Berichte

Die Plastik-Schwemme

  • Es lauert überall, wo wir auch hingehen. Es ist um uns und in uns und egal was wir tun, es gibt kein Entkommen.

    Zugegeben, das klingt sehr dramatisch. Dies soll zwar nicht der Beginn einer Horrorgeschichte sein, aber eine ernste Sache ist es schon. Die Rede ist von Plastik. Diesem allgegenwärtigen, nicht mehr wegzudenkenden Wunderstoff, der unser Leben in so vieler Hinsicht erleichtert hat. Und es auch in so vieler Hinsicht bedroht.

    Schaut man sich dieser Tage mal in einem herkömmlichen Supermarkt um wird man feststellen, dass es so gut wie keine Produkte mehr ohne irgendeine Form der Plastikverpackung gibt. 80% der Waren die wir täglich kaufen kommt heutzutage mit Plastik in Berührung. Für die Industrie hat der Stoff große Vorteile, er ist universell einsetzbar, stabil, leicht und kostengünstig herzustellen. Pro Jahr werden mehr als 250 Millionen Tonnen Plastik produziert, ganze 65 Millionen Tonnen davon allein in Deutschland. Da Plastik bis zu 500 Jahre braucht um sich natürlich abzubauen belastet es die Natur und uns Menschen. In unseren Ozeanen schwimmen inzwischen sechs Mal mehr Plastikteile als Plankton! Oft verenden Meerestiere an dem übermäßigen Verzehr von Plastik und auch in unseren Speisefischen finden sich immer größere Mengen dieses Stoffes. So und über viele andere Wege gelangt das Plastik auch zu uns den Körper.

    Proben haben ergeben, dass das Plastik inzwischen seinen Weg in unser Blut und unseren Urin gefunden hat.
    Besonders gefährlich für den Menschen ist unter anderem das synthetische Hormon Bisphenol A (BPA), welches als Monomer dazu dient das Material, hauptsächlich bestehend aus Erdöl oder Erdgas, besonders hart zu machen. Ohne dieses Hormon wäre Hartplastik wie wir es kennen nicht denkbar, es ist die am meisten hergestellte Chemikalie der Welt und trägt so zur Herstellung von CDs, Zahnfüllungen, Spielzeug, Spritzen und Konservendosen bei. Auch in Produkten in denen man es eher nicht vermutet, wie z.B. in Thermopapier, woraus Zugtickets und Kassenzettel gemacht werden, ist es enthalten.
    „Die Menschen in industrialisierten Staaten sind mittlerweile zu über 90 Prozent chronisch mit Bisphenol A belastet, also sozusagen „plastiniert“. In nahezu jeder Urinprobe lassen sich nennenswerte Konzentrationen von BPA nachweisen“, sagt Dieter Swandulla, Institutsdirektor der Physiologie II an der Universität Bonn.
    Das Hormon hat in unserem Körper östrogene Wirkung und kann so zu Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen führen. Schon Ende der 90er Jahre wurde herausgefunden, dass BPA die Spermienproduktion bei Männern um bis zu 40% verringern kann, die Entwicklung des Gehirns beeinflussen und sogar Veränderungen im Erbgut hervorrufen kann, was wiederum zu Fehlgeburten führt. Anders als bei anderen Stoffen wirkt BPA in kleinen Mengen dabei noch schädlicher als in größeren.
    Da BPA sehr fettlöslich ist kann es über die Nahrung und über die Haut in unseren Organismus gelangen, am besten wohl über die Mundschleimhaut.
    Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist aufgrund mehrerer Studien sehr beunruhigt über die derzeitige Entwicklung und bezeichnet hormonell wirksame Chemikalien - wie das BPA - als „globale Bedrohung“. Es ist nicht so leugnen: BPA mag ein schleichendes und leises Gift sein, aber es schadet den Menschen in Industrienationen.

    Nicht überraschend ist die Reaktion der Plastik- und Verpackungstechniker auf dieses Neuigkeiten. Dort wird weiterhin behauptet, dass die Verwendung von Kunststoffen geprüft und sicher sei und es schließlich Grenzwerte für verschiedene Chemikalien gebe. Für BPA liegt dieser seit 2006 bei 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Da aber BPA auch in extrem niedrigen Mengen schon Schäden anrichtet, ist dieser Grenzwert mehr als nutzlos. Hinzu kommt, dass die Wirkung der Chemikalie stark vom Entwicklungsstadium des Menschen abhängt, ob er also ein Baby oder ein Erwachsener ist. Außerdem muss bedacht werden, dass sich die Mengen des konsumierten BPA aus den täglichen Aktivitäten eines Menschen addieren. Es kommen das Bahnticket am Morgen, die Dosensuppe am Mittag und der Fisch am Abend zusammen, sowie andere Weichmacher, welche in PVC-Böden und sogar Kosmetik enthalten sind und eine ähnliche Wirkung haben, zusammen. Nur ein Verbot dieser hormonell hochwirksamen Stoffe würde also wirklich Sinn machen.
    Frankreich hat in dieser Hinsicht den ersten Schritt getan: dort soll Bisphenol A ab 2015 zumindest in Lebensmitteldosen komplett verboten sein. Bisher ist das auf europäischer Ebene nur für Babyflaschen der Fall. Ob es zu weiteren Einigungen auf Unionsebene kommen wird, ist derzeit unklar. Deutschland hat sich jedenfalls noch nicht zu dem Thema geäußert.

    Wir müssen uns ganz klar von der Illusion verabschieden, in eine Welt ohne Plastik zurückkehren zu können. Wir können uns nur so gut es geht mit der bestehenden Situation arrangieren und darauf achten, selbst möglichst wenig mit Plastik in Kontakt zu kommen. Joghurt, Milch und Tomatensoße gibt es oft auch in Glasflaschen, Gemüse sollte nicht eingeschweißt sein und frisches Obst schmeckt doch eh besser als Dosenfrüchte. Damit tun wir nicht nur der Umwelt einen Gefallen, sondern auch uns selbst.

     

    Quelle:

    http://www.handelsblatt.com/technologie/das-technologie-update/healthcare/bisphenol-a-in-unserem-blut-fliesst-plastik-seite-all/9012072-all.html

Kommentare

12 Kommentare
  • schnorrcle
    schnorrcle Sehr guter Artikel :). Das kleine Plastikteile in unserer Nahrung vergiftet wusste ich schon, aber dass es sowas gibt war mir bisher unbekannt. Vor allem auch, dass dieses Bisphenol A uns in so vielen Lebenslagen begegnet und uns vergiftet ohne irgendwelc...  mehr
    29. Dezember 2013
  • Jule97
    Jule97 Toller Bericht! Sehr gut geschrieben :-) Unglaublich, dass Plastik so schädigend für die Umwelt und auch für uns ist und es trotzdem überall um uns herum ist und beinahe jede Verpackung und jedes Ding nur noch aus Plastik bestehen zu s...  mehr
    29. Dezember 2013
  • Julianne
    Julianne Schöner Bericht, danke dafür!
    31. Dezember 2013
  • Lulu2000
    Lulu2000 Ich finde es schlimm das wir so viel Plastik verbrauchen
    31. Dezember 2013