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Greengrowth und Degrowth – zwei Seiten einer Medaille?

  • Green Growth, Postwachstum, A-Growth, Degrowth – es gibt so viele Fachbegriffe, die alle irgendwie mit Wachstum und Nachhaltigkeit zusammenhängen. Aber was verbirgt sich dahinter?

    Passend zu unserer neuen Kampagne die "Zukunftsmutigen" will ich versuchen, aus wissenschaftlicher Sicht ein bisschen Ordnung in den Begriffsdschungel zu bringen. All meine Aussagen in diesem Artikel basieren auf dieser Studie vom Umweltbundesamt, bei der ich 2017 an ein paar kleineren Bausteinen mitwirken durfte.

    „Unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten – wie soll das denn funktionieren?“ So oder ähnlich lauten häufig die Statements aus wachstumskritischen Teilen der Bevölkerung. Angespielt wird dabei auf die planetaren Grenzen, die eigentlich auch den Rahmen für unsere wirtschaftlichen Aktivitäten bilden. Vor dem Hintergrund einer Übernutzung der Natur – schneller als sie sich regenerieren kann – scheinen diese Grenzen aber häufig gesprengt zu werden.

    Deswegen stellt sich die Frage, welche Rolle Wirtschaftswachstum* bei der Erreichung umweltpolitischer Ziele spielt. Hierzu gibt es das besagte Spektrum an Konzepten: Green Growth, Postwachstum, A-Growth und Degrowth. Am prominentesten sind die gegensätzlichen Positionen von Vertreter*innen der Green Growth- und Degrowth-Ansätze**, welche hier kontrastiert werden sollen.

    Beginnen wir also mit Green Growth. Diesem Konzept liegen drei Thesen zugrunde:

    1. Wachstum ist auch in Industrieländern nötig, um die Lebensqualität zu sichern (hier bleibt unklar, was unter Lebensqualität verstanden wird, vermutlich aber die Summe individueller Präferenzerfüllung nach der neoklassischen Wohlfahrtsökonomik).
    2. Ökologische Belastungen können durch geeignete wirtschaftspolitische Instrumente reduziert werden.
    3. Die Wirtschaftsleitung kann in qualitativ anderer Form weiter wachsen – es wird die Gewissheit einer hinreichend starken Entkopplung unterstellt - Entkopplung meint, dass bei anhaltendem Wirtschaftswachstum die Umweltbelastung nicht weiter steigt (hier ist aus wissenschaftlicher Sicht fraglich, ob diese Entkopplung in ausreichendem Ausmaß und in der zur Verfügung stehenden Zeit realistisch ist, da große Unsicherheit über mögliche Technologien besteht und Einspareffekte aufgrund von Reboundeffekten häufig überkompensiert werden).

    Demgegenüber steht das Konzept Degrowth, welchem auch  drei Thesen zugrunde liegen:

    1. Wirtschaftswachstum ist in Industrieländern nicht (mehr) zur Sicherung der Lebensqualität notwendig (hier bleibt unklar, wie die Lebensqualität gesichert ist, wenn das BIP stark abnimmt).
    2. Die Wirtschaftsleitung wird sinken, wenn ökologische Belastungen ausreichend reduziert werden.
    3. Es wird ein Scheitern der Entkopplung angenommen (es ist allerdings wissenschaftlich nicht haltbar, sich dabei auf Trendfortschreibungen aus der Vergangenheit zu beziehen, bei der eine politische Steuerung fehlte).

    Was bedeutet all dies nun für die Praxis?

    Trotz sich widersprechender zentraler Thesen, gibt es Überschneidungen auf der Ebene der Maßnahmen und politischen Instrumente (z. B. Emissionshandelssysteme, Ökosteuern). Außerdem lässt sich eine vorsorgeorientierte Postwachstumsposition ableiten, welche die Schnittmengen der unterschiedlichen Konzepte aufnimmt und handlungsorientiert die Möglichkeiten zur Einhaltung der planetaren Grenzen auslotet.

    Diese Position basiert ebenfalls auf drei Thesen:

    1. Sie ist ergebnisoffen bezüglich der Wirtschaftsleistung oder einer potentiellen Schrumpfung sowie der Entkopplung, da ungewiss ist, wie sich die Wirtschaftsleistung entwickeln wird.
    2. Sie basiert auf dem Vorsorgeprinzip und dem Streben nach gesellschaftlicher Resilienz (Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen).
    3. Sie postuliert, dass gesellschaftlicher Wandel nicht allein auf der instrumentellen Ebene angestoßen werden kann, sondern dass die Einhaltung der planetaren Grenzen auch einen kulturellen und institutionellen Wandel erfordert.

    Wegen der Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung der Wirtschaftsleistung sollten demnach Institutionen vorsorglich wachstumsunabhängiger gestaltet werden, um mehr Spielraum für eine ambitionierte Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik zu gewinnen. Dazu ist ein enger Austausch zwischen Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit notwendig.

    Die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition stellt drei politische Forderungen auf:

    1. Die Einhaltung der planetaren Grenzen erfordert eine Anpassung der ökonomischen Rahmenbedingungen, insbesondere durch den Einsatz von marktbasierten Instrumenten (Emissionshandel, Ökosteuern) zur Internalisierung umweltschädlicher externer Effekte.
    2. Durch gemeinschaftliche Suchprozesse, Experimentierräume und neue innovations- und forschungspolitische Ansätze sollten neue Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung ausgelotet und erschlossen werden (Regionalisierung, Sharing). Statt Wachstum sollte gesellschaftliches Wohlergehen in den Fokus des Wirtschaftens gestellt werden.
    3. Potenziale für eine wachstumsunabhängigere Gestaltung gesellschaftlicher Institutionen sollten identifiziert und nutzbar gemacht werden. Dies würde die Akzeptanz für Umweltpolitik enorm steigern.

    Auch für die internationale Perspektive könnte die vorsorgeorientierte Postwachstumsposition ein Baustein sein, um eine konsistente globale Strategie zur Einhaltung der planetaren Grenzen zu etablieren.

    Soweit die Theorie. Jetzt bin ich aber auf Eure Gedanken hierzu gespannt!
    Was haltet Ihr von den verschiedenen Ansätzen?
    Welche Fragen sind für Euch offen geblieben?
    Was sind Eure Visionen einer Wirtschaft der Zukunft?
    Welche gesellschaftlichen Ziele sollten in der Wirtschaft verfolgt werden?

    Lasst uns in den Kommentaren unsere Vision einer Wirtschaft innerhalb planetarer Grenzen entwickeln! :)

    Und werdet Teil unserer neuen Kampagne "Die Zukunftsmutigen", um all diese Theorie mit Leben zu füllen! Bewerben könnt Ihr Euch noch bis zum 28. Mai. ;)

    Hier geht’s zum ersten Artikel dieser Reihe von Antonia. 

    MIt Erstaunen stelle ich gerade fest, wie lange mich dieses Thema schon beschäftigt, deswegen verlinke ich zusätzlich zwei meiner ersten Artikel aus den Jahren 2014 und 2015 (zu Vorträgen von zwei Professoren, mit denen ich viele Jahre später jeweils noch sehr eng zusammengearbeitet habe ;)).
    Klimapolitik am Scheideweg? - Gesellschaftliche Transformation (1)
    Alles zu spät? - Gesellschaftliche Transformation (2)

    *************

    Bildquelle: pixabay.com

    *Wirtschaftswachstum meint hier einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP), also die Gesamtheit aller Waren und Dienstleistungen, die z. B. in Deutschland innerhalb eines Jahres produziert werden. Inwiefern das BIP die richtige Kenngröße ist, um gesellschaftliches Wohlergehen zu messen, soll hier außer Acht gelassen werden, da in unserer derzeitigen Welt wirtschaftlicher Fortschritt nun mal in dieser Größe gemessen wird.

    **Wichtig zu betonen ist, dass sich all diese Konzepte auf früh industrialisierte, wohlhabende Volkswirtschaften beziehen und nicht auf Entwicklungsländer angewendet werden können (niemand kann Entwicklungsländern absprechen wollen, dass sie sich entwickeln – hier braucht es nur besondere Ansätze einer nachhaltigen Entwicklung).

Kommentare

6 Kommentare
  • SteffiFr
    SteffiFr genau das meinte ich ;-)
    13. März - 1 gefällt das
  • AntoniaB
    AntoniaB Vielen Dank Lisa für die gute Einführung in das Thema und dem klären der Begrifflichkeiten. Obwohl ich meine, mich schon lange mit dem Thema zu beschäftigen, waren mir die genauen Unterschiede zwischen Degrowth und vororganisierten Postwachstum nicht...  mehr
    14. März - 1 gefällt das
  • AntoniaB
    AntoniaB .. dem ersten und zweiten Gesetz der Thermodynamik einhalten. meist ist dies nicht der Fall und jeder Wohlstand wird auf eine gewisse Ausbeutung aufgebaut.
    Bsp. Erfüllt der Transport von Gemüse aus Spanien und Italien nicht die Gesetze der...  mehr
    14. März - 1 gefällt das
  • Catha
    Catha Sehr gute Zusammenfassung des Berichts ich hoffe, dass wir unsere Gesellschaft schnell mehr in Richtung Nachhaltigkeit und Resilienz bewegen und auch Corona dafür als Chance begreifen
    15. März - 2 gefällt das