Berichte

Tag der Entscheidung = Tag des Scheiterns?

  • In Kopenhagen steht es Spitz auf Knopf. Während die dänischen Zeitungen gestern morgen schon das Scheitern des Gipfels vorhersagten uns davon sprachen, dass die dänische Regierung aufgegeben hätte, wendete sich das Blatt gestern plötzlich doch mal ein wenig im Laufe des gestrigen Tages. Ob innerhalb der verbleibenden 48 Stunden noch ein gänzlich neues und gutes Kapitel in der Geschichte des Klimaschutzes aufgeschlagen werden kann, ist jedoch weiterhin unklar.

    altGestern vormittag sah es kurzzeitig so aus, als ginge gar nichts mehr. Es lag eine lange Verhandlungsnacht ohne Fortschritte hinter den Beteiligten. Wie schon so oft zuvor hob der sudanesische Delegationsleiter Lumumba, Sprecher der Entwicklungsländer auf dem Gipfel, die Hand und bat um das Wort. Das Konferenzfernsehen schwenkte in diesem Moment auf Connie Heedegard, die dänische Ministerin und vorherige COP-Präsidentin. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schüttelte den Kopf. Offenbar erwartete sie erneut einen Einspruch. Doch nach kurzer Diskussion erklärte sich Lumumba einverstanden. Es konnte zumindest weitergehen – die Verhandlungen waren also noch nicht tot.

    altDen ganzen Tag über verhandelten dann Delegierte und Minister weiter in verschiedenen Runden, auf formellen und informellen Treffen. Doch dabei legten die Bürokraten und Experten nur die gleiche Hilflosigkeit an den Tag, wie in der Woche zuvor. Es bestätigte sich, dass mehr Zeit nicht unbedingt zu mehr Verhandlungsfortschritt führt und dass es ohne klare Worte der politischen Entscheidungsträger nicht weiter voran gehen würde.

    Einer der lange erhofften positiven Schübe kam dann überraschenderweise von den USA. Die amerikanische Außerministerin kam auf einen Überraschungsbesuch vorbei und verkündete, dass die USA einen globalen Fond von 100 Milliarden US-Dollar jährlich bis 2020 unterstützen würden, mit dem die Entwicklungsländer bei der Anpassung an den Klimawandel und bei der Reduzierung der eigenen Emissionen unterstützt werden sollen. Klar, bisher ist völlig offen, wie viel Geld die USA dazu beitragen wollen, woher das Geld kommt und wie es verwaltet werden soll.

    Nun könnte es einen 'Dominoeffekt' geben, der andere Staaten auch zu Zugeständnissen bewegen könnte. Zum Beispiel, dass die EU ihr Reduktionsziel von 20 auf 30% erhöht oder dass China endlich eine internationale Kontrolle der eigenen Treibhausgasemissionen zulässt. Der Leiter des WWF-Klimaprogramms Kim Carstensen sagte deshalb auch: "Es sieht so aus, als könnte der Kopenhagener Klimagipfel das Tal des Todes verlassen haben.”

    Alle schauen jetzt gespannt auf Barack Obama, der heute für einige Stunden an den Verhandlungen teilnimmt. In der Nacht saßen schon Regierungschefs und Minister der 20 wichtigsten Länder bei einer Sondersitzung beisammen. Offenbar haben sie danach die Diplomaten mit der Ausarbeitung einer politischen Erklärung zu den am meisten umstrittenen Punkten beauftragt, die im kommenden Jahr in ein rechtlich verbindliches Klimaabkommen gegossen werden könnte.

    altOb dieser Text den Regierungschefs nur zur Gesichtswahrung hilft oder sie tatsächlich den weltweiten Klimaschutz voranbringen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Die englische Zeitung "The Guardian" veröffentlichte gestern ein geheimes Papier der dänischen Präsidentschaft, wonach die bisher vorgeschlagen Emissionsreduktionen der Industrienationen der Welt eine Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur von 3 Grad bescheren werden. Die Regierungen wissen also selber, dass sie mehr deutlich mehr tun müssen.

    Abschließend noch ein Wort zur Lage des WWF vor Ort: Wie berichtet musste ein Großteil der WWF-Delegation das Konferenzgebäude verlassen. Der kleine Rest kann auch drinnen die Verhandlungen oft nur aus der Ferne über Bildschirme verfolgen. Aber es gibt auch gute Nachrichten in diesen trüben Tagen: Firmen in der Umgebung haben den "WWF-Klimaflüchtlingen“ netterweise Konferenz- und Büroräume zur Verfügung gestellt. Inzwischen haben die WWFler draußen und die WWFler drinnen eine gute Arbeitsteilung. Pressemitteilungen werden draußen geschrieben und drinnen an die Journalisten verteilt. Die leiden übrigens auch unter verschärften Bedingungen. ARD und ZDF schrieben inzwischen einen offenen Brief, in dem sie sich über die massive Einschränkung ihrer Berichtsfreiheit beschweren.