Berichte

Bei Wind und Wetter! Ein Leben in der Wildnis.

  • Was wäre, wenn wir bei derzeitigen Temperaturen einmal bewusst auf Zentralheizung, heiße Badewanne und Wärmflasche verzichten und uns permanent im Freien aufhalten würden? Herauskommen würde wohl, dass wir das Wetter mal so richtig zu spüren bekommen. Und das wäre sogar gut! Warum, hat mir Bastian Barucker in einem Interview verraten:

    Bastian, du hast ein ganzes Jahr permanent draußen in der Wildnis von Wisconsin, USA zugebracht. Dort hast Du in einem „Clan“, zusammen mit anderen Menschen gelebt, die sich entschieden hatten, an einer Ausbildung zum Jäger und Sammler teilzunehmen. Diese ursprüngliche, dem Steinzeitalter nachempfundene Lebensweise hat Deine Beziehung zur Natur tiefgreifend geprägt. Welche drei Adjektive würdest Du über dein Leben in der Wildnis schreiben?

    Lebendig, bewegend und verbunden

    Am Ende hast Du sogar ohne Zelt, Töpfe und Streichhölzer gelebt. Wie hast du dich - quasi ohne ein Dach über dem Kopf – vor Kälte und Hitze geschützt? Welche Rolle haben das Wetter und der Wechsel der Jahreszeiten in dem Jahr für Dich gespielt?

    Die Jahreszeiten waren für mich sehr spürbar. Am Anfang war es neu und auch unkomfortabel bei jedem Wind und Wetter draußen zu sein. Ich habe dadurch so sehr auf das Wetter geachtet und auch kleinste Veränderungen wie den Wechsel der Windrichtung oder das Entstehen bestimmter Wolkenformen jeden Tag beobachtet. Es war so erfüllend jedes Wetter wirklich zu spüren und nach tagelangem Regen die Kraft der Sonne zu spüren und wie abhängig ich davon bin, um meine Sachen zu trocknen und zum Beispiel trockenes Feuerholz zu finden. Viele der Aktivitäten im Wald sind direkt beeinflusst vom Wetter.

    Deshalb fange ich an zu lernen, wie ich das Wetter lesen kann. Wenn ich zum Beispiel ein Fell gerben will, um mir Kleidung zu machen, dann brauche ich dafür einen warmen und sonnigen Tag. Wenn ich sehe, dass ein Tiefdruckgebiet naht, treffe ich eventuell Vorbereitungen für eine eher verregnete Zeit. Unser städtischer Lebensstil ist so abgekoppelt vom Wetter. Wir wollen, dass die Bahnen und Busse immer pünktlich fahren auch wenn es minus 20 Grad hat und schneit. Wenn wir im Wald einen ganzen Tag Regen hatten, dann haben wir nicht probiert trotzdem unsere gemachten Pläne irgendwie zu erledigen, sondern haben uns angepasst und Sachen erledigt, die besser passten bei diesem Wetter.
    Außerdem war es spannend zu erleben, wie anpassungsfähig der menschliche Körper ist und dass es möglich ist, sich bei fast allen Temperaturen komfortabel zu fühlen. Ich lernte schnell den Wald und die Qualitäten der verschiedenen Bäume als Dach zu nutzen und auch wie ich eine Hütte bauen kann, die mich vor Wind, Regen und Kälte schützt. Im Winter hatten wir ein Wig-Wam gebaut, welches wir mit Erde, Farn und Moos isolierten und mit Birkenrinde ummantelten. Wir bauten eine unterirdische Luftzufuhr und einen Abzug ein und konnten dann bei minus 30 Grad die Abende warm in der Hütte verbringen. Das war ein Luxus! Das tolle an all dem war auch, dass wir uns um die Rohstoffe, die wir für unseren Komfort brauchten immer selber sorgen mussten. Wenn wir eine Hütte haben wollten, mussten wir alle Materialen sammeln und teilweise monatelang Energie aufwenden, um unser Ziel zu erreichen. Genau dasselbe galt für die Wärme des Feuers. Wenn wir viel Wärme wollten, mussten wir viel Holz sammeln. So lernten wir gewissermaßen, was Energiebilanz für uns bedeutet.
    Dabei habe ich zum Beispiel meine eigene Heizung kennengelernt.
    Wir nannten es das „innere Feuer“. Bei 6 Monaten Winter war es illusorisch, jeden Tag Stunden am Feuer zu sitzen. Also waren wir in Bewegung und heizten uns von innen. Es war unglaublich wie wir mit passender Kleidung und viel Aktivität bei fast jedem Wetter stundenlang unterwegs sein konnten und gar keine externe Energiezufuhr brauchten.

    Denkst Du, dass der Mensch sich bedingungslos an klimatische Veränderungen anpassen kann?

    Wie oben gesagt, glaube ich, dass der Mensch unglaublich anpassungsfähig ist. Aber der Mensch steht ja nie alleine für sich, sondern immer in Beziehung mit der Natur. Meiner Ansicht nach wirken sich klimatische Veränderungen sehr schnell auf Pflanzen und Tiere und deren Verhaltensweisen aus. Bei einem Leben im Wald ist diese Beziehung lebenswichtig. Sie ist es auch in unserem jetzigen Lebensstil, nur ist das den meisten entweder gar nicht bewusst oder nur auf intellektueller Ebene. Wenn durch gravierende klimatische Veränderungen Nahrungsquellen wegfallen oder Trinkwasser schwer verfügbar wird, dann gibt es für den Menschen sehr direkte Konsequenzen. Sein Überleben steht auf dem Spiel. Also denke ich, dass es da schon Grenzen gibt.

    Hattest Du auch einmal Angst, nicht in der Wildnis zu überleben?

    Es ist wichtig zu wissen, dass ich in einer Gruppe lebte und dass wir von erfahrenen Mentoren angeleitet wurden. Ich wusste also, es wird auf mich geschaut und im Notfall gäbe es die Möglichkeit die Wildnis zu verlassen. Auch waren wir essensmäßig nicht komplett auf uns alleine gestellt, sondern bekamen teilweise Essen von der Schule, die das Programm organisiert.
    Einige Male habe ich mich alleine verlaufen und intensive Panik und Angst gespürt. In der Gegend, in der wir lebten, gab es ja keine schnell erreichbaren Straßen, Häuser oder so etwas.
    Als ich eines Nachts im Spätherbst vom Weg abkam und plötzlich nur noch meterhohen Farn spürte und die Hand vor Augen nicht sah, dachte ich, ich finde nie wieder nach Hause zurück. Das war ein Schock. Ich erinnerte mich an eine Grundregel für Überlebenssituationen: „Nie in Panik handeln!“ Also versuchte ich zu atmen und Schritt für Schritt mit den Füßen zu erfühlen, wo der Weg sein könnte. Ich weiß nicht wie, aber ich fand ihn wieder. Danach ging ich mit klopfendem Herzen und großer Freude zurück zu meinem „Clan“, der ums wärmende Feuer schon auf mich wartete.

     

    Was war für Dich einer der erhabensten, schönsten Momente in der Wildnis?

    Das fällt mit echt schwer zu beantworten. Es waren so viele. Und manche scheinen von außen vielleicht eher unspektakulär.
    Ich erinnere mich, wie ich im Sommer stundenlang Beeren sammeln und essen war. Das war eine Zeit, in der wir viel Hunger hatten. Nach mehreren hundert Beeren traf ich einen Lindenbaum und aß seine Blätter. Nach all den süßen Beeren tat es so gut, etwas Grünes zu essen. Ich war dankbar für all das, was mir gegeben wurde. In schönem Sonnenschein und ganz nah am See sammelte ich dann noch Wildkräuter für das gemeinschaftliche Abendessen und ein Bündel Feuerholz für das Lagerfeuer. Als ich dann eine ganz bestimmte Pflanze sammelte, fiel mir auf, dass da noch ein paar Stängel aus dem Vorjahr standen. Ich erntete sie und machte mich auf den Weg zu meinem Lieblingsbaum am Ufer des Sees. Ein alter, verzweigter Ahorn war öfters mein Rast- und Beobachtungsplatz gewesen. Ich kletterte hinauf und drehte eine Schnur aus den Pflanzenfasern, die ich gesammelt hatte. Wind und die Sonne im Gesicht spürte ich eine Geborgenheit und eine Verbundenheit, die mich tief berührten. Alles was ich brauchte, wurde mir geschenkt und für mich wird gesorgt. Das war toll.
    Ein anderes Mal arbeiteten wir daran unsere Sommerhütten zu bauen. Über 2 Monde (es gab ja keine Monate mehr) taten wir jeden Tag nichts anderes als Gras zu schneiden und zu trocknen, Rinde zu nähen und Wurzeln zu graben, um endlich unsere eigenen Hütten fertig zu bauen. Nach dieser sehr anstrengenden Zeit war es ein unglaubliches Gefühl, die erste regnerische Nacht in unseren Hütten zu schlafen. Wir waren regensicher, mückengeschützt und vom Wind abgeschottet und haben das alles aus eigener Kraft erbaut. Dann gab es ein großes Fest mit Tanz und Trommeln. Das war wunderschön.
    Ein anderes Mal gab es eine Art "Blizzard" im tiefsten Winter. Es waren unter minus 30 Grad und ich bereitete alles dafür vor, ein Feuer auf primitive Art und Weise zu entzünden. Seit dem Frühjahr hatte ich nun schon so viel über das Feuermachen gelernt und nun, als ich in dieser Kälte in kürzester Zeit ein Feuer entfachte, war ich dankbar und so begeistert. Nur mit Materialien aus dem Wald und bei sehr schwierigen Bedingungen war ich in der Lage ein Feuer zu entzünden, um für mich und meinen „Clan“ zu sorgen.

    Wenn Du heute Debatten zum Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt hörst, denkst Du da manchmal auch an deine Zeit in Wisconsin zurück?

    Ja, ich denke daran zurück. Und das Wichtigste ist vielleicht, dass ich dabei nicht nur denke, sondern auch fühle. Durch meine Erfahrungen ist die Wichtigkeit der Erde als Lebensgrundlage für Tiere, Pflanzen und Menschen ganz direkt spürbar gewesen. Ich habe dann nicht Zahlen oder Fakten vor mir, sondern die Erfahrung, dass ich als Mensch die Erde und eine intakte Flora und Fauna brauche, um zu leben. Ich weiß, dass in der Natur alles miteinander verwoben ist und jede/r mit jedem verbunden. Eine Erhaltung dieses Netzwerkes sollte den Menschen meiner Meinung nach am Herzen liegen. Ich habe dabei auch die Einstellung, dass wir Menschen im Gegensatz zu anderen Lebewesen ja ein relativ junger Gast sind und ich eine Achtung und einen Respekt vor den Lebewesen verspüre, die schon viel länger auf dieser Erde leben. Indem ich auch gelernt habe, mit wie wenig ich auskommen kann, ohne wirklich etwas zu vermissen, sehe ich steigenden Konsum, Mobilität und die einhergehende Ausbeutung der Natur sehr kritisch. Es bewegt mich sehr, dass es anscheinend noch viele Menschen gibt, die sich so unverbunden zur Natur fühlen, dass sie in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen, die ihr ganz offensichtlich schaden. Und mir ist klar, dass es wahrscheinlich vielen an verbindenden Erfahrungen in der Natur fehlt. Deshalb hoffte ich manchmal, ich könnte mit einigen dieser Entscheidungsträger einen Monat im Wald leben.

    Was unternimmst Du im Alltag, um das Klima zu schützen? Machst Du diesbezüglich nach deinem Besuch in Wisconsin etwas anders?

    Das ist eine spannende Frage. Ich würde sagen, dass ich mich bemühe, keine unnötige Energie zu nutzen und das spiegelt sich in meinem Konsumverhalten (weniger ist mehr), meiner Mobilität (lieber Bahn als das Auto) und anderen Dingen wider. Ich kann das Licht bei mir zu Hause nicht brennen lassen ohne mich zu fragen, ob das jetzt nötig ist. Ich heize nur so viel, wie ich wirklich brauche und kaufe Produkte ein, von denen ich denke, dass sie nicht so lange Fahrtwege hinter sich haben oder auf ungesunde Weise produziert wurden. Ich versuche Dinge gebraucht zu kaufen, zu reparieren oder irgendwie wiederzuverwerten. Und natürlich gibt es viele Produkte und Dinge, die ich durch meine Erfahrungen im Wald einfach für komplett überflüssig halte und deshalb auch gar nicht mehr verführt bin sie zu kaufen.
    Außerdem bemühe ich mich in meiner alltäglichen Arbeit darum, anderen Menschen intensive Naturerfahrungen zu ermögliche, damit sie sensibler für das lebensspendende Netzwerk der Natur werden.

    Und zu guter Letzt: Gibt es für dich – außer den bereits gesagten Dingen - eine essentielle Erkenntnis aus dem Jahr in der Wildnis, die du gern mit der WWF Jugend community teilen möchtest?

    Es gibt derer so viele. Alles, was ich sagen kann, ist dass es sich lohnt, raus zu gehen und diese „ursprüngliche Lebensweise“ kennenzulernen und dass es dort in den Wäldern Geheimnisse und Entdeckungen zu machen gibt, die das eigene Leben verändern können. Es geht weit darüber hinaus, die Natur besser kennen zu lernen. Wir, jeder von uns, ist Teil der Natur. Wir sind sozusagen eins. Und deswegen ist eine intensive Begegnung mit der Natur auch gleichzeitig eine Reise zu einem Selbst. Die Natur hilft uns, uns selber besser kennen zu lernen.
    Viele gehen in den Wald mit all ihren Sorgen, Ängsten, Vorstellungen und Ideen und dabei versäumen sie den Geruch des Beifußes, den Warnruf des Zaunkönigs und das flüchtende Reh im Augenwinkel. Nach einiger Zeit im Wald verändert sich etwas und Stück für Stück erwachen die Sinne wieder und der endlose Gedankenfilm macht eine Pause und plötzlich erleben wir die Fülle des Lebens genau da, wo wir sind! Diese Augenblicke voller Präsenz sind wundersame Augenblicke, die ich seit dem Jahr in der Wildnis nicht mehr missen möchte!

    Vielen Dank für das Interview, Bastian!

    Weitere Infos unter: http://www.bastian-barucker.de  oder http://www.wildnisschule-waldkauz.de
    Die nächsten Wildniswochen, die Bastian anbietet, finden vom 21.-26.April 2014 bzw. vom 18.-23.August 2014 statt.
     

    Bilder: Schneelandschaft_flickr_via creative commons_arne bratenstein; alle restlichen Fotos Bastian Barucker © Bastian Barucker  

Kommentare

13 Kommentare
  • Buchenblatt gefällt das
  • Makanie
    Makanie Hammer! Das würde ich auch gern mal machen. Nur vielleicht nicht ein ganzes Jahr...;-)
    11. Februar 2014
  • Anais
    Anais Ich musste direkt an "Into the wild" denken... Ich konnte mir nie vorstellen auf sich allein gestellt in die Wildnis zu gehen (zumindest nicht über einen längeren Zeitraum), aber wenn man die Erfahrung mit anderen Teilen kann stell ic...  mehr
    12. Februar 2014
  • Pandafreundin
    Pandafreundin Es hört sich super interessant und mutig an!
    Ich habe diesen Bericht mit Begeisterung gelesen und meinen vollsten Respekt an die Menschen die sich sowas trauen und es durchziehen!
    Wirklich Toll! :-)
    12. Februar 2014
  • Monamona
    Monamona Wow wow wow.

    Ich stimme Gluehwuermchen vollkommen zu, das zu lesen löst bei mir auch eine große Sehnsucht aus. Ich würde so was so gerne mal ausprobieren...

    Danke für das Interview! :)
    13. Februar 2014