Berichte

Ist Fleischverzicht Unsinn?

  • Vor einigen Tagen entdeckte ich auf der Titelseite des ZEIT-Magazins die Überschrift: „Sollen wir alle Vegetarier werden? Bloß nicht! Warum fleischlose Ernährung großer Käse ist“. Dieser Titel erfüllte seinen Zweck voll und ganz - er machte mich neugierig.
    Also las ich mir den Artikel sorgfältig durch.

     

     

    Die Autorin Elisabeth Raether beginnt damit, zu erzählen, wie fleischlose Ernährung in den letzten Jahren mehr und mehr zum Trend geworden ist. Fleischesser, also Omnivoren, würden heute als „übergewichtig, tumb, etwas stumpfsinnig, in jedem Fall nicht auf der Höhe der Zeit“ gesehen. Da gebe ich ihr teilweise recht: vegetarische oder vegane Ernährung wird immer beliebter und manche versuchen auch, Fleischessern ein schlechtes Gewissen zu machen. Es werden Rezeptkolumnen genannt, in denen die Zubereitung von Fleisch gezeigt wird, sie werden von vielen Veggies als ein Unding angesehen. Immer, wenn Fleisch irgendwo, sei es in Werbespots, Rezeptvorschlägen oder sonstwo, als selbstverständlich dargestellt wird, gibt es wütende Kommentare. Okay. Das heißt aber nicht, dass jeder Vegetarier/Veganer (ab hier als Veggies zusammengefasst) Fleischessern Vorwürfe macht und andere Lebensweisen vollkommen inakzeptabel findet. Das wird für meinen Geschmack viel zu sehr verallgemeinert.

    So auch im Weiteren: „Viele Vegetarier und Veganer sind Antispeziesisten.“ (Ja, aber nicht alle!) „Sie glauben, man darf Tiere nicht töten, nur weil sie Tiere sind.“ Speziesismus wird dabei in eine Schublade mit Rassismus und Sexismus gesteckt. Frau Raether hält ihn für ein „abenteuerliches Konstrukt“: In seiner Einfachheit attraktiv, allerdings nicht konsequent umsetzbar: Antispeziesisten fahren Auto, dabei zerplatzen dabei doch Insekten an der Windschutzscheibe. Außerdem, wer halte den Metzger für so etwas wie Rassisten und Sexisten? Da hat sie meiner Meinung nach Recht, allerdings wird auch hier wieder das gemäßigte Mittelfeld vernachlässigt, Leute, die sich mit dem Gedanken des Antispeziesismus auseinandergesetzt, die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier hinterfragt und akzeptiert haben, dass eine Gleichsetzung für uns nicht möglich ist. (Eine Ameise macht ja auch den Unterschied Ameise-keine Ameise.) Entweder man sei Veggie und damit meistens Antispeziesist, mit anderen Worten inkonsequent, oder man isst Fleisch. Naja.

     

    Beim nächsten Punkt geht es hauptsächlich um Philosophie: Tiere fühlen Schmerzen, darf man sie dann töten? Was weiß man schon über die Gefühlswelt von Tieren? Da sind sich auch Tierschützer uneinig. Raether schreibt: „Eindeutig sind die moralphilosophischen Argumente für den Fleischverzicht (…) nicht. Was, wenn Tierethiker recht haben, die sagen, es gehe in Ordnung, Tiere zu essen, sofern sie getötet wurden, ohne gelitten zu haben?“ Ich finde, dass man als Tierethiker eigentlich nicht allgemeingültig Recht haben kann, hier muss eigentlich jeder seine Entscheidungen für sich treffen. Aber ich finde gut, dass hier das Argument „Tiere darf man halt nicht essen“ genauer unter die Lupe genommen wird. Darüber sollte man nachdenken, bevor man es verwendet. Gleich danach fragt Raether noch einmal nach Moral: Sie meint, Fleischverzicht sei kein geringer Verzicht. „So viele Dinge, die einen glücklich machen, gibt es nun auch wieder nicht auf der Welt. Haben wir nicht so etwas wie eine moralische Verpflichtung, uns am Leben zu erfreuen?“ Mein Kommentar dazu wäre einfach nur: Doch, wenn es dich glücklich macht, dann iss Fleisch. Aber in Maßen und nicht in Massen. Aber das muss, wie jede moralische Frage, wohl wieder jeder für sich entscheiden.

    Denn es gibt auch Fakten, die gegen Fleischkonsum sprechen: Grausame Haltungsbedingungen zum Beispiel. Wenn Leute verzichten, weil sie an denen etwas ändern wollen, ist das Boykott und der sei nur konsequent, wenn man Veganer ist. Und das konsequente Veganer-Leben sei kompliziert: Man müsse neben Fleisch und offensichtlich tierischen Produkten wie Milch, Honig, Eier, aber auch Ledertaschen etc. auch noch auf die ganzen Zusatzstoffe tierischen Ursprungs achten. Dafür seien in den Produkten meistens viele andere Zusatzstoffe und Aromen enthalten, die die Herstellung überhaupt erst möglich machen und für einen essbaren Geschmack sorgen. Wie kompliziert das alles wirklich ist, kann ich nicht beurteilen, weil ich weit vom veganen Lebensstil entfernt bin.

     

    In ihrem Artikel beschreibt Raether allerdings eine für uns als Verbraucher einfachere Lösung: artgerechte Tierhaltung. Da heutzutage auch kranke Tiere mithilfe von Medikamenten produktiv seien und einem Bauer mit kranken Tieren keine Nachteile daraus erwüchsen, und weil selbst in Biobetrieben nur der Input (=Aufwand) und nicht der Output (=tatsächliche Gesundheit der Tiere) überprüft werde, sei es schwierig, mit endgültiger Sicherheit „korrekte“ Tierprodukte zu bestimmen.
    Ich zitiere: „Trotz dieser riesigen Gesetzeslücken meint Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, ich persönlich sei schuld an der Tiermisere – weil ich so geizig sei.“ Raether kritisiert, die Schuld werde den Verbrauchern zugeschoben, weil kein Politiker sich mit den riesigen Konzernen anlegen wolle. Dass nicht alle dagegen protestieren, liegt Raethers Meinung nach nicht nur daran, dass uns durch Bilder von glücklichen Tieren in schönen Landschaften suggeriert wird, alles sei in Ordnung, sondern auch daran, dass Fleischesser glauben, in Sachen Tierschutz nichts zu sagen zu haben: Weil so viele zum totalen Verzicht aufrufen, seien die Omnivoren eingeschüchtert. Wer glaubt, Schuld zu sein, beschwere sich nicht.

     

    Wem der totale Verzicht, durch den andere sich gut und vielleicht auch ein bisschen stark fühlen, nicht gefällt, der soll sich trotzdem für bessere Tierhaltung einsetzen – da sind sich die Autorin und ich und wahrscheinlich fast alle anderen einig! Was ich allerdings nur teilweise teile, ist ihre Auffassung, Fleischesser seien keine Umweltsünder. Das stimmt, sind wir nicht unbedingt, aber nur wenn wir, wie schon erwähnt, in Maßen genießen.

    Raether berichtet, dass vegane Landwirtschaft nur begrenzt umweltfreundlich sein kann. Denn Tiermist sei ein wichtiger Dünger, weitaus umweltfreundlicher als andere, künstliche Dünger, die man zukaufen müsste, und effektiver als die sogenannte Gründüngung, die einigen Biogärtnern hier wahrscheinlich bekannt ist, auf die ich aber hier nicht weiter eingehen möchte.

    Das alles leuchtet mir ein – Auf einem Ökobauernhof können Tiere einen Teil der durch sie entstandenen Umweltbelastungen so wieder gut machen. Vegane Landwirtschaft scheint sich im großen Stil nicht für umweltfreundliche Lebensmittelproduktion zu eignen.

     

    Der nun folgende Abschnitt beginnt mit den Worten „Entschiede sich die [gesamte] Weltbevölkerung für eine vegane Lebensweise, entstünde ein neues Problem“, da das aber definitiv in näherer Zukunft nicht passieren wird, halte ich dieses Argument für nachrangig.

    Doch im weiteren Verlauf schreibt die Autorin: „Mir scheint, das Zeitgemäße am Fleischverzicht ist, dass er auf zusammengegoogelten Gerüchten und überstürzter Empörung beruht.“ Das ist ein Vorwurf, den ich so nicht hinnehmen will. Beim vegetarischen oder veganen Lebensstil geht es für mich gar nicht darum, dass die gesamte Weltbevölkerung es genauso machen soll, sondern darum, ein Zeichen zu setzen, ein Zeichen des Nicht-Einverstanden-Seins. Es ist ein Anfang, um unseren gigantischen, eindeutig umweltschädlichen Fleischkonsum einzudämmen. Ich glaube, dass es weniger Veggies gäbe, wenn alle Welt viel weniger Fleisch äße.

    Weiter schreibt Raether, dass keine einzige Studie nachgewiesen habe, dass die vegetarische/vegane Ernährung gesünder sei. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass der Durchschnittsdeutsche viel mehr Fleisch isst, als für ihn gesund ist. Sie kritisiert, dass der Stern neulich auf seiner Titelseite die vegane Küche als gesund und frisch bezeichnet hat. Das finde ich an sich aber nicht falsch, schließlich ist es wichtig, Alternativen zum täglichen Stück Fleisch aufzuzeigen!

    Den letzten Absatz über den Ekel vor totem Tier und unserem Ekel generell heute lasse ich hier auch außer Acht, weil er meiner Meinung nach nicht mehr viel mit dem Thema „Fleischverzicht ist großer Käse“ zu tun hat.

     

    Mein Fazit also ist:

    Mit ihrem Bericht möchte Elisabeth Raether Omnivoren ermutigen, sich für besser Haltungsbedingungen der Nutztiere einzusetzen und klar machen, dass es keinen Sinn machen würde, wenn die ganze Welt sich vegetarisch ernährte. Sie kritisiert die Veganer und Vegetarier allerdings zu undifferenziert und verallgemeinert. Dass es zwischen zwei Steaks pro Tag und veganer Ernährung mit missionarischem Rumgenörgle noch eine breite Mitte gibt, vernachlässigt sie. Auch fordert sie Fleischesser kaum dazu auf, sich wirklich für Tierrechte einzusetzen und erklärt nicht, wie wichtig es ist, weniger Fleisch zu essen. Die Bilder zeigen auch viel mehr Fleisch als Gemüse und verdeutlichen die Wichtigkeit der Einschränkung unseres Fleischverzehrs überhaupt nicht. Die Überschrift legt auch den Gedanken nahe, dass es sich eher um Aufmerksamkeitsgesuche, um eine Trotzaktion einer genervten Fleischesserin handelt. Fairerweise muss man aber zugeben, dass Frau Raether wahrscheinlich selten etwas von leisen, freundlichen, toleranten Veggies mitbekommt.

    Der Artikel ist also nicht schlecht, aber auch nicht grandios. Wer ihn nachlesen möchte, kann das hier tun: www.zeit.de/zeit-magazin/2014/30/fleischlose-ernaehrung-veganer-vegetarier . Alle entnommenen Informationen und Zitate können in dieser Quelle gefunden werden.

     

     

    Hat jemand von euch den Text gelesen? Was meint ihr dazu?
     

Kommentare

12 Kommentare
  • LSternus
    LSternus @Morgentau: Nein ich bin nicht Veggie, aber ich habe Biotechnik LK. Tatsächlich ist z.B. Alkohol in bestimmten Maßen nicht schädlich, zumindest nicht dauerhaft.
    Beim rauchen sieht dass anders aus. Da werde ich das Nichts ist von vornehere...  mehr
    10. August 2014
  • Cookie
    Cookie @Morgentau: Mittlerweile hab ich auch den gesamten Artikel gelesen. Echt schade, dass es Vegetarier und Veganer gibt, die solche Briefe schreiben und damit solche Artikel provozieren.
    Dennoch ärgert mich der Artikel nach wie vor.
    11. August 2014
  • Ria2000
    Ria2000 Hey, Kompliment,toller Artikel! :) Aber tja, echt schwieriges thema...
    Natürlich gibt es viele Menschen, die Veggies sind, aber es wird (leider) auch immer menschen geben, die Fleisch essen werden, und deshalb wird es auh immer diese Großbetrie...  mehr
    22. September 2014
  • Apollofalter13
    Apollofalter13 Wirklich interessant, der Artikel!
    Ich finde die Überschrift der Zeitschrift aber echt mies, weil Fleischverzicht überhaupt nicht Käse ist!
    Ausserdem finde ich, dass sie Vegetarier und Veganer nicht einfach so zusammenfassen haben sollte, d...  mehr
    6. Dezember 2014