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Phytotelmata - Die wahrscheinlich kleinsten Gewässer der Welt

  • Es ist warm und feucht in Brasiliens Regenwäldern. Gerade eben ist ein sintflutartiger Regenschauer niedergegangen, es tropft noch von den Blättern. Papageienrufe schallen durch die Luft – und im dichten Gebüsch springt etwas Rotes, Kleines von rechts nach links, lässt Äste wippen und sendet noch mehr Tropfen platschend zu Boden. Es ist ein Erdbeerfröschchen, auf der Suche nach einem Laichgewässer. Und es ist fündig geworden: In dem Trichter einer Bromelie hat sich von dem vielen Regen etwas Wasser gesammelt. Hier hinein legt das Froschweibchen ein einzelnes Ei.

    Erdbeerfröschchen. (c) Wikimedia Commons

    Das Entstehen kleiner Wasserpfützen auf Pflanzen ist keine Seltenheit. Sie werden Phytotelmata oder auch Phytotelmen genannt. Viele dieser Kleinstgewässer trocknen schnell wieder aus, andere sind jedoch langlebiger. In Mitteleuropa findet man Phytotelmata vor allem in Astlöchern, wo sie über zehn Jahre lang bestehen können. Phytotelmata in Trichtern von Bromelien – wie das unseres Froschweibchens – bestehen meist so lange, wie die Pflanze lebt.

    Wassersammlung in einem Bromelientrichter. (c) Wikimedia Commons

    Es scheint unglaublich, doch es wurden bereits mehrere hundert Arten beschrieben, die Phytotelmata als Lebensraum nutzen. Dabei ist das Leben dort nicht immer einfach: Man muss mit großen Temperaturschwankungen zurechtkommen, mit Nährstoff- und häufig auch Sauerstoffarmut. Außerdem muss man die Phythotelmen erreichen können und in der Lage sein, sie zu verlassen und neue zu besiedeln, um die Art zu erhalten. Zu den Überlebenskünstlern, die all diese Bedingungen erfüllen, zählen vor allem Pilze, Bakterien, Milben, Algen, Kleinkrebse und flugfähige Insekten. Und natürlich – Frösche. Achtundzwanzig Froscharten wurden bisher festgestellt, die Phytotelmata als Laichgewässer verwenden. Darunter zum Beispiel der Pfeilgiftfrosch und das Erbeerfröschchen.

    Bromelie. (c) Jitka Erbenová

    Unser Erdbeerfröschchenweibchen wird das Ei, das sie gelegt hat, gewissenhaft bewachen, zur Kaulquappe und schließlich zum Frosch heranwachsen sehen. Das ist eine absolute Besonderheit – normalerweise legen Amphibien ihre Eier ab und überlassen sie vollkommen sich selbst. Die Phytotelmata-bewohnenden Frösche hingegen betreiben aktive Brutpflege. Meist legen sie sogar noch weitere Eier in das Gewässer ihrer Kaulquappe, die nur dazu dienen, sie zu ernähren. Die Kaulquappe wird von ihren Eltern auch zu einem neuen Phytotelma transportiert, sollte dies nötig sein. Wenn der kleine Frosch dann alt genug ist, kann er selbst auf Partner- und Laichgewässersuche gehen. Dazu muss er in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal die Baumkronen verlassen. Die Phytotelmata machen es möglich.

    Quellen:

    Infotafel des Grugaparks in Essen.

    http://online-media.uni-marburg.de/biologie/nutzpflanzen/felix_greuner/bromelien_004.htm

    http://de.wikipedia.org/wiki/Phytotelma

    Titelbild: (c) Mast Irham/WWF

Kommentare

5 Kommentare
  • BlueLikeTheSky
    BlueLikeTheSky Sehr interessanter Bericht, danke! :) Die Erdbeerfröschchen sind ja richtig sozial! :)
    20. Mai 2015
  • RichardParker
    RichardParker Super interessant, vielen Dank! :)) Von dem Erdbeerfröschchen habe ich auch schon gehört, ein sehr drolliger Name, finde ich :))
    20. Mai 2015
  • Johannisbeere1502
    Johannisbeere1502 Ein sehr schöner Artikel, die Erdbeerfrösche sehen total toll aus!
    20. Mai 2015
  • Lisa18
    Lisa18 Vielen Dank für den interessanten Bericht! Ich habe letztens eine Doku unteranderem über diese faszinierenden Tiere gesehen und dort war ein Froschmännchen, dass sich um die Kaulquappen gekümmert hat. Es musste immer, wenn die Kleinen ...  mehr
    20. Mai 2015