Berichte

Gelebte Utopie - Das Kanthaus in Wurzen

  • Vor einigen Wochen habe ich durch den "Buschfunk" von dem "Hausprojekt Kanthaus" erfahren, ein sehr spannendes Projekt, wie ich finde, und habe mich gefreut den Kontakt zu Clara zu bekommen, welche bereit war für ein kleines Interview, um euch das Kanthaus ein bisschen näher vorzustellen.

    Hey Clara, nochmal danke, dass du dir dafür Zeit genommen hast.

    Kannst du dich kurz vorstellen? (Womit beschäftigst du dich gerade? Wie bist du zum Kanthaus gekommen? Wie lange wohnst du bereits im Kanthaus?)

    "Ich bin Clara und bin Klimaktivistin. Ich bin aufs Kanthaus gekommen, indem ein Freund aus Schottland, der damals schon im Kanthaus lebte, mir davon erzählt hatte. Ich machte gerade ein Auslandssemester in Edinburgh von der Uni Leipzig aus und dachte: Ach, das klingt ja interessant. Ich hatte ursprünglich gar nicht geplant, hier so lange zu bleiben, sondern direkt wieder nach Leipzig zu ziehen. Jetzt sind es 1,5 Jahre, die ich hier wohne."

    Kannst du vielleicht kurz das Kanthaus vorstellen?

    "Das Kanthaus ist ein Ort, an dem Menschen wohnen und zusammen kommen, die ökologisch und sozial eingestellt sind und das auch in ihrer Praxis leben wollen. In diesem Haus kann sich (fast) alles geteilt werden. Von den Betten, bis hin zu Klamotten, Essen und auch Aufgaben, die im Haus anfallen. Wir haben uns das Retten von Lebensmitteln auf die Fahne geschrieben und versuchen so viele Gegenstände wie möglich zu recyceln und zu reparieren, bevor wir sie wegschmeißen. Viele von uns machen hier Projekte, die von Foodsharing und Klimaaktivismus bis hin zu Solar-Batterie-Entwicklung und Open-Source Software Entwicklung rangieren."

    (c) Kanthaus Wurzen

    Das Funkenhause lebt ja auch nach dem Prinzip des Funktionalen Wohnen? Macht ihr etwas anders als das Funkenhaus?

    "Das Funkenhaus sehen wir als eine Art Schwesterprojekt, da wir uns gegenseitig stark beeinflussen und inspirieren. Einige Menschen, die dort leben, haben auch starke Verbindungen zum Kanthaus und andersrum."

    Was unterscheidet euch vom einem Mietshäuser Syndikat? (1)

    "Wir sind nicht Teil des Mietshäuser Syndikats, da wir den Häuserkauf selbstfinanziert haben. Die Mieten im Kanthaus sind nicht strikt organisiert, sodass wir hier auch garnicht in deren Schema passen. Wir sind aber trotzdem gut mit anderen Projekthäusern vernetzt und unterstützen diese eher mit Rat und Tat anstatt mit Geld. Dennoch finden wir das Syndikatsprinzip sehr gut."

    Könntest du ein bisschen über eure Projekte erzählen? Ich habe gelesen ihr programmiert vor allem Sharing Apps oder Open Source Programm aber auch Klimakonferenzen.

    "Unsere Projektliste ist lang und kann am besten hier nachgelesen werden.

    Wir sind hier über 20 Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Projekten. Wir tauschen uns regelmäßig dazu aus und entwickeln neue Ideen."

    Eine Kleinstadt im "Osten" ruft ja bei dem anderen oder anderem eher negative Bilder hervor. Wie werdet ihr in Wurzen wahrgenommen als Projekt?

    "Zu Beginn gab es ein bisschen Misstrauen uns gegenüber. Für viele Menschen war so ein Lebenskonzept, wie wir das im Kanthaus leben, einfach noch nicht bekannt. „Wie, die gehen nicht einkaufen? Wie, die gehen alle nicht arbeiten?“. Aber inzwischen kennen und mögen uns viele hier. Auch die, die ursprünglich misstrauisch waren, sind uns gegenüber aufgewärmt, nachdem sie einen Einblick in unseren von Projekten gefüllten Arbeitsalltag und unsere Werte bekommen konnten. Jeden Dienstag ist bei uns „offener Dienstag“. Da öffnen wir unsere Türen und alle sind eingeladen, in unserem Verschenkeladen und dem FairTeiler zu schmökern und das mitzunehmen, was sie brauchen. In unserem Repair-Cafe gibt es außerdem die Möglichkeit, kaputte Gegenstände gemeinsam mit uns zu reparieren, anstatt sie direkt wegzuschmeißen. Uns ist es sehr wichtig, diese Angebote für die Nachbarschaft zu haben und zur Wurzener Stadtszene beizutragen."

    (c) Kanthaus Wurzen

    Gibt es bei euch etwas wie Alltag?

    "Wir haben regelmäßige Treffen, an denen alle, die hier gerade leben, teilnehmen. Montags ist beispielsweise unser „Coordination Meeting“, da besprechen wir alle organisatorischen Dinge, die die nächste Woche angehen, wie weitere Meetings, SkillSharing-Events, Sharing-Events und so weiter. Donnerstags ist unsere Power-Hour. Eine Person legt zur Unterhaltung der anderen Musik auf, während alle das Haus putzen. Abends gibt es die Möglichkeit, gemeinsam zu essen. Dafür losen wir montags für jeden Abend der Woche das Kochteam aus. Ansonsten gestalten wir unseren Alltag mit unseren individuellen Projekten."

    Vermisst du etwas aus deinem „alten Leben“? Gibt es nun etwas, was du nicht mehr missen willst? Was gefällt dir an dem Leben im Kanthaus besonders gut?

    "Manchmal fällt es mir schwer hier Ruhe zu finden. Es ist immer etwas los. Das führt dazu, dass ich mich manchmal von der Gruppendynamik mitreißen lasse und mir nicht genug Zeit für mich selbst nehme. Gleichzeitig lerne ich gerade richtig viel über mich selbst und was meine Bedürfnisse eigentlich sind.

    Insgesamt ist mein Leben seitdem ich im Kanthaus bin, und das hätte ich nicht davor erwartet, viel leichter und angenehmer geworden. Anstatt alleine für alles verantwortlich zu sein, können in der Gruppe Aufgaben verteilt werden. Anstatt nur für sich selbst zu kochen, kann man für viele Menschen kochen, was sich mehr lohnt. Immer wenn man eine Frage hat, gibt es jemanden, der oder die sie beantworten kann. Es ist immer etwas los, wenn man Beschäftigung sucht, Langeweile gibt es nicht. Man kann sich das nehmen, was man braucht, und geben was man kann. Dagegen kommt mir das Leben außerhalb des Kanthauses sehr kompliziert und einsam vor."

    (c) Kanthaus Wurzen

    Hast du Angst vor einem „Realitätsverlust“ durch das Leben in einer Blase? Was könnten „Nachteile“ des Lebens in der alternativen Gemeinschaft sein?

    "Das ist eine gute Frage. Natürlich reden wir auch viel darüber, in was für einer Blase wir leben. Das Leben, das wir führen, baut auf der Überflussgesellschaft auf. Solange die Welt da draußen Lebensmittel überproduziert und wegschmeißt, obwohl sie noch genießbar sind, werden wir die dadurch entstehenden Reste retten. Uns ist es sehr wichtig, offen für Menschen zu sein, die diese Art von Lebenstil, wie wir ihn im Kanthaus haben, noch nicht kennen. Wir wissen, dass es erstmal ungewohnt sein kann, sich im Winter doch noch einen zweiten Pulli anzuziehen, anstatt die Heizung aufzudrehen. Wir wollen Menschen davon erzählen, dass es möglich ist, nachhaltig und gemeinschaftlich zu leben, und sie dazueinladen, diesen Schritt auch zu wagen. Es lohnt sich! Deswegen geben wir z.B. auch so Interviews dieses hier."

    Wie stehst du der Zukunft gegenüber? Würdest du dich als „zukunftsmutig“ bezeichnen?

    "Ich denke, dass wir hier im Kleinen versuchen, ein besseres Leben für alle zu erreichen. Die Form vom Zusammenleben, die wir hier haben, ist zukunftmutig in der Hinsicht, das wir probieren, so CO2-Neutral, nachhaltig und sozialgerecht zu leben wie möglich. Das ist die Zukunft, die wir für die Gesellschaft auch brauchen."

    Hat sich für euch als Projekt etwas geändert durch die Corona? (unabhängig von den Einschränkungen die jeden betreffen?)

    "Leider mussten wir lange unseren Open Tuesday aufgrund von Corona schließen. Wir werden diesen aber jetzt wieder unter strengen Richtlinien eröffnen und Menschen nur einzeln nacheinander hineinlassen. Glücklicherweise findet ein Großteil unserer Projektarbeit sowieso online statt, sodass wir in vielen Bereichen nicht von Corona betroffen sind."

    Toll, dass eure Arbeit nicht still steht. Und vielen Dank für deine interessanten Antworten. Wenn ihr mehr über das Kanthaus wissen wollte, dann schaut doch einfach auf ihrer Internetseite vorbei.

    Habt ihr schon mal an das Leben in einer "alternativen" Gemeinschaft gedacht?
    Oder teilt ihr einfach eure Sachen schon mal mit einfach Mitbewohner*in und kocht nun da alle zu Hause sind einfach immer zusammen? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.

    Ihr seid auch "zukunftmutig" und wollt neue Ideen für neue Formen von Wirtschaften zu entwickeln, dann bewerbt euch bei den Zukunftsmutigen. Alle Infos findet ihr hier.

    In unserem letzten Artikel der Zukunftsmutigen Reihe von Anne ging es um die Geschichte der Wegwerfkultur den ihr hier nachlesen könnt oder unter dem Hashtag zukunftsmutige.

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    (1) Das Mietshäuser Syndikat ist eine in Deutschland einzigartige, kooperativ und nicht-kommerziell organisierte Beteiligungsgesellschaft zum gemeinschaftlichen Erwerb von Häusern, die selbstorganisiert in Gemeineigentum überführt werden, um langfristig bezahlbare Wohnungen und Raum für Initiativen zu schaffen.

Kommentare

5 Kommentare
  • Jayfeather
    Jayfeather Ich kenne zwei Leute, die im Kanthaus leben, war aber selbst noch nicht da. Ich finde das Konzept auf jeden Fall sehr cool
  • SteffiFr
    SteffiFr EIn schönes Projekt! Besonders gut gefällt mir, wie das Kanthaus offen ist für die Nachbarschaft und gezielt Verbindungen schafft, in Beziehungen und Austausch.
  • SaraesaH
    SaraesaH Wow! Vielen lieben Dank, dass du dieses tolle Interview geführt und mit uns geteilt hast! Ich finde diese alternativen Wohnkonzepte total spannend und kann mir sehr gut vorstellen, dass auch selber eine Weile auszuprobieren. Ich denke dass man indem man...  mehr
  • Laura
    Laura Total spannend! Danke für das Interview!