Berichte

Puyo – Die Wiedergeburt des Waldes

  • Die Sonne brennt mit jeder Minute mehr und mehr auf der Haut. Die Luft steht. Kein Wind. Nicht mal eine leichte Brise. Es ist schwül und der Schweiß tröpfelt vor sich hin. Der rettende Wald, er lächelt mit mich von der Ferne her an.

    Ich stehe auf einer Plantage. Genauer gesagt einer Bananenplantage, im Herzen des Pyuo Regenwaldes. Westlich von uns beginnen die Berge Ecuadors. Das Herz des Landes. Östlich die scheinbar unendliche Weite des Amazonas Regenwaldes, wo Staatsgrenzen lediglich auf dem Papier bestehen.

    Die Bananen hier, sie sehen anders aus als im heimischen Supermarkt. Diese hier sind grün oder rot, klein oder groß. Gelb, dass sind sie nicht. Eine Bananenvielfalt und das Paradies eines jeden Minion. An dieser Stelle, im scheinbaren Nirgendwo, wird für die Region und den Weltmarkt produziert. Kleinbauer grenzt an Kleinbauer. Plantage an Regenwald, Regenwald an Plantage. Dort wo Wege in den Wald hineinführen, finden sich kleine Behausungen mit kleinen Plantagen. Geschütze Wälder stehen im Wechselspiel zu konventioneller Plantagenbewirtschaftung. Doch das war nicht immer so.

    Socio Bosque – eine Erfolgsgeschichte nimmt seinen Lauf

    Der Stolz der Bäuerin María de Jorrez steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie uns einen Rundgang über ihr überschaubares Grundstück gibt. Die Worte sprudeln nur so vor sich hin. Es geht um Bewirtschaftungsprozesse, alltäglichen Probleme im Dorf und den wenigen Regen, der sie dieses Jahr besonders trifft.

    Aber sie ist vor allem dankbar. Denn es hat sich einiges geändert. Das ‚Socio Bosque’-Programm, unterstützt von der Regierung Ecuadors und verwaltet vom WWF Ecuador, zeigt nach Jahren der Etablierung nun die ersten Erfolge.

    Das Schlüsselelement in diesem Programm besteht aus der Förderung der Kleinbauern und Kommunen in Puyo und anderen, waldreichen Gebieten Ecuadors. Umweltschutz- und Wirtschaftsziele werden hier unter einen Hut gebracht und Grundbesitzer wie María de Jorrez verpflichten sich, einen Teil der Wälder pro Grundstück entweder stehen zu lassen oder wieder aufzuforsten. Im Gegenzug erhalten sie finanzielle Ausgleichszahlungen für das nachhaltige Verwalten des Waldes. Der WWF Ecuador unterstützt mit Expertise und agiert als Vermittler zwischen Grundbesitzern und Kommunen sowie Kommunen und Regierung.

    Vor diesem Programm sah es düster aus für die Region. Die wenigen Einnahmequellen bestanden aus Jagd und Rodung. Die Zukunft, so schien es, lag entweder in den großen Städten oder beim Verkauf des eigenen Grundbesitzes zugunsten von Großunternehmen. María de Jorrez machen vor allem die vielen Rodungen rund um ihr Heimatdorf traurig. Ihre Vorfahren, so sagt sie, haben immer auf den Wald achtgegeben. Aber die Welt hat sich verändert und mit ihr auch der Blick für die Realität: „Auch wir benötigen Geld. Nicht viel, aber wenigstens ein bisschen. Was hatten wir für eine andere Wahl?“

    Auf eine Banane mit Hahn & Huhn

    Korruption, Armut, soziale Unsicherheit. Ein Problem führte zum nächsten. Es ist ein Teufelskreislauf gewesen. Die Regierung konnte die Probleme in der Region irgendwann nicht mehr ignorieren. Proteste der größtenteils indigenen Bevölkerung gegen die Rodung, Korruption und Verwahrlosung ihrer Heimat waren die Folge. Das ‚Socio Bosque’-Programm die Rettung für die Region.

    Die rund zwei Hektar große Plantage von María de Jorrez ist nur ein Beispiel dafür. Die Probleme, sagt sie, sind weniger geworden, auch wenn noch nicht alles gelöst ist. Doch für die indigene Bevölkerung in der Region um Puyo ist es ein Hoffnungsschimmer. Wirtschaftliche Möglichkeiten und Naturschutzmanagement. Das scheint für viele hier eine akzeptable Lösung zu sein. Für einige die einzige.

    Auf ihrem Grundstück sind neben Dessertbananen (Lat.: Musa × paradisiaca) die ebenfalls für die Region typischen Kochbananen vorzufinden. Letzteres ist ein Grundnahrungsmittel in Süd-Amerika und wird oft mit Huhn und Reis serviert. Die für den europäischen Markt typischen Dessertbananen, sind größtenteils für den Export vorgesehen.

    Marías Hühner-Kolonne, inklusive Hahn, begleitet uns mit jedem Schritt, als wir die Bananenstauden und das kleine Gewächshaus für die Züchtung von Keimlingen begutachten. Letzteres, so die Bäuerin, ist besonders wichtig. Die Stauden sind monokarp und sterben somit nach der einmaligen Blüte ab. Auf der Plantage besteht also ein ständiger Wechsel zwischen jungen und alten Stauden.

    Tzama – Der Stolz des Waldes

    Einen Teil ihres Grundstücks widmet María de Jorrez dem Wald. Sie züchtet mit Hilfe von Nachbarn regionale Baumarten heran, die dann zur Wiederaufforstung genutzt werden. So ist in den letzten zehn Jahren aus einer brachen Ackerfläche ein kleiner Wald entstanden, der strengen Schutzrichtlinien unterliegt. Die vielen Wiederaufforstungsprojekte in der Region ergeben in der gesamten Fläche eine große Waldfläche. Das hat einen angenehmen Nebeneffekt: Abseits der wirtschaftlichen Erfolge, kehr die Flora und Fauna zurück, die so nicht mehr oder nur teilweise existierte. Klimaschutz, Umweltschutz und wirtschaftlicher Erfolg scheinen so gesichert zu werden.

    Auch Tzama und seine Familie unterstützen das Projekt. Seine Familie besitzt eine der größten Flächen in der Region. Neben einer Bananenplantage gibt es hier vor allem Wald – sehr viel Wald. Auch ihm ist der Stolz anzusehen. Bei Hühnerbeinsuppe und Kochbanane erzählt er von seinen Erfolgen im Wiederaufforstungsprojekt. „Wir leben vom Wald. Frische Luft, Wasser, Nahrung und das regionale aber auch weltweite Klima, sind vom Wald abhängig“, so Tzama. Es geht also nicht nur um ein kleines indigenes Dorf, sondern um einen weltweiten Bewusstseinswandel. „Der Wald“, so Tzama, „sei mehr wert als alles Geld der Welt. Das müssen wir lernen zu verstehen.“

    Diese Reportage ist im englischen für den WWF Ecuador geschrieben worden

    Bilder und Infografiken: Peter Jelinek

    Mehr Bilder aus dem Regenwald Puyos gibt es hier: peterjelinek.de

Kommentare

11 Kommentare
  • FabianN
    FabianN Eine sensationell geschriebene Reportage! Vielen Dank dafür, Peter:)

    Zu hören, dass das Projekt so langsam Früchte zeigt, lässt doch wirklich hoffen. Von Menschen mit einer so reflektierten Einstellung wie Tzama kann man so viel lernen!
    6. Oktober 2015
  • Hummelelfe
    Hummelelfe Toller Artikel, tolle Fotos ;P
    9. Oktober 2015
  • Johannisbeere1502
    Johannisbeere1502 Danke für den Bericht, es ist so schön zu hören, dass solche Projekte funktionieren! Eine tolle Reportage und schöne Bilder :-)
    9. Oktober 2015
  • Anais
    Anais Spannende Reportage ;))
    15. Oktober 2015