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Meine zweite Waldaufgabe

  • Es ist ein eher kühler Tag und als ich vor meiner Schwelle stehe, habe ich eigentlich keine große Lust, meine Schuhe auszuziehen. Doch der Waldboden ist nicht so kalt wie erwartet. Also mache ich einen kleinen Hüpfer über den Graben, der den Wald vom Weg trennt und begebe mich mit meinen Sinnen auf Entdeckungsreise.

    [Auf dem Bild sind mehrere Buschwindröschen zu sehen] Foto von suju-foto auf Pixabay

    Der Waldboden ist durch die dicke Laubschicht relativ weich, an manchen Stellen piekst auch mal ein kleiner Zweig in meine Fußsohle. Der Boden in meinem Wald ist an vielen Stellen von einem Teppich aus Buschwindröschen überzogen. An diesen Stellen laufe ich fast wie auf einem Kissen oder einer weichen Decke. An manchen Stellen sinke ich ein ganzes Stück in die Erde. Den Verantwortlichen für diese Bodenauflockerung kann ich sogar bei der Arbeit beobachten. Naja, zumindest so halb: An einer Stelle wird die oberste Erdschicht mit dem darauf liegenden Laub immer wieder angehoben. Ich kann richtig beobachten, wie sich das Tierchen unter der Erde fortbewegt. Zweimal sehe ich einen langen Regenwurm über das Laub flüchten. Vom Wühlmeister sehe ich aber leider noch nicht mal die Nasenspitze. Also weiter.
    Ich konzentriere mich wieder auf meinen Tastsinn und suche mir einen Baum aus, den ich mit meinen Händen erkunde. Die Rinde ist zwar insgesamt glatt, aber es sind doch immer wieder kleine Zacken darin. Als ich die Augen wieder aufmache, bin ich überrascht davon, wie klein diese aussehen. Ich hätte sie alleine durchs Sehen wahrscheinlich kaum wahrgenommen. Meine Finger haben sie hingegen sehr deutlich ertastet.

    Jetzt konzentriere ich mich auf meinen Geruchssinn. Also erstmal an allem schnüffeln: An einer Buche, an stehendem Totholz, an liegendem Totholz, an der Erde, an den Buschwindröschen... Spannend finde ich, dass lebendiges und totes Holz ganz anders riecht. Und das stehende Totholz, das noch nicht so stark verrottet war, roch dann noch einmal ganz anders als das liegende, schon sehr alte Totholz. Letzteres roch beinahe wie die Erde. An dieser Stelle noch ein Tipp: Wenn ihr an Erde oder sehr feinkrümeligem Totholz schnüffelt, passt auf, euch den Staub beim Ausatmen nicht in die Nase und das restliche Gesicht zu pusten ;)

    [Das Bild zeigt Totholz mit Fraßspuren von Käferlarven] Foto von Johanna Kaucher

    Zeit für den Hörsinn. Ich setze mich mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm und schließe die Augen. Ich höre mehrere Vogelstimmen aus drei verschiedenen Richtungen. Insgesamt sind es ca. sechs Stimmchen. Manche singen durchgehend. Andere verstummen zwischendurch und tauchen an einer anderen Stelle wieder auf. Sie sind aber alle eher etwas weiter von mir entfernt. Dann höre ich noch einen Specht auf einen Baumstamm hämmern. Neben den Vögeln höre ich vor allem den Wind durch die Äste streifen und einzelne Blätter, die von diesem über den Waldboden geweht werden. Und auch die menschlichen Geräusche höre ich: vorbei fahrende Autos, einen Zug und Kindergeschrei. Als ich wieder aufstehe, fällt es mir schwer, mich auf die Geräusche zu konzentrieren, weil meine eigenen Schritte in dem recht trockenem Laub einfach zu laut sind.

    Zuletzt konzentriere ich mich auf meinen Sehsinn. Ich setze mich wieder an den Baumstamm und wechsle vom fokussierten Blick in den Weitwinkel. Sofort sehe ich all die kleinen Bewegungen, die mir vorher entgangen sind: die kleinen Insekten, die über den Waldboden fliegen, Blätter, die sich im Wind bewegen oder über den Boden geweht werden und auch kleine Vögel, die in etwas Entfernung von Ast zu Ast fliegen.

    Schließlich gehe ich wieder zurück zu meiner Schwelle. Auf dem Weg dorthin sammle ich meine Schuhe ein, die ich an einem Baum abgestellt hatte. Kurz bevor ich den Graben wieder überquere, sehe ich einen kleinen Vogel über den Weg auf meine Seite des Waldes fliegen. Natürlich muss ich mir den genauer anschauen. Ich wechsle also noch einmal in den Eulenblick, um ihn in dem Totholzhaufen, in den er geflattert ist wiederzufinden. Als ich ihn entdecke, beobachte ich ihn vorsichtig weiter, ohne ihn zu sehr anzustarren. Es ist ein kleiner Baumläufer, der den Stamm des umgestürzten Baumes entlang hüpft und dabei fiepsende Geräusche von sich gibt. Mit einem Lächeln im Gesicht hüpfe auch ich zurück über meine Schwelle, ziehe meine Schuhe an und fahre langsam zurück nach Hause.

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