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Kauft diese Jacke nicht! – Wie „Patagonia“ versucht, zu einem bewussteren Shopping aufzurufen!

  • Patagonia -Firmensitz in Kalifornien, Hersteller von Outdoorjacken, Skihosen, Schwimmanzügen, Kletterausrüstung… eigentlich eine Produktionsfirma wie jede Andere – und doch so anders. Oder habt ihr schon einmal ein Produkt von Jack Wolfskin, S.Oliver, Hollister und Co gekauft, das in den Schaufenstern mit den Worten „Kauft dieses Kleidungsstück nicht!“ angepriesen wurde?

    Genau das aber macht Patagonia. Ende 2011 starteten sie in Amerika rechtzeitig zum Weihnachtskaufrausch eine neuartige Werbeaktion, mit der sie beabsichtigen, ihre Kunden auf ihr Konsumverhalten aufmerksam zu machen. „Denkt lieber zweimal darüber nach, ob ihr wirklich eine neue Winterjacke braucht, bevor ihr sie kauft!“ Das war der Aufruf, den sie überall verbreiteten. 

    Der Anlass: Das Unternehmen untersuchte kurz zuvor die Umweltbilanz einer ihrer am häufigsten verkauften Jacken und kam zu einem erschreckenden Ergebnis: Obwohl das Unternehmen bereits zu diesem Zeitpunkt darauf achtete, umweltfreundlich zu wirtschaften und die Jacke zu 60% aus recyceltem Material hergestellt wurde, waren bei der Produktion zahlreiche umweltbelastenden Faktoren betroffen: insgesamt wurden 135 Liter Wasser benötigt, bei dem Transport nach Kalifornien wurden zehn Kilogramm CO2
    ausgestoßen und bis zur Ankunft am Firmensitz in Kalifornien entstand ein Müllberg, der insgesamt zwei Drittel des Eigengewichts der Jacke entspricht. Die dabei erzeugten
    Umweltschäden sind immens. Würde man die dabei entstehenden „virtuellen Kosten“
    auf den Preis übertragen, den die Kunden letztendlich zahlen, würde jeder beim
    Sehen des Preisschildes nur den Kopf schütteln und ganz freiwillig ohne Nachdenken daran vorbeilaufen.

     

    Was Patagonia sonst noch macht:

    Bereits in den Neunzigerjahren lenkte Patagonia eine große Aufmerksamkeit auf sich, weil es Plastikflaschen in seinen Jacken verarbeitete. Inzwischen hat das
    Unternehmen seine Produktionswege soweit ausgearbeitet, dass sogar ganze Jacken zurückgenommen und auseinandergenommen werden, um die Einzelteile anschließend wiederverwenden zu können. Außerdem hat es die Firna bereits in den letzten Jahren geschafft, ihren Kunststoffkreislauf fastv ollständig zu schließen.

    Zusätzlich soll diesen Herbst nun eine weitere Kampagne gestartet werden: Patagonia möchte seinen Kunden ihr Konsumverhalten noch stärker vor Augen führen und in diesem Zuge das gesamte Wirtschaftssystem in Frage stellen. Ihr Ansatz: Eine neue Messgröße für den Erfolg eines Unternehmens, die nicht wie die bisherigen darauf basiert, wie viele Produkte und Dienstleistungen verkauft werden. Also: eine Infragestellung des Kapitalismus, mit dem Ziel, eine verantwortungsvollere Wirtschaft zu schaffen, die den „Konsum“ nicht mehr als wichtigstes Augenmerk ansieht. Ein wichtiger Zwischenschritt dabei: Das Kaufverhalten der Bevölkerung ändern.


    Shoppen darf laut Patagonia einfach nicht länger als Zeitvertreib, Hobby oder Unterhaltung verstanden werden. Vielmehr soll den Kunden klargemacht werden, was alles bei der Herstellung der Produkte nötig ist und wie sehr sie der Umwelt schaden, wenn sie wie bisher bei einigen der Fall „einfach einmal zum Spaß ein paar Meter bis zum nächsten Laden laufen und sich mit neuer Kleidung eindecken, die sie eigentlich überhaupt nicht benötigen“.

     

    Und genau um dieses stärkere Bewusstsein zu erreichen, stellt das Unternehmen auf seiner Internetseite unter anderem jeden Schritt seiner Lieferkette dar. Selbst die Folgen für die Umwelt und unsere Gesellschaft können bei jedem Abschnitt direkt nachvollzogen werden. 

    Geschäftliches Kalküloder wirkliches Umweltbewusstsein? 

    Wer kauft denn nun noch bei Patagonia, wenn sie selbst als Hersteller schon davon abraten? – diese Frage kommt wahrscheinlich den meisten als erstes in den Sinn, wenn sie von den Patagonia-Aktionen hören.  

    Tatsächlich zeigen die wirtschaftlichen Daten jedoch, dass man sich darüber
    nicht allzu große Sorgen machen muss. Die „Antiwerbeslogans“nehmen nämlich scheinbar keinen negativen Effekt auf den Umsatz des Unternehmens. In den letzten
    Jahren, in denen diese Kampagne bereits aktiv durchgeführt wurde, wurden mehr
    Jacken verkauft als je zuvor und auch für die nächste Zeit rechnet die Firma
    nicht mit Umsatzeinbußen. Begründet kann dieses zunächst vielleicht etwas überraschend wirkende Phänomen ziemlich leicht: Das Unternehmen erlangt durch seine Besonderheit einen sehr guten Ruf und viele Kunden ziehen daher, wenn sie eine Jacke brauchen, die teurere umweltfreundlichere Variante von Patagonia vor. Laut Berichten halten
    dessen Waren länger und sie werden vom Hersteller repariert, oder sogr weiterverkauft anstatt einfach nur ausgetauscht. Daher kaufen die Kunden zwar  insgesamt weniger Jacken, Patagonia jedoch macht einen größeren Umsatz.

      

    Demnach lassen sich dem Unternehmen nicht nur gute Absichten zuschreiben, sondern auch das Verfolgen von Eigeninteressen unterstellen. Aber selbst diesen Vorwurf bestreiten die Geschäftsführer der Firma nicht „Es ist uns wichtig, Geld zu verdienen und das Unternehmen gesund zu halten!“ – so ihre Äußerungen. Mit den Worten:  „Wir tun nicht alles, was ein verantwortungsvolles Unternehmen tun kann. Das tut niemand, den wir kennen.“ begründen sie ihre Ansicht, selbst kein
    einwandfreies Vorbild zu sein und gestehen sich somit ein, dass sie sich eigentlich noch umweltfreundlicher verhalten könnten und das auch tun müssten. 

    Festzuhalten bleibt auf jeden Fall: Auch, wenn in dieser Firma noch nicht alles 100% umweltfreundlich ist – ein Vorreiter bleibt sie trotzdem. Zahlreiche Unternehmen könnten sich zumindest an ein paar ihrer angewandten Maßnahmen ein Beispiel nehmen, ohne Angst haben zu müssen, sich mit einer Art „Ökotrip“ in den Ruin zu treiben. Denn bei Patagonia ist es nicht zu übersehen, dass es auch ohne Probleme funktionieren kann, die Umweltfreundlichkeit in das wirtschaftliches Konzept eines Unternehmens mit einzubauen.  

     

    Bildquellen

    Titelbild: eigenes Bild

     

    Die restlichen Bilder:  

    ©via flickr_Thomas Kohler

    ©via flickr_Enokson

    ©via flickr_FaceMePLS

    ©via flickr_Maik Meid 

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

Kommentare

3 Kommentare
  • Raquel, FranziL, und creative_rebel_79 gefällt das
  • Felix_der_Blaue
    Felix_der_Blaue Sehr beeindruckend, dass diese Kampagne wirklich funktioniert, und irgendwie auch Hoffnung spendend...
    Auf jeden Fall ein super Bericht mit hervorragender Sprache! :)
    18. Juni 2015
  • GwynRoth
    GwynRoth Ein wirklich guter Bericht über eine interessante Firma. Danke schön! :)
    21. Juni 2015
  • Ivonne
    Ivonne Hey Lilith, ein super geschriebener Bericht! Vielen Dank. Ich finde es interessant, dass hier auch mal Unternehmen kritisch unter die Lupe genommen werden. Sollte es öfter geben. :-) Ich freue mich auf den II.Block beim 2°Campus. LG! Ivonne
    22. Juni 2015