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Phytomining – Das Ernten von Schwermetallen

  • Stell dir vor, es ist alles zu spät. Das Land ist tot. Braune, rissige Erde. Staub. Die vertrockneten Überreste von Pflanzen. Nichts Lebendiges mehr. Die Landwirtschaft hat den Boden kaputtgemacht, ihm alle wichtigen Stoffe entzogen und nur Gift und Chemie zurückgelassen. Ein weiterer Hektar verloren für den Regenwald. Oder ein anderes Szenarium: Ein Stacheldrahtzaun. Warnschilder: Do not enter. Lebensgefahr. Ein altes Bergwerk. Sich selbst überlassenes Land, verdorben durch giftige, krebserregende Stoffe. Dreckige Tümpel in deren Wasser tote Zugvögel liegen. Wenn man doch bloß … damals …

    Aber halt. Damit soll jetzt Schluss sein. Wo andere nur noch Schilder aufstellen, wollen Alan Baker und Rufus Chaney anpflanzen. Aber was pflanzt man in toten Boden? Zum Beispiel Arabidopsis halleri, die Hallersche Schaumkresse. Diese außergewöhnliche Pflanze schafft etwas, was für uns unvorstellbar scheint: Sie wächst auf verseuchtem Boden und holt dabei auch noch ganz nebenbei die Schwermetalle aus der Erde – ein natürlicher Vorgang, der einiges verändern könnte.

    Hallersche SchaumkresseDie Idee kam Alan Baker nicht erst gestern. Er ist Professor der Botanik im Ruhestand und hat sein ganzes Leben damit verbracht, metallspeichernde Pflanzen wie die Hallersche Schaumkresse zu erforschen. Das ganze begann mit einem Spaziergang. Damals war Baker noch Student und vertrat sich die Füße auf dem Gelände eines stillgelegten Bergwerkes in England. Trotz der hochgradig verseuchten Erde streckten dort einige Pflanzen ihre Stängel gen Himmel. Ihnen machte das Gift im Boden offensichtlich nichts aus.

    Die Pflanze faszinierte ihn. Auf Reisen um die Welt suchte er immer mehr stillgelegte Flächen, von denen er Pflanzenproben mitnahm. Einige waren so vollgepumpt mit Schwermetallen, dass sie pflanzenfressende Tiere umbringen könnten. Und wenn man den Stamm des Strauchgewäches Phyllanthus balgooyi einritzte, sah man den grünen Saft schon vom Metall schimmern. Er enthielt neun Prozent Nickel und das ganz natürlich. Wie wäre es nun, wenn man die Pflanze entsprechend züchtet und sie noch viel mehr Nickel enthält? Ein wahres Geschäft für die Metallindustrie.

    So entwickelten Alan Baker und der amerikanische Agrarwissenschaftler Rufus Chaney das Phytomining – den Erzabbau über Pflanzen. Die Idee ist simple aber bahnbrechend: Auf verseuchter, toter Erde werden ihre speziellen Pflanzen angebaut. Die entziehen der Erde die Schwermetalle und speichern sie in ihren Blättern. So wird der Boden nach und nach entgiftet, bis er irgendwann wieder für die normale Landwirtschaft eingesetzt werden kann. Aber damit noch nicht genug. Die Pflanzen werden geerntet und verbrannt. Übrig bleibt eine erzreiche Asche, aus der Metalle gewonnen werden können. Bei einem Feldversuch gelang es Bakers Team so aus 500 Kilo Asche von verbrannten Pflanzen 100 Kilo Nickel zu gewinnen. Damit ist ein Hektar der Pflanzen plötzlich 4500 Euro wert und kostet den Bauern gerade mal 300 Euro zum Anbauen.

    Durch das Phytomining ließen sich tote Felder wieder fruchtbar machen und die Abfallprodukte gewinnbringend in Metalle verwandeln. Das Feuer zum Verbrennen der Pflanzen könnte später für die Metallverarbeitung benötigte Maschinen antreiben, wodurch ein geschlossenes, nachhaltiges System entsteht. Phytomining eröffnet so ganz neue Möglichkeiten für die Wiederaufforstung, die Bekämpfung von Armut von Bauern in Entwicklungsländern und ganz allgemein den Kampf gegen Umweltverschmutzung.

    Aber warum wird das Verfahren nicht schon auf der ganzen Welt angewendet? Als Baker und Chaney in den 70iger Jahren nach Unterstützung für ihre bahnbrechende Idee suchten, hat sich niemand dafür interessiert. Damals waren Rohstoffe noch billig und Nachhaltigkeit ein Thema für Freaks. Heute sieht das natürlich ganz anders aus. Dank unserer unzähligen Elektronikgeräte schreit die ganze Welt nach Nickel, Cobalt, Thallium und Co. Der heute zweitgrößte Nickellieferant der Welt, Inco, hat sogar schon Interesse an Phytomining gezeigt. Doch daraus wurde nichts. Denn damals, als noch niemand die erzspeichernden Pflanzen haben wollte, haben Baker und Chaney einen Vertag mit der Investmentfirma Viridian in Texas geschlossen, die als einzige den Wert der Idee erkannten. Seitdem hält die Firma das Patent und hüllt sich in Schweigen. Nach dem ersten erfolgreichen Feldversuch brach der Kontakt zwischen Firma und Forschern ab. Baker und Chaney hatten nun ihre Pflanze und ihr geniales Geschäftsmodell, aber durften es nicht umsetzen.

    Bis zum 6. Juni 2015. Dann läuft das Patent aus und den Forschern stehen wieder alle Türen offen. Inzwischen sind sie zwar im Ruhestand, eifern aber mit einem Team aus jungen Kollegen dem großen Tag entgegen. Dann steigt eine Party und Phytomining wird endlich an den Weltmarkt gebracht. Die Vorbereitungen laufen schon.

    Was haltet ihr von der Idee einer schwermetallspeichernden Pflanze? Zu schön um wahr zu sein? Oder die Lösung zu vielen Problemen?

     


    Quelle:
    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/42252/1/1

    Bilder:
    Titelbild: Abondened Mine Shafts: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Abandoned_mine_shafts_-_Maasmechelen.jpg?uselang=de
    Hallersche Schaumkresse: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arabidopsis_halleri_%28Kriech-Schaumkresse%29_IMG_7443.JPG?uselang=de

     

Kommentare

13 Kommentare
  • LSternus
    LSternus Die Idee ist auf jeden Fall sehr interessant, gerade für mich als angehender Chemiker, Biotechniker, was auch immer (noch Schüler).
    Aber ich sehe da ein paar Probleme:
    Zum einem was ist wenn Tiere diese Pflanzen fressen, es könnte zu einem ...  mehr
    8. Oktober 2014
  • JuliusS
    JuliusS Interessant. Also wenn das klappt, dann wäre das echt super. Aber was mich interessieren würde ist, ob man schon weiß, ob die Pflanzen die Stoffe aktiv aus dem Boden holen und wenn ja ob die bestimmte Stoffe enthalten, die die Schwermetal...  mehr
    9. Oktober 2014
  • Zweitagsfliege
    Zweitagsfliege Ein toller Artikel, danke! :)
    Aber wie ist denn das jetzt mit den Pflanzenfressern, das wäre doch dann wirklich ein Bedrohung, oder?
    16. Oktober 2014
  • LaLoba
    LaLoba @Zweitagsfliege: Die Frage ist echt spannend. Ich hab allerdings über dieses Thema nichts gelesen, deswegen kann ich da auch keine richtige Antwort geben.
    Ich würde nur sagen, dass Tiere ja im Allgemeinen einen guten Sinn dafür haben, was s...  mehr
    21. Oktober 2014