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Warum Atomkraft kein Klimaschützer sein kann.

  • Seit über sechs Jahrzehnten leistet Atomkraft einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung in Deutschland.  Nach der Katastrophe von Fukushima soll jetzt Schluss damit sein. Aber warum eigentlich? Welche Probleme gibt es? Und in wie fern betrifft das den deutschen Klimaschutz?

     

     

     

     

    Über diese Fragen diskutierte die Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl (Bündnis 90/die Grünen - atompolitische Sprecherin der Fraktion) mit uns Teilnehmern und Alumni des 2° Campus beim   3. Block in Berlin.

     

    Ausstieg aus der Atomenergie - dieses Schlagwort beherrscht die Energiepolitik seit 2011. Doch ist dies unter Klimaschutzgesichtspunkten überhaupt sinnvoll? Schließlich entsteht im Atomkraftwerk selbst kein Kohlenstoffdioxid, das zum Klimawandel beiträgt... Unter diesem Aspekt wären Atomkraftwerke folglich ein gutes Mittel, um die Energiewende und damit eine Verminderung der Treibhausgasemissionen voranzutreiben.

    Hört sich erstmal logisch an. Doch das Problem liegt tiefer!

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Laut Kotting-Uhl ist die Frage der Energiewende eine Systemfrage. Die Konzerne, die Atomkraftwerke betreiben, sind genau die Selben, die auch einen Großteil der Kohlekraftwerke und Netze in Deutschland halten. In ihren Händen liegt sozusagen die Stromversorgung. Doch sowohl Atomenergie als auch Kohle hinterlassen ein Problem: Abfallstoffe, die nicht einfach entsorgt werden können. Radioaktiver Müll und die Folgen des CO2 in der Atmosphäre werden noch Generationen nach uns betreffen. Einfach damit weiter zu machen ist deshalb weder nachhaltig, noch ethisch vertretbar.

    Ein trauriges Beispiel dafür, dass wir nicht einmal aus Katastrophen lernen und sie zu einem Systemwechsel nutzen, ist Japan. Nach Fukushima wurden dort, als Reaktion auf den Druck aus der Bevölkerung, vorerst alle Atommeiler heruntergefahren. Anstatt zu versuchen, das Defizit durch erneuerbare Energien zu ersetzen, wurden vermehrt Kohle- und Ölkraftwerke in Betrieb genommen. Japan hat dabei optimale Voraussetzungen für eine Energiewende: geologisch, topographisch und auch technologisch. Nach einer deutsch-japanischen Studie könnte Japan bis 2050 den gesamten Strom aus regenerativen Energien beziehen. Doch der politische Wille scheint zu fehlen, in diesem Bereich zu investieren. Stattdessen wird augenscheinlich auf Zeit gespielt: Die Atomkraftwerke sollen jetzt nach eingehender Prüfung wieder in Betrieb genommen werden und sogar neue Anlagen sind in Planung. Das alte zentralisierte System scheint sich weiterhin durchzusetzen. Nicht zuletzt wahrscheinlich auch wegen seiner guten Lobby in der Politik. Die Gefahr möglicher neuer Katastrophen und ein Rückschritt in Sachen Klimaschutz scheint leider billigend in Kauf genommen zu werden.

     

    Eine nachhaltige Zukunft - so wurde uns während des Vortrags klar - wird in der Dezentralisation liegen. Hierbei soll die Energieversorgung in der Hand der Zivilgesellschaft sein, z.B. durch Stadtwerke, Genossenschaften und kleineren, regionalen Produktionsstätten. Da so Bürger partizipiert werden, soll zusätzlich ein neues Energiebewusstsein geschaffen werden, das zu einem effizienteren Verbrauch führt, den Ausbau der Erneuerbaren fördert und damit zum aktiven Klimaschutz beiträgt.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Zurück zur Atomkraft in Deutschland. Bereits 2002 vereinbarte die rot-grüne Regierung mit den Energiekonzernen einen Atomausstieg. Diese Absprache wurde 2010 unter der schwarz-gelben Regierung zunichte gemacht, die Laufzeiten von vielen Atomkraftwerken verlängert, der Ausbau von Atom-Technologien geplant.
    Dann traf der Tsunami Fukushima und die Bundesregierung vollführte eine 180-Grad-Wendung. Der Atomausstieg wurde endgültig von den Parteien im Parlament ratifiziert.

    Es bleibt jedoch der Beigeschmack, dass erst eine Kernschmelze zu dieser Entscheidung führte. Die Entscheidung fand nach Kotting-Uhl in einem "Schockzustand" statt und diente wohl vor allem der Rettung von Wählerstimmen und nicht einem überzeugten Sinneswandel.

    So einfach wie auf dem Papier ist der Ausstieg aus der Atomkraft auch lange nicht. Selbst wenn Deutschland "atomfrei" ist, besteht immer noch eine direkte Gefahr durch Kraftwerke im Ausland. Deutschland ist nämlich bildlich von Atomkraftwerken umzingelt. Vor allem Vorfälle in französischen Meilern entlang des Rheins würden Deutschland direkt treffen. Zu einem konsequenten Atomausstieg würde deshalb auch ein Dialog mit den Nachbarländern gehören. Denn nur wenn auch diese ihre Sicherheitsstandards erhöhen (die z.T. deutlich unter den deutschen Normen liegen) bzw. ebenfalls an einem Atomausstieg arbeiten, kann langfristig gesehen ein Schutz vor radioaktiver Verstrahlung sichergestellt werden. Genau diese Gespräche gibt es bisher aber nicht. Ein plötzlicher Atomausstieg zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland kann für mich deshalb nicht wirklich logisch begründet werden.

     

    Ein weiteres Paradox ist die Forschungspolitik im Bereich Energie. Das deutsche Energieforschungsprogramm, das 2,7 Mrd. Euro umfasst, wurde nach Fukushima nicht geändert. Weiterhin steht gut ein Drittel des Geldes für Innovationen im Bereich Atomtechnologie zur Verfügung, wozu neuerdings auch die Kernfusionsforschung gehört. Aktuell sollte es doch eigentlich sinnvoller sein, in alternative Technologien und Energiespeicher zu investieren...
    Eine dieser "Atomtechnologien" ist das Transmutationsverfahren. Mit ihm solle es gelingen, hochradioaktive Stoffe in andere Elemente umzuwandeln. Durch Beschuss mit Neutronen, sollen so weniger toxische Stoffe mit kürzerer Halbwertszeit entstehen. Super Idee?
    Nein, das Verfahren wäre sehr kostspielig und ist bisher nur im Labor erfolgreich. Der Ingenieur für Nukleartechnik und Anlagensicherheit des Öko-Institut Darmstadt Gehard Schmidt glaubt nicht an den Erfolg des Verfahrens. Er  vergleicht den Prozess mit dem Schuss auf eine Fliege mit dem Schrotgewehr. Die Neutronen, mit denen "geschossen" werden, treffen nur mehr oder weniger zufällig die richtigen Atome. Hochradioaktive Stoffe müssten daher mehrmals durch das Verfahren geschleust werden, was zu einem größeren Aufwand führe, als den radioaktiven Müll so zu belassen, wie er ist. Permanent müssen Stoffe chemisch abgetrennt werden. Dies wäre sehr teuer und gleichzeitig entstehen andere hochgiftige Stoffe, die gesondert entsorgt werden müssten. Ein technischer Nutzen sei nicht ersichtlich. Trotzdem investiert die Bundesregierung in dieses Verfahren. Warum? Das Transmutationsverfahren hätte maximal einen Sinn, wenn es zu einem Atomwiedereinstieg käme. Dann nämlich könnte das Ganze zumindest teilweise in einen Brennstoffkreislauf münden. Eigentlich ist doch aber ein Atomausstieg geplant!?

     

     

    Das Problem der Endlagerung wäre aber auch mit dem Transmutationsverfahren nicht gelöst. Immer noch müssten radioaktive Abfälle für tausende von Jahren sicher gelagert werden. Aktuell gibt es in Deutschland sogar nur Endlager für leicht- und mittelradioaktiven Müll. Hochradioaktive Stoffe müssen zur Zeit noch ins Ausland gebracht werden! Und auch die vorhandenen Zwischenlager sind nicht wirklich sicher. Immer wieder findet man Berichte in den Medien über undichte Fässer oder einlaufendes Wasser. Schon alleine dieser Grund, dass kein Endlager vorhanden ist, macht für mich einen Atomausstieg unvermeidlich. Zumindest macht man sich jetzt auf die Suche nach einem geeigneten Ort. Anders wie bisher, sollen nun Transparenz und Partizipation herrschen. Es wurde nun eine Kommission des Bundestags gebildet, die aus Politikern, Wissenschaftlern und Mitgliedern der Zivilgesellschaft besteht. Außergewöhnlich dabei ist, das die Politiker kein Stimmrecht haben werden. Auf das Ergebnis bin ich auf jeden Fall gespannt!

    Die Energiewende wird aber auch von Seiten der regenerativen Energien nicht reibungslos über die Bühne gehen. Wir Teilnehmer des 2° Campus waren uns mit Sylvia Kotting-Uhl einig, dass der Schlüssel zur Energiewende in Speichertechnologien liegt. Durch die relative Unbeständigkeit von Sonne und Wind werden diese unabdingbar sein. Lange Zeit hat in diesem Bereich die finanzielle Förderung gefehlt. Jetzt entstehen langsam staatlich unterstützte und vielversprechende Projekte. Das Frauenhofer-Institut für Chemische Technologie verfolgt zum Beispiel derzeit das Projekt "RedoxWind", bei dem mithilfe von Redox-Flow-Großbatterien, die erzeugte Energie eines Windrads gespeichert und zu gegebenen Zeitpunkt wieder freigegeben werden kann.

    Die Zukunft unserer Energieversorgung wird also noch ein spannendes Kapitel werden. Wie bei fast allem, wird es eine Frage des Geldes sein, in welche Richtung sich die Technologien entwickeln werden. Wieder einmal ist die Politik gefragt, nun eine eindeutige Meinung zu finden und diese konsequent durchzusetzen. Der Ausstieg aus der Atomenergie wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Werden wir uns für ein dezentralisiertes System entscheiden oder doch nicht? Die Möglichkeiten sind da.

    Wir werden uns entscheiden müssen, ob wir auf Hindernisse zugehen oder einfach stehen bleiben und damit in Kauf nehmen, weiterhin Treibhausgase in großer Menge freizusetzen.
    Und nicht nur der Klimaschutz wird eine Frage dieser Entscheidung sein. In Hinblick auf die politischen Krisen dieser Welt wird auch das Streben nach Energieautarkie, vor allem in Bezug auf Gas, Öl und Uran, eine entscheidende Rolle spielen.

     

     

    Bildnachweis:

    Titelbild © flick via cc_Sascha Uding, Kotting-Uhl © flick via cc_Stephan Roehl / Heinrich-Böll-Stiftung, AKW © flick via cc_Malte Schmidt, Fukushima © flick via cc_Warren Antiola, Windrad © WWF/Arnold Morascher, Atomkraft - Nein, danke! © flick via cc_Bildbunt, Publikum © WWF/Arnold, Stromleitungen © flick via cc_Tobias Scheck

Kommentare

9 Kommentare
  • Kathy3
    Kathy3 Danke für die tolle Kritik und die Lesenswert-Markierung!!!
    Dann hat sich die Arbeit ja gelohnt ;)
    15. Oktober 2014
  • Ivonne
    Ivonne Ein toller Artikel!!! Vielen Dank, dass du die Inhalte des Vortrages und die daraus resultierenden Gedanken mit uns teilst.
    22. Oktober 2014
  • Rhino
    Rhino Danke für den sehr informativen und ausführlichen Artikel :)

    Ich finde es einfach nur unfassbar, wie unkritisch man in ganz Europa immernoch der Atomkraft gegenübersteht ... Fukushima ist schnell vergessen, und Tschernobyl natürlich a...  mehr
    24. Oktober 2014
  • Sunlight
    Sunlight Ich kann mich den anderen nur anschließen: danke für den spannenden, ausführlichen und informativen Bericht! Klasse, dass Du noch mal so viele Argumente gegen Atomkraft zusammenstellst, die ihre oft hervorgehobenen kurzfristigen, positiven...  mehr
    27. Oktober 2014