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Wie aus der Idee eines Studenten ein riesiges Projekt wurde - Feldheim

  • Feldheim: Wir durften als 2°Campus-TeilnehmerInnen am Sonntag (26.07.15) dieses scheinbar normale Dorf besuchen. Feldheim gehört zu der Stadt Treuenbrietzen und liegt im Landkreis Potsdam-Mittelmark inmitten von Feldern. Etwa 130 Menschen leben dort. Es gibt Bauernhöfe und Gewerbe. Ein ganz normales Dorf also, könnte man meinen.

    Doch etwas ist an diesem Ort besonders, denn Feldheim ist ein energieautarkes Dorf. Es versorgt sich also komplett selbst mit erneuerbaren Energien und hat sogar einen riesigen Energieüberschuss (99% des produzierten Stromes), den es an das öffentliche Netz verkaufen kann. Der Unterschied zu anderen „Ökodörfern“ liegt damit im eigenen Stromnetz.

    Unsere Gruppe wurde im NEF (Neue Energien Forum) von Frau Thompson freundlich begrüßt. In diesem Gebäude gibt es nicht nur Informationsveranstaltungen für Gruppen wie uns, sondern auch Ausstellungen, Workshops und Schulveranstaltungen. Außerdem kann es für Feiern gemietet werden.
    Uns wurden dort von Frau Thompson mit einer Präsentation die Geschichte, die Besonderheiten und die Versorgung von Feldheim gezeigt.

    Die Geschichte von Feldheim beweist, dass aus kleinen Ideen riesige Projekte werden können. Das liegt daran, dass Feldheim nicht, wie man vielleicht denken könnte, direkt so geplant wurde, wie es heute existiert, sondern sich nach und nach entwickelt hat. Bis 1995 war es ein ganz normales Dorf. Doch zu dieser Zeit hatte der Ingenieurstudent Michael Raschemann die Idee, Windräder in die Nähe des Ortes auf einem freiem Stück Land zu bauen.

    Um die Akzeptanz der EinwohnerInnen zu fördern, gab es die Idee, dass die Gemeinde selber in eines der vier geplanten Windräder investiert und somit auch von den Gewinnen profitiert.
    Mittlerweile stehen 42 Windräder rund um Feldheim. Einige der älteren Modelle wurden schon abgebaut und durch neuere, größere Windräder ersetzt, die mehr Strom produzieren.

    Um zu sehen, welche Dimension die Idee mittlerweile erreicht hat, sind wir mit unserer Gruppe zu einem der Windräder spaziert. Dort angekommen, erklärte uns Frau Thompson die technischen Fakten zu diesem Windrad und zeigte uns, wie so ein Windrad von innen aussieht. Auf einer Anzeige konnte man so lesen, wie viel Leistung das Windrad zur Zeit bringt (330kW, das entspricht der Leistung von 330 Staubsaugern in Betrieb), wie lange es in Betrieb ist (etwa 8,5 Jahre) und wie viel Leistung es insgesamt schon in dieser Zeit erbracht hat.

    Beeindruckender als diese Fakten war allerdings für viele von uns der Blick im Windrad nach oben bis hin zur Spitze, die eindrucksvolle Größe und Bewegung der Rotorblätter und das erstaunlich leise Geräusch auch in der direkten Nähe zum Windrad.

    Doch die Windkraft ist nicht die einzige erneuerbare Energie, die in Feldheim genutzt wird. In der Nähe gibt es den Solarpark „Selterhof“ und die Bauern betreiben eine Biogasanlage, in der nicht nur Strom produziert, sondern auch die Abwärme genutzt wird.

    Der Solarpark, dessen erzeugter Strom von Feldheim selbst jedoch nicht genutzt wird, besteht aus 9844 Solarmodulen, welche sich zur optimalen Nutzung der Sonnenenergie mit der Sonne bewegen. Er erzeugt rund 2,748 MWh im Jahr, was für etwa 600 Haushalte ausreicht, und ist an das öffentliche Stromnetz angeschlossen

    Als energieautarkes Dorf braucht Feldheim natürlich auch noch eine Möglichkeit zur Wärmeerzeugung. Diese besteht in Form einer Biogasanlage, welche dort bereits seit Dezember 2008 von den lokalen Landwirten betrieben wird.
    Die Anlage wurde in Zusammenarbeit mit den feldheimer Bauern errichtet, nachdem der Preis für Zuckerrüben und Kartoffeln, welche zuvor dort angebaut wurden, sank, und somit auch das Einkommen abnahm. Nach dem Bau der Biogasanlage stiegen die Bauern zum Teil auf den Anbau von Roggen und Mais um, was für den Betrieb der Biogasanlage benötigt wird und ihr Einkommen sichert.
    Der Ertrag der Biogasanlage, welcher sich in Wärme und Strom aufteilt, war zunächst hauptsächlich für den Eigenbedarf gedacht. Mit der Wärme sollten die Schweinestallungen geheizt und somit die Heizkosten der Bauern reduziert werden.
    Der Ertrag der Anlage war jedoch deutlich höher als im Vorfeld erwartet, sodass beschlossen wurde, die Wärme in ein lokales Wärmenetz einzuspeisen und somit die ansässigen Haushalte zu versorgen, damit die erzeugte Wärme genutzt wird. Heute wird die erzeugt Wärme zu 80-85% genutzt - die überschüssige Energie wird zu großen Teilen in einem Wärmespeicher eingespeist.

    An das Wärmenetz ist für Notfälle auch noch eine Holzhackschnitzelheizung angeschlossen. Diese Anlage wird bei Minustemperaturen zugeschaltet um das Heizen in den Haushalten zu gewährleisten. Als Brennstoff dienen Holzhackschnitzel, welche aus den Holzabfällen der nahe gelegenen Wälder gewonnen werden.

    Um den überschüssigen Strom zu speichern, wird in Feldheim aktuell das größte Speichersystem Europas gebaut. Dieses Speichersystem besteht aus Lithium-Ionen-Akkus (die ihr auch aus euren Handys kennt - jedoch deutlich größer.) Wenn dieser Speicher einmal voll wäre, was realistisch ist, da er als Puffer für die feldheimer Windkraftanlagen dient, könnte man damit Feldheim für ca 10 Jahre mit Strom versorgen. Der Speicher wird jedoch nicht nur zum tatsächlichen Zweck des Energiespeicherns geplant, sondern auch durch Forscher begleitet, da er ein einzigartiges Projekt der Batterieforschung ist.

    Damit das energieautarke Dorf funktioniert, muss natürlich eine Möglichkeit zur Verteilung bestehen. Dafür wurde in Feldheim ein eigenes lokales Strom- und Wärmenetz aufgebaut - die Besonderheit Feldheims.
    Ein Vorteil des eigenen Energienetzes ist, dass auch die Energiepreise von den durchschnittlichen Preisen des öffentlichen Netzes abweichen. So kostet die Kilowattstunde Strom nur 16,6 Cent und die kWh Wärme nur 7,5 Cent, was etwa einem Drittel des üblichen Preises entspricht. Die Preise sind bis 2019 festgelegt. Durch diese Einsparungen werden die hohen Anschlusskosten von 1500 Euro über die Zeit wieder ausgleichen.

    Fazit:
    Energieautark und von nur regional erzeugten erneuerbaren Energien zu leben ist also möglich, auch wenn es bisher in Deutschland nur dieses eine kleine Beispiel gibt. Mit entsprechender Planung oder auch entsprechenden Wandel und der passenden Nutzung der Umgebung kann man also Deutschland früher oder später auch flächendeckend mit erneuerbaren Energien versorgen und somit dem 2°Limit deutlich näher kommen.

     

    Dieser Artikel wurde von Kirsten und Johanna zusammen verfasst.

    Bilder: Arnold Morascher/WWF

Kommentare

6 Kommentare
  • Johannisbeere1502
    Johannisbeere1502 Toll, dass die Gemeinde bei der Idee auch so mitgemacht hat! Denn wie Cookie sagt, es würde bestimmt in einigen Orten auf Widerstand treffen! Umso faszinierender zu sehen, dass es sehr gut funktioniert und das Dorf Vorteile dadurch hat.
    6. August 2015
  • Ronja96
    Ronja96 Das ist wirklich beeindruckend. Es wäre wirklich klasse, wenn noch mehr Orte mitmachen würden. Vielen Dank für den tollen Bericht! =)
    7. August 2015
  • Sunlight
    Sunlight Danke für diesen tollen Bericht!
    Feldheim ist ein tolles Vorreiterprojekt, das hoffentlich ganz viele Nachahmer findet...und eines Tages besteht unsere Erde vielleicht nur noch aus ganz vielen energieautarken Feldheims...
    8. August 2015
  • Ivonne
    Ivonne Super Bericht, liebe Johanna und Kirsten! Danke dafür. Ich fand den Besuch in Feldheim auch sehr inspirierend und beeindruckend. :-) LG!
    10. August 2015