Berichte

Waldaufgabe 2/6

  • Kraftvoll, verwunschen, mystisch - der Wald hat auf uns eine magische Anziehungskraft. Die überwiegende Zeit unserer Entwicklungsgeschichte lebten wir Menschen im und vom Wald. Doch inzwischen scheinen wir die Verbindung zur Natur zu verlieren. Wird der Wald uns fremd? Nicht, wenn wir uns wieder auf das Abenteuer einlassen, ihn neu zu entdecken.

    In diesen Wochen bekommst du bei uns viele Inspirationen und Anregungen, wie du wieder mehr Zeit im Wald verbringen kannst. Wir laden dich ein, diesen Frühling zu deinem Waldfrühling zu machen! 

    Motorengeräusche, Fahrradklingeln, Stimmengewirr, Verkehrschaos und Werbeplakate, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Vor allem in der Stadt muss unser Gehirn im Alltag unglaublich viele Reize verarbeiten. Würden wir dies alles ungefiltert wahrnehmen, würden wir wahrscheinlich durchdrehen. Also sortiert unser Gehirn großzügig die Reize aus, die unwichtig erscheinen. Vielleicht kennt ihr diesen Moment, wenn ihr nach einer Weile eine vielbefahrenen Straße verlasst und auf einmal merkt, wie ruhig es auf einmal ist. Obwohl euch vorher gar nicht bewusst war, wie laut es die ganze Zeit war. Wir sind es also gewöhnt, die kleinen Details und Nuancen zu vernachlässigen, unsere Sinne sind abgestumpft. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich meistens ausschließlich auf den Weg vor uns, unsere:n Gesprächspartner:in oder unser Smartphone. Diese mangelnde Aufmerksamkeit für die Umgebung ist mir in der folgenden Situation besonders aufgefallen:

    Auf einer Wiese zwischen einem stark frequentierten Fußweg und einem Fluss stand ein Graureiher vollkommen bewegungslos und hielt Ausschau nach Beute. Er stand etwa drei bis vier Meter neben dem Weg und natürlich wollte ich ihn gerne eine Weile beobachten. Ich fuhr auf meinem Fahrrad also ein Stück an ihm vorbei, um ihn nicht zu verunsichern und hielt dann vorsichtig an. Der Reiher ließ sich davon nicht stören, die Spaziergänger:innen hingegen schon. Sie schauten mich alle ganz verwundert an, weil ich aus ihrer Perspektive einfach da rum stand und in die Luft starrte. Erst dann folgten sie meinem Blick und entdeckten den großen Vogel neben dem Weg. Die Aufmerksamkeit, die sich dadurch auf ihn richtete wurde dem Reiher irgendwann zu viel und er entfernte sich von dem Weg. Für mich war es unbegreiflich, warum die Leute den Reiher nicht sofort entdeckten. Aber sie waren mit ihrer Aufmerksamkeit woanders und ihr Gehirn stufte den Vogel wohl als unwichtig ein.

    Wenn wir den Wald mit all seinen Facetten und Bewohner:innen wirklich kennenlernen und verstehen wollen, müssen wir wieder lernen unseren verschiedenen Sinnen Aufmerksamkeit zu schenken und sie trainieren. Deshalb widmen wir uns in dieser Aufgabe unseren verschiedenen Sinnen. Wir wollen den Wald ganz bewusst wahrnehmen. Da der Sehsinn unser dominanter Sinn ist, kann es helfen die Augen zu schließen, um dich besser auf die einzelnen Sinne zu konzentrieren.

    [Auf dem Bild ist ein Kind mit langen Haaren und Sommersprossen zu sehen, welches die Augen geschlossen hält. Der Hintergrund ist verschwommen.] Bild von Pezibear auf Pixabay

    Wir fangen mit dem Tastsinn an:

    Ziehe an deiner Schwelle die Schuhe aus und überschreite sie dieses Mal barfuß. Sollte es z.B. durch Scherben oder anderen Müll nicht möglich sein, suche dir eine Stelle, an der du gefahrlos ein Stück barfuß gehen kannst. Fühle die Beschaffenheit des Bodens. Ist er nass oder trocken? Ist er nachgiebig oder fest? Weich und angenehm oder steinig und pieksig? Wie empfinden deine Füße diese Freiheit?

    Suche dir nun einen Baum (wenn du möchtest, kannst du deine Schuhe wieder anziehen), schließe die Augen und erkunde ihn mit den Händen, bis du ihn allein durch das Ertasten von den anderen Bäumen unterscheiden könntest. Wie ist seine Rinde beschaffen? Hat er niedrige Äste? Sind die Wurzeln zu ertasten? Befindet sich dort vielleicht Moos?  Wie dick ist er?

    Variante mit mehreren Leuten: Eine:r von euch schließt die Augen und lässt sich von der anderen Person zu einem Baum führen. Die blinde Person erkundet diesen wie beschrieben mit den Händen und lässt sich anschließend wieder weg führen. Die blinde Person öffnet nun die Augen und versucht „ihren“ Baum wiederzufinden. Anschließend könnt ihr die Rollen tauschen.

    [Auf dem Bild ist eine Hand zu sehen, die auf einem mit Efeu bewachsenem Baumstamm liegt.] Bild von pb59160 auf Pixabay

    Widme dich nun deinem Hörsinn: Suche dir einen schönen Platz und setze dich dort hin. Schließe die Augen und konzentriere dich auf die Geräusche um dich herum. Aus welcher Richtung stammen sie? Von wem werden sie erzeugt? Wenn du Vogelgesang hörst: Wie viele verschiedene Melodien kannst du erkennen? Wie viele einzelne Stimmen? Nehme das alles in dich auf. Wenn du dich danach fühlst, stehe auf und laufe ein Stück (halte deine Augen gerne geschlossen, du kannst sie aber auch für besseres Gleichgewicht wieder öffnen). Verändern sich die Umgebungsgeräusche? Und welche Geräusche verursachst du selbst?

    Jetzt ist die Nase dran: Atme tief ein und werde dir bewusst, welche Gerüche in der Luft liegen. Erkunde alles um dich herum mit deiner Nase. Wie riecht die Erde? Das Laub am Boden? Ein Stück Holz? Die Baumstämme? Riechen unterschiedliche Bäume vielleicht anders?

    Obwohl der Sehsinn unser stärkster Sinn ist, können wir auch ihn trainieren bzw. lernen, ihn anders einzusetzen. Normalerweise sind wir im Fokus, das heißt, wir können auch kleinere Details scharf sehen. Auch einige Tiere haben ihre Augen so wie wir eher vorn am Kopf und besitzen diesen fokussierten Blick: zum Beispiel Wölfe, Füchse, Marder und Bären. Vielleicht fällt euch auf, dass sie alle Beutegreifer sind. Um ihre Beute fangen zu können, müssen sie diese klar erkennen können, auch wenn sie farblich gut getarnt sind und sich nicht bewegen. Beutetiere hingegen, wie etwa Hasen, Rehe oder Mäuse haben ihre Augen weiter an der Seite und können deshalb zwar nicht so gut scharf sehen, dafür aber Bewegungen besser wahrnehmen. Außerdem haben sie ein größeres Blickfeld und können so sich anschleichende Beutegreifer eher entdecken. Außerdem scheinen sie den scharfen Blick des Beutegreifers wahrnehmen zu können. Vielleicht hast du selbst schon einmal diesen Blick im Nacken gespürt, wenn dich jemand angestarrt hat? Oder erlebt, wie der Vogel, den du dir gerne genauer anschauen oder gerade fotografieren wolltest, weggeflogen ist? Wenn du Tiere beobachten und auch kleine Bewegungen wahrnehmen möchtest, ist es also hilfreich, wenn du vom fokussierten Blick in den Weitwinkel wechseln kannst. Und so funktioniert dieser sogenannte Eulenblick:

    Strecke deine Arme nach vorn und halte die Zeigefinger nebeneinander. Nun schaust du auf die Zeigefinger. Diese führst du jetzt langsam (!) auseinander, dein Blick bleibt aber weiter nach vorn gerichtet, während du versuchst beide Finger im Blick zu behalten. Wenn du am Rande deines Sichtfeldes angekommen bist, wackle ein wenig mit den Fingerspitzen, du müsstest sie noch sehen können.

    Setz dich noch einmal für eine Weile hin und verwende den Eulenblick. Welche Bewegungen nimmst du wahr? Fällt dir vielleicht etwas ins Auge, was du vorher übersehen hast? Wie fühlt sich diese andere Art des Sehens an?

    [Auf dem Bild ist eine junge Frau zu sehen, die an einen Baum gelehnt auf dem Boden sitzt. Im Vordergrund sind einige weiße Blüten zu sehen, im Hintergrund weitere Bäume.] Bild von Larisa Koshkina auf Pixabay

    Natürlich gehört auch der Geschmackssinn zu unseren Sinnen. Da wir aber nicht möchten, dass du dir den Magen verdirbst oder krank wirst, lassen wir ihn an dieser Stelle erst einmal aus. Du wirst aber in der nächsten Aufgabe genügend Möglichkeiten haben, deinen Geschmackssinn zu schärfen und mit neuen Geschmäckern zu überraschen.

    Dieser Bericht ist Teil des Waldfrühlings. Alle Infos dazu findest du hier.
    In der letzten Woche gab es einen Waldwissen-Bericht zu psychischen und körperlichen Auswirkungen von Waldaufenthalten. Den findest du hier. Im nächsten Waldwissen-Bericht erfährst du etwas über den Wald als Ressource.

Kommentare

1 Kommentar
  • Jojahanna
    Jojahanna Die Situation mit dem Graureiher kommt mir sehr bekannt vor. Ich hatte es erst neulich wieder, dass ein Eisvogel im Gebüsch saß und eine Familie ist direkt neben ihm lang gegangen, ohne was zu merken.
    29. Apr. - 1 gefällt das