen dieses Phänomen vielleicht. Eine ganze Reihe von Bürgern, die Jahrzehnte lang allerlei absurde und sinnlose Bauprojekte, unrentable Einkaufszentren auf der grünen Wiese und anderweitige Geldverschwendung und Flächenversiegelung sang- und klanglos hingenommen hat, greift auf einmal aufgebracht zu Fackeln und Mistgabeln, sobald der Bau von Windrädern in der Gemeinde zur Debatte steht.

    Bauern haben auf einmal Angst um ihre Hühner, Eltern um ihre Kinder, Eigentümer um ihre Grundstückspreise. Man munkelt, dass Windräder anderswo bereits Brunnen vergiftet und Jobs geklaut haben. Bürgerinitiativen zur konservativen Selbstbeweihräucherung und gegen die Willkür der bösen Öko-Regierung dominieren auf einmal alle Kneipenstammtische.

    Dabei ist es eigentlich ausgesprochen lobenswert, wenn Bürger den Bau von erneuerbaren Energie-Anlagen in ihrem Ort mit Interesse verfolgen, den Dialog mit den entsprechenden Energieversorgungs-Unternehmen suchen, diese mit Fragen, auch kritischen Fragen, löchern und versuchen, ihre Anregungen und auch Sorgen in die Planung einfließen zu lassen. So können die Energieversorger auf absurde und unberechtigte Sorgen reagieren, aber auch gleichzeitig, berechtigte Sorgen berücksichtigen und so letztlich eine möglichst durchdachte Lösung finden.

    Doch genau das wollen die meisten „Windkraft-kritischen“ Initiativen gar nicht: eine Lösung oder auch nur den Hauch von Alternativen. Mit einfachen Parolen wie „KEINE WINDKRAFT IN XY“ sind sie meist vollkommen destruktiv ausgerichtet und versuchen erneuerbare Energien einfach aus ihrem Sichtradius zu verbannen, ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass Windräder und Solaranlagen im Gegensatz zu Einkaufs- und Vergnügungspalästen u. ä. langfristig elementar wichtig für die gesamte deutsche Energieversorgung sind.

    Kaum eine dieser Initiativen bleibt sachlich und fordert von den Energie-Unternehmen Pläne, um diese zu prüfen und evtl. alternative oder bessere Standorte innerhalb des Ortes vorzuschlagen, stattdessen organisiert man mancherorts bereits Demonstrationen und Shitstorms, wenn ein Kommunalpolitiker auch nur die etwaige Option des Baus von Windrädern nennt. Es geht fast ausschließlich darum, das Schreckgespenst Windkraft so schnell wie möglich zu verscheuchen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wo denn die Energie dann bald herkommen soll, wenn auf einmal jede Gemeinde derart töricht reagiert.

    Hier argumentieren zwei Lager äußerst egoistisch und widersprüchlich. Diejenigen, die „Windräder ja eigentlich für richtig halten, aber …“ halten Windräder eigentlich NICHT für richtig und diejenigen, die am liebsten gar keine erneuerbaren Energien fördern und weiterhin auf Kohle setzen würden, nehmen nicht nur die weitere Erderwärmung bedenkenlos in Kauf, sondern auch die Tatsache, dass anderenorts für ihren Strom riesige Flächen vernichtet und Menschen umgesiedelt werden müssen – aber solange die eigenen vier Wände stehen und der Strom aus der Steckdose kommt, scheint das ja in Ordnung zu sein ... 

    2. „Die anderen machen’s doch auch nicht“

    Machen wir mal eine kleine Zeitreise, wir sitzen als sechs jähriger Rotzlöffel am Esstisch und meckern: „Mama, warum müssen wir hier immer so viel Salat, Gemüse und so‘n Zeug essen? Hendriks Eltern holen zum Mittag voll oft einfach Burger vom Imbiss – warum macht ihr das nicht auch?“ – so und nun reisen wir mal 30 Jahre vorwärts, allerdings ohne die ein oder andere elementare geistige Weiterentwicklung durchzumachen, und was kommt dabei raus?

    Richtig, eine erwachsene Person, die allen Ernstes meint, die Energiewende wäre komplett falsch, nur weil andere Länder keine Energiewende machen oder weil es in anderen Ländern Negativbeispiele bzgl. erneuerbarer Energien gibt, da man ja aus Fehlern bekanntlich nicht lernen sondern nur aufgeben kann … definitiv ein Argument, dass höchstens noch in den Kindergarten gehört, aber nicht in eine ernsthafte Debatte …

    3. „Immer auf die Kleinen!“

    Die EEG-Umlagen sind zurecht ein stetiges Streitthema. Häufig kritisiert werden die Ausnahmen für große, in höchstem Maße klimaschädliche, Industrie-Unternehmen. Immer wieder gibt es jedoch auch „Kritiker“, die ernsthaft behaupten, die gesamte Energiewende wäre von Anfang an nur dazu da, den armen kleinen Steuerzahler um sein Geld zu prellen und sprechen sich deshalb gegen jegliche Förderung erneuerbarer Energien aus, ohne die langfristigen Konsequenzen einer solchen Entscheidung zu bedenken.

    Zu allerlei Irrtümern, Denkfehlern und Falschrechnungen rund um das Thema EEG-Umlagen, hier ein fantastisches Video des deutschen YouTube-Journalisten Rayk Anders:

    https://www.youtube.com/watch?v=Lv027QqvLpE

    4. „Och, die schöne deutsche Landschaft“

    Wenn es um den Bau von Windrädern geht, dann bekommt man stellenweise das Gefühl, dass so mancher besorgter Bürger Deutschland als eine Art riesiges Caspar David Friedrich-Gemälde sieht, dass Jahrhunderte lang voll unberührter Schönheit glänzte und dessen Pracht nun erstmals von kleinen, hässlich rotierenden Energie-Erzeugern befleckt wird. Von Roland Tichy bis Oskar Lafontaine beklagen sich Menschen von allen gesellschaftlichen und politischen Seiten darüber, wie furchtbar „landschaftszerstörend“ doch Windräder seien.

    Das Absurde an diesem Vorwurf: Windräder werden nur deshalb als landschaftsZERSTÖREND, kritisiert, weil sie eben nicht landschaftsZERSTÖREND sind, sondern lediglich landschaftsBEEINTRÄCHTIGEND. Landschaftszerstörend sind hingegen Braunkohle-Tagebaue, ebenso wie riesige industrielle Landwirtschaftsflächen, schicke Neubausiedlungen und protzige Shopping Malls mit riesigen Parkplätzen, die heute noch stetig am Rande von Siedlungen entstehen und für die Landschaften derart zerstört werden, dass wir sie eben gar nicht mehr als Landschaften wahrnehmen und sie überhaupt nicht mehr in den Zusammenhang mit Landschaften setzen. Windkraftanlagen behalten jedoch meist einen Bezug zur Landschaft, da man noch das Gras und z. T. auch Bäume und Sträucher sieht, die zwischen einzelnen Windrädern wachsen und eine vermeintliche Natur-Idylle vor Augen hat, die nur durch die grauen Pfähle „vernichtet“ wird …

    Was bleibt letztlich zu sagen? Kritik an erneuerbaren Energien wird es noch so lange geben, wie es erneuerbare Energien geben wird und es ist auch absolut wichtig, dass auch etwas so Ambitioniertes wie die Energiewende mit Kritik begleitet wird, allerdings nicht mit irgendeiner Kritik, sondern mit konstruktiver Kritik … aktuell dominiert jedoch leider klar die gänzlich destruktive Kritik, die erneuerbare Energie entweder gar nicht oder aber nicht auf ihrem Rasen sehen will, dabei aber nicht begreift, dass Solaranlagen, Windräder und Wasserkraftwerke kein romantisches Öko-Spielchen sind, sondern unentbehrliche Investitionen für eine lebenswerte Zukunft. Wer seine Steckdosen in nutzbarer Form behalten will, dem sollte deshalb klar sein, dass der ein oder andere Rasen langfristig geopfert werden muss …

    Text: Maxim Podobed
    Fotos: © Carschten ; © Petersberg aktuell

    Und hier kommt ihr zum letzten "Klimawende"-Bericht: Klimafreundliche Innovationen der Zukunft
     

Kommentare

3 Kommentare
  • Gluehwuermchen
    Gluehwuermchen Das ist ein sehr interessantes Thema und ich muss sagen, dass inhaltlich nicht hundertprozentig zustimmen kann.
    Keine Frage, wenn man das Thema vor dem Standpunkt "Kohle oder Windräder" betrachtet, dann sollten die Windkraftgegner zu Recht &quo...  mehr
    7. Oktober 2015
  • Peet
    Peet @Maura: "Hier geht es m.E. nicht im Entferntesten darum, zur Energiewende beizutragen. "

    Hier geht es darum, Geld zu machen. Die Energiewende ist durch das EEG ja gerade erst erfolgreich geworden. Sollten also monetäre Anreize sowie windkr...  mehr
    7. Oktober 2015
  • Gruenertiger
    Gruenertiger Bei uns im Ort wollen fast alle kein Windräder aber, Atomkraft, Kohle wollen sie auch nicht.
    10. Oktober 2015