Berichte

Die 10 Minuten, in denen ich gemerkt habe, wie abhängig ich doch vom Strom bin

  • Freitagmorgens, etwa halb neun. Zeit, fertig zu werden für die Arbeit. Ich sitze in der Badewanne und dusche, als es plötzlich ein kleines bisschen dunkler wird. Im ersten Moment frage ich mich, ob ich das Licht vielleicht gar nicht angemacht hatte und mir nur einbilde, dass es gerade ausgegangen ist, da wird auch schon das Wasser eiskalt. Ein Blick auf meine elektrische Zahnbürste, deren orangefarbenes Lämpchen ebenfalls erloschen ist, bestätigt: Der Strom ist weg. „Oh Mann“, denke ich nur. „Ist die blöde Sicherung doch echt schon wieder rausgeflogen.“ Ist nicht das erste Mal in den letzten Wochen. Ich sehe die Sache also nur als kleines morgendliches Ärgernis an, bin erleichtert, dass ich weitgehend schaumfrei bin und mich nicht weiter dem Eiswasser aus der Brause aussetzen muss, und steige aus der Wanne. In mein Handtuch gehüllt tappe ich zum Sicherungskasten. Wie erwartet zeigt der FI-Schalter in die falsche Richtung. „Das haben wir gleich“, denke ich und drücke die Sicherung nach oben. Klack. Sie will nicht dort bleiben und springt wieder raus. Ich will es nicht glauben und versuche es wieder. Die Sicherung springt erneut zurück. Panik steigt in mir auf. Meine weiteren verzweifelten Versuche bleiben erfolglos.

    Ich hämmere an die Tür meiner Mitbewohnerin, die diese Woche krank zu Hause geblieben ist, und reiße sie aus dem Genesungsschlaf. Im Schlafanzug und mit halb geschlossenen Augen kommt sie in den Flur, wo ich hysterisch verkünde: „Die Sicherung ist wieder draußen und sie geht net mehr rein!“ Auch meine Mitbewohnerin versucht ihr Glück am Sicherungskasten. Nichts zu machen. „Die ist durch“, kommentiert sie die immer wieder rausspringende Sicherung. Wir sehen uns an und nach und nach wird uns das Ausmaß der Katastrophe bewusst. Ich blicke auf unseren Router, der nicht wie gewohnt grün blinkt. „Wir haben kein Internet“, stelle ich fest. „Und das warme Wasser geht übrigens auch net.“ „Oh Mann, ich wollte doch duschen“, stöhnt meine Mitbewohnerin und dann fällt ihr auf: „Scheiße, ich kann ja heut gar kein Fernseh gucken.“ „Ich kann meine Haare net föhnen“, bemerke ich, als es aus den nassen Strähnen auf den Fußboden tropft. Und wo es so tropft, fällt mir noch etwas viel Schwerwiegenderes ein: „Der Kühlschrank!“ „Scheiße, der taut ab!“, wird es auch meiner Mitbewohnerin klar.

    Wir blicken uns an, haben die Horrorvision eines stromlosen Wochenendes im Kopf und es ist klar: „Du musst du sofort den Vermieter anrufen!“ „Schon dabei.“ Meine Mitbewohnerin sucht nach der Nummer und tippt sie in ihr Handy ein. „Sag mal, hast du noch genug Akku?“, kommt mir da in den Sinn, dass wir unsere Handys heute nicht aufladen können und ich beschließe schon mal, mein Ladegerät mit ins Büro zu nehmen und dort ein bisschen Strom abzuzapfen. Meine Mitbewohnerin hat zum Glück noch genug Saft auf ihrem Mobiltelefon, um bei der Wohnbau anzurufen und unser Problem zu schildern. „Oh, das ist aber schlecht an nem Freitag“, verkündet die Dame am anderen Ende der Leitung. Ach echt? Dann verspricht sie aber, uns einen Elektriker aufzutreiben.

    Meine Mitbewohnerin legt leicht resigniert auf. „Jetzt muss ich aber erst mal dringend pinkeln.“ „Ähm, sag mal, geht die Klospülung denn oder brauch die auch Strom?“ Keine von uns weiß die Antwort und meine Mitbewohnerin hat keine Lust, es auszuprobieren. Also verschwindet sie in die Küche, wo sie wie gewohnt die Kaffeemaschine anstellen will. Geht natürlich nicht. Auch ich finde mich gerade mit dem Gedanken ab, heute keinen Tee zum Frühstück zu bekommen, da erinnere ich mich auch noch an die Aktionsteamer-Telko heute Abend. „Hoffentlich hat das Telefon genug Akku, um bis sieben heut Abend durchzuhal...“, fange ich an, da begreife ich: Der Akku spielt keine Rolle. Ohne den Router ist die Leitung tot. Der Tag verspricht, ein Albtraum zu werden.

    Doch als ich in meinem Zimmer meinen Rucksack für die Arbeit packe, gibt mein Telefon plötzlich dieses Piepsen von sich, das immer erklingt, wenn die Ladestation das Mobilteil erkennt. Das geht doch nur, wenn....? Aufgeregt informiere ich meine Mitbewohnerin über dieses Lebenszeichen meines Telefons. Kann das wirklich bedeuten....? Sie nickt. Ja, wir haben wieder Strom. Sie hat einfach nur den Stecker vom Wasserkocher, den sie schon länger für den Schuldigen hält, was unsere ständigen Stromausfälle in letzter Zeit angeht, rausgezogen und alles ist wieder normal. Wahrscheinlich ist was mit der Steckdose, der Wasserkocher war ja nicht mal an, als der Strom ausfiel. Das ist mir aber zunächst egal, ich bin unendlich erleichtert, das Wochenende nicht ohne Strom verbringen zu müssen. Viele der Folgen fallen mir erst im Nachhinein ein. Zum Beispiel, dass wir heute Abend im Dunkeln gesessen hätten. Oder dass wir nichts hätten kochen können. Mir wird erst so richtig klar, wie abhängig wir vom Strom sind. Meine Mitbewohnerin scherzt, dass wir ein Lagerfeuer auf dem Balkon hätten machen müssen. Ich lache darüber, frage mich aber: Kann das gut sein, so sehr von etwas abhängig zu sein?

     

Kommentare

18 Kommentare
  • safetheanimals
    safetheanimals wir sind abhängig vom Strom? So ein Quatsch, stellt euch vor da käme so ein Verrückter und klaut alle Stromkabel. ich halte den Menschen für findig genug mal 2 Wochen ohne Strom aus zukommen klar wäre es ärgerlich und ZIEMLI...  mehr
    13. Januar 2014
  • Cookie
    Cookie @safetheanimals: Ich glaube, da gab es ein kleines Missverständnis. Ich wollte mit diesem Bericht sicher nicht ausdrücken, dass der Mensch nicht ohne Strom überleben kann. Ich war selbst drei mal mit auf dem WWF Jugend Camp in Schweden und ...  mehr
    13. Januar 2014
  • Louis0102
    Louis0102 ich finde es gar nicht gut, dass wir vom Strom so abhängig sind aber die geschichte ist schon witzig :)
    3. April 2014
  • 4lexSchneegans
    4lexSchneegans Hat irgend jm. schon einen selbstversuch gemacht ?
    17. April 2014