Berichte

Der Sturm nach der Ruhe

  • Die große Einigkeit, die tausende Klima-Aktivisten am Samstag auf der Straße demonstrierten, hat leider noch nicht das Innere des Konferenzzentrums erreicht. Die angereisten Umweltminister müssen dringend die Lücken im Text mit ambitionierten Reduktionszielen und ausreichend hohen Finanzierungszusagen an die Entwicklungsländer füllen. Die Ziele, die bis heute auf dem Tisch liegen, erfüllen leider noch lange nicht wissenschaftlichen Forderungen. So hat zum Beispiel gerade Australien vorgeschlagen, dass die Industriestaaten gemeinsam ihre Emissionen bis 2020 gegenüber 1990 um 15% reudzieren, dabei wären 25 bis 45% nötig. Auf die Regierungschefs wartet in dieser zweiten Woche also eine Herkulesaufgabe, wenn am Freitag um 24 Uhr ein Abkommen stehen soll, welches das Klima auch wirklich schützt.

    Ich hatte so eine Ahnung, dass es gut wäre, heute früh im Bella Center zu sein. Es war sehr gut! Draußen stand schon um 8:00 Uhr eine mehrere hunderte Meter lange Schlange bis zurück zur Metrostation. Heute reisen offensichtlich Tausende neue Delegierte, Beobachter und Medienvertreter an. Glücklicherweise bin ich schon seit einer Woche hier und benötige keine Akkreditierung mehr. Ich war innerhalb von 20 Minuten durch die Sicherheitskontrolle. Den meisten anderen erging es viel schlechter. Mein WWF-Kollege aus Österreich stand fast fünf Stunden draußen in der Kälte. Ich weiß nicht, warum keiner diesen Ansturm erwartet hat. 22.000 Menschen sind in der letzten Woche schon im Bella Center ein- und ausgegangen, wurde heute auf einer UN-Pressekonferenz erklärt. Dabei ist das Gebäude nur für 15.000 ausgelegt. Und über 45.000 haben sich angemeldet. Das kann nicht passen. In den nächsten Tagen wird der Zugang für die meisten von uns wohl eingeschränkt werden. Es weiß nur noch niemand so recht, wie das passieren wird.

     

    Die afrikanische Gruppe hat heute erklärt, dass sie eine Fortführung des Kyoto-Protokolls möchten und besorgt darüber sind, ob das hier in Kopenhagen passieren wird. Im Kyoto-Protokoll haben sich Industrieländer zu verbindlichen Reduktionszielen verpflichtet. Mittlerweile liegen hier in Kopenhagen auch neue Entwürfe vor, die einen zweigleisigen Ansatz vorsehen. Mit einer Weiterführung des Kyoto-Protokoll und zusätzlichen Vereinbarungen. Aber die Unsicherheit darüber, ob Kyoto "überleben“ wird, sorgt offensichtlich für immer mehr Misstrauen.

     

    Auf den Gängen und auf Twitter gehen Gerüchte herum, dass die Entwicklungsländer die Verhandlungen blockieren würden … Es ist wirklich schwer, hier einen ruhigen Kopf zu bewahren.

    Uns steckt die Erschöpfung schon ganz schön in den Knochen - aber wir halten durch. Jeden Tag müssen wir eine enorme Strecke vom Stadtzentrum zur Konferenz zurücklegen. Meine Kollegin Lea hat mal die Kamera mitlaufen lassen und zeigt euch jetzt per Zeitraffer die Odysse vom WWF-Quartier zum unserem Büro im Bella Center.