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Von Arktisexpeditionen, und Zukunftsvisionen – Polarforscherin Sina Muster im Interview

  • Sie ist Eisbären begegnet, lebt autofrei und sie träumt von einer Gesellschaft des Teilens. Sie ist Polarforscherin, Umweltschützerin und Vsionärin. Und ganz nebenbei ist sie auch noch Referentin beim 2°Campus.

    Von wem ich spreche? Ich meine Frau Dr. Sina Muster, Polarforscherin am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung! Netterweise hat sie sich bereit erklärt, uns ein paar Fragen zu beantworten: zu ihrer Arbeit als Forscherin, zu ihren Erfahrungen und zu ihren Visionen. Hier findet Ihr ihre inspirierenden Antworten:

     

    1.) Liebe Frau Dr. Muster, wie sind Sie eigentlich "Forscherin" geworden und was gefällt Ihnen besonders am Forschen?

    „Ich habe als Austauschschülerin in den USA den Spaß am Forschen in einem Biologiekurs entdeckt. Ein sehr engagierter Lehrer hat uns beigebracht, Hypothesen aufzustellen, Experimente durchzuführen, die Ergebnisse statistisch auszuwerten und über alles einen wissenschaftlichen Artikel zu schreiben. In meinem Studium der Geoökologie an der Universität Potsdam habe ich dann die Ergebnisse meiner Diplomarbeit in einem Fachartikel veröffentlicht. Am Forschen hat mich immer besonders gereizt, etwas Neues zu entdecken. Im Studium und am AWI boten sich mir außerdem viele Möglichkeiten, das Forschen auch mit Reisen zu verbinden. Neue Orte und Landschaften kennenzulernen, macht mir ungeheuer viel Spaß. Außerdem kann ich in meiner Forschungsarbeit sehr unabhängig, selbständig und kreativ arbeiten.“

    2.) Können Sie uns von einem besonders faszinierendes Erlebnis bei Ihrer Arbeit in den Polarregionen berichten? Haben Sie z.B. schon einmal einen Eisbären "getroffen"?

    „Mein faszinierendes Erlebnis bisher hatte ich in der kanadischen Hocharktis auf der Insel Bathurst. Die Gegend dort heißt Polar Bear Pass, weil das Tal im Spätsommer eine Wanderroute der Eisbären ist. Mit einer Kollegin war ich eines Tages unterwegs, um Messungen zu machen. Es war windstill und wir hörten nur unsere Fußschritte im Matsch. Diese fast absolute Stille zu erfahren, war ein ganz besonderes Erlebnis. Und mitten in dieser Stille tauchte plötzlich ein Eisbär auf. Obwohl dort die Landschaft sehr flach ist, hatten wir ihn nicht kommen sehen. Er war ca. 200m von uns entfernt, ein ausgewachsener großer Eisbär. Nach dem ersten Schreck stellten wir mit Erleichterung fest, dass er sich nicht für uns interessierte und wir zückten die Kameras. Es war sehr beeindruckend, dieses große wilde Tier so dicht an mir vorbeiziehen zu sehen.“

    3.) Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für Ihr aktuelles Forschungsthema entwickelt? Gab es dazu einen ausschlaggebenden Moment oder ein besonderes Ereignis?

    Ich denke, es lässt sich eher auf eine lang anhaltende Entwicklung zurückführen. Engagement für die Umwelt war schon zur Schulzeiten ein Thema für mich. Damals habe ich mit Freundinnen eine Umweltclub gegründet. Während des Studiums habe ich ein Praktikum beim BUND gemacht. Und auch privat ist mir eine nachhaltige Lebensweise, z.B. ohne Auto und mit regionalen Biolebensmitteln wichtig.“

    4.) Wenn Sie ganz allein entscheiden könnten, woran Sie die nächsten Jahre forschen möchten, was wären Ihre wichtigsten Fragen, die Sie gern herausfinden würden? „Was bringt Menschen dazu, sich nachhaltig zu verhalten?

    Welche politischen und gesellschaftlichen Strukturen müssen sich ändern, um einen radikalen gesellschaftlichen Wandel hin zur Nachhaltigkeit zu vollziehen?“

    5.) Welchen Tipp würden Sie Jugendlichen geben, die auch einmal gern in Ihrem Bereich forschen möchten? 

    Habt keine Angst vor Mathe und Physik. Schaut euch die Forschungsinstitute an, z.B. bei der Langen Nacht der Wissenschaften. Macht Praktika.“

    6.) Wenn Sie alle Möglichkeiten der Welt hätten, was wäre das erste was Sie tun würden? „Autos abschaffen.“

    7.) Sie haben u.a. die Rauminstallation „Arktische Spirale“ initiiert, die Anfang letzten Jahres im Umweltbundesamt in Dessau zu bestaunen war und den Besucher*innen einen atmosphärischen und informativen Einblick in dieses gefährdete Ökosystem gab. Wie kamen Sie auf diese tolle Idee, wie funktionierte die Umsetzung und wie waren die Reaktionen der Besucher*innnen?

    „Meine Expeditionen in die Arktis habe ich als Privileg empfunden. Ich wollte meine wunderbaren Erfahrungen der arktischen Landschaften mit anderen Menschen teilen. Dabei sollte es nicht nur um die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel gehen. Die Ausstellung sollte den Besuchern die Schönheit der Landschaft und ihre Faszination vermitteln mit der Botschaft: Hier ist etwas einzigartiges, dass es zu bewahren gilt. Die Ausstellung wurde inzwischen schon viermal gezeigt, zweimal in Berlin, in Dessau und in Potsdam. Immer waren die Besucher fasziniert und beeindruckt von der Weite und Stille der arktischen Landschaften.“

    8.) Mit welcher Einstellung begegnen Sie „Klimakritikern“?

    Die Wissenschaft hat eindeutig herausgefunden, dass das Klima sich erwärmt und die Erwärmung zum großen Teil von anthropogenen Treibhausgasen verursacht wird. Ich nehme gegenüber Kritikeren eine sehr eindeutige Haltung an und lasse mich nicht auf Diskussionen ein. Die menschengemachte Klimaerwärmung ist Fakt, so wie es auch Fakt ist, dass man sich die Zähne putzen muss, damit sie gesund bleiben. Wir müssen uns jetzt damit auseindersetzen, wie wir den Prozess abschwächen können und wie wir uns als Gesellschaft an eine verändertes Klima anpassen müssen.“

    9.) Was wünschen Sie sich für den 2°Campus bzw. warum unterstützen Sie ihn?

    „Ich wünsche dem 2°Campus, dass er weiterhin Zuspruch von vielen engagierten jungen Menschen erfährt. Und dass einige der Ideen der Teilnehmer tatsächlich umgesetzt werden. Ich unsterstütze den 2°Campus, weil es mir eine Herzensangelegenheit ist, unser bestehendes Wissen über das Ausmaß des Klimawandels, seine Ursachen und Folgen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und damit mehr gesellschaftliche Verantwortung und nachhaltiges Handeln zu initiieren." 

    10.) Was ist Ihre Vision der Zukunft?

    „Eine großzügige Gesellschaft, die in der Lage ist zu teilen: Ressourcen, Land, Wohlstand, Wissen.“

    Liebe Frau Muster, haben sie ganz herzlichen Dank für Ihre tollen und ausführlichen Antworten! Ich bin mir sicher, dass Sie uns damit den ein oder anderen Denkanstoß und viele Ideen für zukünftige Projekte gegeben haben! Herzlichen Dank dafür und dass sie uns und den 2°Campus unterstützen und bereichern!

    Wenn Ihr Frau Muster "live" erleben möchtet findet Ihr hier noch ein Video, wo sie das Kunstprojekt "Arktische Spirale" vorstellt:

     

    Oder bewerbt Euch doch einfach im Herbst für den 2°Campus, alle Infos dazu findet Ihr hier und aus Erfahrung kann ich sagen, dass das eine wundervolle Chance ist! 

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    Bilder: WWF/Arnold Morascher

    Hier geht es zur letzten Folge, in der Julius den 2°Campus-Referenten Jascha Lehmann interviewt: Von Wind, Wetter und Widersachern

Kommentare

3 Kommentare
  • RichardParker
    RichardParker Vielen Dank für das tolle Interview Lisa! Toll was Sina Muster alles macht und was ihre Vorstellung von dieser Welt ist. Ich finde es auch super, dass sie sich so vielseitig engagiert! :)
    26. April 2015
  • Marcel
    Marcel Superinteressant! Vielen Dank für dieses Interview!
    27. April 2015
  • Ivonne
    Ivonne Ein wirklich tolles Interview! Vielen Dank, Lisa!! Ich habe Frau Muster auch live bei 2 Vorträgen des 2°Campus erlebt und kann bestätigen, dass sich ihre Begeisterung für ihr Forschungsthema auf die Gruppe überträgt. Schö...  mehr
    4. Mai 2015