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Das Tor zum Fernen Osten - Eine Stadt im Aufbruch?

  • Ich bin auf dem Weg zu der lutherischen Pauluskirche von Wladiwostok. Es ist die einzige Kirche ihrer Art in einem Umkreis von ca. 2500 Kilometern. Gebäude der orthodoxen Kirche, die eng mit der Regierung verbunden ist, sind dagegen im Stadtbild präsenter. Ihre typisch kugeligen, goldenen Dächer stechen schon von weitem ins Auge. 

    Der Pastor der Pauluskirche und gebürtiger Hamburger, Manfred Brockmann, war lange Zeit Honorarkonsul für Deutschland in Wladiwostok. Weil ihm außerdem sehr an einem kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Russland gelegen ist, organisiert er die „Deutschen Kulturtage“ mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Moskau. Im Fokus der diesjährigen Kulturtage steht der Umweltschutz. 

    Durch die Vermittlung von Markus Radday, Referent für temperierte Wälder beim WWF Deutschland, kann ich eine Woche in Wladiwostok verbringen. Hauptgrund dieser weiten Reise ist mein Beitrag zu den Kulturtagen - ein Vortrag über den Umweltschutz in Deutschland und die Arbeit des WWF in Russland.

    Bild: Steilküste im Südosten der Insel Russkiy, ca. 30 Kilometer vom Stadtzentrum von Wladiwostok, © Simon Lange

     

    Auf dem Weg zur Pauluskirche, wo ich meinen Vortrag halten werde, gehe ich an einer der Hauptstraßen in Wladiwostok entlang. Die Gebäude zu den Seiten der Straße sind so bunt gemischt wie die Stadt selbst - Einwohner aus um die 60 Nationen und eine bewegte Geschichte von Seefahrt, Krieg und Einflüssen sowohl aus Asien als auch aus Europa. Es finden sich Jugendstilgebäude und Hochhäuser mit Glasfassaden neben Plattenbauten und Holzhütten. 

    Ein ebenso bunter Mix findet sich auf den Straßen wider, wobei die meisten es wohl „Chaos“ nennen würden. Autos soweit das Auge reicht, dazwischen alte LKW und Busse, bei denen manchmal Teile der Karosserie fehlen. Mit lautem Getöse fährt scheppernd ein LKW an mir vorbei und es wird dunkel um mich herum. Beißender Gestank von Abgasen fährt mir in die Nase und ich muss husten.

    Wladiwostok liegt direkt am japanischen Meer und frischer Seewind macht die Autoabgase noch nicht zu einer Bedrohung wie in Städten wie Peking oder Paris. Dennoch ist der Gestank auch bei Wind sehr unangenehm. 

    Bild: Im Sommer lassen viele Touristen ihren Müll einfach auf den Inseln um Wladiwostok zurück. Mülltrennung oder ein Pfandsystem für PET-Flaschen gibt es nicht. © Simon Lange

     

    Mein Vortrag behandelt Themen wie Mülltrennung, Plastikmüll im Meer, Ressourcenverbrauch, Klimawandel und Artensterben. Die Vielzahl der Themen bieten Raum für Diskussionen und hat das Publikum glücklicherweise nicht überfordert. Im Anschluss wurden viele Fragen gestellt, insbesondere zur Energiewende in Deutschland und ich konnte mich danach noch mit zwei Jugendlichen aus Russland unterhalten, die in der „Zero Waste“-Kampagne aktiv sind. Sie säubern die Inseln um Wladiwostok von Müll, den die Touristen dort im Sommer zurücklassen. 

    Mit auf der Veranstaltung ist auch Petr Osipov, Leiter des WWF Büros in Wladiwostok. Stolz erzählt er von den Erfolgen des Bikin-Schutzgebietes, ein 1,16 Millionen Hektar großes Areal, in dem seltene Tierarten beheimatet sind, wie bspw. der sibirische Tiger oder auch „Amur-Tiger“ wie er in Wladiwostok gern genannt wird.

    Zwei Tage später nimmt mich Petr mit auf einen Ausflug zur Tiger-Aufzuchtstation. Nach einer anderthalbstündigen Fahrt durch teilweise schroffes Gelände kommen wir an der streng überwachten Station an. Pavel, ein echter Tigerexperte beim WWF, erklärt mir in der Zentrale der Station was mit den Tieren geschieht, die hier herkommen. „Jungtiere lernen sehr viel von ihrer Mutter, insbesondere das Jagen. Wenn die Tiere bspw. durch Wilderer früh von ihrer Mutter getrennt werden, dann sind sie allein meist nicht überlebensfähig“, erzählt er. In der Aufzuchtstation des WWF und weiterer Organisationen wird ihnen das Jagen antrainiert. „Es passiert selten, aber manchmal greift ein Tiger auch Menschen an“, fügt Petr hinzu. „Durch die Verkleinerung ihrer ursprünglichen Lebensräume werden sie geradezu in die Städte gedrängt. Dort finden sie einfache Beute, besonders bei der Viehzucht. Wenn ein Tiger eine Horde Schafe auf einer Wiese sieht, dann hält ihn auch ein Weidezaun nicht auf. Der Amur-Tiger kann bis zu 4 Meter hoch springen.“, fährt Petr fort. Ich frage ihn: „ Werden diese Tiere gefangen und in die Wildnis zurückgebracht?“ „Das ist etwas kompliziert. Im schlimmsten Fall wird der Tiger von der Polizei erschossen, bspw. wenn er einen Menschen angreift. Wenn der Tiger aber lebendig gefangen werden kann, dann kommt er zu uns. Hat er jedoch einmal einen Menschen angegriffen, obwohl der Tiger den Menschen normalerweise scheut, dann kommt er in einen wissenschaftlichen Zoo. Denn es könnte sein, dass der Tiger nun wieder Menschen angreift. Wir stehen in Kontakt zu den Zoos, damit die Tiger dort einigermaßen artgerecht gehalten werden.“

    Plötzlich hält Petr inne und widmet sich einem der Bildschirme der Überwachungskameras zu. Nun sehe ich es auch: Ein Tiger streift langsam durch das Gras, hält kurz an und verschwindet nach kurzer Zeit aus dem Blick der Kamera. 

    Es wäre für uns kaum möglich, einen Tiger mit eigenen Augen zu sehen, da sie uns schon lange bemerken bevor wir sie überhaupt entdecken könnten. 

    Bild: Inspektion des verstärkten Zauns für eines der Tigergehege. Die Zäune müssen so hoch sein, da ein Amur-Tiger gut 4 Meter hoch springen kann. © Simon Lange

     

    Als nächstes fahren wir zu den Gehegen. Bevor wir den Bereich betreten müssen wir unsere Schuhe gründlich reinigen, um keine Bakterien hineinzutragen. Tiger sind weit und breit nicht zu sehen. Natürlich nicht, denn sie haben uns schon lange bemerkt. Dafür entdecke ich in einem anderen Gehege zwei kleine, junge Bären. Neugierig und verspielt kommen sie auf uns zu, näher als 10 Meter trauen sie sich aber auch nicht an uns heran. Das ist ein gutes Zeichen und Pavel macht laute Geräusche, um die Bären zu vertreiben. Sie sollen sich nicht an den Menschen gewöhnen, um Konflikten zwischen Mensch und Tier vorzubeugen.

    Am nächsten Tag treffe ich im Rahmen der Kulturtage Schüler und Studenten, die Deutsch lernen. Sie haben vieles über das Recycling in Deutschland gelernt und möchten es jetzt auch in ihrer Stadt anwenden. Zurzeit wird der Müll in Russland nämlich noch nicht getrennt und wird auf Müllhalden gebracht. Dabei gehen wertvolle Ressourcen verloren und die Umwelt wird stark belastet durch Schadstoffe, die in den Boden sickern und giftige Dämpfe und Treibhausgase, die in die Atmosphäre gelangen. 

    Vorreiter hier ist die russische Stadt Saransk, ca. 600 Kilometer östlich von Moskau. Hier hat sich Remondis, ein deutsches Recyclingunternehmen zusammen mit der lokalen Regierung dem Problem angenommen. Der Müll wird von den Einwohnern getrennt und von Remondis recycelt oder verbrannt. Noch macht das Unternehmen kaum Gewinn, aber sie wollen das bewährte System aus Deutschland in Russland verbreiten. Demzufolge, was ich mitbekommen habe, ist die Bevölkerung in Wladiwostok auf jeden Fall dazu bereit. 

    Meinen letzten Tag in Wladiwostok nutze ich dazu, die Natur der Umgebung zu erkunden. Also fahre ich mit dem Bus auf die nahegelegene Insel Russkiy. Man muss sich nicht weit aus der Stadt begeben, um inmitten wunderschöner Natur zu sein. Die gesamte Region ist relativ dicht bewaldet und sieht zu Anfang des Herbstes bereits schön bunt aus. Nach einer 15 Kilometer langen Wanderung entlang der Küste habe ich einige tolle Aufnahmen im Kasten.

    Bild: Wunderschöne Natur liegt den Einwohner Wladiwostoks buchstäblich vor der Haustür, jetzt muss noch das Bewusstsein für die Auswirkungen des Menschen auf die Natur steigen. © Simon Lange

     

     

    Fazit

    Trotz der kurzen Zeit, die ich in Russland verbracht habe, konnte ich viele Eindrücke über die Natur vor Ort gewinnen. Dort wo der Mensch noch keinen Einfluss gehabt hat, bieten die Wälder und insbesondere die Region um den Fluss Amur eine sehr große Biodiversität. Die Anstrengungen des WWF und anderer Umweltschutzorganisationen haben sich ausgezahlt. Für die einst fast ausgestorbenen Amur-Tiger und Amur-Leoparden gibt es einen Hoffnungsschimmer. Riesige Gebiete werden vom WWF mit Satelliten und Rangern überwacht. Die Zusammenarbeit mit den Behörden hat es für Schmuggler, Wilderer und illegale Holzfäller schwieriger gemacht, sich an den Schätzen der Natur rücksichtslos zu bedienen. 

    Das WWF Team in Wladiwostok, das ich dort kennenlernen konnte, leistet unglaubliche Arbeit und die Hoffnung von Petr Osipov ist, dass noch viele weitere Schutzgebiete entstehen. Mit Nachdruck wirken sie auf die Politik ein, bestimmte Gebiete entlang des Amur und große Regionen im Nordwesten der Region Primorje unter Schutz zu stellen.

    Diese Bemühungen dienen jedoch (noch) nur dem Artenschutz. Klimaschutz ist in Russland ein viel heikleres Thema, da es in direktem Konflikt mit Interessen des Staatskonzerns Gazprom steht. Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist ungebrochen. Einige wenige Hybridfahrzeuge sieht man schon auf den Straßen von Wladiwostok. Allerdings werden die allein aus wirtschaftlichen Überlegungen gekauft. Eine Förderung seitens der Politik gibt es nicht, vielleicht auch deshalb, weil die Leute jede Strecke mit dem Auto zurücklegen. Bevor man hier fordert, das Auto stehen zu lassen, muss man sich natürlich ansehen, wie der öffentliche Nahverkehr in Russland ausgebaut ist. Zumindest für Wladiwostok kann ich allerdings sagen: Sehr gut! Auch in weiter entfernte Gebiete bin ich ohne Probleme mit dem Bus gekommen. Dazu kommt, dass selbst Züge und Fähren für die dortigen Verhältnisse bezahlbar sind. Hier können und müssen die Einwohner ihr Verhalten schnellstmöglich ändern!

    Ein weiteres Problem sind die in Russland vielerorts verbreiteten Zentralheizungen. Dabei hat man nicht wie bei uns einen Thermostat, um die Raumtemperatur zu regeln. Stattdessen läuft einfach ununterbrochen warmes Wasser durch die Heizkörper. Wer es kühler haben möchte, öffnet das Fenster. 

    Inwiefern das mal sinnvoll gewesen sein soll, kann man sich heute gar nicht vorstellen (und auch damals wahrscheinlich nicht).

    Bild: Russlands CO2-freie Gesellschaft liegt noch in ferner Zukunft, aber die Bevölkerung wäre meiner Meinung nach zu mehr Umweltschutz bereit als die Regierung ihr zutraut. © Simon Lange

     

    Russland hat also einen weiten Weg vor sich, wenn es seinen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen leisten will. Den Bürgern kann die Regierung in dieser Hinsicht jedoch mehr zumuten, als ihr lieb wäre. Ich hatte die Möglichkeit mit vielen verschiedenen Leuten zu sprechen. Mülltrennung scheint allgemein recht bekannt zu sein, hier bräuchte die Stadt also nur das entsprechende System bereitstellen. Bei der Nutzung von fossilen Brennstoffen sieht es schon anders aus. Allerdings wissen insbesondere junge Leute über den Klimawandel und seine Folgen Bescheid, sodass sich auch hier in naher Zukunft ein ausgeprägteres Bewusstsein entwickeln kann.

    Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Wladiwostok befindet sich noch nicht im Aufbruch. Der politische Wille fehlt und die Probleme sind zu zahlreich. Allerdings bräuchte es meiner Meinung nach nicht viel, um eine echte ökologische Revolution loszutreten. Wenn die Stadt ein Recyclingsystem einführen würde, wäre das Thema Umweltschutz schon einmal im Alltag aller Einwohner angekommen.

    Wenn Russland nicht den Anschluss verlieren möchte, dann sollte es zügig handeln. Der Ruf von Deutschland als Klimaschutzvorreiter bröckelt, weshalb wir auch nicht mehr glaubwürdig mit gutem Beispiel voran gehen können und anderen Ratschläge erteilen können. Deshalb gilt für Russland wie für Deutschland: Zaghafte Maßnahmen und Effizienzsteigerungen bei alten Technologien bringen nicht genug Treibhausgaseinsparungen. Wir brauchen einen groß angelegten Systemwechsel, um die Klimakatastrophe noch abzumildern!

     

    Mein Aufenthalt in Wladiwostok hat mir nochmals vor Augen geführt wie gigantisch die Aufgabe ist, vor der wir stehen und wie groß und schön die Ökosysteme sind, die wir auf’s Spiel setzen. 

     

    Vielen Dank an Markus Radday, Manfred Brockmann, Petr Osipov, Pavel, Zero Waste Wladiwostok, Alex, Roman und vielen weiteren, die mir während meiner kurzen Reise so viele Eindrücke mitgegeben haben.

     

    Klimaschutzvorreiter P.S.: Wenn ihr noch mehr spannende Details zu Amur-Tiger und Amur-Leopard erfahren wollt, schaut mal im Artenlexikon des WWF vorbei:

    Amur-Tiger: https://www.wwf.de/themen-projekte/artenlexikon/amur-tiger/

    Amur-Leopard: https://www.wwf.de/themen-projekte/artenlexikon/amur-leopard/ 

     

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