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Global Soil Week: Der WWF vernetzt zum Thema Boden

  • Es ist halb sechs und ich sitze im ICE von Berlin Richtung Göttingen. Draußen hängt ein letzter schmaler Streifen Orange unter der Dunkelheit des hereinbrechenden Abends. Zwei Sitze weiter zerbombt ein kleiner Junge auf seinem Tablet Gebäudekonstruktionen. In meinem Kopf arbeiten noch die Bilder und Gespräche der letzten acht Stunden.
    Zeitsprung.

    Es ist Dienstagabend und mein Zug nach Berlin hat tierisch Verspätung.
    Als ich endlich ankomme sind die S-Bahnen leergefegt und ich versuche im Halbdunkel Straßenschilder zu entziffern, ohne jedes Mal stehen bleiben und die Google-Maps Karte in meinen Händen hin- und herdrehen zu müssen. Doch endlich komme ich bei Birgit Wilhelm vom WWF Deutschland an. Sie arbeitet im Bereich Landwirtschaft und hat mich letzte Woche spontan zum Workshop des WWF auf der Global Soil Week (globale Bodenwoche) eingeladen. Ich sagte natürlich sofort zu – das Thema Boden ist nicht nur wegen meines Agrarstudiums eine interessante Sache.


    Mittwochmorgen. Im Hotel Scandic kommen diese Tage Wissenschaftler, Umweltschützer, Künstler - Menschen von den unterschiedlichsten Disziplinen - aus den verschiedensten Ländern der Erde zusammen. Das Thema um das sich alles dreht: Unsere Böden. Das Leitmotto: „Global Soil Week – Losing Ground?“ Hier wird in diesen Tagen hinsichtlich einer lebensnotwendigen Kostbarkeit informiert, diskutiert, zusammengetragen und vernetzt.


    Als ich den Raum für den Workshop betrete, fallen die Stellwände mit den Bildern auf. Riesige Bodentierchen, Regenwürmer, kleine Wildschweinfrischlinge. Die Einführung ist originell und außergewöhnlich. Barbara Geiger – Betreiberin eines eigenen Theaters für bedrohte Tierarten – schlüpft in die Rolle von „Fräulein Regenwurm“ und vermittelt auf humorvolle Weise sehr viel Wissen über Anatomie, Verhalten und Lebensraum des Regenwurms. Zum Beispiel darüber, dass Regenwürmer nie schlafen. Und wusstet ihr, dass in einer Handvoll Erde mehr Organismen leben als Menschen auf der Erde?
    Nach dieser Introduktion nehmen Birgit Wilhelm vom WWF und Luca Montanarella von der Europäischen Kommission (JRC) den Faden auf. Warum eigentlich, kümmert sich der WWF auf einmal um Erde?
    Weil der Boden voller Biodiversität ist, weil wir ohne ihn nicht leben können, weil er mehr und mehr schwindet, der gute, fruchtbare Boden – menschenverschuldet versteht sich. Weil eine Umweltorganisation ganz vorne sein sollte, wenn es um die Zukunft unserer Böden geht. Weil es höchste Zeit wird, zusammenzukommen und zu kommunizieren.
    In den nächsten zwei Stunden kommen die unterschiedlichsten Menschen zu Wort, die sich alle auf ganz eigene Weise mit dem Thema Boden auseinandersetzen. Luca Montanarella zum Beispiel, der in der Europäischen Kommission Leiter zum Thema Boden ist, spricht von den verschiedenen Böden weltweit, von der enormen Zahl, die Böden an Arten enthalten, vom höchsten Ziel der Kommission: Raise soil awareness.
    Er zeigt Bilder von Kindern, von Menschen, die noch Kontakt zu Böden haben. Riechen, schauen, anfassen. Es geht nicht nur um Fakten, sondern auch um Emotionen.
    Den Aspekt der Emotionen greift der Bodenwissenschaftler und Psychologe Nikola Patzel auf und erklärt, der Mensch habe eine innere und eine äußere Natur, und beide müssen zusammengebracht werden, „Monokultur im Kopf bringt Monokultur im Boden“.
    Wir Menschen haben die große Kraft, innere Bilder Wirklichkeit werden zu lassen. Wer über die ungewisse Zukunft unserer Erde verständlicherweise in Depressionen versinken könnte, soll diese Energie transformieren und handeln!
    Mr. Alavi Panah von der Uni Teheran spricht darüber, die Lücke zwischen den Disziplinen zu überbrücken um bei dem Thema auf einen Nenner zu kommen. Michael Wilde von der EOSTA Niederlande stellt eine originelle Aktion vor: Tomatenpackungen, die neben Biotomaten ein Päckchen Erde und Tomatensamen für den Konsumenten enthalten. Gerd Wessolek der technischen Universität Berlin betont noch einmal, wie wichtig die Rolle der Emotionen ist, will man ein Thema ins Bewusstsein der Gesellschaft bringen.
    Wie bedeutsam es ist, bei Kindern anzusetzen und sie für das Thema Boden zu sensibilisieren bekräftigt neben anderen eine Professorin aus Mexiko.


    Schnell wird klar: Hier kommen die unterschiedlichsten Aspekte zusammen, die, zusammengeführt und gebündelt eine wahnsinnige Energie erzeugen könnten. Denn das ist das Ziel des Workshops: Eine erfolgreiche, internationale Kampagne für das Thema Boden ins Leben rufen.
    Es geht darum, den ganzen Menschen zu packen – emotional, mit Fakten, mit dem Herzen. Kinder mit Verantwortungsgefühl und Begeisterung für Böden erziehen, sinnvoll über den ganzen Globus kommunizieren, Gelder in die echte Praxis stecken und zwischen den Disziplinen in einer gemeinsamen Initiative verteilen.
    Der Workshop endet mit dem Drang, dieses großartige Potenzial auszunutzen. Es wird sich für den nächsten Morgen verabredet um die Anstöße konkret in die Tat umzusetzen. Selbst als die Gruppe sich zerstreut, gehen die Diskussionen weiter.

    Draußen ist es jetzt stockfinster. Der Junge nebenan hat sein Tablet weggelegt. In mir ist, trotz allem was die tägliche Welt suggeriert, eine große Hoffnung. Nichts gibt so viel Motivation wie ein Zusammenkommen von Menschen, die nicht nur sehen, das etwas getan werden muss, sondern auch bereits alle auf ihre Weise aktiv sind.
    Leider schlummert das Wissen um unsere gefährdeten Böden unterhalb des gesellschaftlichen Bewusstseins. Aber ohne Böden keine Nahrung, keine Kleidung, keine Vielfalt, keine Schönheit...kein Leben.

    Lasst uns heute einen nahrhaften Boden für die Welt von Morgen schaffen, bevor wir ins Bodenlose geraten!

    Mehr Informationen zur Global Soil Week gibt es hier: http://globalsoilweek.org/

    Text und Bilder: Maura Beusch
    Titelbild: © agrarfoto.com / WWF

Kommentare

9 Kommentare
  • redmary
    redmary Echt toller Bericht! Interessant und bildhaft geschrieben. Danke :)
    3. November 2013
  • Morgentau
    Morgentau Ich kann mich nur anschließen!
    Danke für die Infos!
    4. November 2013
  • Makanie
    Makanie Es ist gut, dass du neue Hoffnung und Kraft geschöpft hast. Ein jeder sollte sich solchen treffen anschließen, denn es stimmt wirklich: Zusammenhalt macht stärker.
    13. November 2013
  • Nina1505
    Nina1505 Wow, das scheint ein interessanter Workshop gewesen zu sein :) Schöner Bericht mit schönen Infos :)
    23. Januar 2014