Berichte

Ein Ziel, ein Mann, ein Bier, ein Bieber (Video)

  • Video-Botschaft von Bill McKibben an die WWF Jugend gibt es hier oder am Ende des Berichts.

    Ein schlanker Mann, knapp 1,90 Meter groß, Brille, tiefe Augen, mehr Haut als Haare auf dem Kopf. Justin Bieber ist es nicht, aber so in etwa lässt sich Bill McKibben beschreiben, als er auf die Bühne steigt. Das Licht im Hörsaal des Heinrich-Böll-Hauses in Berlin ist gedämmt und die Zuschauer applaudieren fleißig. Mit Betreten der Bühne beginnt nicht nur ein Vortrag, wie Bill ihn immer wieder hält, sondern auch die Fossil Free Europe Tour. Eine Klimabewegung, die in den USA entstanden ist, und nun auch in Europa Anklang finden soll. Hauptidee ist es, Privatpersonen aber auch Universitäten, Städte und Kirchengemeinden dazu zu bringen ihr Geld so anzulegen, dass damit nicht der Erdölabbau weiter gefördert wird - "divestment" nennt Bill diese Strategie.

    Europa ist Bills nächste Station, um auch hier die Bewegung zu etablieren. Selbstverständlich darf Berlin nicht fehlen und so finden sich einige hundert Zuhörer zusammen, um seinen Vortrag genießen zu dürfen. "Ich bin ein bisschen nervös", beginnt Bill seinen Vortrag. Nanu, ein Medienprofi wie Bill ist nervös vor ein paar hundert Leuten zu sprechen? Doch schnell wird klar, worauf er hinaus will: Er öffnet sich zur Beruhigung erstmal ein Bier. "Ein Bier ist eine tolle Sache, und ich weiß, ihr Deutschen seit sehr stolz auf eures. Aber nur weil ein Bier gut ist, heißt das nicht, dass 20 Bier 20 Mal so gut sind." Dann lässt Bill den Inhalt von beinahe zwei Kästen Bier auf dem Tisch vor sich aufstapeln. "Wenn ich heute Abend ein Bier trinke, hilft mir das vielleicht einen guten Vortrag zu halten. Aber wenn ich jetzt das ganze Bier hier vor mir trinke, wäre das sicherlich katastrophal. Das ist genau das, was die Erdölkonzerne mit unserer Welt machen wollen: Sie planen heute schon eine Menge an fossilen Brennstoffen zu fördern, die fünfmal so viel CO2 in unsere Atmosphäre bringen würde, wie dort maximal sein darf, um das weltweit anerkannte 2° Ziel einzuhalten."

    Schnell wird klar, es dominieren die Zahlen - 2, 350, 400, 565, 2.795!

    Immer wieder rauschen diese Zahlen durch den Vortrag und beherrschen das Thema. Wenn die Energieunternehmen dieser Welt sämtliche Erdölressourcen an die Oberfläche befördern, die sie aktuell in der Planung haben, ist der Welt nicht mehr zu helfen. Diese Aussage bezieht sich auf die 2.795, denn sie tauchte im Sommer 2011 auf, als in London Analytiker sowie Umweltschützer einen Report über die Risiken des Klimawandels für Firmen veröffentlichten. Die Zahl beschreibt die Menge der klimaschädlichen Gase, die sich noch innerhalb der bisher bekannten Öl- und Gasvorkommen befinden. Diese Vorkommen befinden sich jetzt schon in Firmenhand und werden somit früher oder später ausgebeutet. Es ist also die Menge an Rohstoffen, die die Firmen aktuell bereits einplanen zu verbrennen und nicht einmal die Vorkommen eingerechnet, die bekannt, aber momentan noch nicht erschwinglich sind.

    Keine guten Aussichten, denn Wissenschaftler haben durch ein Klimamodell herausgefunden, dass der Menschheit noch 565 Gigatonnen CO² zur Verfügung stehen, die in die Atmosphäre gelangen dürfen, um das allgemein anerkannte zwei Grad Ziel einzuhalten. Veröffentlicht hat Bill diesen Report im Rolling Stone. Er selber war nicht auf dem Titelblatt, dafür aber Justin Bieber, "was wohl zwangsläufig zu mehr Absatzzahlen geführt hat", sagt Bill. (Einen ausführlichen Bericht zu der Thematik findet ihr hier)


    Harte Zahlen, harte Fakten,
    die Bill McKibben zwar vor knapp 25 Jahren noch nicht alle kannte, aber schon damals, als er sein erstes Buch über den Klimawandel veröffentlichte, ahnte. Auf seiner Internetseite benennt er sich selber als Autor, Lehrer und Umweltaktivist und ist zudem Gründer der 350.org-Bewegung.

    Bereits vor dem Vortrag traf ich Bill für ein kleines Interview, wo er mir genaueres über die Zahl 350 sagen konnte und vor allem, was er schon immer der WWF Jugend sagen wollte:

    Frage: Hi Bill, die Welt zu retten muss ganz schön anstrengend sein. Bist du gar nicht müde?

    Bill: Ich bin nicht müder als ihr jungen Leute. Ab und zu erwischt es mich aber schon, weil ich das jetzt schon sehr lange mache. Mein erstes Buch über den Klimawandel erschien vor 25 Jahren, bevor ihr geboren seit!

    Wir machen zwar nicht die Schritte nach vorne, die wir machen sollten, aber auf der anderen Seite ist diese großartige, weltweite Bewegung entstanden und das gibt mir Unterstützung und Hoffnung.

    Wenn ich also merke, es geht mit mir bergab und ich werde müde, dann schau ich mich um und sehe diese hundertausenden Bilder auf unserem Flickr-Account. Viele dieser Bilder zeigen Menschen aus Haiti, Ghana und anderen ärmeren Ländern, die das Problem nicht verursacht haben, aber dennoch ein Teil der Bewegung sein wollen. Diese Menschen wollen ein Teil der Lösung sein und das gibt mir einen großen Berg an Energie zurück.

    Frage: Freust du dich, jetzt hier in Europa zu sein, und was erwartest du von der Europatour?

    Bill: Wir haben nach einer Idee gesucht und uns gedacht, wir packen dort an, wo es den Energiekonzernen am meisten schmerzt - ihren Finanzen. Also starteten wir letztes Jahr in den USA, gingen weiter nach Australien und Neuseeland.

    Schlussendlich sind wir in Europa gelandet, um diese Bewegung zu einer weltweiten zu machen. Das Wichtigste ist nun, dass wir jetzt aktiv werden, denn diese Firmen haben mehr CO2-Reserven in Form von Rohstoffen, als die Welt verkraften kann. Es ist nun die Zeit gekommen diesen Firmen zu sagen, dass es so nicht weiter gehen kann!

    Frage: Hast du einen Traum für die Zukunft?

    Bill: Natürlich! Ein Traum für die Zukunft sollte eigentlich nicht so komplex sein und wir sollten eigentlich nicht so hart für etwas kämpfen müssen, was völlig normal sein sollte. Aber ein Traum für die Zukunft wäre eine Welt, die ihre Entscheidungen auf den Grundlagen der Wissenschaft trifft und die sich um die Belange der zukünftigen Generationen, also eure Belange, kümmert. Anstatt einer Welt den Vorang zu lassen, die nur auf Geld basiert, kurzfristig denkt und den Reichen dieser Welt zu mehr Reichtum verhilft.

    Leider haben wir uns bis jetzt für die letztere Variante entschieden und somit werden danach die Entscheidungen getroffen. Es ist eine Schande wie hier Entscheidungen getroffen werden und es sollte wirklich nicht ein so großer Kampf sein für die richtige Sache - eine nachhaltige Welt - einzustehen. Es sollten keine Menschen dafür ins Gefängnis gehen, aber leider müssen wir das.

    Frage: Kannst du unserer Community erklären, was 350.org istund was es dir persönlich bedeutet?

    Bill: 350 ist vielleicht die wichtigste Zahl der Welt. Vor fünf Jahren hat ein Wissenschaftsteam unter der Führung von James Hansen (NASA) herausgefunden, dass ein CO2-Gehalt von 350 parts per million (ppm) in der Atmosphäre die obere Grenze ist, um das 2-Grad-Ziel einzuhalten. Leider haben wir dieses Ziel schon verfehlt und sind nun bei sage und schreibe 400 (ppm) angekommen - und steigen weiter um rund zwei (ppm)-pro Jahr an. Die Folgen sind weltweit zu spüren und nicht zu übersehen.

    Die Arktis schmilzt, Dürren nehmen zu, Rekordhitzen folgen und viele weitere Katastrophen nehmen zu. Eigentlich ist das alles ziemlich deprimierend, aber gleichzeitig ist es ebenfalls ein Weckruf für eine weltweite Bewegung. Das mag konträr klingen, ist aber leider so. Außerdem verbindet diese Zahldie Welt. Wörter können das bei der weltweiten Menge an Sprachen nicht, eine Zahlen sind in jeder Sprache gleich.

    Wir haben es mit dieser Zahl geschafft, in jedem Land der Welt (außer Nordkorea) eine Bewegung zu starten.

    Frage: Du bezeuchnest dich selbst als Autoren, Lehrer und Umweltschützer. Wie bist du zu diesen drei recht unterschiedlichen Tätigkeiten gekommen, und wie passen sie zusammen?

    Bill: Also gestartet habe ich als Autor, dann habe ich gelehrt und meine Annahme war, dass es genau das ist, was ich tun sollte. Denn genau das ist es, was ich gut kann. Das Problem an der Geschichte ist, dass wir schon vor Jahren die Argumentation gewonnen haben, aber wir haben den Kampf verloren. Und an diesem Punkt war mir klar, dass einfach nur ein Buch und ein weiteres Buch schreiben nicht genug sein wird. Das war der Grund, warum wir eine große Bewegung in Gang setzen mussten und genau das habe ich getan.

    Frage: 2006 hast du die größte Demonstration gegen den Klimawandel in der Amerikanischen Geschichte angeführt - was hat sich seitdem verändert?

    Bill: Glücklicherweise sind die Dinge größer geworden! Erst letztes Jahr hatten wir eine fünf Mal größere Demonstration in Washington D.C. und vielleicht kommen noch größere in diesem Jahr. Genau das ist es, was wir erreichen müssen. Wir müssen eine großartige Bewegung schaffen, weil die andere Seite das ganze Geld hat. Wenn wir also schon nicht das Geld haben, brauchen wir andere Wege. Wir brauchen keine Euros, Dollars oder Kronen. Wir brauchen Leidenschaft, Spirit und Kreativität! Allein mit diesen drei Eigenschaften können wir das Geld von Exxon oder Chevron in die Schranken weisen und etwas entgegensetzen.

    Frage: Hast du noch eine Nachricht für die WWF Jugend Community?

    Bill: Watch this video!

    Interview, Video, Bild #2 © Peter Jelinek
    Bild #1 © 350.org
    Header © Fossil Free Europe

Kommentare

8 Kommentare
  • JohannesB
    JohannesB Ein unermüdlicher Kämpfer für den Klimaschutz, dieser Bill McKibben. Ich fand die Veranstaltung klasse. Sowas motiviert, weiter am Ball zu bleiben und für die wichtige Sache einzustehen.

    Danke für den Bericht und das Video, Pete...  mehr
    28. Oktober 2013
  • Peet
    Peet Danke, Johannes. Kann dir nur zustimmen - am Ball bleiben und wenn möglich noch eine Schippe drauf legen! ;)
    Danke natürlich auch an alle anderen.
    28. Oktober 2013
  • Rhino
    Rhino Der Herr erscheint mir sehr sympathisch :)
    Ich finds immer gut, wenn sachverständige und gleichzeitig charismatische Menschen dem Klimaschutz ein Gesicht geben, das ist ungeheuer wichtig, um den Populismus der Klimaskeptiker zu kontern.

    Danke fü...  mehr
    29. Oktober 2013
  • Sunlight
    Sunlight Toller Bericht und schön, dass Ihr dabei sein konntet! Nach meiner Ankündigung hier in der Community von der Fossil Free Europe Tour war ich schon total traurig, dass ich dafür nicht extra nach Berlin kommen konnte, aber mit deinem tollen ...  mehr
    5. November 2013