Berichte

Massenkonsum- Ein Segen und die Hölle zugleich


  • Alle Jahre wieder…kommt ein neues iPhone. Und alle Jahre wieder stürzen sich Massen von Menschen in die Geschäfte. Das Verlangen nach immer mehr und immer Neuerem ist zu einem ständigen Begleiter unseres Alltags geworden. Doch was steckt eigentlich hinter diesen Produkten, hinter den Werbungen der Geschäfte, denen wir wieder und wieder verfallen?
    Für uns Verbraucher in den westlichen Industrieländern sind die Angebote geradezu verlockend: 20, 30 oder gar 50% auf alles Mögliche, billige Verträge und Flatrates mit inklusivem neuen Gerät pro Jahr und Sommertrends 2015 schon ein halbes Jahr zuvor. Dabei machen wir uns nur selten Gedanken, woher unser Luxus kommt und weshalb er so billig ist.
     

    Unser bester Freund das Handy
    Den wahren Preis für unseren günstigen Konsum zahlen andere. Dieser Preis wird nicht nur von den Arbeitern und Arbeiterinnen der Fabriken und Stollen in den Entwicklungsländern getragen, sondern auch von der Umwelt. Einen Beweis dafür tragen wir tagtäglich mit uns herum: Unser Handy. Aber nicht nur auf das Handy komme ich zu sprechen. Ich möchte später den Schwerpunkt meines Berichtes auf ein Kleidungsstück legen, das jeder von uns besitzt, und ohne das unser Alltag undenkbar wäre. Doch eins nach dem anderen:
    Das radioaktive Roherz Coltan, ohne das kein Handy, kein Laptop und keine Playstation funktionieren könnte, ist der Auslöser von vielem Übel. Einer der Hauplieferanten ist die Demokratische Republik Kongo, ein Land, in dem seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg tobt. Viele der Coltan-Minen sind im Besitz verfeindeter Rebellengruppen, die durch den Verkauf von Coltan an amerikanische, russische, chinesische und auch europäische Konzerne ihre Waffen finanzieren. Viele der Minen liegen in Naturschutzgebieten und Nationalparks, die zunächst illegal gerodet werden müssen. Das und den Coltan-Abbau betreiben nicht die Rebellen selbst, sondern die von ihnen gefangen genommenen Kindersklaven.


    Aber nun zu dem oben genannten Kleidungsstück: Kommen Sie schon darauf? Nein? Hier ein kleiner Tipp: Es gibt sie in den unterschiedlichsten Farben, jeder von uns hat mindestens eine und sie ist größtenteils aus Baumwolle. Ganz genau. Die Jeans. Doch man schnippt nicht einfach so und die Hosen erscheinen wie von Zauberhand im Laden, eine Jeans hat einen weiten Weg hinter sich. Begeben wir uns doch einmal auf eine Weltreise und verfolgen den Weg unserer Jeans zurück…
     

    Mit Gift und Spaten
    Wir starten in Usbekistan, wo die Baumwolle für unsere Jeans wächst. Baumwolle kann in Deutschland nicht wachsen, da sie viel Wärme, Sonne und Feuchtigkeit braucht (mindestens 500-1000 mm Wasser/qm). Die Felder werden daher meist künstlich bewässert. Das hat in einem Land wie Usbekistan schwere Folgen: Flüsse und Seen trocknen landesweit aus, da zwei Drittel aller landwirtschaftlichen Flächen Usbekistans Baumwollfelder sind. Ein weiterer Makel an dem Baumwollanbau sind die Pestizide, die als Schutz gegen Schädlinge und Unkraut, von den Düngemitteln ganz zu schweigen, verteilt werden. Schuld daran sind die sogenannten Monokulturen, Felder, auf denen nur eine Pflanzenart angebaut wird. Züchtet man stets dasselbe auf demselben Boden, so wird dieser ausgelaugt und die Bauern müssen regelmäßig durch die Felder gehen und das Gift spritzen, damit die Erntenicht verkommt. Das hat aber schädliche Folgen, für Mensch und Umwelt. Die Leute werden krank, schlapp und bekommen Hustenanfälle. Außerdem findet sich das Gift in Trink- und Grundwasser, aber es ist auch in der Baumwolle enthalten und somit auch in der Jeans. Das erkennt man an den allergischen Reaktionen, die manche Leute aufweisen, besonders, wenn sie die Hose nach dem Kauf nicht erst einmal gewaschen haben. Weniger als 3% der Gesamtfläche wird ökologisch angebaut! Jetzt sagt man natürlich: „Sollen die Leute doch kein Gift spritzen!“ Aber so einfach ist das nicht: Gift bedeutet viel Baumwolle; viel Baumwolle bedeutet viel Geld. Und die Leute sind auf das Geld angewiesen, denn sie müssen ihre Familie ernähren.
     

    In der Spinnerei
    Wir reisen weiter und landen in der Türkei. Aber nicht an den traumhaften Stränden und Besucheroasen, sondern weit im Landesinneren. Dort stehen die Spinnereien, in denen Frauen wie Männer arbeiten, jedoch mit einem Unterschied: Männer bekommen mehr Gehalt als Frauen. Dort begründet man den Gehaltsunterschied damit, dass Frauen nicht sehr viel Geld bräuchten, weil sie doch ihre Männer hätten um Geld zu verdienen. Die Arbeitsbedingungen sind dort katastrophal: Für die Arbeiter gibt es kaum Pausen, in den Arbeitsstätten ist es ziemlich heiß und, was zu schweren Hörschäden führen kann, sehr laut. Außerdem schneiden sich die Arbeiter und Arbeiterinnen an den Fäden, weil sie überprüfen müssen, ob die Fäden richtig gesponnen sind. Folgen dieser Schnittverletzungen können lebensgefährliche Infektionen und schlimme Entzündungen sein.

    Weben im Dreck
    Unsere nächste Station ist in Süd-Korea. Dort wird aus den Fäden Stoff für unsere Jeans hergestellt. Die Leute in den Fabriken sitzen durchschnittlich 10 bis 12 Stunden am Tag am Webstuhl. Ihnen ist es untersagt zu sprechen, zu essen und sie dürfen nicht krank sein, sonst verlieren sie ihren Job. Aufstehen dürfen die Weberinnen nur maximal zweimal am Tag, wenn sie auf Toilette gehen, aber auch nur mit der Genehmigung des Aufsehers. Dass es den Frauen und jungen Mädchen eventuell schlecht wird und sie krank werden, interessiert ihre Arbeitgeber nicht.
    Ob es der Staub in der Luft ist, den die Leute einatmen und davon Lungenkrankheiten bekommen, oder die Pestizide, die noch vom Anbau in der Baumwolle enthalten sind, deren Folgen Hautausschläge sind, sind alles Faktoren für die regelrechte Zertrümmerung von der Gesundheit jener junger Menschen, die sogar nachts im Staub und Dreck schlafen müssen und so in der Fabrik eingeschlossen werden. Dadurch, dass viele der Mädchen durch Übermüdung und den Hunger schwach und schlapp sind, passieren oft Unfälle und dann sind keine Ärzte und auch keine Sanitäter da, um ihre Verletzungen zu versorgen und zu verbinden.


    Die „Farbenfrohe“ Umwelt Indiens
    Wir steigen wieder ins Flugzeug und landen in Indien, für uns das Land der exotischen Gewürze und der farbenfrohen Kultur. Moment! Farbenfroh? Da war doch was…genau! Unter anderem in Indien wird der fertiggewebte Stoff in Blau, Grün, Schwarz und noch in viele weitere Farben eingefärbt. Doch da geht nicht alles umweltfreundlich von statten. Die Fabriken vergiften den Ackerboden im Umkreis und färben das Wasser in Farben, die Wasser normalerweise nicht hat. Aber nicht nur außerhalb der Fabrik geht es unrechtmäßig zu, sondern auch drinnen: Die Arbeiter tragen kaum Schutzkleidung; sie ziehen den Stoff mit bloßen Händen durch die giftigen Färbemittel.
    Die Folgen betreffen die Gesundheit der Leute schwer: Ihre Haut trocknet an den Stellen aus, die Kontakt mit den Färbungslösungen hatten, und machen sie kaputt. Einfache Cremes helfen da nicht. Die Haut bleibt rissig und trocken.
     

    Nähen eng gemacht
    Ein Blick in das Etikett der Jeans verrät es: Made in Taiwan Auf nach Taiwan! Dort angekommen steigen uns schon die Gerüche der berühmten taiwanesischen Küche in die Nase, aber wir suchen nach den Nähstätten. Die Arbeiterinnen, meist zwischen 18 und 25 Jahren, sitzen bis zu 12 Stunden am Tag und bis zu 80 Stunden pro Woche an der Nähmaschine und nähen stets nur das linke Hosenbein ohne Nähmaschinennadelfuß oder –haube als Schutz vor Verletzungen zusammen. Die jungen Frauen arbeiten unter nicht-ergonomischen Bedingungen, aufstehen und reden ist untersagt und man darf nur zweimal die Toilette aufsuchen. Außerdem werden die Näherinnen dauernd kontrolliert, und wenn sie einen Fehler gemacht haben oder nicht schnell genug arbeiten, wird mit ihnen geschimpft und sie werden häufig geschlagen. Nach dieser Station kommt die fertige Jeans in den Laden, wo wir sie ansehen, anprobieren und eventuell kaufen. Aber war es das alles wert?
     

    Meine Meinung:
    Natürlich, einige sagen jetzt: „Wie kann man nur? Warum unternimmt niemand etwas?“ Aber ganz ehrlich: Wer tut schon etwas dagegen? Die „Kampagne für saubere Kleidung“ bemüht sich, dieses schreckliche Bild zu verbessern. Sie hat aber nicht sonderlich Erfolg. Daher sollte es unsere Pflicht sein, uns den schrecklichen Schicksalen dieser Leute anzunehmen, die unseren Lebensstandart festigen. Wie gerne möchte man die Augen vor dieser grauenhaften Wahrheit verschließen, aber was hilft das schon den armen Seelen in Korea, Usbekistan und Taiwan, die von Gewissenslosen ausgebeutet werden und in ärmlichen Verhältnissen leben müssen, nur weil wir billigen Konsum betreiben? Sie leben weiterhin im Dreck, während wir uns es gut gehen lassen.
    Diese Arbeiter und Arbeiterinnen, Kinder wie Erwachsene, haben es nicht besser als unsere Obdachlosen, die draußen auf den Straßen von Frankfurt, Hamburg, München und Köln, selbst hier in Fulda zu finden sind. Im Gegenteil: Sie haben es hier besser, weil sie im Vergleich zu den Unterdrückten und Geknechteten in Indien, Guatemala und Taiwan nicht Gifte einatmen und daran schwer erkranken müssen; weil sie nicht den ganzen Tag unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten; weil sie nicht die schwere Last des Massenkonsums, unseres Konsums, tragen und darunter leiden müssen.

    Die Karikatur links macht es in meinen Augen deutlich: Die Industriechefs sind zu sehr in ihren Geldwahn verfallen, dass sie immer und immer mehr wollen, obwohl sie schon genug haben, und dabei gar nicht merken, dass sie die Leute, die ihnen zu diesem Ziel verhelfen, in den Untergrund ziehen. Und wenn diese Leute von dieser Klippe stürzen, fallen die Industrie- und Labelchefs, Manager und Führungsleute mit. Aber muss es so weit kommen? Mich persönlich macht ein solches Verhalten rasend und ich bin nur fähig diese Zeilen zu schreiben, weil ich durch meine Recherche so überaus wütend, schockiert und enttäuscht bin, von der Welt und aber auch von mir selbst. Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, ob es mir egal wäre, wo meine Kleidung herkommt, hätte ich „Ja“ gesagt. Aber jetzt nicht mehr. Und es sollte auch vielen anderen nicht egal sein.
    Uns geht es hier so gut und wir merken es nicht. Wir demonstrieren wegen zu vielen Ausländern, wegen gefällter Bäume und einmal, so hörte ich, beschwerten sich Leute im Westen Deutschlands über den Lärm der Arbeit, den die Feuerwehr während den Aufräumarbeiten nach einem Sturm machte. Wir meckern an so vielem rum und denken nicht einmal an die Menschen, denen es so schlecht geht, weil sie tagtäglich unter unserer Gier leiden müssen, wir gebrauchen zu viel und denken zu wenig.
    Müssen all diese Leute leiden, nur weil wir uns billig und cool kleiden wollen? Muss die Umwelt so sehr verkommen? Warum werden Menschenrechte mit Füßen getreten? Aber egal ob No-Name-Produkte, ganzen Ketten, die billige Sachen anbieten, oder teure Markenkleidung: Sie haben alle das gleiche Leid über die Menschen in Entwicklungsländern gebracht.
    Und es stellt sich jetzt nur eine Frage:

    Was tust DU dagegen?

     

    Quellen:

    Handy:
    „Wut allein reicht nicht“ von Hannes Jaenicke
    WWF Jugend / Community
    Jeans:
    http://www.tivi.de/fernsehen/purplus/index/31320/index.html
    Kindergottesdienstbrief 3/96 EKKW „der Weg einer Jeans“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Kultur_(Taiwan)

    Bilder:
    http://www.planet-erde.com/kongo_dr.htm
    http://molecularism.com/de/html/instantguide02_de.htm
    http://www.one-globe.info/information/qualitaetswettbewerb-statt-greenwashing
    http://neuneinhalb.wdr.de/lexikon/G/globalisierung.php5
    http://de.wikipedia.org/wiki/Baumwolle
    http://www.travelhouse.ch/reisen/inditours
    http://www.zuerioberland-tourismus.ch/de/museumsspinnerei


     

     

Kommentare

11 Kommentare
  • LSternus gefällt das
  • LSternus
    LSternus @Taki:
    Mit wie vielen Asylbewerbern hast du dich persönlich ausgetauscht?
    17. Februar 2015
  • Kawaii
    Kawaii @Taki:
    Es gibt aber häufig Fälle, denen die Abschiebung droht und sich dann Kirchenasyl beantragen und sich damit verstecken müssen. Dann dürfen die mit einem Lagerkoller 6-9 Monate auskommen. Auch nicht schön. Die dürfen dan...  mehr
    17. Februar 2015
  • Taki
    Taki @LSternus

    Ich habe Ehrenamtlich Asylanten betreut. Begleitet zu Ämtern Bewerbungen geschrieben. Mit zu den Arbeitgebern begleitet. Arztbeuche organisiert. Unterstützt bei der Eingliederung. Das waren einige mit den ich über das Ehrenamt zu...  mehr
    17. Februar 2015
  • Kawaii
    Kawaii @Taki:
    Das heißt noch lange nicht, dass man alle Asylbewerber unter eine Decke stecken kann. Du sagst, du hast ehrenamtlich Asylanten betreut? Naja, für mich hört sich das jetzt an, als ob du dich um Problemfälle gekümmert hast, ...  mehr
    18. Februar 2015