Berichte

Im Wald - Naturerleben mit Jürgen Klühr und dem 2°Campus

  • Meine Augen sind geschlossen. Meine Füße stehen fest auf dem Boden, passen sich an die Unebenheit des nassen Unterholzes an. Meine Ohren lauschen. Meine Nase und mein Mund inhalieren die Luft. Ein-atmen und beim Aus-atmen alles loslassen...
    Alle Gedanken und Sorgen fallen ab.

    Ich stehe mit der diesjährigen 2°Campus Gruppe im Wald und Jürgen Klühr begleitet uns ein paar Stunden, um gemeinsam die Natur zu spüren.

    Als Einstimmung spielen wir ein kleines Versteckspiel. Jürgen stellt sich in die Mitte und zählt von 10 runter. Solange haben wir Zeit uns zu verstecken. Anschließend zählt er von 15 runter und in dieser Zeit müssen wir zu ihm rennen, ihn kurz abklatschen, dabei unseren Namen sagen und uns wieder verstecken.
    Die erste Runde läuft gut und die nahen dicken Bäume werden als gute Verstecke entdeckt. Wer von Jürgen noch gesehen wird, scheidet leider aus.



    Bei der zweiten Runde wird von 14 runter gezählt usw. Dem ein oder anderen Zusammenstoß kann man nicht ausweichen und neon-leuchtenden Jacken werden ihrer Funktion gerecht: Man wird gesehen!

    Doch nun wieder Augen zu. Jetzt versteckt sich Jürgen und mit einem Kuckkucksruf gibt er uns das Zeichen, dass wir unsere Augen öffnen dürfen, um ihn zu suchen.
    Nicht allzu weit von uns, hat er schon etwas vorbereitet. Wir sitzen alle im Kreis. Die Kräuter in zwei kleinen Schalen werden angezündet und mit einer Feder angefeuert, sodass es raucht. Schnell rieche ich den intensiven Geruch, der verbrennenden Kräuter.
    Die Schalen werden einmal rumgegeben und jeder kann den Rauch beschnuppern.



    Unsere fünf Sinne sind ein Schatz, doch wir nutzen sie oft nicht aus. Um uns wieder mehr auf unsere Wahrnehmung zu fokusieren, machen wir eine Sinnesmediation.
    Erst üben wir den sogenannten "Eulenblick". Der Mensch kann nämlich eigentlich 180° in der Breite und 150-170° in der Höhe sehen.
    Du kannst es selbst üben:
    Strecke deine Arme aus und halte deine Zeigefinger parallel zu einander. Stelle nun erst auf deine Finger scharf und dann schaue zwischen ihnen durch. Nun bewege deine Finger leicht. Du merkst, du kannst das immer noch wahrnehmen. Bewege nun deine Hände nach außen, während du in diesem Eulenblick bleibst. Sogar wenn deine Hände fast 180° auseinander sind, kannst du noch Bewegung in diesem Radius wahrnehmen.

    Doch nicht nur unsere Augen, auch unsere Ohren, unsere Nase und unseren Körper sollen wir bewusst spüren und damit wahrnehmen, was der Wald uns für Geräusche und Gerüche schenkt.

    Nun schaltet wir einen Sinn aus. Unsere Augen. Zwei Leute und eine Augenbinde. Kirsten und ich machen die Übung zusammen. Sie verbindet ihre Augen und ich führe sie ein Stück durch den Wald. Bis zu einem Baum, den ich für sie ausgesucht habe. Nun soll sie den Baum erkunden, befühlen, riechen, ein Bild in ihrem Kopf entstehen lassen.
    Ich bin erstaunt, wie magisch dieser Moment ist, als Kirstin ganz behutsam die Details des Baumes und der Umgebung erfühlt und ich mir obwohl ich den Baum sehe, nicht vorstellen kann, wie er sich anfühlt.
    Anschließend führe ich sie wieder zurück und sie nimmt ihre Augenbinde ab. Jetzt soll sie ihren Baum wieder finden. Und tatsächlich nach ein paar mal umschauen, geht sie sehr zielstrebig auf ihren Baum zu und betastet ihn mit offenen Augen.

    Nun bin ich dran und verbinde mir die Augen. Kirstin führt mich durch den Wald zu einem Baum. Die Rinde ist sehr uneben und einprägsam. Ich taste mich an die Wurzeln und fühle Moos und Sand. Ich kann meinen Baum gerade so umarmen. Also kann er nicht allzu dick sein. Ich ertaste auch die Umgebung und fühle einen umgefallenen, dicken, nassen Baumstamm neben meinem Baum. Mein inneres Auge malt sich ein Bild von meinem Baum.
    Kirstin führt mich zurück und auch ich spähe in den Wald, um nach den Merkmalen meines Baumes ausschau zu halten. Es ist als würde mein Baum mich anziehen.
    Ich fühle den Sand, sehe den Baumstamm daneben und die Rinde. Ich umarme ihn, um zu sehen, wie dick erst ist. Aber kein Zweifel. Er ist es. 
    Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Baum wirklich erkennen kann. So ging es einigen.

    Bei unserer Abschlussrunde sind alle sehr begeistert von der Zeit im Wald. Ein Mädchen sagt, jeder von uns hat jetzt einen Baum in diesem Wald der etwas besonderer ist für einen, als die anderen.
    Während meines FÖJs beim WWF durfte ich immer wieder Teile der Wildnispädagogik kennen lernen und es ist jedes Mal eine tolle Erfahrung.
    Das Leitziel habe ich für mich entdeckt und finde es eine sehr schöne Formulierung.
    Es geht um die Verbundenheit mit mir selbst, mit der Natur und mit der Gemeinschaft.

    Der Regen plätschert laut und ich spühre meinen ganzen Körper. Ich höre, wie unterschiedlich der Regen klingt auf dem Boden, auf meiner Jacke oder den Blättern.
    Ein leichter Windstoß umspielt meine Hände und ich atme tief ein. Beim Aus-atmen lass ich alle Sorgen los.

    Titelbild by flickr "piccus"
    Bilder by Cosima

Kommentare

4 Kommentare
  • KevinMeenken26
    KevinMeenken26 Das war bestimmt voll lustig und cool :-)
    28. Juli 2015
  • JohannaK
    JohannaK Super Artikel! Du hast die Stimmung perfekt eingefangen.
    Danke,
    Johanna
    28. Juli 2015
  • Sunlight
    Sunlight Einfach toll, ich freu mich schon auf unser nächstes Naturerleben im Herbst :))
    8. August 2015
  • Ivonne
    Ivonne Hach, so schen geschrieben, liebe Cosima. Welch ein Glück, dass du dabei warst, um diesen Moment zu verschriftlichen und mit allen hier zu teilen. DANKE!
    10. August 2015